Was von Spieltag 10 bleibt

Mit Spieltag 10 ist Kaiserslauterns (mindestens vorläufige) Wandlung zu einem typischen Zweitligaverein endgültig abgeschlossen. Zumindest spieltaktisch. Stand man vergangene Saison noch für Ballbesitzfußball und den Versuch, den Gegner mit der feinen Klinge zu besiegen, hatte Runjaic schon zu Beginn der Saison versucht, dem Team mehr Umschaltspiel und weniger Ballbesitz beizubringen.

Unter Neu-Coach Konrad „Ein Schritt nach dem anderen“ Fünfstück, der ein wenig wie die Betzenberg-Ausgabe eines Thomas Tuchel wirkt, geht man diesen Weg nun konsequent zu Ende. Immer so viele Spieler wie möglich hinter dem Ball. Dazu das Darmstadt-Motto, dass nur ein weit weg geschlagener Ball ein guter, weil ein das eigene Tor nicht gefährdender Ball ist. Wenn man den Ball nicht hat, bügelt man im 4-4-2 über alles drüber, was versucht, den Ball zu haben. U.a. mit Geis und Colak bringt man Spieler in die Mannschaft, die sich als Kampfmaschine verstehen bzw. weite Bälle verarbeiten können.

Kaiserslautern gehört damit auch zu jener von Fürths Coach Stefan Ruthenbeck bildhaft als „Scheiß-Liga“ bezeichneten zweiten Bundesliga und zu jenen Teams, die „die Dinger einfach nur nach vorne kloppen und tief stehen“. Da Kaiserslautern über einige individuelle Klasse verfügt, um diese Spielweise offensiv zu veredeln und man in Düsseldorf offenbar noch nichts davon gehört hat, dass ein Jean Zimmer nach gegnerischen Ecken gern mit dem Ball am Fuß konternd das Feld umpflügt, kann man den Pfälzern noch nicht mal einen Vorwurf machen. Ist halt ein Ergebnissport und zwei Siege unter Fünfstück, der künftig noch mehr sprinten, rennen und fighten lassen will, geben ihnen Recht. Bis Spieltag 8 haben alle ganz gern gegen Kaiserslautern gespielt, ab jetzt wird es für die Kontrahenten unangenehm, dem kratzenden Verbund zu begegnen. Auf dem Betzenberg mag man diese Entwicklung.

Was herauskommt, wenn gleich zwei Teams aufeinandertreffen, die mit Kaiserlauterner Prämisse der primären Defensivabsicherung und Lauern auf Chancen bei Kontern und Standards gegeneinander spielen, konnte man einen Tag nach der Kaiserslautern-Partie beim Spiel des FC St. Pauli gegen Sandhausen sehen. Zwei frühe Tore für Sandhausen, weil das Heimteam jeweils unaufmerksam im Defensivverbund agiert und anschließend passiert nicht mehr viel. Sandhausen tut genau gar nichts mehr für die Partie. Und St. Pauli versucht es zumindest, scheitert aber immer wieder an eigenen Limitierungen und dem verteidigenden Gegner.

Eigenkreative Versuche, die auch gegen defensive Gegner zum Erfolg führen, sind bei den 4-4-2-Kompaktheits-Umschalt-Teams, die es in der zweiten Liga praktisch im ganzen Dutzend gibt, nicht vorgesehen. Was vor allem dann auffällt, wenn man gegeneinander spielt. In den anderen Spielen steht man damit in einer Liga, in denen die Gegner nicht gerade mit der Durchschlagskraft von Bayern oder Dortmund auflaufen, ganz gut da, weil man ohne ganz große Gefahr den Gegner spielen lassen kann und eben auf die Chance lauert, die sich fast zwangsweise aus irgendeinem Fehler des Gegners ergibt. Das ist oft nicht so richtig schön, aber es reicht auch oft, um erfolgreich zu sein. Wie nicht zuletzt Darmstadt letzte Saison mit der physisch aufgepeppten Variante eindrucksvoll zeigte.

Teams, die aktiv Fußball spielen wollen, werden mit dem Kaiserslauterner Umkippen in der zweiten Liga noch seltener. Freiburg kann es sicherlich, Leipzig versucht es und am besten und erfolgreichsten macht es weiterhin Bochum. Die auch demonstrierten, dass sämtliche Statistiken in dieser Liga im Fall der Fälle in die Tonne zu kloppen sind. Drei Punkte hatte man in vier Spielen seit der Länderspielpause geholt, bevor man nach Fürth fuhr, die alle vier Spiele in dieser Zeit gewonnen hatten. Und sich gegen Bochum eine herbe 0:5-Klatsche einhandelten.

Eines dieser Spiele, die zumindest in der ersten Halbzeit wie ausgewürfelt erscheinen. Drei Tore macht Bochum. Beim ersten fast direkt nach Anpfiff pennt Fürth nach einer Ecke. Das zweite Tor lässt Keeper Sebastian Mielitz durchrutschen. Und beim dritten Tor schiebt sich Innenverteidiger Benedikt Röcker einen auf der Torlinie herumkullernden Ball mit der Hacke ans eigene Standbein, von wo die Kugel ins Tor rollt. Slapstick vor dem eigenen Tor, während vorn Veton Berisha zeigt, dass er ein prima Sprinter ist, aber im Torabschluss viel von Gegenüber Simon Terodde lernen könnte. Und dann steht es zur Halbzeit eben 0:3, auch wenn die Verhältnisse zwischen den Strafräumen so deutlich bei weitem nicht waren. Wurden sie dann aber nach der Pause, wo sich das Spiel dem Spielstand anpasste und die Bochumer Fürth phasenweise vorführten.

Das beste Team des zweiten Ligablocks zwischen Länderspielpause 1 und 2 also vorgeführt und auf Normalmaß zurechtgestutzt. Vier Siege und nur eine Niederlage reichten Fürth trotzdem, um sich irgendwo hinter der Tabellenspitze einzuordnen nach nur fünf Punkten aus den ersten fünf Spielen. Und sich in der Bilanz der Spieltage 6 bis 10 noch vor Braunschweig zu platzieren, die 10 Punkte holten und ihre einzige Niederlage (natürlich) gegen Fürth kassierten. Direkt dahinter Freiburg und auch Leipzig. Letztere dürfen sich weiterhin ärgern, nicht mit der fast optimalen Ausbeute von 13 Punkten aus den fünf Spielen gegangen zu sein.

Trotzdem blieb Leipzig seit der letzten Länderspielpause ungeschlagen. Was neben ihnen nur noch Freiburg und (vielleicht nicht ganz der erwartete Name) Bielefeld gelang. Die mit ihren fünf Unentschieden am Stück (insgesamt acht) ein wenig auf der Stelle treten. Eine Stelle, auf der es sich für einen Aufsteiger aber auch ganz hübsch tritt.

Nicht so hübsch war die Stelle auf der der andere Aufsteiger Duisburg zuletzt trat. Vier Niederlagen am Stück waren nah dran an katastrophal. Aber glücklicherweise kam ja Paderborn als Aufbaugegner zu Besuch und ließ bei der gestrigen 0:1-Niederlage in Duisburg drei Punkte da. Und zeigte mal wieder, dass man offensiv eine ziemlich komplette Katastrophe ist (nur fünf Treffer aus zehn Spielen sind absoluter Ligatiefstwert, aber vielleicht ja auch gute alte Luhukay-Schule) und auch von der Bank nichts nachkommt.

Während Tabellenschlusslicht Duisburg schon vier Einwechsler-Tore verzeichnen konnte und so auch den ersten Saisonsieg sicherte und zumindest in dieser Disziplin zusammen mit Nürnberg Ligaspitze ist, kamen von  Paderborns 29 Einwechslern bisher genau 0 Tore und o Vorlagen (vielleicht hat sich ja Gellhaus deswegen die dritte Einwechslung in Duisburg gleich gespart). Eine solche Bilanz weist ansonsten nur noch 1860 München auf, die abgesehen von Spielen gegen RB Leipzig offensiv auch meist harmlos und ineffektiv auftreten. Ein weiteres Team in der Liga hat zudem auch noch keinen Einwechsler-Treffer zustande gebracht: RB Leipzig. Wozu ein breiter Kader und eine tiefe Bank doch so gut sind.

Der Duisburger Sieg dürfte Gino Lettieri den Job vorerst gerettet haben und Paderborns Markus Gellhaus wieder stärker in die Schusslinie bringen. Immer schlecht, mit Krisengefühl in eine Länderspielpause zu gehen, die als perfekte Gelegenheit gilt, den Trainer zu wechseln. Schon letzte Woche überraschte es ein wenig, dass das auf der Kippe stehende Trio Fröhling, Lettieri und Gellhaus unbeschadet durch den Spieltag kam. Sollten alle drei auch noch am nächsten Spieltag an der Linie stehen, dann gäbe es dafür sicherlich gute Wettquoten.

[Update: Das ging erwartungsgemäß recht schnell. Paderborn und 1860 nutzen die Länderspielpause und präsentieren neue Übungsleiter. Paderborn holt René Müller (nicht der ehemalige Leipziger Torwart), den bisherigen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums auf den Profistuhl. Und 1860 geht den scheinbaren Nummer-sicher-Weg und holt Zweitligarekordtrainer Benno Möhlmann.]

Der nächste Trainerwechsel steht derweil schon fest. Für Markus Kauczinski ist am Ende der Saison in Karlsruhe Schluss. Selbstbestimmt wohlgemerkt, denn in Karlsruhe hätte man wohl gerne mit ihm weitergearbeitet. Kauszinski hat beim KSC unter nicht einfachen wirtschaftlichen Bedingungen einen phantastischen Job gemacht, immer wieder Abgänge kompensiert, Spieler und Team entwickelt und nach dem Drittligaabstieg ein Team geformt, das nach dem Wiederaufstieg zu einem sehr guten und stabilen Zweitligateam wurde und letzte Saison fast in die Bundesliga aufgestiegen wäre.

Wenn sich nicht irgendein Bundesligist Kauczinski auf den Wunschzettel schreibt, darf man als geneigter Beobachter der zweiten Liga durchaus an den Scouting-Qualitäten im Oberhaus zweifeln. Selbst wenn die aktuelle Saison auf dem Papier nicht gut in eine Bewerbung passt, moderiert Kauczinski den Umbruch im Team und das Setzen auf allerlei ziemlich unbekannte Talente auch diesmal in bekannt ruhiger und fachlich beeindruckender Art. Man merkt ihm bei allen Rückschlägen und Tabellenproblemen Spaß an Job und Mannschaft an. Und er wird mit seinem Team auch wieder die Punkte holen, die er hätte auch schon gegen Freiburg holen können.

Was vom 10.Spieltag noch blieb, waren gleich drei Torwartwechsel, nachdem alle 18 Teams in neun Spielen zuvor auf dieser Position eine ungewöhnliche Konstanz an den Tag legten. Alle drei Wechsel begründeten sich offiziell mit Verletzungen. Beim 1.FC Nürnberg wurde dies am lautstärksten angezweifelt. Falls sich René Weiler am Ende wirklich aus Leistungsgründen gegen Thorsten Kirschbaum und für den letzte Saison schon ausgemusterten Raphael Schäfer entschieden haben sollte, dann wäre das zumindest dahingehend erstaunlich, dass man erst im Frühjahr die auserkorene Nummer 1 aus dem eigenen Nachwuchs Patrick Rakovsky enteierte und auf die Bank schickte und nun schon wieder die im Sommer geholte neue Nummer 1 enteiern würde. Abwarten, wie sich das entwickelt.

Entwicklt haben sich auch die Zuschauerzahlen. St. Pauli und Freiburg sind die ersten Vereine, bei deren Spielen jeweils eine Viertelmillion Menschen live im Stadion zugeguckt haben. In zusammen zehn Auswärts- und Heimspielen sind das im Schnitt mindestens 25.000 Zuschauer pro Begegnung. Woche für Woche. Während bei Freiburg dabei bisher auswärts sogar mehr Zuschauer zugucken als zu Hause (27.000 vs. 23.000), was auch am bisherigen Spielplan und attraktiven Auswärtsgegnern liegt, führt RB Leipzig weiterhin die Heimbesucherstatistik an. Was ein Graus für so manch einen Fan und Beobachter des Fußballs, der dem RasenBallsport nicht ganz so gewogen gegenübersteht, sein muss.

Im Moment reichen für die Führung in dieser Statistik knapp 30.000 Besucher im Schnitt pro Spiel. Auch weil die drei topbesuchten Clubs der letzten Saison (Kaiserslautern, Nürnberg, Düsseldorf) mit jeweils einem Zuschauerschnitt über 30.000 Zuschauern diese Saison sportlich noch nicht ganz so gut auftraten und man deshalb diese Saison mit irgendwas um die 26.000 bis 27.000 Zuschauern vorerst recht weit von der letztjährgen Bilanz entfernt ist. Kann es sein, dass da letzte Saison Erfolgsfanvolk anwesend war? (Äh, nein, nein brubbelt es in die Bärte des Brian..)

Länderspielpause.

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl, Punktzahl 2015 (bei Freiburg und Paderborn mit Erstligaspielen, bei Duisburg und Bielefeld mit Drittligaspielen), Punktzahl im ersten Ligablock (Spieltage 1 bis 5) bis zur ersten Länderspielpause, Punktzahl im zweiten Ligablock (Spieltage 6 bis 10) zwischen den Länderspielpausen. Sandhausen ist mit den sportlich errungenen Punkten verzeichnet. Abgezogen werden müssen davon noch drei Punkte (bzw. für 2015 sechs) resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.

SubjektivGesamt2015RR1.Block2.Block
Freiburg1214028129
Bochum2214021156
Braunschweig3173423710
Leipzig417382389
Kaiserslautern515362887
Heidenheim6163721106
Fürth7173116512
Sandhausen8184022108
St. Pauli9183924108
Berlin1010332646
Nürnberg1114322277
Bielefeld1211421765
Karlsruhe139342863
München146252124
Düsseldorf156191615
Duisburg165402323
Frankfurt1713312176
Paderborn187193034

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