32.Spieltag – 2.Bundesliga 2014/2015

Wenn etwas als großer Erfolgsfaktor gesehen wird, dann ist es ja meist das Team. Erst wenn ein solches gewachsen sei, könne man wirklich Erfolge feiern, so die daraus resultierende These. Es sei denn, man kann mit dem klugen Einsatz von viel Geld die individuellen Qualitäten so stärken, dass sie über dem Team stehen.

Sieht man sich mal die aktuellen Zweitligateams an und wie lange sie wirklich Zeit hatten zusammenzuwachsen, dann fällt auf, dass Darmstadt so etwas wie die Antithese dazu ist, dass etwas Zeit brauche, um zu wachsen. Denn in Darmstadt spielen die 11 meisteingesetzten Spieler im Schnitt gerade mal seit reichlich eineinhalb Jahren zusammen. Bemerkenswert auch, dass zehn der elf Stammspieler erst unter Trainer Dirk Schuster in den Verein kamen. Und der elfte (Hanno Behrens), also der einzige, der schon länger da ist (nämlich seit drei Jahren), wird den Verein im Sommer verlassen.

Darmstadt ist ergo komplett Schuster-Club. Der Trainer hat den Verein binnen kürzester Zeit mit seinen Spielern und nach seinem Gusto besetzt. Alterstechnisch irgendwo im oberen Drittel der Liga hat man einige Erfahrung an Bord und Typen, die perfekt zusammenpassen, sich extrem schnell zu einem Team zusammenfanden und den von Schuster als zielführend angesehenen Fußball spielen. Heißt auch, dass die Daten gegen die These sprechen, dass der Erfolg des Vereins auf lang angelegter, strategischer Arbeit beruht. Die Daten legen vielmehr nahe, dass der Erfolg und Aufstieg des Vereins identisch ist mit der Personalie Dirk Schuster, der alle Erfolgspuzzlestücke selbst implementierte.

Das Gegenstück zu Schuster ist quasi Kaiserslauterns Kosta Runjaic, der auch nach reichlich eineinhalb Jahren im Kern auf ein Team setzt, das schon vor ihm da war. Lediglich einer der elf meisteingesetzten Spieler ist erst nach Kosta Runjaic nach Kaiserslautern gewechselt. Was man durchaus bemerkenswert finden darf, zumal der Trainer sehr erfolgreich arbeitet.

Interessant, dass es in der zweiten Liga keinen einzigen Trainer gibt, der länger im Verein ist als all seine 11 Stammspieler. Selbst die Trainerdauerbrenner Lieberknecht und Schmidt haben jeweils eine zentrale Spielerfigur, die ihre sieben bzw. reichlich siebeneinhalb Jahre noch mal übertrumpft. Nicht ganz zufällig, dass ausgerechnet diese beiden Trainerdinos eine Stammelf zur Verfügung haben, die im Vergleich mit den anderen Zweitligisten schon relativ lange zusammenspielt. Wobei wohl in Braunschweig ein Umbruch ansteht, der diese Zahlen verändern wird.

Auffällig auch der TSV 1860 München, der nicht nur die jüngste Stammelf der Liga hat, sondern diese Spieler auch nach Darmstadt am wenigsten lang zusammenspielen. Die Quittung für diese Mischung aus Talent ohne Erfahrung und Teambuilding in progress als Folge ewiger Unruhe in der sportlichen Führung ist aktuell ein Abstiegsplatz. Schwierig für die vielen jungen Spieler im Team, sich in dieser Situation und ohne funktionierendes Mannschaftsgerüst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Alterstechnisch am höchsten ist man bei Clubs wie Aalen, Frankfurt, Sandhausen oder auch Darmstadt, Aue und Bochum unterwegs. Wenig überraschend, weil man sich Talent mit der selben Qualität wie bei langjährigen Zweitligaspielern schlicht wirtschaftlich nicht leisten kann. Wobei gerade in Aue im Winter ein Umdenken stattfand, das sich in den hier gewählten Saisonbilanzen noch nicht niederschlägt.

Am jungen Ende der Alterstabelle steht nach 1860 Aufstiegskandidat Kaiserslautern, die es verstanden haben, das vorhandene Talent gewinnbringend einzusetzen. Ganz einfach auch, weil sich das Team schon längere Zeit kennt und Talente wie Zimmer, Orban oder Heintz Raum bekamen, in ihre Rollen hineinzuwachsen. Inzwischen hat man eine sehr gute Mischung und unter anderem die meisten deutschen U21-Nationalspieler aller deutschen Clubs. Klingt Richtung Zukunft nicht schlecht, auch wenn manch Talent nur geliehen ist.

Relativ jung geht es auch in Nürnberg zu, bei denen es nicht überrascht, dass sie nach dem sommerlichen Umbruch mit einem jungen Team nicht ganz oben angreifen konnten in der zweiten Liga. Wenn sie ihre Talente halbwegs zusammenhalten können und sich die Zei nehemn, wieder zu einem neuen Team zusammenwachsen, dann wird man sie aber schon bald wieder auf der Rechnung haben müssen.

RB Leipzig ist zumindest in Bezug auf die 11 meisteingesetzten Spieler entgegen der hierzulande gern gepflegten Wahrnehmung bei weitem nicht das jüngste Team der Liga, sondern diesbezüglich im Schnitt auf Augenhöhe mit St. Pauli, Braunschweig oder Fürth, also Teams, die man nicht unbedingt als Talentschmieden auf dem Zettel hat. Die erfahrenen Defensivstützen Coltorti, Sebastian, Compper mit im Schnitt über 31 Jahren machen dies möglich. Wobei es auch bei den meisten anderen Teams zu beobachten ist, dass man ein paar wenige Stützen um oder über die 30 hat.

Letztlich ergibt sich aus den Zahlen nicht zwangsläufig ein Erfolgsmodell. Man kann mit einer schon länger zusammenspielenden Mannschaft (Braunschweig, Kaiserslautern, Ingolstadt) genauso Erfolg haben wie mit einer relativ frisch zusammengestellten (Darmstadt, Karlsruhe). Und man kann mit einem jungen Team (Kaiserslautern, Braunschweig) genauso erfolgreich sein wie mit einem sehr erfahrenen (Darmstadt). Was offenbar eher nicht geht, ist jung und noch nicht so lange zusammen (1860) und mit Abstrichen auch alt und schon länger zusammen (Aalen).

Wobei länger zusammenzuspielen in einer Spielklasse mit vier Teams, die die Liga jedes Jahr mindestens wieder verlassen und mit Talenten, die immer auch darauf schielen, ob sie nicht doch noch den Absprung Richtung Bundesliga oder zumindest Richtung eines Teams mit guten Bundesligaperspektiven kriegen, ein ziemlicher Luxus ist, den man sich entweder leisten oder durch Bindung über weiche Faktoren herstellen können muss.

[Platz = Tabellenplatz vor dem 32. Spieltag; Treue = Schnitt der Jahre, die die elf in dieser Saison meisteingesetzten Spieler schon im Verein spielen (Basis sind gerundete Werte: ein Spieler, der im Sommer 2014 zum Verein kam, wurde mit einem Jahr gezählt, ein Spieler der in der Winterpause 2013/2014 kam mit eineinhalb, usw.); Alter = Durchschnittsalter der elf meisteingesetzten Spieler; Trainer = Jahre, die der Trainer bereits im Verein ist; Spieler = Anzahl der Spieler pro Verein, die erst nach dem Trainer kamen (was oft, aber nicht immer heißt, dass sie auch vom Trainer ausgesucht worden, manche Transfers waren schon vor der Trainerwahl fix)]

PlatzTreueAlterTrainerSpieler
Ingolstadt12,6826,51,583
Kaiserslautern23,0025,21,671
Darmstadt31,6827,22,4210
Karlsruhe42,0026,13,1710
Braunschweig53,2725,97,0010
Leipzig62,4525,80,250
Düsseldorf71,8227,50,250
Union82,5926,60,923
Heidenheim93,2726,27,6710
Nürnberg102,0925,40,500
Bochum112,3627,00,420
Sandhausen121,8627,31,929
Frankfurt132,3627,63,428
Fürth141,9525,90,250
St. Pauli152,7325,90,420
Aue162,7727,20,671
1860171,7325,10,250
Aalen182,5527,91,927

—————————————————-

32. Spieltag

  • Fortuna Düsseldorf – VfR Aalen – 1
  • FSV Frankfurt – TSV 1860 München – 1
  • RB Leipzig – SV Sandhausen – 1
  • 1. FC K’lautern – FC St. Pauli – 1
  • 1. FC Union Berlin – FC Erzgebirge Aue – 0
  • 1. FC Nürnberg – Eintracht Braunschweig – 1
  • VfL Bochum – FC Ingolstadt – 0
  • 1. FC Heidenheim – SpVgg Greuther Fürth – 1
  • Karlsruher SC – SV Darmstadt 98 – 1

Bisherige Tippquote: 115 von 279 (Quote bei RB-Spielen: 11 von 31)

Flattr this!

2 Gedanken zu „32.Spieltag – 2.Bundesliga 2014/2015“

  1. Übrigens zu deinem Twitter-Comment zum Spiel Bochum – Ingolstadt: „Da bist du 70 Minuten lang das deutlich reifere und spieltaktisch bessere Team und liegst trotzdem 1:2 hinten“. „70 min“ und „deutlich“ halt ich für zu übertrieben. Klar hat man vor allem in der ersten HZ den qualitativen Unterschied gesehen, ohne das da große Chancen für Ingolstadt bei rumgekommen sind. Und so wie sich der VfL nach der Pause immer mehr reingebissen hat, die Stimmung auf der Ost mit den jetzt gewonnen Zweikämpfen auch noch mal anzog, war es hintenraus ein verdienter Sieg und ein schöner Nachmittag auf der Osttribüne.

  2. @Wuppertaler: Ich kann es ja nur aus der Fernsehperspektive beurteilen, bei der Eigendynamik und Hochschaukelon mit dem Publikum meist hinter runter fällt. Spieltaktisch und von der ganzen Grundanlage her war Ingolstadt aus meiner Sicht tatsächlich 70 Minuten lang (ich lasse mich auch noch auf 65 Minuten runterhandeln ;-)) eine Klasse besser, nur in ihrer Überlegenheit viel zu lässig und unproduktiv. Dass sich Bochum dann reinbeißt und aufgrund der Chancen in den letzten 20, 30 Minuten sogar noch verdient gewinnt, würde ich sogar genauso sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.