Ein bisschen mehr Darmstadt wagen

Sinngemäß hatte Ralf Rangnick in der Pressekonferenz vor dem Spiel bei 1860 München von seinen Spielern gefordert, dass man bei Fouls nicht versuchen solle, auf den Beinen zu bleiben, sondern fallen müsse, um auch den entsprechenden Pfiff zu kriegen. Was irgendwie nach einer unfairen Anweisung klingt, ist eher das konsequente Eingehen auf so etwas wie die moderne Fußballlogik und Schiedsrichterlinie.

Man nehme prototypisch eine Szene aus dem Freiburg-Spiel, als Davie Selke im Strafraum bei einer Flanke (es möge auch ein Standard gewesen sein) von hinten von seinem Gegenspieler mit einem Arm deutlich umklammert und festgehalten wird. An den Ball, der durchaus in Selkes Richtung unterwegs war, konnte der Angreifer deshalb nicht entscheidend herankommen.

Einen (Elfmeter-)Pfiff gab es in dieser Situation nicht. Natürlich nicht möchte man hinzufügen, auch wenn die Aktion irgendwo im Mittelfeld wohl durchaus in einigen Fällen gepfiffen worden wäre. Denn für ein Foul fehlte ja das Hinfallen. Angesicht des sichtbar und eher fest denn locker um den Gegner geschlungenen Arms wäre ein Elfmeterpfiff schon sehr viel wahrscheinlicher gewesen, wenn Selke dem Druck des Arms folgend nach hinten umgefallen wäre.

Das ist natürlich absurd, denn eigentlich wünscht man sich kein Spiel, in dem man das Foul, das der Gegner begeht, noch durch Hinfallen unterstreichen muss, um auch den Pfiff zu bekommen. Doch die Schiedsrichter-Praxis legt genau das in vielerlei Situationen auf dem Spielfeld nahe. Eine Praxis, in der einerseits oft nicht gepfiffen wird, wenn niemand fällt und andererseits oft gepfiffen wird, nur weil jemand fällt, ohne dass der Kontakt vorher in jedem Fall ursächlich für das Fallen gewesen sein mag.

Es ist für einen Schiedsrichter natürlich von außen auch schwerlich zu beurteilen, ob ein Kontakt zwischen zwei Spielern tatsächlich einen Sturz ursächlich herbeigeführt hat. Weswegen ihm meist nur die Möglichkeit bleibt, Kontakt und Fallen zusammenzuzählen und dann eben Foul zu pfeifen. ‚Der Kontakt war da‘ heißt es dann allenthalben die Entscheidung verteidigend. Ganz so als wäre ein Kontakt zwischen zwei Spielern nicht das normalste der Welt und wäre es nicht erst das Fallen, das dem Kontakt eine Bedeutung beimengt, auf die man dann reagiert.

Dass die Indizien Kontakt und Fallen im Normalfall dazu führen, dass man auch das Foul gepfiffen bekommt, hat dann eben zur Folge, dass Spieler naturgemäß auf dem Weg in die Strafräume der Republik Kontakte suchen und beim Spüren von Berührungen auch sofort auf mehr oder minder absurde Arten zu Boden sinken, als würden sie ihre Beine nicht mehr spüren.

Wer Berührungen angesichts der aktuellen Entscheidungspraxis nicht zum Fallen nutzt und damit das moderne Foulspiel komplettiert, ist doof. Sagt übersetzt auch Ralf Rangnick, der dem „mannhaften“ Halten auf den Beinen bei Kontakt mit dem Gegner nichts abgewinnen kann. Natürlich nicht, wenn auf den Beinen bleiben im Normalfall eben auch bedeutet, dass das Spiel weiterläuft.

Wenn man aus Schiedsrichtersicht draufschaut, auch aus nachvollziehbaren Gründen weiterläuft. Folgt man der Logik von Collinas Erben, einem bzw. dem Schiedsrichterpocast, dann geht es bei der Leitung eines Spiels aus schiedsrichtertaktischer Sicht auch um die Akzeptanz der Entscheidungen bei den beiden Teams. Wenn Benjamin Cortus das Halten gegen Selke im Strafraum im Spiel gegen Freiburg als Elfmeter gepfiffen hätte, wäre die Akzeptanz für diese Entscheidung wohl extrem gering gewesen. Selbst auf RB-Seite hätte man sich vermutlich (neben der Freude) eher gewundert, wenn Cortus gepfiffen hätte und war der Nichtpfiff bis auf einen kurzen, eher schwachen Protest durch Davie Selke keinen Beschwerden ausgesetzt.

Vermutlich ist es genau diese Akzeptanz für Entscheidungen, die in der Entwicklung des Spiels dazu geführt hat, dass erst die Mischung aus Kontakt und Hinfallen im Normalfall zu einem Pfiff führt und das Bleiben auf den Beinen zwar öffentlich-mediales Lob für Sportlichkeit mit sich bringt, aber die Robben-Variante des Kontaktmitnehmens die im Sinne des Erfolgs vielversprechendere ist.

Das ganze ist nicht immer hübsch anzusehen, wenn man an die Darmstädter Bemühungen um Freistöße aller Art in Strafraumnähe denkt (oder an Lotte in den Relegationsspielen 2013). Darmstadt war in den letzten zwei Jahren (und ist es wohl noch, wenn man den allgemeinen Berichten rund um ihre Bundesliga-Spiele glauben darf) beileibe keine Mannschaft mit Hang zur Schwalbe, aber in Strafraumnähe wissen die Spieler ganz genau, dass man nach einem Kontakt zu fallen hat (zumindest wenn die Chance nicht da ist, am Gegenspieler vorbeizukommen). Wenn der Hüne Stroh-Engel wie vom Blitz getroffen zu Boden fiel, weil ein halb so großer Spieler seine Beine berührte, sah das mitunter zwar ziemlich skurril aus, aber es führte eben auch oft zum Erfolg in Form des Standards.

Ja, diese Spielweise ist angesichts der Art und Weise, wie Fußballspiele geleitet werden, clever, weil sie am besten auf den Stand der Dinge eingestellt ist. Entsprechend ist es grundsätzlich natürlich auch  im Sinne des sportlichen Erfolgsstrebens logisch nachvollziehbar, wenn Ralf Rangnick von seinen Spielern auch ein Stück Darmstadt einfordert.

Rational macht es also Sinn und trotzdem sträubt sich als Zuschauer ganz viel dagegen, das Fallen nach Kontakten, die von ihrer Intensität her das Fallen gar nicht zwingend verursacht haben müssen, gut zu finden. Es hat im Fall Darmstadt genervt und es nervt auch abseits von Darmstadt. Und es würde sogar nerven, wenn es vom Team, das man mit dem meisten Wohlwollen beobachtet, als Programm betrieben würde (Yussuf Poulsen tendiert da ab und zu schon in die Richtung). Rationalität hin oder her.

Herauszukriegen aus der Fußball-DNA ist die Sache wohl aber trotzdem nicht. Schiedsrichter haben kaum eine relevante Handhabe, die Intensität eines Kontakts derart zu beurteilen, dass dies bei der Bewertung Foul oder kein Foul eine überragende Rolle spielen würde. Sodass die Kombination aus Berührung und Fallen auch weiterhin die erfolgsversprechendste Kombination für ein das Pfeifen eines Foulspiels sein wird.

Und es aus Schiedsrichtersicht wohl auch keinen anderen Weg gibt, als dieses Indizienduo als ausreichend anzusehen und beim Fehlen eines der beiden Teile des Duos die Pfeife im Normalfall stumm zu lassen. Auch wenn man desöfteren Situationen in Spielen hat, in denen man dem Schiedsrichter laut und sprachlich eher ungeschliffen zuruft zurufen möchte, dass man Fouls nicht auf der Basis des Hinfallens oder nicht Hinfallens bewerten sollte. Da gäbe es durchaus noch ein wenig Luft auch für die Unparteiischen, nicht jeden Sturz zu belohnen.

Es läge in letzter Konsequenz aber vor allem bei denen, die das Spiel spielen, dass sich an den Dingen etwas ändert. Allerdings ist das Wissen um die Wichtigkeit des Indizienduos Kontakt und Fallen für das Foulspiel schon so in die DNA der meisten Fußballer gesickert, dass die Hoffnung, dass sich alle Spieler in fast allen Situationen versuchen auf den Beinen zu halten, anstatt Richtung Rasen zu stürzen, eher naiv wäre. Und es genauso naiv wäre, wenn ein sportlicher Leiter wie Ralf Rangnick nicht seine Spieler ermahnen würde, das Fallen nach dem Kontakt nicht zu vergessen. Hach, so eine Prise Naivität täte dem Fußball schon manchmal ganz gut..

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4 Gedanken zu „Ein bisschen mehr Darmstadt wagen“

  1. „Wenn der Hüne Stroh-Engel wie vom Blitz getroffen zu Boden fiel, weil ein halb so großer Spieler seine Beine berührte, sah das mitunter zwar ziemlich skurril aus, aber es führte eben auch oft zum Erfolg in Form des Standards.“

    Willst du immer weiter schweifen? Sieh, der Poulsen liegt so nah.

  2. Irgendwie gefällt mir trotzdem der Blog. Ja, jeder will Fair play und das ist auch gut so. Aber wenn man die Chance/Einladung vom Gegner bekommt, warum also nicht annehmen. Siehe auch gestern Abend BMG-City.
    Wenn sich Sabitzer gegen Rodnei ein wenig „besser anstellt“ (siehe z.B. Robben) oder Dein Beispiel mit Selke, dann gibt es eben den Pfiff. Und alle würden sagen: Ja, kann man geben.

  3. Ich bin kein Freund von rasenkuschelnden Fussballern. Diese Spielunterbrechungen nerven, weil zum einen der Schiri eben pfeift oder zum anderen der gegnerische Spieler sich im Sinne des Fairplays dazu genötigt sehen muss/(soll) den Ball ins Aus zu spielen… und soviel dazu: Liegt ein Spieler am Boden, kann es sich durchaus um eine (schwere) Verletzung handeln. Einfach zu fallen und sich wild am Grün zu kuscheln halte ich für respektlos gegenüber einem tatsächlich verletzten Spieler und spielt gänzlich gegen den eigentlichen Grundgedanken des Fairplay. Mal abgesehen davon, dass der Trend hauptsächlich dann zu pfeifen, wenn einer fällt, doch eher zum „Standfussball“ führt. Wie geil ist es denn, wenn auf dem Platz ein gutes Hin und Her abgeht, Tore aus klugen Kombinationen entstehen und wie fad kann es sich anfühlen aus einem Standard heraus in Führung oder auch Rückstand zu geraten, der durch ein fragwürdiges Fallen zustande kam?! Ich mag in diesem Sinne als Zuschauer gern den naiven Part einnehmen!

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