Überraschendes Schlusslicht

Mit Christian Mathenia und Patric Klandt hatte die zweite Liga in der abgelaufenen Saison zwei Keeper, die die kompletten 34 Saisonspiele bestritten. Insgesamt durften sich 38 Torhüter mindestens einmal für ein Pflichtspiel in den Kasten stellen. Immerhin 25 schafften mindestens 10 Pflichtspiele.

Wenn man den Augenschein der Saison nimmt, dann lagen die Torleute in der zweiten Liga relativ nah beieinander. Wenig überragendes und überraschendes, aber viel gutes und ausgewogenes. Zieht man als kleine Spielerei die Statistik der abgewehrten Torschüsse der vergangenen Saison heran, dann bestätigt sich dieses Bild.

[Anmerkung: Wie hier gestern in den Kommentaren interessanterweise mit Verweis auf Links angemerkt wurde, sind diese Statistiken nicht wirklich vertrauenswürdig. Die These der verlinkten Texte kurz zusammengefasst ist die Prozentzahl abgewehrter Schüsse nicht konstant. Sprich, die Werte ein und desselben Torwarts variieren über relativ kurze Zeiträume relativ stark und scheinbar zusammenhanglos. Das würde nahelegen, dass in der Statistik abgewehrter Schüsse viel Zufall drin steckt und die Zahlen nicht interpretierbar sind. Ganz so schlimm muss man es nicht sehen. Fakt ist aber, dass es sicherlich viele Faktoren gibt, die die Zahlen erklären können und nicht unbedingt nur die Qualität des Keepers.]

Gleich 15 Torhüter, die mindestens 10 Pflichtspiele absolvierten, halten mindestens 7 von 10 Bällen, die auf ihren Kasten kommen. Wenn man dies über einen konstanten Saisonzeitraum von mindestens 20 Spielen tut, kann man mit gutem Gewissen davon ausgehen, dass sich dahinter auch eine gute Leistung versteckt. Auch wenn man natürlich bedenken muss, dass es einfacher ist für einen Christian Mathenia (der eine überraschend gute und enorm konstante Saison gespielt hat) Bälle hinter einer Abwehr aufzuhalten, die mehr auf Stabilität und tiefes Verteidigen setzt als bspw. jene von Ingolstadt oder Leipzig, wo man hoch verteidigt und entsprechend Chancen für den Gegner meist hochkarätige Chancen sind und keine Torschüsse, bei denen unter Bedrängnis aus 18 Metern geschossen wird.

Mit Fabio Coltorti und Dirk Orlishausen sind zwei vorn dabei, die auch der Kicker in der eigenen Rangliste ganz oben sieht. Zusammen mit Tobias Sippel (beim Kicker die Nummer 3 der Liga) sind die beiden die einzigen Keeper, die entweder vor oder nach der Winterpause mindestens 8 von 10 Bällen gehalten haben. Wenn man bedenkt, wie oft Coltorti gerade in der Rückrunde in Eins-gegen-Eins-Situationen geraten ist, dann ist seine Paraden-Quote noch eindrücklicher (und wenig erstaunlich, dass sie im Vergleich zur Zeit vor der Winterpause fiel).

Am anderen Ende der Torhüter-Tabelle fällt natürlich gleich ein Ramazan Özcan auf, der mit Ingolstadt zwar aufgestiegen ist, aber insbesondere nach der Winterpause vor allem zum Herausholen des Balles aus dem Netz im Tor stand. Die 60,8% heißen nicht, dass Özcan ein schlechter Torwart ist. Nach der Winterpause hatte er auch einfach Pech, dass immer mal wieder ein gegnerischer Stürmer frei vor seinem Tor auftauchte. Trotzdem, gerade im Vergleich zu den Ligakollegen sind 60% eben doch sehr wenig. Zumal wenn man wiederum Coltorti sieht, der diese Probleme auch hatte.

Ansonsten gibt es in der unteren Tabellenhälfte einige Torhüter, die wie Daniel Haas in ihren Vereinen zwischenzeitlich in Frage oder wie Philipp Tschauner komplett abgelöst wurden. Auch ein Michael Rensing fiel im Saisonverlauf unter die 70%-Marke, was aber zu nicht unwesentlichen Anteilen dem Abwehrdesaster seiner Fortuna geschuldet war. Bis zur Winterpause, als man in Düsseldorf noch am Aufstieg schnupperte, war Rensing von den Werten her einer der besten Keeper der Liga.

[Torhüter mit mindestens 10 Pflichtspielen; Gehalten = Verhältnis von gehaltenen Bällen und Schüssen aufs Tor in Prozent; Schüsse = Schüsse aufs Tor, also alle Schüsse, die nicht abgeblockt wurden oder neben den Kasten gingen, also alle Schüsse, die im Tor landeten oder gehalten wurden; Spiele = Anzahl der Saisonspiele; HR = Verhältnis von gehaltenen Bällen und Schüssen aufs Tor in Prozent für die 19 Spiele bis zur Winterpause; RR = Verhältnis von gehaltenen Bällen und Schüssen aufs Tor in Prozent für die 15 Spiele nach der Winterpause]

GehaltenSchüsseSpieleHRRR
Manuel Riemann76,31182976,875,5
Dirk Orlishausen76,21053271,981,3
Fabio Coltorti76,1712180,074,5
Wolfgang Hesl75,71152772,377,9
Christian Mathenia75,01043472,278,0
Daniel Bernhardt74,61222376,573,2
Martin Männel74,61733372,178,3
Jasmin Fejzic74,5511074,5---
Michael Esser74,4901671,476,4
Jan Zimmermann74,21322675,872,9
Tobias Sippel73,2822966,782,4
Patrick Rakovsky72,8922177,660,0
Robin Himmelmann72,2721961,175,9
Vitus Eicher71,76013---71,7
Rafal Gikiewicz70,51323372,667,8
Michael Rensing69,71192478,463,2
Lars Unnerstall69,2521071,164,3
Benjamin Bellot68,9451375,850,0
Patric Klandt68,11663468,367,7
Stefan Ortega67,4862067,962,5
Daniel Haas66,71322964,169,1
Andreas Luthe66,0941869,560,0
Ramazan Özcan60,8793372,041,4
Raphael Schäfer58,5531443,570,0
Philipp Tschauner55,7701555,7---

Fasst man mal jeweils die Torhüter aller Vereine zusammen, dann hatte der Karlsruher SC das beste Torwartduo der Liga. Was nicht ganz überraschend kommt, denn hinter Dirk Orlishausen wartet mit Rene Vollath einer, der seiner Nummer 1 nicht wirklich nachsteht und im Eins gegen Eins vielleicht sogar eine Spur stärker ist.

Interessant, dass ganz vorn auch Vereine wie Aalen, Sandhausen, Heidenheim und Aue mitspielen. Während in Aue dafür vor allem die Einmann-Show Martin Männel verantwortlich ist, hatte man in Aalen mit Bernhardt, Fejzic und Schnitzler, in Sandhausen mit Riemann und Knaller und in Heidenheim mit Zimmermann, Sattelmaier und Körber sehr ausgeglichene und verlässliche Torwartteams.

Dass Aufsteiger Ingolstadt in dieser Statistik auf dem letzten Platz landet, ist natürlich etwas skurril. Und zeigt wieder mal, dass man auf verschiedenen Wegen nach Rom kommt. Denn mit nur 84 Schüssen aufs Tor kassierte Ingolstadt mit Abstand die wenigsten der ganzen Liga und kompensierte so die im Vergleich geringe Torwartquote. Die Zahl der zugelassenen Schüsse spricht sehr für die Abwehrarbeit des gesamten Teams und dafür, dass das Verteidigen nach vorn gut funktioniert.

Durchaus bezeichnend, dass die fünf Teams mit den wenigsten zugelassenen Torschüssen frei nach dem Motto ‚Defense wins Championships‘ auch in der Ligatabelle ganz oben standen, während Bochum als Team mit den meistbeschäftigten Keepern am Ende deutlich nicht abstieg. Im Abstiegskampf mag eine gute Abwehr verzichtbar sein, wenn man andere Qualitäten hat. Im Aufstiegskampf kommt man um eine sehr gute Defensive nicht herum. Wenn man noch gute Keeper oben drauf packen kann, umso besser.

[Statistik pro Team für alle Keeper zusammen; Platz = Saisonendplatzierung in der zweiten Liga 2014/2015; Gehalten = Verhältnis von gehaltenen Bällen und Schüssen aufs Tor in Prozent; Schüsse = Schüsse aufs Tor, also alle Schüsse, die nicht abgeblockt wurden oder neben den Kasten gingen, also alle Schüsse, die im Tor landeten oder gehalten wurden.]

PlatzGehaltenSchüsse
Karlsruher SC377,2114
SV Darmstadt275,0104
SV Sandhausen1275,0148
VfR Aalen1875,0184
Erzgebirge Aue1773,9180
1.FC Heidenheim873,7167
RB Leipzig573,3116
Greuther Fürth1471,8149
Eintracht Braunschweig670,5139
VfL Bochum1170,1184
1.FC Kaiserslautern469,6102
Fortuna Düsseldorf1069,6171
1860 München1668,5162
FSV Frankfurt1368,1166
1.FC Nürnberg967,6145
Union Berlin767,1155
St. Pauli1564,1142
FC Ingolstadt161,984

Insgesamt bleiben die Statistiken zu den abgewehrten Torschüssen eine kleine Spielerei, weil Torwartspiel eben weit mehr ist, als Bälle halten. Trotzdem wird man als guter Keeper nicht umhin kommen, über längere Zeiträume hinweg den einen oder anderen Ball mehr zu halten als die Konkurrenz. Dass die Werte aufgrund unterschiedlicher Spielsysteme und damit Qualität der gegnerischen Chancen nur ansatzweise miteinander zu vergleichen sind, sollte man im Hinterkopf behalten. Zudem sind auch 75% gehaltene Bälle nicht gut, wenn man in jedem zweiten Spiel einen haltbaren Ball durchrutschen lässt und deswegen verliert.

Trotzdem spiegelt sich in den Zahlen auf Dauer auch die Qualität eines Torhüters zumindest im Umgang mit Torschüssen wieder. Eine nicht ganz unwichtige Qualität, auch wenn es noch andere gibt. Und wenn man sieht, wie viele Torhüter sich um die 75%-Marke tummeln, dann weiß man eben auch, dass es auf lange Saisonsicht einen Zahlenstandard gibt, in dem sich gutes Goalkeepeing doch irgendwie ausdrückt.

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