Bilanzen vom Rande des Spielfelds

Projekte werden nicht ins Herz geschlossen, das werden nur Dinge, die mit Emotionen zu tun haben. In der 4. Liga sind wir mit 2000 Fans gestartet, jetzt haben wir einen Schnitt von 26000. Wir sind ein Teil von Leipzig, wir sind in den Herzen angekommen. (Ralf Rangnick, LVZ vom 06.02.2015)

Zuschauerzahlen müssen rund um RB Leipzig meist dafür herhalten, entweder die Akzeptanz für den Verein und die Normalität hiesigen Daseins zu belegen oder die Beliebtheit der attraktiven Spielphilosophie zu beweisen. Ersteres liegt auf der Hand und lohnt sich eigentlich gar nicht mehr zu erwähnen und zweiteres darf als gewagt durchgehen, weil das (Gegen-)Pressing-Konzept ja im Fall der Fälle ein destruktives ist, das das Spiel des Gegners zerstören soll bzw. in seinem schnellen Umkehrspiel auch oft wie Stückwerk wirkt.

Ob das in jedem Fall so attraktiv ist, dass deswegen die Zuschauer wie von einem Magneten angezogen ins Stadion strömen müssen, kann man als Frage erst einmal so stehen lassen. Letztlich dürften andere Faktoren wie Bock auf Fußball, Identifikationskraft/ Bindung oder Erfolg einen sehr viel größeren Einfluss auf die Zuschauerzahl haben, als die Frage ob der Ball nun binnen acht oder 30 Sekunden oder gar durch einen Standard im Tor landet.

Wie man zum Torerfolg kommt, ist eine Frage der Spielphilosophie und und damit eine Setzung der sportlichen Führung. Eine Setzung, bei der es im besten Fall darum geht, die Philosophie zu wählen, die am erfolgsversprechendsten ist. Dass die Rangnicksche Idee, den Spielausgang durch Balljagd und damit Eigenaktivität und Dominanz zu beeinflussen, dann auch noch die Geldgebergelüste einer jugendlichen Außenwirkung befriedigt, ist dann doch eher Zufall als Steuerung.

Sieht man mal davon ab, dass RB Leipzig in der fünften Liga mit reichlich 2.000 Zuschauern im Schnitt anfing und in der vierten Liga bei reichlich 4.000 Zuschauern startete, bleibt interessant, dass der größere Zuschauersprung in der Regionalliga beim Wechsel von Tomas Oral zu Peter Pacult zu verzeichnen war und nicht nachdem Ralf Rangnick und Alexander Zorniger (die die Zeiten mit 2.000 Zuschauern selbst nie erlebten) ihre neue Spielphilosophie implementierten.

Zuschauerschnitt RB Leipzig seit Vereinsgründung

  • 2009/2010: 2.150
  • 2010/2011: 4.206
  • 2011/2012: 7.396
  • 2012/2013: 7.557 (ohne Relegation)
  • 2013/2014: 16.735
  • 2014/2015: 25.026

Der erste Leipziger Boom rund um RB Leipzig entstand vor allem über den DFB-Pokal, den dortigen Sieg gegen Wolfsburg 2011 und viele angefixte Besucher, die an jenem Tag beschlossen, wiederkommen zu wollen. Dass man dabei auf erfahrene Profis statt auf sehr junge Talente setzte und mit einem ‚raus mit dem Ball auf den Flügel und dann hoffen, dass dort was draus gemacht wird‘-Konzept arbeitete, tat dabei nichts zur Sache.

Sprich, auf Nachwuchs zu setzen, macht Sinn, weil es den Verein sportlich und in Sachen Identifikation nachhaltig aufbaut und wirtschaftlich zu einer Wertsteigerung führt. Und vor allem auf das Spiel gegen den Ball und eine Schwarmtaktik zu setzen, macht Sinn, wenn man sich dadurch größere Erfolge verspricht als durch Ballstafetten. Nur hohe Zuschauerzahlen erklären sich dadurch eben maximal bedingt.

In der aktuellen Saison verzeichnete RB Leipzig einen Schnitt von reichlich 25.000 Zuschauern. Womit man im Zweitligavergleich einen passablen vierten Platz belegt. Düsseldorf, Kaiserslautern und Nürnberg als Städte mit Bundesligahistorie liegen hier mit reichlich 30.000 Besuchern im Schnitt vor allen anderen.

St. Paulis Schnitt wurde durch den Stadionumbau ein wenig nach unten verzerrt und dürfte kommende Saison bei knapp 30.000 liegen. Die Aufsteiger Darmstadt und Ingolstadt liegen teils deutlich unter dem ligaweiten Schnitt von knapp 18.000 Zuschauern pro Spiel. Bei den Hessen lag das auch an der Größe des Stadions, bei den Bayern an der fehlenden Auslastung vor allem in der ersten Saisonhälfte.

Kleine Spielerei die Statistik der Anzahl der Zuschauer pro 100.000 Einwohner der jeweiligen Stadt (z.B. hat Kaiserslautern laut Wiki knapp 100.000 Einwohner und laut Statistik knapp 33.000 Zuschauer; hochgerechnet auf 100.000 Einwohner wären das fast 34.000 Zuschauer). Eine Spielerei, bei der sich zeigt, welche Vereine vor allem regional gut verankert sind. Aue im Erzgebirge beispielsweise oder Kaiserslautern in der Pfalz. Auch Heidenheim und Sandhausen leben sehr von regionaler Einbettung.

Auch eine kleine Spielerei die Statistik mit den Zuschauern bei Auswärtsspielen. Spielerei deswegen, weil die Statistik natürlich sehr durch geographische Bündelungen verzerrt ist, von denen beispielsweise Vereine wie Nürnberg, Darmstadt oder Kaiserslautern stark profitieren, während für einen Verein wie Aue kaum kurze Entfernungen zu Auswärtsspielen und damit besondere lokale Konkurrenzen vorhanden sind.

Denkt man dies mit, ist in der vorderen Tabellenhälfte vor allem der Schnitt von St. Pauli interessant, die in großen Teilen der Republik die Stadien füllen, weil sie einerseits überall viele Fans mitbringen (bzw. überall Fans wohnen haben) und andererseits überall ein Gast sind, der gern gesehen wird. Das Gegenteil ist (nicht ganz überraschend) bei Teams wie Aalen, Sandhausen oder FSV Frankfurt der Fall.

Team Schnitt HeimHeim/100000Schnitt Auswärts
Ingolstadt19969772818231
SV Darmstadt 98214156435818881
Karlsruhe317381579418268
Kaiserslautern4329963366918065
Leipzig525026470417938
Braunschweig621710875417386
Union71912955217123
Heidenheim8125822677016434
Nürnberg930784616921877
Düsseldorf1030013501116670
Bochum1116887466516294
Sandhausen1259033935315910
FSV13663194515231
Fürth1411777981417553
St. Pauli1524615140020975
18601621918155719176
Aue1791125360017041
Aalen1875451126114952

Nicht ganz uninteressant auch die Streuung in den Besucherzahlen. Vereine wie Union, St. Pauli, Braunschweig und auf niedrigerem Niveau auch Heidenheim haben sehr stabile Besucherzahlen. Einerseits weil die Stadiongröße nach oben natürlich begrenzt ist. Andererseits weil es keine extremen Ausreißer nach unten gibt.

Auf der anderen Seite gibt es viele Vereine mit großen Diskrepanzen zwischen Top- und Flopbesuch. Besonders imposant die diesbezügliche Statistik bei 1860 München, die gegen Nürnberg im Derby im Abstiegskampf fast 70.000 in die Allianz Arena lockten, während sich gegen Kaiserslautern nur knapp 14.000 Unentwegte (mittwochs, eine Woche vor Weihnachten) im weiten Rund verloren.

Auch in Leipzig zeigt sich, dass die Streuung relativ groß ist. Bei größeren Spielen sind 30.000 immer drin. Aber im schlechten Fall der Fälle sinkt es dann aber auch mal bis auf 17.000 runter (Düsseldorf, ein Montagsspiel). Was man dahingehend deuten könnte, dass der Anteil der Stammzuschauer (oder eingefleischten Fans) geringer ist als in anderen Stadien, dafür aber das Potenzial größer.

Dies verdeutlicht sich vielleicht auch in der Zahl der Auswärtsfahrer. Im Schnitt machten sich handgeschätzt knapp 900 Leute auf den Weg durch die Republik. Wobei auf der einen Seite Fahrten nach Hamburg, München, Berlin und Aue mit jeweils um die 2.000 Fans standen, sodass für die restlichen 14 Auswärtspartien im Schnitt ’nur‘ noch 500 bleiben. Mit negativen Außreißern wie Karlsruhe oder Aalen, wo zu suboptimalen Spielterminen (montags bzw. dienstags) jeweils nur reichlich 100 Anhänger eintrudelten. Diese Form der Streuung der Auswärtsfahrerzahlen ist wohl typisch für einen Verein in einem Entwicklungsstadium wie RB Leipzig.

Als bestbesuchte Partie der Saison wird Kaiserslautern gegen Ingolstadt mit fast 50.000 (am Ende zu überwiegenden Teilen enttäuschten) Besuchern 1860 gegen Nürnberg mit fast 70.000 Besuchern festgehalten werden. Als schlechtbesuchteste Partie kann Sandhausen gegen Ingolstadt in die Statistik eingehen. Gerade mal 4.000 Besucher wurden hierfür am 4.Spieltag, als Ingolstadt noch nicht als Topclub durchging, verbucht.

Interessant in diesem Zusammenhang, dass Aufsteiger Ingolstadt gleich hinter Sandhausen und FSV Frankfurt im Ranking der Vereine mit den schlechtbesuchtesten Spiele Platz 3 belegt. Gerade mal 4.800 Zuschauer waren es noch am 7.Spieltag gegen Aue, ein negativer Wert der bei den Bayern aufgrund der positiven sportlichen Leistungen nie wieder erreicht wurde.

TeamPlatzBestbesuchtSchlechtestbesucht
Ingolstadt1150004814
SV Darmstadt 982165009200
Karlsruhe32777111462
Kaiserslautern44978023147
Leipzig53866017087
Braunschweig62332520200
Union72171715802
Heidenheim81500011000
Nürnberg94750125130
Düsseldorf104166722366
Bochum112509211594
Sandhausen12121264000
FSV13125424056
Fürth14175008750
St. Pauli152906321712
1860166850013800
Aue17153005600
Aalen18145005000

Interessanterweise ist RB Leipzig das einzige Team der Liga, das sowohl in keinem Auswärtsspiel einen Rekordbesuch verursachte noch eine Minuskulisse verursachte. Man könnte es dahingehend interpretieren, dass weder Zehntausende mit RB Leipzig mitreisen, noch gewachsene Rivalitäten zu Topkulissen führen würden, aber der Red-Bull-Hintergrund zumindest ausreicht, in jedem Stadion der Republik ein gewisses, auch jenseits des sportlichen Alltags haltendes Interesse hervorzurufen.

St. Pauli und Nürnberg sind die Teams, die am häufigsten Rekordkulissen hervorgerufen haben. Wie oben schon erwähnt, resultiert dies beim 1.FC Nürnberg vor allem aus regionalen Gründen (Fürth, Ingolstadt, 1860), während es beim FC St. Pauli über die Regionsgrenzen haltendes Interesse symbolisiert.

Topkulissen der 18 Zweitligateams gegen:

  • St. Pauli, Nürnberg – je 4mal
  • 1860 – 2mal
  • Ingolstadt, Fürth, Braunschweig, Union, Heidenheim, Karlsruhe, Darmstadt, Kaiserslautern – je 1mal

Am negativen Ende des Spektrums sind die erwartbaren Kandidaten versammelt. Aalen und FSV Frankfurt als Gegenteile von Publikumsmagneten. Und Aue als Club, der so abseits von allen anderen liegt, dass größere emotionale Eruptionen bei den Gastgebern nicht zu erwarten sind, wenn man durch die Republik tourt.

Kaiserslautern überrascht erst einmal in der Liste der Auswärtsteams, die Minuskulissen hervorgerufen haben. Kurz gesagt war man zweimal schlicht zur falschen Zeit (Montags- bzw. Unter-der-Woche-Spiel) am falschen Ort (sportlicher Krisenclub als Gastgeber).

Minuskulissen der 18 Zweitligateams gegen:

  • Aalen – 4mal
  • Aue, FSV – je 3mal
  • Kaiserslautern, Ingolstadt – je 2mal
  • Bochum, Sandhausen, Heidenheim, Düsseldorf – je 1mal

Verlassen haben die Liga am Ende der Saison nach oben und nach unten nur Clubs aus der unteren Hälfte der Zuschauerschnitt-Tabelle. Im Schnitt ungefähr 10.000 Zuschauer wollten sich die Heimspiele von Darmstadt, Ingolstadt, Aue und Aalen im Saisonverlauf anschauen.

Ersetzt werden die Teams durch Bielefeld, Duisburg, Freiburg und Paderborn. Vier Mannschaften, die im Schnitt zusammen deutlich mehr als 10.000 Zuschauer mobilisieren werden. Wodurch sich der ligaweite Zuschauerschnitt von knapp 18.000 Zuschauern aus der vergangenen Saison noch mal recht deutlich erhöhen wird. Zumal beim FC St. Pauli auch der Stadionumbau abgeschlossen wird.

In Leipzig wird man auf jeden Fall das beobachten können, was man in den letzten Jahren bei Nichtaufstieg auch hatte. Zumindest Konsolidierung mit mindestens einem leichten Anstieg der Zuschauerzahlen. Folgt man den selbstgesetzten, sportlichen Zielen und hat die Saison einen Spannungsbogen, wird auch die 30.000er-Grenze recht locker fallen.

Nicht dass das für irgendwas außer für die wirtschaftlichen Kennziffern des Vereins sonderlich relevant wäre, da die Begründung von allgemeiner Relevanz eines Vereins über Zuschauerzahlen immer ein wenig mühselig ist. Denn letztlich haben die 4.800, die Ingolstadt gegen Aue sehen wollen, genauso viel Relevanz wie knapp 40.000, die Leipzig gegen St. Pauli sehen wollen.

Oder anders gesagt: Masse hat nicht per se recht. Aber man sollte zumindest die realen Zahlen und ihre Auffälligkeiten kennen. Gerade wenn der eigene Club einen Sportdirektor alias Trainer beschäftigt, der gern einmal mit optimistischen oder fehlerhaften Zuschauerzahlen arbeitet. Und ein paar Phänomene bleiben interessant, auch ohne dass man sich Masse gleich als Pseudoauszeichnung an die Vereins- oder Fanbrust heften muss.

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9 Gedanken zu „Bilanzen vom Rande des Spielfelds“

  1. “ Aber im schlechten Fall der Fälle sinkt es dann aber auch mal bis auf 17.000 runter (Düsseldorf, ein Montagsspiel). Was man dahingehend deuten könnte, dass der Anteil der Stammzuschauer (oder eingefleischten Fans) geringer ist als in anderen Stadien“

    Der Anteil an Familien mit Kindern ist in Leipzig nicht zu unterschätzen. Und diese Familien sind in den Spielen am Montag natürlich nicht in diesem Ausmaß vertreten, wie an einem Samstag oder Sonntag Nachmittag. Die gewaltfreien Spiele von RB locken viele Familien ins Stadion und das ist gut für den Fußball in unserer Stadt. Negative Schlagzeilen hat der Fußball und leider auch die Stadt genug.

  2. Hallo,

    danke für die Übersicht. Gibt es eine offizielle Zahl der Freikarten, die RB für ein Spiel zur Verfügung stellt?
    Es gibt Stimmen, die behaupten, es werden regelmäßig Freikarten in Leipziger Briefkästen geworfen.

    Gruß

    1. Also ich gehe nur ins Stadion, wenn ich Freikarten bekomme. Das machen alles so, die ich kenne. Bisher war ich somit bei jedem Heimspiel.
      In Leipzig wird in jede Wochenendzeitung eine Freikarte hineingesteckt.

      Wenn ich dann im Stadion bin, gehe ich sofort zum Champagner-Stand, denn alle Freikartenbesitzer bekommen ein Glas kostenlos (Hey, sonst würde ich ja gar nicht gehen)
      Die meisten Zuschauer von RBL (und das sind nachgewiesenermaßen im Durchschnitt 25.000) gehen nur mit Freikarte, sonst interessiert das doch keinen.
      Finden sich keine Freiwilligen mit Freikarten, die zum Spiel gehen, ist immer noch eine Agentur in der Reserve, welche Statisten in das Stadion setzt, damit es nicht gnaz so leer aussieht!

      PS: Auf bl*** Fragen bekommt man bl*** Antworten!

      Aber: Es gibt zwei Freikartenaktionen im Jahr seitens RBL. Diese finden branchenüblich zu den vorraussichtlich Zuschauerschwächsten Spielen statt. Weiterhin bekommen HAuptsponsoren eine nicht bekannte Anzahl von Freikarten (Die aber auch begrenzt ist). Und hinzu bekommen Angestellte /Trainer udn Jugendspieler Freikarten. Auch diese Zahl ist begrenzt udn verschwindend klein. Diese Anzahl wurde jedoch sogar noch in der letzten Saison verringert!

  3. @Wolfgang: Also in meinem Briefkasten waren noch keine. Und die Stimmen, dass man quasi noch was dazu kriegt, wenn man in Leipzig ins Stadion geht, gibt es schon so lange wie es RB gibt, aber auf Verschwörungstheorien sollte man nicht so viel geben. Freikarten gibt es nach Stand der Dinge jedenfalls nicht im fußballuntypischen Ausmaß.

  4. Beim VfL Bochum wurden die Zahlen der Brutto- und Netto-Zuschauerzahlen (d.h. ohne Sponsoren- und Freitickets) im Reviersport thematisiert. Die Nettozahlen sind in soweit für Vereine wie dem VfL Bochum wichtig, da diese für Lizensierung maßgeblich sind.
    Brutto: 277.525 Besuchern (Brutto-Schnitt: 16.325)
    Netto: 248.370 Besuchern (Netto-Schnitt: 14.610)

    In ähnlichen Größenordnungen (prozentual) wird das auch bei RBL ablaufen: also rund 10% der Tickets gehen über Freikarten und Sponsorenaktionen raus.

  5. Danke für die interessanten Zahlen. Ich finde ja, dass die DFL solcherlei Zahlen und Kenndaten ruhig regelmäßig veröffentlichen könnte.

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