Umbruchsituation a.k.a. keine Führungsspielerdebatte

Meine Meinung zum Thema Typen und Führungsspieler ist klar. Und das schon seit 10 Jahren. Das ist meiner Meinung nach völlig überschätzt, das Thema. Du brauchst keine Bad Guys in der Mannschaft, an die du dich anlehnen kannst. Wir müssen die Mannschaft dahin entwickeln, dass jeder der 11, die auf dem Platz stehen, weiß, dass er Führungsaufgaben hat. Die Zeiten, wo man glaubte, man braucht diese Typen, die die Mannschaft führen, die sind schon lange vorbei. (Ralf Rangnick vor dem Spiel gegen Sandhausen in der Pressekonferenz.)

Das Thema Führungsspieler ist ein eher mühseliges. Schon allein deswegen, weil man im nicht selten über völlig unterschiedliche Dinge redet. Nimmt man es extrem, dann werden mit Führungsspieler jene gemeint, die wie van Bommel gelbe Karten sammelnd durchs Mittelfeld flogen. Auf dieses Extrem bezogen, macht es tatsächlich nicht erst heute wenig Sinn über Führungsspieler zu reden.

Andererseits gab es auch immer die Spieler, die vor allem in engen Situationen sichtbar blieben. Michael Ballack war so einer, der vor allem gerne Führungstore erzielte. Auch ein Daniel Frahn war noch vor nicht allzu langer Zeit dafür bekannt, dass er besonders gern und überdurchschnittlich oft zum 1:0 traf. Egal wie man sie nennen mag, es gibt in jedem Fall die Spieler, die sich unter Druck besonders wohl fühlen und vor allem auch wohler als andere.

Das alles ist aber gar nicht wirklich entscheidend. Grundsätzlich geht es im Fußball darum, die extrem fragile, testosterongeschwängerte Gruppenkonstellation, die sich aus irgendwas um die 25 Spieler im besten Alter zwischen 18 und 35 ganz automatisch ergibt, stabil und produktiv zu halten. Dabei ist es nicht unwesentlich, wie man sie fußballerisch zusammenbaut und ihnen spieltaktisch Rollen gibt. Aber es spielen eben auch gruppenpsychologische Prozesse, das Abstimmen von Charakteren und Herausbilden von Hierarchien über den Sport hinaus eine Rolle.

Viel wurde in den letzten Jahren über flache Hierarchien geredet, aber in letzter Konsequenz bleibt es in allen Gruppen dabei, dass unterschiedliche Charaktere unterschiedliche Rollen in dieser Gruppe ausfüllen und manche Spieler einen größeren Einfluss auf das Zusammenhalten der Gruppe haben als andere.

Als Endergebnis der Gruppenkonstitution hätte man gern so etwas wie ein produktives Zugehörigkeitsgefühl. Das müssen nicht unbedingt 11 Freunde sein, aber man muss zumindest das Gefühl haben, dass alle am selben Strang in dieselbe Richtung ziehen. Wieder gilt hier, dass man dieses Gefühl maßgeblich durch sportliche Arbeit und Einpassung der Spieler ins Spielsystem erreicht (also die Spieler merken, dass sie gebraucht werden und sie ihren Aufgabenbereich klar abgesteckt kennen). Aber sportferne, psychologische Aspekte nicht zu vernachlässigen sind, wenn man an Verlässlichkeit und Vertrauen in den Nebenmann denkt.

Fakt rund um RB Leipzig ist, dass man in einer Situation steckt, in der sich die Gruppe in den letzten Monaten und Jahren immer wieder massiv verändert hat. Fakt ist auch und das betonen ja auch Ralf Rangnick oder diverse Spieler seit ein paar Wochen immer wieder, dass die Integration der Neuzugänge in dieser Saison und gerade seit der Winterpause nicht immer ganz einfach war, weil man auch sprachlich plötzlich auf Probleme trifft, die man zuvor nie hatte.

Dazu könnte auch kommen, dass natürlich auch finanzielle Dinge das Gruppengefüge verändern. Vertragsdetails, die ans Tageslicht kommen oder Ablösesummen wie vor allem bei Damari, aber auch bei Forsberg könnten durchaus dazu führen, dass man die Neuen erst mal beäugt und man ihnen mit einem ‚jetzt zeigt aber auch erstmal, ob ihr eurem Geld entsprechend was drauf habt‘ begegnet.

Man darf bei dabei auch nicht vergessen, dass noch einige Spieler am Start sind, die schon in der Regionalliga dabei waren und über Verträge verfügen dürften, über die sich jüngere Neuzugänge oder gar ein Davie Selke vielleicht schlapplachen. Das ist natürlich im Profifußball völlig normal und jeder sein eigener Verhandlungsschmied, aber für eine Spielergruppe wie die bei RB Leipzig auch neu, weil die Gehaltsverhältnisse noch in der dritten Liga oder gar in der Regionalliga, also in den letzten ein, zwei Jahren sehr viel ausgeglichener gewesen sein dürften und man sich entsprechend in die neue Situation auch erst mal hineinfinden muss.

Das alles ist, auch wenn es nahe liegen mag, spekulativ. Nicht spekulativ ist, dass RB Leipzig in den letzten knapp zwei Jahren viele Abgänge hatte, die für die Konstitution der Gruppe sehr schwierig waren. Das fängt bei einem Stefan Kutschke im Sommer 2013 an, geht über einen Bastian Schulz im Winter 2013/2014 weiter und umfasste zu Beginn dieser Saison Timo Röttger und Tobias Willers. Spieler, die in unterschiedlichem Ausmaß das Gesicht des Teams mitprägten, in allen Situationen auf dem Feld und auf der Bank immer positive Teamplayer waren und auch abseits des Fußballs die Gruppe prägten und zusammenhielten bzw. ihr zumindest einen stabilen Kern gaben.

Der Umbruch in Bezug auf die Gruppenkernkonstitution ging dann im Winter und mit der Übergabe der Verantwortung an Beierlorzer weiter. Daniel Frahn irgendwo zwischen Bank und Tribüne. Genauso wie Sebastian Heidinger und Niklas Hoheneder. Dazu ein Fabian Franke, der noch in den letzten zwei Jahren auch viel Verantwortung übernahm, dauerverletzt. In letzter Konsequenz ist im letzten knappen Jahr fast die komplette Kerngruppe von RB Leipzig, auf der das soziale Gefüge basierte, entweder aus dem Verein oder zumindest aus der sportlichen Kerngruppe verschwunden.

Dass man diesen Aderlass irgendwann merkt, ist vermutlich nur allzu normal. Eben weil auch stattdessen Spieler nach Leipzig kamen, die sofort zu 100% in sportlich tragende Rollen hineinwachsen sollten. Sprich, du machst einen Eingriff in eine funtionierende Gruppenstruktur, aus der du sportlich herauswachsende, aber menschlich zentrale Spieler herauslöst und/oder an den Rand schiebst und hoffst, dass sich die Gruppe mit neuen Spielern trotz Sprachbarrieren binnen kürzester Zeit wieder aufrappelt und zu 100% produziert.

Vielleicht hätte das ja sogar funktioniert, wenn man in einen sportlichen Flow gekommen wäre, der ein paar der Problemlagen bzw. Gruppenerfordernisse überdeckt hätte. Aber mit jedem Misserfolg schien der Zweifel an den Strukturen, die ja mit Beierlorzer auch noch einen neuen Chef kriegten, größer zu werden bzw. schienen die Qualitäten der Gruppe, auch als Gruppe aufzutreten, immer weniger auszureichend.

Es geht hier gar nicht darum, der Mannschaft den Willen abzusprechen oder einen faulen Apfel zu enttarnen, der das Klima vergiftet, oder ähnlichen Quatsch, den man von außen sowieso nicht beurteilen kann. Ante Rebic wird ja zum Beispiel gern als fauler Apfel verkauft, scheint aber im Mannschaftskreis bei allem, was man sehen kann, vollständig akzeptiert und integriert zu sein.

Es geht hier letztlich nur um die Feststellung, dass sich das Team RB Leipzig in den letzten zwei Jahren enorm verändert hat und hierbei vor allem Spieler weggebrochen sind, die den immer wieder von allen Beteiligten gelobten Geist des Teams ursprünglich ausmachten und zentral prägten. Wenn man diese Bausteine wegnimmt und mit Beginn der Rückrunde die nächsten Bausteine enteiert (nicht umsonst zeigte sich ein Daniel Frahn zuletzt öffentlich unzufrieden über den Umgang mit ihm), dann ist es nur folgerichtig, dass man diese Veränderungen im Auftreten des Teams auf dem Spielfeld eben auch merkt.

Nichts gegen einen Dominik Kaiser, nicht mal als Kapitän. Er ist ein guter Typ und wichtiger Spieler, aber sicherlich auch nicht unbedingt jemand, der die Rolle, das Team zusammenzuhalten, allein ausfüllen kann. Was ähnlich für Tim Sebastian gilt, der im Spiel beim FC St. Pauli als Kapitän auflief. Eine Rolle, die Tim Sebastian schon in der Saison 2010/2011 bei ordentlichen Problemen im Mannschaftsgefüge nicht allzu gut tat.

Wenn man darüber nachdenkt, wer in Richtung nächste Saison zentrale Rollen auch über den sportlichen Bereich hinaus ausfüllen kann, dann bleibt man neben Kaiser und Sebastian vielleicht noch bei einem Terrence Boyd hängen (von dem man aber auch nicht weiß, wie weit es ihn sportlich noch tragen wird) oder in Ansätzen einem Fabio Coltorti. Ein Rani Khedira könnte mittelfristig in so eine Rolle wachsen, aber auch er ist in Sachen Extrovertiertheit nicht gerade ein Tobias Willers. Dem kommt aber sowieso maximal ein Terrence Boyd nahe.

Ralf Rangnick hat sicherlich Recht, wenn er betont, dass man 11 Spieler braucht, die Verantwortung übernehmen wollen. Und trotzdem braucht man auch eine Mannschaftsstruktur und -hierarchie mit nicht nur sportlich zentralen Akteuren, die den einzelnen Gruppenmitgliedern Vertrauen und im nötigen Umfang auch Wir-Gefühl vermittelt. Es wird sicher einige Zeit brauchen, damit aus der Mannschaft, wie man sie jetzt hat und wie man sie nächste Saison nicht wiedersehen wird, wieder eine Gruppe entsteht, die genau dieses Vertrauen aufeinander und nicht die anstehende Integrationsaufgabe betont.

Vor dem Hintergrund, dass man auch in diesem Sommer die Mannschaft wieder ordentlich umbaut und auf jeden Fall mit Frahn, aber wohl auch mit Heidinger und Hoheneder weitere Zorniger-Kernspieler ausscheiden, wird dieser Prozess sicherlich nicht einfacher. Man wird garantiert wieder ein Team zusammenstellen, dass fußballerisch viel Potenzial und mit Spielern wie Forsberg und Poulsen auch viel Bock auf Fußball hat, alles andere muss man abwarten.

Den Bock auf Fußball hat man Forsberg, Poulsen und Co schon in den letzten Wochen deutlich angemerkt und in ein paar guten Spielen wie in Bochum und Kaiserslautern oder gegen Düsseldorf und Union hat man auch gesehen, wie es aussieht, wenn die Gruppe ihren fußballerischen Fähigkeiten vertraut. Man hat allerdings an verschiedenen Stellen wie zum Beispiel in Braunschweig, Karlsruhe oder gegen Sandhausen auch gesehen, wie wenig Substanz das Team hat, wenn man mal in schwierige Situationen kommt und wie schnell man dann auseinanderbrechen kann.

Egal wie man es nennt und ob man sich an Begriffen wie Führungsspielern oder Typen abarbeiten will: Fakt ist, dass das von außen sichtbare Auftreten von RB Leipzig in den Spielen in diesem Kalenderjahr den Schluss nahe legt, dass man als soziale Gruppe aktuell nicht denselben Zustand des gemeinsamen Agierens,  Füreinanderspielens und Vertrauens in den Nebenmann hat wie noch vor einem Jahr. Das ist relativ normal angesichts der Art, wie man versucht, immer wieder Umbrüche anzuschieben, ist aber ein Problem, das es zu lösen gilt, will man in der kommenden Saison tatsächlich konstant ganz oben mitspielen.

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5 Gedanken zu „Umbruchsituation a.k.a. keine Führungsspielerdebatte“

  1. Kann den Ausführungen nur bedingt folgen.da es hier nicht um eine Kindergartengruppe oder Schulklasse handelt .denen gesagt werden muss was Fussball ausmacht.
    Gerade in den Auswärtsspielen sollte es erst recht anspornen vor negativ eingestellten Publikum zu spielen und seine Qualitäten zu zeigen.schliesslich schaffen es ja auch unsere Gegner gerade wenn es gegen uns geht 120 Prozent zu geben und daraus Motivation zu ziehen.
    Das es sicherlich schwierig ist Lauf und Passwege zu verinnerlichen wenn ständig neue Spieler eingefügt werden müssen ist schon klar.aber das ist ja auch nicht RB Spielphilosophie.Also geht es nur über Laufbereitschaft, technischer Finesse und Kampf siehe Forsberg.
    Die Mannschaft sollte einfach mit den Vorhanden Spieler zusammengefügt abgestimmt und eingespielt werden.
    Bin ja dann auch mal gespannt wie ein Herr Selke „gefüttert“ werden soll.da er Hauptsächlich von Flankenläufe und Grundlinien durchbrüchen profitiert und nicht Pass, Pass bis zur Torlinie.Mann darf gespannt sein.

  2. Sehr treffende Analyse mal wieder. Vielen Dank.

    Generell ist der Umbruch schlicht nötig. Endzwanziger mit Zweitliganiveau, aber eben auch nicht mehr, müssen für den nächsten Schritt nunmal weichen. Ob das wie richtig ist, darüber kann man allerdings gern streiten. Rangnicks ‚ich hab den Fussball erfunden‘ Attitüde geht einem da gern mal auf den Keks.

    Sei es drum. Es werden noch einige Zugänge kommen und mancher auch gleich wieder den Rebic machen. Bis sich ein stabiler Teamkern formt, das kann dauern. Nächste Saison kann da ganz schwer werden. Wenn jeder den Aufstieg fordert / erwartet, das ganze aber von einem nicht gefestigten Team getragen werden soll – das kann leicht gründlich nach hinten losgehen. Mit Aufstiegsschwung und Welpenschutz ist dann jedenfalls nix mehr.

  3. Rangnick ist ja gleich im anschließenden Spiel widerlegt worden. Vielen Dank für deine klasse Kommentierung.

  4. @buba:

    „sollte [..] anspornen“ und „[…]seine Qualität zeigen“ sind eben genau das problem. ein „sollte“ ist eben nicht ein „spornt an“. Genau darauf versucht matthias (rotebrauseblogger) hier einzugehen. Fakt ist einfach, dass du im Fußball immer und immer wieder siehst, wie schnell eine gruppe emotional auseinanderbrechen (oder über sich hinauswachsen) kann innerhalb nur weniger minuten ein und desselben spiels.

    eigentlich weiss jeder fußballer, dass man ein spiel auch noch gewinnen kann auch wenn es 0:1 steht. ja sogar ein 0:3 kann man theoretisch umdrehen … aber … und jetzt kommt das große aber: es ist neben können und „qualität“ eben auch eine „WOLLEN“ frage. wenn du 20 spiele, die du 0:1 hinten lagst verloren hast sinkt bei vielen einfach der mut und mit fehlendem mut und „wollen“ wird es noch schwerer ein tor zu schiessen.

    und genau hier setzen eben besagte „führungsspieler“ an. auch wenn das ganze team abtaucht, sind sie noch auffällig.. und machen eben die wichtigen tore oder aktionen.

    achte doch mal auf die körpersprache der spieler in den unterschiedlichen situationen… bei einem 0:1 mit etwas hängenden schultern und leichter verunsicherung .. und die veränderte körpersprache wenn es auf einmal wieder 0:1 steht.

    ich muss da immer an das spiel in liga 3 gegen dortmund II denken .. wir lagen 0:3 zurück … schießen den ausgleich (danke timo!) und hätten fast noch das 3:4 geschossen in der letzten minute!

    und genau das fehlt eben zur zeit! (bis auf das 2:1 gegen darmstadt)
    noch letztes jahr machte ich mir keine gedanken wenn es 0:1 stand .. ich wusste immer: da geht noch was

    diese saison hatte ich sogar „angst“ wenn es nur 1:0 stand.. weil man oft nicht das gefühl hatte, dass sogar ein 1:0 viel bewirkt und es immer fehler gibt die ein 1:1 (und auch mal ein 1:2) folgen lassen. (und man sobald der ausgleich kam selten das gefühl hatte die spieler würden wollen. da fehlte es an spielern die vorangehen und alle mitziehen.

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