Interessenskonflikte

Die Erklärung, dass in England eine größere Pay-TV-Tradition herrscht und es dort deshalb sieben Millionen mehr verkaufte Decoder gibt, ist mir jedenfalls zu einfach. Warum sollte das so sein? Wir sind ja keine Bananenrepublik, sondern ein Land voller Fußball-Liebhaber. Wir müssen uns deshalb mal ganz konkret und intern darüber unterhalten, wie es sein kann, dass die Fernsehgelder in England um ein Vielfaches höher sind als bei uns. (Ralf Rangnick im Kicker vom 13.07.2015)

Der englische TV-Vertrag, der den Clubs auf der Insel ab der kommenden Saison noch mal wesentlich mehr Geld einbringt als zuletzt, schlug hierzlande vor ein paar Monaten ein wie eine kleine Bombe. Irgendwas über 9 Milliarden Euro kassiert die Premier League für 3 Jahre für die Vermarktung der Fernsehrechte in In- und Ausland und vergrößerte damit den Abstand zu den DFL-Einnahmen noch mal ordentlich. Reichlich 3 Milliarden pro Jahr vs. knapp 1 Milliarde pro Jahr lautet ungefähr die Dimension, die in Deutschland für allerlei Debatten über die Konkurrenzfähigkeit hiesiger Vereine auf dem Transfermarkt heraufbeschworen hat.

Ralf Rangnick, Leipziger Sportdirektor und Trainer nahm sich in den vergangenen Wochen auch immer wieder mal dem Thema an und sieht das Problem offenbar in fehlenden Pay-TV-Nutzern in Deutschland bzw. in nicht ausreichenden Einnahmen aus dem Pay-TV. Mit der einfachen Lösung, dass man in England eben eine andere Tradition beim Umgang mit Bezahlfernsehen habe, will er sich nicht zufrieden geben. Wenn man es pointiert zusammenfassen will, wünscht sich Rangnick, dass der hiesige Fernsehzuschauer den Wettbewerb mit den englischen TV-Abonnenten aufnehmen und auf diesem Wege einen Ausgleich schaffen soll. Quasi von der Couch aus den Wettbewerb von Wirtschaftsorganisationen wie schon im Arbeitsleben auch im Freizeitbereich zum eigenen Wettbewerb machen.

Karl-Heinz Rummenigge ging in den letzten Tagen einen anderen, auch irgendwie zu ihm passenden Weg und versuchte sich in Drohkulissen gegenüber der DFL und den Bundesligaclubs, indem er das Ende der deutschen Zentralvermarktung in den Raum stellte und die Eigenvermarktung der Clubs propagierte. Eine Eigenvermarktung, die einen Club wie den seinen zumindest auf ein Einnahmeniveau heben würde, wie es auch englische Mittelfeldclubs künftig bekommen. Ganz ernst wird Rummenigge diese Forderung nicht meinen, aber er wird vermutlich hoffen, dass auf der Basis dieser Maximalforderung das TV-Geld künftig stärker in seinem Clubinteresse verteilt wird als in der Vergangenheit.

Aus Sicht eines permanenten Champions-League-Teilnehmers mag es sogar nachvollziehbar sein, die Einnahmen so zu maximieren, dass man im europäischen Maßstab wettbewerbsfähig bleiben kann. (Selbst wenn man immer im Hinterkopf behalten sollte, dass Enland nicht erst mit dem neuen TV-Deal finanziell der Bundesliga entrückt ist, sondern dies eigentlich noch nie anders war.) Wobei diese Fokussierung auf den länderübergreifenden Wettbewerb schon das eigentliche Problem in den Blickpunkt rückt.

Dass man nämlich mit den neuen englischen Finanzmöglichkeiten auch entspannt umgehen kann, zeigt mit Christian Heidel einer, der als Manager des FSV Mainz nicht direkt mit den englischen Clubs (zumindest nicht auf fußballerischer Wettbewerbsebene) konkurriert und entsprechend „keine Angst vor England“ hat, sondern vielmehr „vom englischen Geld profitieren“ will. Man müsse „so viel wie möglich von diesem Geld nach Deutschland holen“ und sich „in der Breite besser aufstellen“.

Shinji Okazaki hat Mainz bereits für 11 Millionen Euro nach England verkauft. Ein Preis für einen nicht eben jungen Spieler, den man in Deutschland nie hätte erlösen können und den man nun auch in die Infrastruktur des Clubs steckt. Englisches TV-Geld als Quelle für deutsche Clubs, um sich nachhaltig im nationalen Wettbewerb behaupten zu können? Scheint zumindest für hiesige Mittelklasseclubs eine Option zu sein.

Letztlich ist der englische TV-Vertrag vor allem für die Clubs ein Problem, die mit den englischen Topclubs auf europäischer Ebene sportlich direkt konkurrieren müssen. Oder für jene Clubs und Sportdirektoren, die sich als potenzielle Konkurrenten der englischen Topclubs sehen. Schon in der vergangenen Saison erhielt Chelsea aus den Fernsehverträgen fast dreimal so viel Geld wie die Bayern. Lass es künftig das Vierfache sein und es dürfte ungefähr hinkommen. Das sind natürlich Dimensionen, bei denen es schwer wird, nachhaltig mitzuhalten. Wobei die Gehälter, die in England auch schon traditionell gezahlt werden, einen Teil des Vorsprungs wieder wettmachen.

In letzter Konsequenz bleibt das alte Problem, dass über dem nationalen Wettbewerb ein europäischer Wettbewerb steht, dessen Wettbewerbsbedingungen deutlich auf den nationalen Wettbewerb abstrahlen. Man müsse in Europa wettbewerbsfähig bleiben, ist dabei das ewige Mantra, das unumstößlich scheint. Und diesem folgen auch Rummenigge und Rangnick. Der eine schlussfolgert aus dem Mantra, dass man innerhalb der deutschen Fußballliga nicht mehr solidarisch handeln solle, sondern die dicken Fische im Sinne des europäischen Wettbewerbs auch ganz dicke verdienen. Der andere schlussfolgert daraus, dass die deutschen Fußball-Liebhaber dazu zu bringen seien, den Wettbewerbsnachteil aus ihrer Tasche auszugleichen.

Dabei könnte man auch auf die Idee kommen, den Wettbewerb mit England Wettbewerb sein zu lassen und sich einzugestehen, dass man auf dieser Ebene der Finanzkraft noch nie wirklich wettbewerbsfähig war und auch zukünftig nicht sein wird. Das würde aber auch erfordern, den europäischen Wettbewerb nicht per se über die nationale Meisterschaft zu stellen. Wenn man aber ehrlich ist, dann ist die nationale Meisterschaft für Clubs wie die Bayern schon eine Weile zweitrangig. Erstens weil man sie im Normalfall eh gewinnt und zweitens, weil sich der Erfolg oder Misserfolg einer Saison vor allem im Abschneiden in der Champions League zeigt. Die Saison ist eben trotz nationalem Double nicht so richtig gut, wenn du in der Champions League im Halbfinale mit 0:5 an Real Madrid scheiterst.

Dieses Ungleichgewicht in der Wertschätzung der Wettbewerbe ist nachvollziehbar, wenn man in einem europäischen Wettbewerb mit den besten Teams der Welt konkurriert. Aber dies macht es auch so unglaublich schwierig, den nationalen Wettbewerb unterhalb dieser Champions League zielführend zu konzipieren. Weil der Wettbewerb eben nicht für sich steht, sondern ein Wettbewerb ist, der zu etwas noch höherem führt bzw. auf etwas noch höheres vorbereitet. Und man entsprechend eine doppelte Wettbewerbsverzerrung hat. Einerseits belohnt man Teams, die sich im nationalen Wettbewerb für europäische Wettbewerbe qualifizieren mit höheren Fernseheinnahmen. Und andererseits können diese Teams im europäischen Zusatzwettbewerb Erlöse erzielen, die den anderen Clubs schon ganz grundsätzlich nicht offen stehen.

Diese Verzahnung zweier unterschiedlicher Wettbewerbe mit zweifachem Vergütungssystem ist schon ein unlösbares Problem für die Ausgewogenheit der beiden Wettbewerbe. Dass in dem einen (europäischen) Wettbewerb auch noch Teams aufeinandertreffen, die in ihren unterschiedlichen nationalen Wettbewerben wiederum unterschiedliche Voraussetzungen haben, macht daraus endgültig ein Dilemma, das nicht gelöst werden kann, ohne dass irgendjemand oder irgendein Wettbewerb auf der Strecke bleibt.

In den großen US-Sportarten ist die Sache einfach. Es gibt eine Liga und die ist allumfassend konkurrenzlos und nur bemüht intern für alle Teams Bedingungen zu schaffen, die Wettbewerbsgleichheit zumindest potenziell herstellt. Was vergleichsweise gut gelingt, weil sich die Interessen der Clubs nur auf eine Liga und deren Funktionieren beziehen.

Ein Äquivalent dazu könnte im Fußball nur eine gesamteuropäische Liga sein, in die die 20 bis 30 Topclubs des Kontinents in relativer Chancengleichheit ausgegliedert werden, sodass man darunter wieder nationale Wettbewerbe ohne Abhängigkeiten von Quer-Konkurrenz über Wettbewerbsgrenzen hinweg schaffen kann. Will aber vermutlich auch niemand, dass die Bundesliga Bayern oder auch Dortmund dauerhaft an eine europäische Liga verliert.

Solange dies eine Utopie ist, bleiben die auf völlig unterschiedlichen Clubinteressen und Ligenvoraussetzungen beruhenden Probleme wohl unlösbar. Und kommen somit wohl immer wieder Vorschläge wie die von Ralf Rangnick und Karl-Heinz Rummenigge auf den Tisch. Vorschläge, die darauf abzielen, den bestehenden wirtschaftlichen Konkurrenzdruck und die damit verbundenen Probleme durch Aktivierung von Masse oder Konzentration auf die Großen mitzutragen und zu verschärfen.

Man wird im Gegensatz zu diesen Vorschlägen allerdings nicht umhinkommen, sich vom wirtschaftlichen Vergleich mit England zu lösen, weil dieser Konkurrenzkampf auch mit noch so viel Druck auf den TV-Konsumenten oder die Fußballliga nicht zu gewinnen ist. Und weil es der eine oder andere Fußballanhänger mit normalen Präferenzen unterhalb der Champions-League-Clubs vielleicht etwas komisch finden könnte, wenn er im Namen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit von ein paar Großclubs ins Bezahlfernsehen bluten soll.

Der deutsche TV-Markt mit seinem starken Free-TV, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, ist eben speziell und ein Grund, warum Abonnenten-Fernsehen in diesem Land wenn überhaupt, dann nur an der Grenze der schwarzen Zahl funktioniert. Dazu kommen ganz andere Traditionen, was die Normalität des Bezahlens für Dinge des Alltags angeht. Das immer stärkere Wegbrechen einer breiten, zahlungsfähigen Mittelschicht in Deutschland könnte ein weiterer Grund sein, warum Pay-TV auch mittelfristig nicht die ganz großen Sprünge machen wird.

Das hält natürlich alles nicht davon ab, das bestmögliche aus den hiesigen Bedingungen zu machen und bei der Versteigerung der TV-Rechte Einzelpakete zu bündeln, die aufgrund ihrer jeweils eigenen Attraktivität mehr Geld einbringen als wenn man sie als Komplettpaket verkaufen würde. Und natürlich kann man immer wieder darüber nachdenken, wie man die Einnahmesituation für die Clubs verbessert oder durch neue Wege auch neue Quellen erschließt. Wenn man vernünftige Online-Bezahlbausteine stricken würde, wie sie in den US-Profiligen geboten werden, wo man bspw. Angebote findet, nur die Spiele eines bestimmten Vereins zu abonnieren, könnte man eventuell tatsächlich auch neue Zielgruppen ansprechen.

Nur sollte man dabei primär das hiesig Machbare und die hiesigen Wettbewerbsbedingungen im Blick haben und nicht TV-Kontrakten hinterherhecheln, die in Deutschland schlicht utopisch sind (außer vielleicht man bettelt beim quatarischen Rechteverwerter beIN Sports, der in Frankreich für recht hohe TV-Erlöse sorgt), oder mögliche Bayern-Konkurrenten auszustechen versuchen. Was kein Plädoyer für Stillstand ist, aber zumindest der Einsicht folgt, dass man nicht alles der europäischen Konkurrenzfähigkeit unterordnen muss.

Man hat vor ein paar Jahren gut damit gelebt, dass Engländer (oder Spanier oder Italiener) einen wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteil haben und man könnte auch künftig gut damit leben. Der Vergleich mit Resteuropa kann schlicht nicht die primäre Bezugsebene für eigene Entscheidungen sein (wenn man nicht gerade Bayern heißt), sondern sollte sich immer dem unterorden, was im Sinne des eigenen Wettbewerbs in der Bundesliga machbar ist. Solange die Champions League als Königswettbewerb über allem steht und das frühe Scheitern deutscher Teams dort als Drohkulisse benutzt wird, bleibt dieses Ansinnen aber wohl folgenlos.

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6 Gedanken zu „Interessenskonflikte“

  1. Ein Super Beitrag. Die hohe Qualität deiner Spiel-,Taktik- und Rund-um-RB-Analysen bin ich ja schon seit ein paar Jahren gewöhnt, aber ein so weiter Blick über den Tellerrand und die unaufgeregte, sachliche Betrachtung überrascht mich schon.

    Ich freue mich schon, mit dir in die BuLi und evtl. sogar in die Europäischen Wettbewerbe aufzusteigen. Wir müssen nur noch die Roten Bullen mitziehen. Du bist bereit! 😉

    Gibt es eigentlich irgendwo belastbare Zahlen, wieviel Abos in Deutschland laufen und wie viele in England und was vergleichbare Pakete kosten?

    LG
    Robert

  2. Das beste wäre wohl, den Europapokal zu ignorieren. Die Bundesliga ist ohnehin schon lange nicht konkurrenzfähig. Ausser den Über-Bayern hat seit 1997 kein Bundesligist mehr einen Europapokal gewonnen. Stört scheinbar auch niemand, weil die Liga selbst so toll brummt.

    Dann könnte man auch halbwegs gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen, indem man die Liga als ganzes im Ausland vermarktet und alle Klubs das gleiche bekommen. Um Spieler nicht nach England zu verlieren, müßte man sie eben früh binden. Vertrag mit 15 über 10 Jahre. So in etwa ok wir bilden dich voll zum Fussballer und dann auch in einem normalen Beruf aus – inklusive ordentlicher Bezahlung. Auch wenn du es nicht zum Profi schaffst. Dafür kannst du nicht mit 20,22 schon wegwechseln, falls du doch ne große Nummer wirst. Mit 25 werden sie dann Free Agents und gehen oft – ist dann halt so.

    Wird aber nicht passieren. Statt für ne interessante Ligaspitze zu sorgen geht, wie du richtig sagst, der Blick nur nach Europa. Und den Fans vieler Klubs reicht ja auch das Mittelfeld.

  3. Vielleicht sollte man der Ehrlichkeit halber aber auch erwähnen, dass das Übertragen von Sportereignissen in Deutschland im Free-TV eigentlich nicht unentgeltlich ist, denn schließlich muss ein jeder Haushalt in Deutschland monatlich etwa € 18,00 an GEZ-Gebühren berappen. In England (das hat mich dann doch verwundert) übrigens auch noch knapp 13,00 Euro. In Italien ist öffentlich-rechtliches Fernsehen ein Schnäppchen, da ist man mit 9,00 Euro dabei und in Spanien bspw. zahlt man dafür gar nichts. Kein Wunder also, wenn man da mehr Dekoder verkauft, als in Deutschland. Denn wenn man hierzulande halbwegs live dabei bleiben will, ist man durchaus mit insgesamt 40-45 Euro monatlich dabei. Das ist dann doch für durchschnittliche Haushalte sehr viel Geld „nur“ für Fernsehen. Wenn dann Sohnemann und Töchterchen noch ne eigene Internetflat beanspruchen, muss Vater Sonderschichten schieben.
    Also wer glaubt, er bezahle für die wöchentliche Berichterstattung in der Sportschau nichts, liegt daneben, auch wenn er für das Geld im Gegensatz zum Pay-TV natürlich auch noch anderes geboten bekommt. Von der Tatsache mal ganz abgesehen, dass sich auch Privatsender über Werbung finanzieren und Unternehmen die Kosten dafür über die Produktpreise an die Verbraucher weitergeben, also gibt es eigentlich auch das Montagsspiel auf Sport1 nicht umsonst… aber das nur am Rande.

  4. Ach was solls. Die coolen Typen ziehen sich den MDR-Stream der dritten Liga rein. Das ist Indie-Kultur; Bayern ist dagegen Britney Spears.

    Aber im Ernst: Die englische Liga enteilt uns nicht nur wegen der Fernsehgelder bzw. sind diese nur eine Folge des eigentlichen Unterschieds.
    Der besteht darin, dass in England viel mehr Clubs das Spielzeug von extrem reichen Einzelpersonen sind, die nicht betriebswirtschaftlich sinnvoll agieren
    sondern den Dicksten haben wollen. Sie pumpen unglaublich viel Kohle in ihre Clubs. Die Teams sind voller Stars, und haben eh einen großen Namen. Auch wenn sie
    international mal leer ausgehen, langfristig stimmt der sportliche Erfolg auch. Im Mittel steigt dadurch die mediale Aufmerksamkeit der englischen Liga weltweit,
    was wiederrum zu höheren Fernseheinnahmen führt.

    1. Ja richtig. Die Privatinvestoren gleichen die anderweitig uneinholbaren Vorsprünge aus. Siehe Chelsea und Man City, die Man United nun auf Augenhöhe begegnen können. Das führt zu echtem Wettbewerb an der Spitze. Und der ist das allerwichtigste in einer Liga. Angesichts der Riesenlangeweile im deutschen Titelkampf wird es sicher nicht leicht, deutlich mehr TV Geld zu erlösen. Vielleicht kann Wolfsburg ja was reissen. Wenn aber De Bruyne wirklich geht, war es das auch schon wieder.

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