Was von Spieltag 7 bleibt

Beim Spitzenreiter VfL Bochum kann man nun endgültig eine Krise ausrufen. Erst bei der grauen Maus Sandhausen nur Unentschieden gespielt, nun auch gegen das mit Abstand schlechteste Team der zweiten Liga im Kalenderjahr 2015 auch nicht gewonnen. Es geht deutlich bergab für das Verbeek-Team und bis runter zu Platz 18 ist in den kommenden 27 Spielen sicherlich alle möglich.

Im Ernst gesprochen war das Spiel zwischen Bochum und Düsseldorf eines der intensivsten Spiele der Saison. Insgesamt 10 km reine Sprintstrecke legten beide Teams laut Datenanalyse zurück. Zum Vergleich: Bei Heidenheim gegen Leipzig waren es gerade mal 7,5 km. 10 km reines Sprinten. Nimmt man mal den Torhüter raus bleiben da pro Spieler immer noch 500 Meter reine Sprintstrecke bei im Schnitt ungefähr 11 km Gesamtlaufstrecke übrig. Irrsinn.

Der VfL Bochum hat es zudem geschafft, dass er auch im siebten Spiel dieselbe Startformation an den Start bringt. Was natürlich ein erhebliches Maß an Eingespieltheit mit sich bringt, aber auf Dauer auch für Unfrieden bei den Reservisten (wie zum Beispiel einen Thomas Eisfeld) sorgen kann. Wobei die Einwechsler bei bisher keinerlei Torbeteiligung nach ihren Einwechslungen auch noch nicht wirklich auf sich aufmerksam machen konnten. Der Spitzenreiter aus Bochum ist neben den Problemteams 1860, Karlsruhe und Paderborn das einzige Team der zweiten Liga, bei dem Einwechsler direkt noch überhaupt nicht an Toren beteiligt waren.

Kein Tor geschossen hatte für eine halbe Ewigkeit auch Manuel Konrad, der zuletzt im Dezember 2012 über ein eigenes Tor jubeln durfte und inzwischen zum Zweitligaprofi mit den meisten Torschüssen ohne Torerfolg wurde. Knapp 100 Versuche hat es gedauert. Von der Bilanz ist Massimo Bruno noch weit entfernt, aber seine 17 Torschüsse ohne Torerfolg in bisher sieben Partien können sich auch schon mal sehen lassen.

Manuel Konrad traf jedenfalls zum 1:0-Siegtreffer in Duisburg und konnte seinen Treffer entsprechend doppelt feiern. Effektivität ist in Frankfurt sowieso der neue, heiße Scheiß. 20 Schüsse hat man in bisher sieben Spielen lediglich aufs Tor abgegeben. Fünf davon landeten im Tor und reichten für 10 Punkte. Zwei Punkte pro geschossenem Tor. An die Bilanz kommt kein anderes Zweitligateam heran. Fußballerisch spektakulär ginge zwar anders, aber es passt auch dazu, dass der FSV Frankfurt nach dem 1.FC Heidenheim das Team ist, bei dessen Spielen die wenigsten Schüsse aufs Tor zu beobachten sind (wenn man die eigenen Schüsse und die des Gegners zusammenrechnet).

In München und Kaiserslautern passen sich die Mannschaften in ihren Leistungen derweil langsam den bisherigen Punkteausbeuten bzw. Stimmungslagen im Umfeld an. Für beide Trainer dürfte es im Laufe der englischen Woche langsam eng werden, falls nicht noch ein paar Punkte aufs Konto kommen oder zumindest sehr, sehr gute Leistungen zu beobachten sind. Wenn ein Kosta Runjaic nach einem schlechten Spiel bei Kellerkind 1860 eine gar nicht so schlechte erste Hälfte gesehen haben will, werden jedenfalls auch in der Vereinsführung bei allem Verständnis für Entwicklungsprobleme eines wieder mal neu zusammengestellten Teams die Alarmglocken schrillen.

Keine Alarmglocken schrillen dagegen vermutlich in Sandhausen, auch wenn es für den miesen Auftritt in Nürnberg sehr harsche Worte aus der Vereinsführung hagelte. Das vor zwei, drei Spielen noch gern auf verschiedenen Kanälen gehörte ‚Vielleicht ist Sandhausen ja das neue Darmstadt‘ kann man jedenfalls ersteinmal beruhigt in die Tonne werfen, wo man den Satz nie hätte herausholen dürfen.

Ob sich Michael Liendl wirklich hätte aus Düsseldorf (ohne die Fortuna jetzt mit einer Tonne vergleichen zu wollen) herausholen lassen sollen, wird sich der Kreativspieler inzwischen selber fragen. Kurz vor Ende der Transferperiode gewechselt, durfte er im ersten Spiel eine reichliche Stunde mitspielen. Im zweiten Spiel war nach einer Halbzeit Schluss. Und im dritten Spiel saß er auf der Bank, weil sein Trainer im Abstiegskampf mehr Kompaktheit in der Formation haben wollte.

Woraufhin Michael Liendl erstaunt war und anmerkte, dass man doch auch schon vor drei Wochen gewusst habe, welchen Spielertyp man kriege und man ihn extra als Kreativkraft geholt habe. Zumindest interessant, Liendl erst als zentrale Figur zu holen und rhetorisch zu verkaufen und ihn kurz darauf schon wieder als untauglich auf die Bank zu setzen. So richtig nachvollziehbar ist die Transferpolitik in München aber schon seit geraumer Zeit nicht, von daher passt auch bei Liendl alles gut zusammen.

Interessant an diesem siebten Spieltag, dass die sechs Teams an der Spitze nur unentschieden spielten. Was entsprechend Nürnberg, Fürth und Frankfurt zu den Gewinnern des Spieltags machte, weil sie sich allesamt in Schlagdistanz von Rang 4 brachten. Am anderen Ende der Tabelle kommt für Duisburg aktuell viel negatives zusammen. Viele Verletzte, wenig Glück im Torabschluss, Platzverweise und noch keine Freigabe des russischen Verbandes für den neuen Stürmerstar Victor Obinna, den man aus Moskau losgeeist hatte.

Es am Pech festzumachen, wäre aber nur die halbe Wahrheit. Auch gegen den FSV Frankfurt war ein Sieg zwar möglich, aber eben aufgrund der eigenen Leistung auch nicht zwingend. Der MSV Duisburg ist in Sachen Balance zwischen Offensive und Defensive nun mal das schlechteste Team der Liga und lässt pro Spiel drei Schüsse mehr auf das eigene Tor zu als man selber abgibt. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass man am Ende mit wenigen Punkten dasteht, eben recht hoch.

Ob das dann am Kader, am Training oder woran auch immer liegt, können nur Beteiligte wissen. Fakt ist jedenfalls, dass der MSV Duisburg das einzige Team der Liga ist, bei dem die Spieler im Schnitt weniger als 10 km laufen. 150 Meter weniger, also einmal zwischen den Strafräumen den Platz hoch und runter laufen die Duisburger Spieler gerechnet auf 90 Minuten weniger als das zweitlaufschwächste Team der Liga (aktuell St. Pauli und Union). Wenn man schon allerlei Probleme mit Kader und Verletzungen hat, ist dies dann vielleicht etwas zu viel des Guten.

Bliebe noch die Aufregung in der Liga um die Aktion „Wir helfen“ von der BILD, die diese den 36 Erst- und Zweitligisten an den linken Arm pappen und damit auf die Unterstützunge von Flüchtlingen verweisen und diese auf verschiedenen Wegen auch finanziell untermauern wollte. Während kein Erstligist ausscherte, zählt die BILD noch 10 Zweitligisten, die mitmachten. Wovon aber mit Düsseldorf und Nürnberg auch noch zwei das BILD-Logo auf dem „Wir helfen“-Aufnäher abklebten und ansonsten in diversen Stadien Anti-BILD-Banner in und an den Fanblöcken zu sehen waren.

Fakt ist, dass der Twitter-Diss von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann gegen den ersten Aktions-Boykotteur, den FC St. Pauli weder im strategischen noch im inhaltlichen Sinne schlau oder angemessen war. Ob man nun die Ansichten teilt, dass es der BILD doch sowieso nur um Marketing und gar nicht um die Sache selbst gehe (ein ziemlich alberner Vorwurf, der letztendlich jegliches soziale Engagement von Firmen und Institutionen treffen könnte) und als früheres ‚Hetzblatt gegen Ausländer‘ auch nicht als Partner für Flüchtlingsunterstützung in Frage komme, bleibt jedem selbst überlassen.

Festzustellen bleibt wohl nur, dass es nie leichter war zum hashtagbebannerten Medienkritiker werden zu können als in diesen Tagen. Wenn etwas so leicht und in seltsamer Einigkeit funktioniert, kommt das Misstrauen, dass da auch simple Projektionen und vereinsseitiger Opportunismus gegenüber einer Social-Media-Welle eine nicht unwesentliche Rolle spielen, ganz automatisch.

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl, Punktzahl 2015 (bei Freiburg und Paderborn mit Erstligaspielen, bei Duisburg und Bielefeld mit Drittligaspielen), Punktzahl in den letzten sechs Spielen. Sandhausen ist mit den sportlich errungenen Punkten verzeichnet. Abgezogen werden müssen davon noch drei Punkte (bzw. für 2015 sechs) resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.

SubjektivGesamt2015RRletzte 6
Freiburg116352813
Bochum217362114
St. Pauli314352413
Braunschweig411282311
Leipzig51233239
Heidenheim61233219
Fürth71125168
Berlin8730266
Sandhausen91133228
Kaiserslautern10930286
Nürnberg1110282210
Bielefeld12839177
Düsseldorf13518164
Frankfurt1410282110
Karlsruhe15631286
Paderborn16618306
München17322213
Duisburg18237232

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2 Gedanken zu „Was von Spieltag 7 bleibt“

  1. Das Problem beim VfL Bochum werden nicht die Reservisten sein. Die Stimmung im Team ist ausgesprochen gut, was man z.B. an den Interviews von Nando Rafeael nach dem Spiel in Sandhausen sehen kann, oder daran dass Simunek beim Feiern mit der Kurve gegen Nürnberg ganz vorne dabei war.

    Das Problem mt der fehlenden Rotation ist der Kräfteverschleiß, den man gerade im intensiven Spiel gegen F95 gemerkt hat: Bulut, Hoogland und Celozzi waren am Ende platt. Daher auch der merkwürdige Wechsel zum Schluß als der RV Celozzi gegen den LV Wijnaldum getauscht wurde und möglicherweise deshalb beim 1:1 die rechte Seite vollkommen blank war und Sararer frei flanken konnte.

    Ansonsten war es ein wirklich intensives Spiel mit hochkarätigen Chancen auf beiden Seiten, mit deutlicher Überzahl für Düsseldorf. Die waren wirklich saustark und Bochum kann froh sein über den Punkt. Vollkommen zurecht die Einschätzung im Kicker „Spielnote: 1, ein rassiges, intensives Westderby mit vielen Torchancen auf beiden Seiten auf hohem technischen und taktischen Niveau.“

    Im übrigen hat die Fehde von Verbeek mit der Bild-Zeitung heute eine neue Eskaltionsstufe erfahren, so dass dies auch Thema bei anderen Medien (Kicker, SPON) wurde. Wobei da leider ein Zusammenrücken der Journalisten stattfindet, die den Ausraster vion Verbeek sehr vereinheitlich als allgemeinen „Journalistenbeschimpfung“ werten und eben die Vorgeschichte von Verbeek vs. Droll (Bild-Zeitung) nicht beachten und den daraus abgeleiteten Adressaten der Wutrede falsch wiedergeben.

  2. Zur Bild-Aktion: ich finde, es ist schon einen Unterschied, ob Firma XY einen Aktion zur Unterstützung von Flüchtlingen inititiert oder die Bild-Zeitung, die sich nicht scheut, nächste Woche wieder Überfremdungsängste zu schüren, wenn sie es für opportun ansieht, weil sich die Stimmung in der Bevölkerung gerade wieder dreht.

    Sich mit der Bild-Zeitung gemein zu machen, hat immer einen unangenehmen Nachgeschmack. Ich persönlich halte es da lieber mit Max Goldt „Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“ Von daher waren die Reaktionen der Fans angemessen und richtig.

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