Enges Torwartduell

Die Torhüterposition ist im Fußball eine spezielle. Kann im Handball bspw. immer wieder mal und je nach Spielverlauf und Tagesform frei gewechselt werden, steht im Fußball die Nummer 1 doch meist fest. Und bei Vereinen, in denen das nicht so ist, wirkt sich das oft eher nachteilig aus. Wenn man nicht gerade FC Barcelona heißt und den Luxus hat, zwei absolute Topleute auf unterschiedliche Wettbewerbe aufzuteilen.

Es wäre natürlich im Fußball auch schwerlich denkbar, Torleute wie im Handball je nach Spielsituation und -verlauf permanent zu wechseln, da es keine permanente Abfolge von Keeper-Action gibt. Die Kunst des Fußballtorwarts besteht meist darin, die Konzentration über 90 Minuten auf Höchstniveau zu halten, auch wenn manchmal über lange Phasen gar nichts passiert oder man in einem ganzen Spiel vielleicht keinen einzigen Torschuss abwehren und trotzdem immer so vorbereitet sein muss, als wäre der nächste Schuss der schwierigste der Saison. Diese Aufgabe würde sich eher noch erschweren, wenn man durch Ein- und Auswechseln in Bezug auf die Konzentraton in einen Hoch- und Runterfahrmodus geraten würde.

Das Torwartspiel ist also schon rein psychologisch ein schwieriges. Oder wie es Fabio Coltorti vor ein paar Wochen sinngemäß sagte: Die erste Aktion im Spiel muss sitzen, egal wann sie kommt und egal, ob man vorher schon mit dem Spiel warm wurde oder nicht. Bei RB Leipzig stellten sich in der abgelaufenen Spielzeit zwei Keeper dieser Aufgabe. Denn auch wenn Fabio Coltorti immer die Nummer 1 war, kam auch Benjamin Bellot aufgrund von Coltorti-Verletzungen zu immerhin 13 Ligaspielen. 10 Spiele zu Saisonbeginn und 3 zum Abschluss. Die 21 Spiele dazwischen gehörten logischerweise dann Coltorti.

Nimmt man erst einmal die einfachste aller Statistiken, dann kassierte Benjamin Bellot in seinen 13 Spielen 14 Gegentreffer. Allein sechs davon fielen in den letzten drei Saisonspielen, als RB Leipzig den Aufstieg verspielt hatte. Bleiben für Fabio Coltorti in seinen 21 Einsätzen 17 Gegentreffer. Nur zweimal musste Coltorti mehr als einmal in 90 Minuten hinter sich greifen, während dies Bellot dreimal passierte. Fünfmal spielte Bellot zu null, Coltorti gelang dies bei wesentlich mehr Spielen sechsmal. In Sachen grober Schnitzer steht es zwischen beiden 1:1-Unentschieden. Coltorti patzte beim 0:1 gegen Frankfurt entscheidend, Bellot beim 1:2 in Ingolstadt. Beide Patzer führten entsprechend zu Niederlagen.

  • Coltorti: 21 Spiele, 17 Gegentore, 0,81 Gegentore/Spiel, 2 Spiele mit mehr als einem Gegentreffer, 6 Spiele zu null, 1 grober Schnitzer
  • Bellot: 13 Spiele, 14 Gegentore, 1,08 Gegentore/ Spiel, 3 Spiele mit mehr als einem Gegentreffer, 5 Spiele zu null, 1 grober Schnitzer

Die Bilanzen sprechen erstmal leicht für Fabio Coltorti, auch wenn die Statistik durch das 0:4 gegen Sandhausen, bei dem Bellot im Tor stand, leicht verschoben sind. Ein Spiel, in dem die vier Treffer eigentlich nicht gegen den Torhüter, sondern gegen seine Vorderleute sprachen, die Tore aber natürlich trotzdem auch auf Bellots Konto landeten.

Ein wenig objektiver werden die Zahlen, wenn man die Quote der gehaltenen Bälle betrachtet, also sich anschaut, wie viel Prozent der Bälle, die auch auf den Kasten kamen (also überhaupt haltenswert waren), abgewehrt werden konnten. Lässt man mal die letzten drei Spiele heraus, dann sind die Bilanzen von Coltorti und Bellot praktisch identisch. Coltorti hielt unter Zorniger knapp 77% aller Schüsse aufs Tor und unter Beierlorzer knapp 76%. Bei Bellot waren es in den 10 Spielen unter Zorniger zu Saisonbeginn auch knapp 76%. Quoten, die in der Bundesliga zu vorderen Torhüterplatzierungen reichen würden, auch wenn ein Manuel Neuer bspw. diese Quoten noch mal locker toppen könnte.

Ein Bruch im Zahlenwerk kommt erst durch die letzten drei Saisonspiele zustande, in denen Benjamin Bellot gerade mal 50% aller Schüsse aufs Tor hielt. Wieder verzerrt hier Sandhausen die Statistik und man könnte die These aufstellen, dass dieser Abfall in der Quote der gehaltenen Bälle vor allem auf einen Abfall in der Mannschaftsdefensive und völlig frei vor dem Tor agierende gegnerische Offensivspieler zurückzuführen ist, als auf einen Torhüter, der verunsichert die Bälle durchlässt. Auf der anderen Seite trug Bellot mit seinem Patzer in Ingolstadt selbst zur schlechten Statistik bei.

  • Coltorti: unter Zorniger: 76,9% gehaltene Bälle, unter Beierlorzer: 75,6%, gesamt: 76,1
  • Bellot: unter Zorniger: 75,8% gehaltene Bälle, unter Beierlorzer: 50,0%, gesamt: 68,9%

Auch wenn man nicht alles aus den letzten drei Saisonspielen Benjamin Bellot anlasten kann, bleibt doch ein wenig der Eindruck, dass Fabio Coltorti mit Spielen mit vielen Eins-gegen-Eins-Situationen und einer offenen Abwehr vor sich, wie er sie in einigen Auswärtsspielen nach der Winterpause hatte, besser zurechtkam als Bellot. Aber um dies abschließend zu bewerten, ist die Datengrundlage eigentlich zu gering. Zwei, drei Bellot-Spiele mehr unter Beierlorzer hätten das Bild da etwas runder machen können.

Wenig Unterschiede gab es im Saisonverlauf in der Zahl der Schüsse, die die beiden Keeper auf ihren Kasten bekamen. Bei Coltorti waren es in 21 Spielen im Schnitt 3,38 Schüsse, bei denen er pro Spiel eingreifen musste. Bei Benjamin Bellot waren es mit 3,46 im Schnitt nur unwesentlich mehr. Wesentlichste Differenz, dass Bellot unter Zorniger im Schnitt 3,3 Schüsse auf sein Tor bekam, während es bei Coltorti unter Zorniger nur 2,6 waren.

  • Coltorti: unter Zorniger: 2,60 Schüsse pro Spiel aufs Tor, unter Beierlorzer: 4,09, gesamt: 3,38
  • Bellot: unter Zorniger: 3,30 Schüsse pro Spiel aufs Tor, unter Beierlorzer: 4,00, gesamt: 3,46

Nicht ganz uninteressant auch die Einbindung der Torhüter in den Spielaufbau. Hierbei spielte Benajmin Bellot pro Partie ungefähr vier Pässe mehr als Coltorti (knapp 23 vs. knapp 19). Interessant dabei, dass die Zahl der gespielten Pässe der Torhüter unter Beierlorzer leicht abnahm (um ungefähr drei pro Spiel), was man eventuell darauf zurückführen kann, dass man stärker auf spielerische Lösungen über das Mittelfeld setzte, als den Weg über den Torhüter und vielleicht auch mal den langen Ball zu suchen. Dagegen spricht, dass es zwischen der Zorniger-Zeit und der Beierlorzer-Zeit eigentlich kaum relevante Unterschiede in Bezug auf lange und kurze Pässe der Torhüter gab. Lediglich in den letzten drei Saisonspielen unter Bellot erhöhte sich der Einsatz von Kurzpässen seitens des Torhüters spürbar.

Über alle Daten hinweg ist Benjamin Bellot der passsicherere Torwart. Was auch nur ein Beleg des Augenscheins ist, dass er der bessere Fußballer als Coltorti ist. 64,4% von Bellots Pässen kommen pro Spiel an, während es bei Coltorti nur 58,3% sind. Bedenkt man, dass Bellot sowieso schon mehr Pässe spielte und er im Saisonverlauf nur unwesentlich mehr kurze Pässe spielte als Fabio Coltorti, dann geht der Punkt in Sachen Spielbeteiligung wohl im direkten Vergleich an Benjamin Bellot.

  • Coltorti: 18,6 Pässe pro Spiel, 58,3% Passquote
  • Benjamin Bellot: 22,7 Pässe pro Spiel, 64,4% Passquote

Nimmt man nur die Zahlen, dann hat man zwei Keeper, die nicht weit voneinander entfernt sind. Bellot ist der Torwart mit der etwas besseren Spielbeteiligung und -eröffnung. Coltorti ist der Torwart mit der etwas besseren Quote gehaltener Bälle. Insgesamt nehmen sich beide aber nicht sonderlich viel.

Fakt ist aber auch, dass die Bewertung der Torhüterleistungen auch immer von nicht wirklich messbaren oder nicht erfassten Werten abhängt. Die Quote erfolgreich abgefangener Flanken wäre zum Beispiel eine relevante Kennzahl. Auch die Anzahl der Ausflüge aus dem eigen Strafraum heraus und die Erfolgsquote dabei wäre eine. Präsenz ist eine schwerlich in Zahlen umzuwandelnde Eigenschaft. Erzielte Tore sind dagegen gar kein relevanter Punkt für die Bewertung, auch wenn sie besonders emotional sind.

Nimmt man mal den Augenschein hinzu, dann liegt Fabio Coltorti auch weiterhin nicht deutlich, aber sichtbar vorn im Duell mit Benjamin Bellot. Denn gerade in der Strafraumbeherrschung und im Herauslaufen gegen heranstürmende Gegner hat Coltorti durch seine Präsenz und Physis weiterhin größere Vorteile, weil er sich schmerzfrei ins Getümmel stürzt und aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen auch die Möglichkeiten hat, sich dort durchzusetzen. 10 cm und 10 kg mehr sind halt auf diesem Niveau eben auch ein Qualitätsunterschied. Für den Nachteil kann Benjamin Bellot nichts, aber der begleitet ihn auch weiterhin.

Zur neuen Saison kommt mit Peter Gulacsi ein Keeper, der von seinen physischen Voraussetzungen her irgendwo zwischen Coltorti und Bellot einzuordnen ist. Ein Keeper zudem, den man nach allem, was man über ihn weiß, nicht per se als stärker als Coltorti einschätzen muss. Was dann in letzter Konsequenz nur heißen kann, dass man einem in vielen Daten sowieso schon relativ engen Torwartduell noch einen Keeper hinzufügt, der auf ähnlichem Niveau agiert.

Das ist natürlich auch eine Reaktion auf die zuletzt vermehrt festzustellende Verletzungsanfälligkeit von Fabio Coltorti, der in die aktuelle Saisonvorbereitung schon wieder mit Problemen startete und individuell trainierte. Trotzdem bleibt die Frage, ob man drei Keeper braucht, die auf sehr ähnlichem Niveau agieren und sich mit 24 (Bellot), 25 (Gulacsi) und 34 Jahren (Coltorti) auch nicht mehr im Talentalter befinden. Da hätte man sicher etwas mehr Streuung in der Personalbesetzung erwarten können.

Probleme hatte man bei RB Leipzig auf der Torwartposition in der vergangenen Saison nicht und wird sie in der kommenden Saison mit drei Keepern auf Zweitligatopniveau auch nicht haben. Vielleicht muss man mit dem Kicker nicht konform gehen, der Fabio Coltorti zum besten Zweitligatorwart der Rückrunde gemacht hat. Andererseits hat sich der Schweizer diese Auszeichnung mit phantastischen Auftritten vor allem in einigen Auswärtsspielen der vergangenen Monate auch verdient, als er der altbekannte Fels in der Brandung war, der mit jedem Schuss und mit jedem lauter werden des gegnerischen Publikums die Bälle im Eins gegen Eins nur noch magischer anzog.

Wenn Coltorti dauerhaft fit bleibt, wird es nicht ganz einfach, ihn als Nummer 1 zu verdrängen. Auch nicht für Peter Gulacsi, der immerhin mit allerlei Vorschusslorbeeren von Ralf Rangnick nach Leipzig wechselt. Für Benjamin Bellot werden die Tage dagegen härter, denn zumindest aus aktueller Sicht ist mehr als die Rolle als Nummer 3 und Torwartrotationsergänzung für ihn nicht mehr drin. Kann sich durch Verletzungen und Sperren natürlich auch schnell mal ändern, aber bis dahin steht der geborene Leipziger trotz guter Leistungsdaten erst mal hinten an.

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2 Gedanken zu „Enges Torwartduell“

  1. Es gibt die These, dass die Anzahl der gehaltenen Schüsse bei der Bewertung von Torhütern nicht aussagekräftig ist. Gute Quoten hängen zu sehr von der Abwehr ab (ob sie Abschlüsse aus qualitativ guten Schusspositionen zulässt) und sind in der Regel über einen Zeitraum von mehreren Saisons nicht wiederholbar (also Zufall).

    Gute Blogbeiträge (alle auf englisch) zu dem Thema sind:
    http://11tegen11.net/2014/02/03/never-judge-a-goal-keeper-by-his-saves/
    http://statsbomb.com/2014/10/goalkeepers-how-repeatable-are-shot-saving-performances/
    https://jameswgrayson.wordpress.com/2013/12/05/repeatability-of-sv-when-adjusting-for-shot-location/

  2. Interessante, nachvollziehbare Artikel. Ist halt auch schwierig in einer Mannschaftssportart, die Leistungen Einzelner in Zahlen ausdrücken und aus dem Rest herauslösen zu wollen. Wobei ich diese Korrelationsgeschichte zusätzlich so verstanden habe, dass je größer die Datenbasis an gehaltenen Schüssen, desto mehr nähert sich die Save Percentage quasi an das ‚wahre‘ Leistungsvermögen an, desto größer wird auch die Vorhersagekraft.

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