Teambuilding unter neuen Bedingungen

Leipzig ist in dieser Liga der absolute Topfavorit, wir nur der Underdog. (Fürth-Coach Stefan Ruthenbeck vor dem Gastspiel in Leipzig)

Man kann sich schon mal dran gewöhnen, dass die Storylinie der Saison mehr noch als in den letzten Spielzeiten klar ist. Gegen RB Leipzig tritt jedes Team als absoluter Underdog an, der einen außergewöhnlichen Tag braucht, um Punkte einzusammeln. Alle Trainer werden sich Mühe geben, diese besondere Konstellation heranzuziehen, um sie als psychologisches Moment für das eigene Team zu nutzen.

Im Gegensatz zu manchem Spiel in den letzten zwei Jahren, als selbst Teams, die über einen längeren Zeitraum besser als RB Leipzig gespielt hatten, sich gegen den Aufsteiger, der weder nach dem Drittligaaufstieg noch nach dem Zweitligaaufstieg die umfassende Übermannschaft hatte (nicht umsonst spielt einer wie Matthias Morys, der in Leipzig oft Spielzeit bekam, inzwischen Drittligafußball in Aalen), mal absurder, mal weniger absurd zum absoluten Außenseiter stilisierten, ist diese Masche in dieser Saison natürlich auch durchaus angemessen.

Denn selbst wenn man abzieht, dass RB Leipzig das jüngste Team der Liga hat, bleibt es ein Kader mit unheimlicher Qualität gerade im Offensivbereich und Millioneninvestitionen, die die Mannschaft per se zum absoluten Ligafavoriten machen. Wenn ein gutes Team wie die SpVgg Greuther Fürth nach Leipzig reist, fühlt es sich nicht übertrieben an, wenn ein Stefan Ruthenbeck seinem Team die Underdog-Rolle verpasst. Zumal damit nicht die Selbstaufgabe im sportlichen Wettbewerb einhergeht, sondern dieser Zugang zum Spiel die sportlichen Erfolgschancen verbessern soll, weil man den Druck dem Gegner zuschiebt.

Erinnert man sich an die good old Regionalliga-Days vor allem unter Tomas Oral, aber auch noch unter Peter Pacult nutzten die gegnerischen Trainer damals auch gerne (und angesichts der Voraussetzungen auch eher zurecht) die ‚haben in neun von zehn Spielen gegen RB Leipzig keine Chance‘-Rhetorik, um dann am Ende des Spiels doch in vielen Fällen mindestens einen Punkt einzusacken und den großen Favoriten (der man in der Nachbetrachtung zumindest unter Oral noch nicht war) in der Endabrechnung der Saison stolpern zu lassen. Und schoben dann nach der Partie die ‚wir haben ein phantastisches Spiel gezeigt, hier werden nicht viele andere Mannschaften Punkte holen‘-Rhetorik noch genüsslich hinter. Als vergiftetes Lob für die RasenBallsportler sozusagen, denen auch nach Misserfolgen noch als Überteam gelobhudelt wurde.

Ein bisschen hat man das Gefühl, als könnte ein ähnliches Szenario die aktuelle Saison auch prägen. Stefan Ruthenbeck und die SpVgg Greuther Fürth waren die ersten, die auf dem Underdog-Ticket anreisten und nach einem Spiel mindestens auf Augenhöhe mit einem Punkt wieder nach Hause fuhren. Viele, viele andere werden folgen, um an dieses Szenario anzuschließen. Egal ob sie Osnabrück, Braunschweig, St. Pauli oder Union in den nächsten Wochen heißen oder der ganze Rest sind, der danach kommt. Für RB Leipzig wird es auch darum gehen, sich von diesen Zuschreibungen vor den Spielen freizumachen und bei sich und dem eigenen Auftreten zu bleiben.

Lässt man sich auf das Favorit-Underdog-Spielchen psychologisch ein und Sätze wie der aktuell immer wieder mal gehörte und auch aus früheren Regionalliga-Tagen bekannte ‚Wenn wir unsere Qualität abrufen, dann können wir den Aufstieg schaffen‘-Satz verweisen darauf, dass dieses Spielchen schon ein wenig in die Spielerköpfe gesackt sein könnte, dann kann man dabei eigentlich nur verlieren. So wie Favoriten, die vor Pokalspielen davon reden, nur ihre Qualitäten abrufen zu müssen, eben auch immer mal wieder verlieren, weil sie die anstehenden Aufgaben rein sportlich lösen wollen.

Ein bisschen mehr als sportliche Qualität, an der es bei RB Leipzig eigentlich noch nie gemangelt hat, wird es aber schon brauchen, um sich in dieser Saison als Gejagter in der zweiten Liga durchzusetzen. Unter Alexander Zorniger hatte man es nach diesbezüglich zwei überschaubaren Jahren geschafft, aus guten Fußballern ein mental starkes Team zu bauen, das gerade in Drucksituationen nicht immer guten, aber erfolgreichen Fußball spielte und sich die Widerstände in der Liga als teambildendes Moment zu eigen machte.

In Frankfurt musste die Mannschaft mit der typischen Heimspiel-Atmosphäre und allem, was dazu gehört, zurechtkommen. So etwas ist in der Vorbereitung kaum zu simulieren. Letztlich war Frankfurt der erwartet schwere Auftakt, vielleicht sogar noch ein bisschen schwerer. Umso wichtiger ist es, dass wir am Ende die drei Punkte mitnehmen konnten. (Ralf Rangnick vor dem Spiel gegen Fürth bei bundesliga.de)

Nimmt man die Zorniger-Zeit und insbesondere Teile der Drittligasaison, als man gerade in Auswärtsspielen egal ob in Heidenheim, Darmstadt, Rostock, Erfurt, Kiel oder Halle eine teilweise beeindruckende Abgebrühtheit und Geschlossenheit an den Tag legte, erstaunen die Worte Ralf Rangnicks ein wenig. Recht hat er natürlich damit, dass man sich auch in fremder Umgebung durchsetzen muss und die drei Punkte am ersten Spieltag diesbezüglich ein guter Anfang waren. Ob nun ausgerechnet Frankfurt, wo es in Sachen (RB-feindlicher) Atmosphäre doch einigermaßen beschaulich zuging, der Gradmesser ist, dass man dese Saison auch in wenig freundlicher Umgebung erfolgreich ist, bleibt allerdings fraglich.

Zumal darin auch in der vergangenen Saison vielleicht nicht das entscheidende Problem bestand. Klar hatte man auswärts auch einige überschaubare Auftritte. Die aber vor allem in der Hinserie in der nicht überragenden sportlichen Qualität gerade in der Offensivabteilung begründet war. Letztlich punktete man auch in Auswärtsspielen in heißer Atmosphäre wie in Braunschweig, Karlsruhe, Bochum oder Kaiserslautern und ließ die entscheidenden Punkte vor allem in Spielen gegen die scheinbar kleineren Teams der Liga liegen. Was eher die Interpretation nahe legt, dass das Team zu Höchstleistungen fähig war, wenn man durch äußere Widerstände auch bis in die Haarspitzen motiviert und konzentriert war und an anderen Tagen in einen Normalmodus verfiel, der eben in dieser Liga nicht ausreichte.

Egal wie, angesichts eines auf vielen Positionen neu besetzten Teams, das die Perspektive eines RB-Spielers auf Reisen durch die Fußballrepublik noch nicht umfassend kennt bzw. sich diesbezüglich erst noch finden muss, steht es trotzdem auf der Aufgabenliste relativ weit oben, zu einer Mannschaft zusammenzuwachsen, die Widerstände gerade in fremder Umgebung als Motivation und Zusammenhaltsgenerator mitnimmt. Und sich dabei nicht auf eine Favoritenrolle zurückzieht, aufgrund derer man glaubt, die Widerstände allein fußballerisch brechen zu können.

In Bezug auf diese (Neu-)Selbstfindung war das letzte halbe Jahr ein ziemlich verschenktes. Die Winterneuzugänge bis auf Emil Forsberg schon wieder weg, weil Omer Damari nicht funktionierte und nie ankam und Rodnei und Reyna sowieso nie mehr als Verlegenheitslösungen zu sein schienen, sodass der Großteil der Kaderveränderungn erst im Sommer erfolgen konnte. Dazu die merkwürdige Trennung von Trainer Zorniger einen Spieltag nach der Winterpause, eine Trennung die man eigentlich (wenn es denn zwischen Sportdirektor und Trainier sowieso nicht mehr passte) hätte früh in der Winterpause (oder im Sinne der Erfolgschancen in der Restsaison gar nicht) durchführen müssen. Und oben drauf das erfolglose Trainercasting in den knapp vier folgenden Monaten.

Letztlich hat man die Rückrunde der letzten Saison im Sinne einer Neuausrichtung der Mannschaft und der Bildung eines neuen Mannschaftskerns verschlafen, weil es viel zu viel um Nebenkriegsschauplätze ging und der Kader eine entsprechende Neuausbildung eines Mannschaftskerns gar nicht zuließ. In den letzten beiden Spielen 2014/2015 standen jeweils gleich sieben Spieler in der Startformation, die in dieser Saison bisher noch keine oder nur wenige Minuten Spielzeit erhielten. Dazu stand ein Trainer an der Linie, der jetzt ’nur‘ noch Co-Trainer ist.

Wenn also das letzte Halbjahr eines hätte sein können, in dem man seine Mannschaft intensiv Richtung Neuangriff in der neuen Saison schiebt, dann ist das aus verschiedenen selbstverschuldeten oder nicht selbstverschuldeten Gründen gründlich misslungen. Und genau damit wird man in dieser Saison wohl auch mindestens noch ein paar Wochen zu kämpfen haben. Zumal angesichts einer Vorbereitung, in die einige wichtige Neuzugänge aufgrund von Nationalmannschaftsreisen und verlängertem Urlaub erst verspätet einstiegen. Selbst diverse Teambuildungmaßnahmen werden diesen zeitlichen Nachteil nicht aufwiegen können.

Fabio Coltorti bemerkte vor dem Fürth-Spiel völlig nachvollziehbar, dass es nicht einfach sei, „einen guten Teamgeist zu entwickeln bei vielen Neuzgängen“. Man habe „einen guten Stand“, aber so richtig werde sich erst zeigen, was das alles wert sei, wenn Spieler hintenanstehen müssten und Probleme entstehen. Diese Fragen werden sich erst in den nächsten Wochen ausformulieren und dann entsprechende Antworten beweisen müssen, in welche Richtung sich das Team mal völlig unabhängig von spieltaktischen Fragen entwickelt.

Wegen des verschenkten letzten halben Jahres muss man nun also im Livetest parallel den Kader fußballerisch und sozial miteinander zu einem Team verschweißen. In den letzten fünf Jahren ist das Verschweißen zu einem Team eigentlich nur Alexander Zorniger wirklich gelungen. Sowohl Tomas Oral als auch Peter Pacult und Achim Beierlorzer kämpften diesen Kampf ohne den allerletzten Erfolg zu erzielen. Was schon allein zeigt, dass dies keine Aufgabe ist, die ein Selbstläufer ist.

Wenn man jetzt noch als Hintergrund nimmt, dass RB Leipzig diese Aufgabe in der Rolle als ewiger Über-Favorit der Liga meistern muss und in einigen Auswärts- aber auch Heimspielen atmosphärische Widerstände zu brechen sein werden, dann hat man eine ungefähre Idee davon, dass da durchaus eine ordentliche Herausforderung wartet. Zumal mit so vielen guten Fußballern im Kader mit Egos, Karrierevorstellungen und vor allem Ansprüchen an ihre eigene Spielzeit. In den letzten drei Jahren unter Rangnick kamen immer wieder auch verstärkt Spieler nach Leipzig, für die Leipzig der logische nächste Schritt sein mochte, die aber nicht unbedingt davon ausgingen, dass für sie persönlich der Weg zwangsläufig in die erste Liga führt. Weswegen es bis vor einem halben Jahr eigentlich auch keine Trennungen gab, nach denen seitens der Spieler böses Blut vergossen worden wäre.

Inzwischen stehen bei RB Leipzig aber viele Spieler im Kader, für die nur der Schritt in die erste Liga zählt. Spieler, für die das Sitzen auf der Bank mehr ist als eine Rolle, die sie für ihr Team in Kauf nehmen, nämlich ein Rückschritt in Bezug auf ihre eigenen Karriereziele. Die Spieler einzufangen und sie verinnerlichen zu lassen, dass sie auch unter Druck und auch mal auf der Bank als Team zusammenstehen müssen, ist angesichts dessen nicht wirklich einfach und ob es am Ende funktioniert nicht wirklich ausgemacht. Spannend wird der Prozess aber allemal, weil die Mannschaft in ihren Hierarchien und damit Stammformationen noch lange nicht gefestigt erscheint bzw. noch gar nicht gefestigt sein kann und somit viel Raum für Bewegungen und Geschichtchen ist. Und da hat man noch nicht mal über Spielphilosophie und die Umsetzung von Spielabläufen gegen den Ball oder mit dem Ball im letzten Angriffsdrittel gesprochen. Das kommt dann wohl ein ander Mal..

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5 Gedanken zu „Teambuilding unter neuen Bedingungen“

  1. …(nicht umsonst spielt einer wie Matthias Morys, der in Leipzig oft Spielzeit bekam, inzwischen Drittligafußball in Aalen)…

    Made my day 😉

  2. Sprachlos war ich, daß Dominick Kaiser und Ralf Rangnick unisono nach dem Fürthspiel der Meinung waren, daß die Ursache für den mauen Auftritt von RB der zu große Abstand zwischen den eigenen Linien war, in denen die Fürther relativ ungestört zu ihren Kontern ansetzen konnten.
    Warum taktisch nicht schon auf dem Spielfeld oder zur Halbzeit darauf reagiert wurde, ist mir rätselhaft. Beide 6 -er – Kaiser und Ilsanker – wurden durch Fürth mit zunehmender Spielzeit immer besser konsequent bekämpft und an einem ordentlichen Spielaufbau gehindert. Ihre Entlastung durch Forsberg und Sabitzer war nicht bzw. ungenügend gegeben.
    Für mich war das Spiel mit glücklichem Unentschieden als Ergebnis eine taktische Niederlage und das hat mich schon überrascht.

  3. Es wird Sperren und/oder Verletzungen geben. Und dann müssen die Jungs aus der 2. Reihe bereit sein. Ich habe lieber diesen Konkurenzkampf inkl. Zähneknirchen als die mangelnde Alternative wie Morys, Reyna etc
    Boyd und Sebastian sind für mich Spieler/Typen, die vielleicht! diese Saison nicht so oft spielen, aber denen „andere“ Aufgaben zukommen. (Boyd=Motivation bzw Sebastian=Erfahrungen weitergeben) Zur Zeit stimmt noch alles, siehe auch der „Zyklopen“-Gruß von Forsberg!

  4. Gute Analyse dieses zentralen (emotionalen!) Aspekts. Bleibt die (von dir unausgesprochene, aber mit Blick auf den erfolgreichen AZ wohl gemeinte) Frage: kann RR das, hat er es überhaupt als bedeutsam und kompliziert im Blick? Seine 10-Sekunden-Weisheit hilft dabei eher weniger…

  5. Wenn ich die vielen Teambuilding-Geschichten sehe, dann glaube ich schon, dass Rangnick das auch im Blick hat und dort versucht Einfluss zu nehmen. Die Frage ist, was über die Saison passiert. Du kannst ja soviel Porsche fahren oder Karaoke singen, wie du willst, wenn dein Teamgefüge wegen unzufriedener Spieler in der fußballerischen Praxis nicht zusammenfindet. Mit Khedira, Demme, Teigl und Coltorti oder Gulacsi hat man jedenfalls schon aktuell mal vier ernste Kandidaten, die sehr hohes Frustpotenzial mit sich rumtragen könnten und sich mit Plätzen in den Untiefen des Kaders wohl eher nicht anfreunden werden. Ob das negative Auswirkungen auf die Mannschaft hat, wird auch davon abhängen, wie viel sportlichen Erfolg man hat. Spielt man eine sehr erfolgreiche Saison, überdeckt das auch noch mal vieles.

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