Was von Spieltag 1 bleibt

Mit 14 Toren aus acht Spielen und ohne Elfmeter und Platzverweis startete die zweite Liga über das Wochenende eher unspektakulär aus der Sommerpause. Bis Freiburg und Nürnberg den ultimativen Defensivzusammenbruch austrugen und gleich neun Tore, drei Elfmeter und einen (übertriebenen) Platzverweis zur Spieltagsbilanz beisteuerten.

Man muss in einen ersten Spieltag nicht zu viel hineininterpretieren, aber die Art und Weise des Offensivfußballs der Sechs-Tore-Freiburger durfte durchaus ein wenig beeindrucken. Zumal im Ligavergleich am ersten Spieltag kaum ein anderes Team in der Lage war, sich im Spiel mit dem Ball große Chancen herauszuarbeiten. Die Mischung aus ansehnlichem Spiel mit dem Ball (60% Ballbesitz, 80% angekommene Pässe!) und aggressivem Gegenpressing bei Ballverlust macht Freiburg jedenfalls noch deutlicher zu einem Aufstiegsfavoriten als sie es vorher schon waren. Auch wenn man schon erkennen konnte, dass sie auch nicht unverwundbar sind.

Skurril, dass Freiburg in seiner Offensivreihe mit Nils Petersen, Tim Kleindienst und Maximilian Philipp gleich drei Spieler zu stehen hat, die in der Vergangenheit für Energie Cottbus aufliefen. Nicht unbedingt naheliegend diese enge Verbindung zwischen tiefstem Osten und tiefsten Süden.

Nicht unbedingt naheliegend auch, dass Braunschweig den Heimauftakt gegen Sandhausen vergeigen würde. Dass man gleich dreimal durch gegnerische Standards geschlagen wird, ist dabei eine wenig beruhigende Randnotiz. Braunschweig bei dieser Niederlage wie schon in vielen Spielen der letzten Saison mit merkwürdig zurückhaltendem, undynamischen Auftreten.

Zu diesem Eindruck trug die Dreier- bzw. Fünferkette in der Abwehr ein gutes Stück bei. Dieser taktischen Formation wird oft Offensivgeist unterstellt, weil in ihr die Außenverteidiger offensiv auftreten. Letztlich ist es aber eher eine Defensivformation, weil man einen zusätzlichen Innenverteidiger zur Absicherung der sowieso in jedem System offensiv auftretenden Außenverteidiger einbaut.

In Braunschweig spielte gegen Sandhausen so Marcel Correia als zentraler Innenverteidiger im Spiel mit dem Ball eine Art Libero hinter den etwas weiter vorn stehenden Innenverteidigern Decarli und Pfitzner, die ihrerseits immer wieder die Außenverteidiger Boland und Ofosu-Ayeh suchten. Genau darin lag auch das Problem, denn durch die Orientierung auf dynamische Außen (wobei genaugenommen nur Ofosu-Ayeh immer mal wieder Dynamik ausstrahlte) wurde der Ball schon früh auf die Außenbahnen gespielt, wo Sandhausen keine Probleme hatte, die Wege zuzustellen und die an der Seitenlinie sowieso engen Räume noch enger zu machen. Heraus kam ein Ballgeschiebe zwischen Innenverteidigung und Außenverteidigung mit vielen, vielen Ballkontakten (vier von fünf Spieler mit den meisten Ballkontakten des Spieltags kamen aus Braunschweigs Fünferkette) und ohne Effektivität.

Womit man die Probleme der Dreier-/Fünferkette im Spiel mit dem Ball deutlich aufzeigte. Das System kann durchaus Sinn machen als reaktives, die Defensive stärkendes System. Gegen einen defensiv gut organisierten Gegner damit selbst Akzente zu setzen, wird dagegen schwer. Auch weil man sich durch die Formation die Mitte schwächt und die frühe Fokussierung auf die Außenbahnen bei der Spieleröffnung für den Gegner vergleichsweise leicht zu verteidigen ist.

Vergleichsweise leicht zu verteidigen waren auch die Offensivaktivitäten des Karlsuher SC in Fürth. Am Ende des Spieltags war Fürths Keeper Sebastian Mielitz der einzige, der ein ganzes Spiel lang keinen einzigen Ball zum Halten aufs Tor bekam. Daran war natürlich auch die gute Defensivarbeit der Franken beteiligt, aber dem Karlsruher SC hat man angemerkt, dass die Vorbereitung wegen der Relegation kurz war und der Kader aktuell nicht besser ist als vergangene Saison. Ein etwas müdes Team, das individuell nicht top besetzt ist und einen ungewohnt unsicheren Keeper Orlishausen im Kasten hatte. Das ging in Fürth nicht gut und könnte für die Saison nichts gutes verheißen.

Mit Braunschweig und Karlsruhe hat man schon mal zwei Teams, die man zum Kreis der Aufstiegsanwärter zählen durfte, die am ersten Spieltag wenig Hoffnungsvolles zeigten und vielleicht eher aufpassen müssen, dass es nicht ganz schnell in die falsche Richtung der Tabelle geht.

In diese Richtung unterwegs sind auch schon wieder St. Pauli und 1860 München. Bei den einen sprach man nach dem Auftritt gegen Bielefeld fast ausschließlich über die Choreo und nicht über das Spiel selbst. Was angesichts ihres offensiv trostlosen 0:0 auch Sinn machte. Bei den anderen bestimmte der ‚Skandal‘ um rote Stutzen die Szenerie, die man anziehen musste, weil der Schiedsrichter fand, dass man dem Heidenheimer Gegenüber mit blauen Stutzen zu ähnlich sehe und die Heidenheimer ihrerseits aber nicht auf rot wechseln wollten und nun mal laut Spielordnung in diesem Fall die Gastmannschaft dran glauben muss.

Ausgerechnet rot wie der große Stadtrivale. Eine Schmach, die so groß war, dass man die roten Stutzen nach dem Spiel dem Gästeblock als Opfer darbot. Dabei hätte es fast noch schlimmer kommen können, denn die Alternative wäre gewesen ein rotes Trikot anzuziehen. Vermutlich hätte der 1860-Auswärtsblock dann schon vor dem Spiel rot gesehen und nicht erst nach der 0:1-Niederlage.

1860-Coach Torsten Fröhling sah in dem Vorgang jedenfalls einen gezielten Affront der Heidenheimer Gastgeber, mithin also eine Unsportlichkeit. „Das hat unseren Ablauf gestört. Das hätte alles nicht sein müssen. Die Heidenheimer hätten nur ihre Stutzen wechseln müssen. (…) Das gehört alles dazu, um in der Ellbogengesellschaft den letzten Tick rauszuholen.“ (dieblaue24) Nun ja, die skurrilen Erklärungen für sportlich schwache Leistungen gehen diese Saison schon früh los. Für die Gegner von 1860 München kann das nur heißen, dass man den Löwen irgendwas mit rot in die Ausrüstung schummelt. Der Rest läuft dann von selbst..

Auffällig am ersten Spieltag noch Kacper Przybylko, der dem Eröffnungsspiel mit zwei blitzsauberen Toren seinen Stempel aufdrückte. Es ist für Przybylko das dritte Jahr in Folge, dass er im ersten Saisonspiel ins Tor trifft. Nicht unbedingt erwuchs daraus immer Konstanz. Vergangene Saison in Fürth war er in den ersten 14 Spielen an sieben Toren direkt beteiligt, in den folgenden 18 Spielen folgten nur noch zwei Torbeteiligungen. Przybylko ist ein prima Stürmer, der vor allem im Torabschluss große Qualitäten hat. Ob er diese auch mal über einen längeren Zeitraum auf hohem Niveau abrufen kann, wird die Zukunft zeigen.

Hohes Niveau zeigten am ersten Spieltag die beiden nicht ganz so geheimen Mitfavoriten im Aufstiegskampf Union Berlin und Fortuna Düsseldorf. Insbesondere bei Fortuna durfte man ein wenig beeindruckt sein, wie sie trotz Rückstand mit klarer spielerischer Linie so lange auf den Ausgleich hinarbeiteten, bis er endlich fiel. Gerade gegen Union Berlin, die neben St. Pauli letzte Saison das einzige Zweitligateam waren, das nach Führung nie verlor, nicht gerade eine einfache Aufgabe. Am Ende stand zwischen Union und Düsseldorf aber ein Unentschieden, das in Ordnung ging und das zwei Teams präsentierte, die ihren Einordnungen als Aufstiegsmitfavoriten absolut entsprachen.

Braunschweig ist aktuell das Team mit dem größten Abwärtstrend. Die Niederlage in Karlsruhe war saisonübergreifend bereits die vierte Niederlage am Stück. Heidenheim auf der anderen Seite kassierte in keinem der letzten sieben Spiele eine Niederlage. Für Bielefeld gilt dies genauso, allerdings mit der naheliegenden Einschränkung, dass der Verein die vergangene Spielzeit noch in der dritten Liga absolvierte.

Bemerkenswerte Zahl am Rande, dass Timm Golley vom FSV Frankfurt im Spiel gegen RB Leipzig laut offiziellen Statistiken 12mal gefoult worden sein soll. Damit war er mit Abstand der meistgefoulte Spieler des Spieltags und wäre auch mit Abstand der meistgefoulte Spieler der vergangenen Saison gewesen. Im Normalfall musste der meistgefoulte Spieler des Spieltags in der vergangenen Saison zwischen sechs und acht Fouls einstecken. Lediglich Joshua Kimmich steckte am 29. Spieltag der vergangenen Saison in Kaiserslautern mal neun Fouls ein und war damit der meistgefoulte Spieler der vergangenen Saison. Sollten die 12 Fouls gegen Golley stimmen, wäre das eine ordentliche Hausmarke..

Jüngstes Team an diesem Spieltag übrigens der VfL Bochum mit knapp 23 Jahren im Schnitt. Erst danach folgte RB Leipzig mit etwas über 23 Jahren im Schnitt. Erstaunlich für dieses Alter, wie abgeklärt Bochum in Paderborn auftrat.

Die meisten Zuschauer kamen zum Choreogucken bei St. Pauli gegen Bielefeld (fast 30.000). Die wenigsten Zuschauer wollten sich das Duell zwischen Waschanlagen-Frankfurt und Aufstiegsfavoriten-Leipzig anschauen (circa 7.000).

Der erste Spieltag war sicherlich nicht das Überspektakel schlechthin. Das ist in der zweiten Liga (wenn man mal Freiburg ausnimmt) auch nicht zu erwarten. Die Bemühungen, vor allem aus dem Umschaltspiel zum Erfolg zu kommen und sonst auf defensive Kompaktheit zu setzen, wird auch diese Saison wieder dominant sein. Mit Bielfeld kommt ein sehr intensiver Vertreter dieser Spielweise in die Liga.

Mit Kaiserslautern hat sich zumindest am ersten Spieltag ein Team diesem Stil verschrieben, das letzte Saison noch meist sehr ansehnlich, aber nicht immer effektiv dem Ballbesitzfußball frönte. Könnte sein, dass dies nur Zufall war, weil das Spiel eben so lief. Könnte aber auch sein, dass dahinter ein größere Idee steckt. Zumindest hat die vergangene Saison gezeigt, dass Ballbesitzfußball nicht die erfolgsversprechenste Art und Weise ist, Fußball zu spielen. Vielleicht hat man in Kaiserslautern ja entsprechende Schlüsse gezogen

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Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl, Punktzahl in den (saisonübergreifend) letzten sechs Spielen (bei Freiburg und Paderborn mit Erstligaspielen, bei Duisburg und Bielefeld mit Drittligaspielen). Sandhausen ist mit den sportlich errungenen Punkten verzeichnet. Abgezogen werden müssen davon noch drei Punkte resultierend aus einer DFL-Strafe wegen Lizenzverstößen.

SubjektivGesamtn WPRRletzte 6
Freiburg1324288
Kaiserslautern2324288
Düsseldorf3113165
Fürth4314169
Bochum53192110
Berlin61232611
Sandhausen7322228
Heidenheim83212114
Leipzig9321239
Paderborn10026304
Bielefeld111161710
St. Pauli121212410
Frankfurt13018214
Nürnberg140182210
Braunschweig15017236
Karlsruhe16025289
München17019217
Duisburg180222312

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4 Gedanken zu „Was von Spieltag 1 bleibt“

  1. Schöne Zusammenfassung des Spieltages, welches ich kaum verfolgt habe, genau wie „die Rote-Stutzen-Geschichte“ in Heidenheim.
    Danke.

  2. Danke. Gutes „Content-Piece“ und vor Allem mal mehr als die üblichen durchgekauten Agentur-Infos.

  3. Kann mich nur anschließen, sehr schöner Beitrag.
    Ich muss zugeben, meist schlage ich hier über die Linkelf von Fokus Fußball auf. Aber solch schönen Beiträge laden auch Nicht-Bullen zur Wiederkehr ein. 🙂

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