Was von der englischen Woche bleibt

Am neunten Spieltag war es dann auch für das letzte Team der Liga mit der weißen Weste vorbei. Nur der VfL Bochum fehlte noch mit einer Niederlage. Und kassierte sie gegen den 1.FC Kaiserslautern. Ein Spiel, bei dem man die Erfahrung machte, die man als eines der aktuellen Topteams der Liga in Zukunft vielleicht noch öfters machen wird, nämlich einen defensiv stehenden, kompakten Gegner bespielen zu müssen. Eigentlich hat man in Bochum mit den permanenten Sprints in die Schnittstellen gute Möglichkeiten solche Systeme auszuhebeln, aber dass sie sich damit trotzdem schwer tun, ist durchaus nachvollziehbar.

In Kaiserslautern hat man sich mit dem Trainerwechsel zu Konrad Fünfstück nicht nur für einen Nachwuchsmann entschieden, sondern sich auch vorerst in die taktische Einheit der zweiten Liga eingereiht. Sicherheit geht vor Spielaufbau. Sprich, im Fall der Fälle wird der Ball nach vorne geschlagen und nicht getragen. Dazu Fokus auf eine kompakte Defensive und Umschaltspiel und fertig ist das, was in dieser Liga sowieso 80% der Teams spielen. In Kaiserslautern war man schon in der Anfangsphase der Saison unter Runjaic ein wenig vom Ballbesitzfußball der letzten Saison abgerückt, unter Fünfstück könnte der Prozess beschleunigt werden. Auch wenn es nach einem Spiel etwas schwierig ist zu beurteilen, wofür ein Trainer steht.

Mit Kosta Runjaic erwischte es also in der englischen Woche nach Norbert Düwel den zweiten Coach der Liga. Der Druck aus dem Umfeld war zu groß geworden. Die Sache hatte seit dem Nichtaufstieg in die Bundesliga und entsprechend einer Saison, die bei den Fans als Enttäuschung im Gedächtnis blieb, bei den sportlich Veranwortlichen allerdings trotzdem als Erfolg angesehen wurde, eine offenbar unstoppbare Eigendynamik angenommen, an der auch ein Runjaic nicht vorbeikam.

Konrad Fünfstück griff in die Eigendynamik gleich mal ein und opferte Chris Löwe als bisherigen Kapitän, der wegen Kritik an den Fans im Umfeld nicht mehr sonderlich gelitten war. Auch eine eher schwierige Symbolik, wenn man quasi auf Druck der Fans seinen Kapitän entmachtet. Heißt ja nicht, dass Fünfstück nicht mehr auf Löwe setzt, aber es heißt, dass man eine sportliche Entscheidung auf der Basis externer, nichtsportlicher Kriterien trifft, anstatt dem betreffenden Spieler den Rücken zu stärken.

Interessant an der englischen Woche in Sachen Trainern, dass zwar Runjaic gehen musste, dass aber von dem Trio, das man am ehesten auf der Rechnung hatte, alle drei noch in Amt und Würden sind. Torsten Fröhling profitierte von drei Unentschieden in drei Spielen und einem zumindest emotionalen Punkt gegen Leipzig. Markus Gellhaus reichten zwei annehmbare Heimspiele mit vier Punkten und keinem Gegentor, um sich noch eine Zusatzfrist zu erarbeiten. Und bei Gino Lettieri weiß man eigentlich nicht so genau, warum er immer noch auf seinem Trainerstuhl sitzt.

Klar ist, dass in Duisburg diverse Probleme entstanden sind, die nichts mit dem Trainer zu tun haben. Verletzungen aller Art zum Beispiel. Auf der anderen Seite ist Duisburg läuferisch im Nachteil und das einzige Team der Liga, das weniger (sogar deutlich weniger) als 110 km pro Spiel läuft (und das liegt nicht nur an vielen Platzverweisen, an der Statistik ändert sich auch nichts, wenn man sie um diese Verzerrung bereinigt). Dazu kreiert man die wenigsten Torschüsse aller Zweitligisten und kassiert die meisten. In Duisburg stimmt abseits des Wollens der Beteiligten wenig und mit nur zwei Punkten nach neun Spielen wird es mit der Mission Klassenerhalt schon enorm schwer.

Duisburg ist zusammen mit 1860 das einzige Team der Liga, was in dieser Saison noch sieglos ist. Letzte Saison war Aue jenes Team, das am sechsten Spieltag als letzte Mannschaft einen ersten Dreier einfahren konnte. Und diesem Rückstand aus den ersten Spielen bis zum Ende (erfolglos) hinterherlief. Muss in Duisburg oder München natürlich nicht so kommen, aber wenn man dort nicht schon im nächsten Spiel einen Sieg mitnimmt oder etwas ganz besonderes auf den Rasen zaubert, wird man in beiden Vereinen wohl die Bremse ziehen und mit neuem Kapitän Richtung Klassenerhalt schippern wollen. Bei dann zehn sieglosen Spielen am Stück wäre es auch durchaus nachvollziehbar.

Unentschieden helfen beim Weg zum Klassenerhalt auch nicht wirklich. 1860 holte davon bisher schon fünf und liegt damit zusammen mit RB Leipzig nur zwei Unentschieden hinter dem Primus in dieser Kategorie Arminia Bielefeld, die schon auf sieben kommen und das langsam nicht mehr witzig finden. Zumal sie in einigen Fällen eher am Sieg dran waren und entsprechend schon zwei, drei Pünktchen mehr an Vorsprung auf einen Abstiegsplatz angesammelt hätten haben können.

Bisher endeten schon 27 Spiele in dieser Saison Unentschieden. Also jedes dritte. Letzte Saison waren es zum selben Zeitpunkt nur 24 Unentschieden. In der Bundesliga sind es derzeit zum Vergleich nach sieben Spielen 13 Unentschieden. Das heißt, dass dort nur jedes fünfte Spiel mit einer Punkteteilung endet. Könnte dafür sprechen, dass die Liga nicht so ausgeglichen ist wie die zweite Liga. Oder dafür, dass die Teams die Qualität haben, am Ende noch eine Entscheidung herbeizuführen oder den Ausgleich des Gegners zu verhindern. In der dritten Liga liegt man mit 39 Unentschieden in bisher 110 Spielen ungefähr auf Zweitliganiveau.

Deutlich unterhalb des Zweitligaschnitts in Sachen Torgefahr der 1.FC Heidenheim, der im Heimspiel gegen den KSC gerade mal vier Torschüsse (zwei davon auch aufs Tor, davon wiederum einer ins Tor) zustande brachte. Und man dort trotzdem der Meinung war, dass man sich einen Sieg verdient hätte. Eine etwas exklusive Sicht, die man in Heidenheim, wo immer viel geackert und gearbeitet wird, immer mal wieder hatte in der Vergangenheit.

In dieser Saison glänzt man also vorerst durch Minimalismus. Man hat in bisher neun Spielen im Schnitt keine dreimal pro Spiel auf das Tor geschossen (also so geschossen, dass es ein Tor wurde oder der Torwart halten konnte), was die schlechteste Bilanz der zweiten Liga ist und worin sich wohl auch der Verlust von Florian Niederlechner widerspiegelt. Und defensiv lässt Heidenheim mit etwas über drei Schüssen auf das Tor pro Spiel nach dem FC St. Pauli und zusammen mit RB Leipzig die zweitwenigsten torgefährlichen Aktionen zu.

Rein von den Zahlen her wird das Spiel des kommenden Spieltags zwischen Frankfurt und Heidenheim ein echter Offensivknüller. Frankfurt ist mit 8,5 Versuchen pro Spiel das Team, das mit Riesenabstand (Heidenheim folgt mit 11,0) die wenigsten Schüsse überhaupt abgibt. Wobei die Quote der Schüsse, die dann auch das Tor treffen immerhin relativ vernünftig ist. Bisher schossen Heidenheim und Frankfurt zusammen etwa 19mal pro Spiel Richtung gegnerisches Tor. RB Leipzig allein hat als Führender in dieser Kategorie 17 Versuche pro Spiel.

Der KSC ist übrigens nach der englischen Woche das einzige Team, das in dieser Saison noch keinen Aluminiumtreffer kassierte. Ob das für den KSC und dessen Verteidigung spricht oder gegen den KSC, weil die Bälle im Fall der Fälle eben ins Tor und nicht an den Pfosten gegangen sind, ist vermutlich eine Frage des Standpunkts. Karlsruhe ist zusammen mit Duisburg zumindest jenes Team, gegen das die Gegner die beste Chancenverwertung haben.

Aus der englischen Woche geht die SpVgg Greuther Fürth als klarer Sieger hervor. Neun Punkte sind die Optimalausbeute und katapultieren die Mannschaft auf Platz 4 und in unmittelbare Nähe der Aufstiegsplätze. Vor vier Spielen war die Mannschaft noch 13. und mitten in einer kleinen sportlichen Depression. Nun erntet man aber für die starken Auftritte auch schon zu Saisonbeginn die entsprechenden Punkte, wohingegen die Konkurrenz in der englischen Woche viele Federn gelassen hat.

Die Teams auf den ersten drei Tabellenplätzen schafften in den letzten drei Spielen allesamt nicht mehr als fünf Punkte. Bochum ist mit nur zwei Punkten sogar sieglos aus der englischen Woche gegangen. Nimmt man den Trend der letzten sechs Spiele haben sich sowieso Braunschweig nach ihrem Toreorkan der letzten Wochen und Fürth als Spitzenteams an die Seite von Freiburg gesetzt.

Am anderen Ende des Tabellenuniversums liegt Duisburg, die auch in der englischen Woche noch mal nach unten abfielen. Kein Punkt, das schaffte außer dem MSV niemand. Allerdings blieben auch sieben weitere Teams im Rahmen dieser drei Spiele sieglos. Darunter mit Bochum und Leipzig auch Teams, die sich das sicherlich ganz anders vorgestellt hatten.

Interessant vielleicht noch, dass von den 14 Teams, die auch letztes Saison schon in der zweiten Liga mitmischten, gleich 12 in ihrer Bilanz für das saisonübergreifende Jahr 2015 innerhalb von acht Punkten Abstand liegen. Bei 24 ausgetragenen Spielen. Auch darin drückt sich die Ausgeglichenheit der zweiten Liga sehr gut aus. Aus dem Raster fallen hier nur 1860 und Düsseldorf, die froh sein können, dass nicht nach Kalenderjahren gewertet wird, denn ansonsten würden beide Teams am Ende des Jahres sang- und klanglos absteigen.

Sandhausen ist derweil sportlich gesehen das Überraschungsteam des Jahres und hat mit 37 Punkten aus 24 Spielen nur zwei weniger gesammelt (wenn man die Punktabzüge wegen Lizenzverstößen nicht mitrechnet) als der Spitzenreiter in dieser Kategorie St. Pauli. Woraus man ja ableiten könnte, dass sie in dieser Saison die Rolle von Darmstadt spielen könnten. Was dann vielleicht doch etwas zu viel des Guten wäre.

Eher erinnert schon St. Pauli mit ihrer Defensivtaktik und ihren vielen 1:0 und 0:0 an Darmstadt. 13 Tore gab es bisher insgesamt bei Spielen der Hamburger Kicker zu sehen. Mit Abstand Minuswert der Liga. Dass man mit dieser Bilanz auf Platz 3 liegen kann, spricht dann wiederum gegen die Qualität der zweiten Liga gerade im Bespielen von defensivstarken Teams und nur in zweiter Linie für den FC St. Pauli.

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl, Punktzahl 2015 (bei Freiburg und Paderborn mit Erstligaspielen, bei Duisburg und Bielefeld mit Drittligaspielen), Punktzahl in den letzten sechs Spielen, Punktzahl in der englischen Woche. Sandhausen ist mit den sportlich errungenen Punkten verzeichnet. Abgezogen werden müssen davon noch drei Punkte (bzw. für 2015 sechs) resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.

SubjektivGesamt2015RRletzte 6Englisch
Freiburg1203928145
Fürth2173116139
St. Pauli3183924115
Bochum418372192
Braunschweig5143123134
Leipzig614352373
Berlin710332683
Kaiserslautern812332874
Heidenheim913342172
Nürnberg10143222107
Bielefeld1110411773
Sandhausen1215372264
Düsseldorf136191652
Frankfurt14133121126
Karlsruhe158332852
Paderborn167193044
München175242143
Duisburg182372310

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