Transfergerücht: Stefan Ilsanker

Transfergerüchte werden hier im Blog abseits der Presseupdates nur selten behandelt. Es sei denn die Gerüchte sind extrem verlässlich und sehr ernst zu nehmen oder im besten Fall gar offiziell bestätigt. Alles andere würde nur wenig Sinn machen, weil die Abfolge von Namen, die auf das Karussell geworfen werden, zu eng ist und mit immer höheren Spielklassen noch enger wird.

Die spezielle Konsitution von RB Leipzig und das öffentliche Bild vom Verein tun dabei ihr übriges, jeden jungen Spieler mit Leipzig in Verbindung zu bringen, der Bundesligapotenzial hat. Da bleibt manchmal der Eindruck als würde man an die Spieler, denen man Interesse eines Bundesligisten zuschreibt, automatisch auch ein „und RB Leipzig“ ranpappen. Die letzten Namen auf dieser Liste waren Niklas Stark aus Nürnberg und Marius Wolf vom TSV 1860 München (‚interessiert sind x, y, z und auch RB Leipzig‘).

Fakt ist, dass jeder Spieler in Deutschland (und viele darüber hinaus) bis 21 oder im Fall der Fälle bis 23, der nur halbwegs zwei relevante Einsätze in einer relevanten Liga hatte und eine gute Fußballausbildung genießen durfte, auf irgendeiner Scoutingliste von RB Leipzig stehen dürfte. Weswegen es natürlich einfach ist, den Verein immer gleich mit auf die gerüchteweise Interessensliste zu setzen. Ganz egal wie manifest das Interesse dann am Ende wird.

Sich an dieser Stelle mit Stefan Ilsanker zu beschäftigen, den Ralf Rangnick gern nach Leipzig locken würde, hat nicht den Hintergrund, dass dies ein Wechsel wäre, der direkt vor der Tür steht (was sein kann oder nicht), sondern liegt eher an einer skurrilen Geschichte, die unter der Woche in Österreich passierte. „Wir singen Scheiß RB Leipzig“ hatten laut Kurier Fans von Red Bull Salzburg am Rande einer Pokalpartie in Grödig wegen der Gerüchte um einen Wechsel Ilsankers nach Leipzig gerufen. Stefan Ilsanker ist in Salzburg Fanliebling und entsprechend ist man wenig amüsiert, dass ausgerechnet er nun den Verein verlassen soll. Und dann auch noch zum Bruderclub aus Leipzig, den man in Salzburg nicht mehr ganz so brüderlich wahrnimmt, wenn er anfängt die in Österreich beliebten Spieler abzuschleppen.

Wobei der reale Hintergrund natürlich weniger ein ‚Leipzig klaut Salzburg die Spieler‘, sondern eher ein ‚gute Spieler in Österreich wollen irgendwann weg aus Österreich‘ ist. So auch bei Stefan Ilsanker, der mit seinen 25 Jahren und nach über 10 Jahren Salzburg (mit Zwischenschritt in Mattersburg) den nächsten Schritt ins Ausland machen will. Entweder auf dem direkten Wege in eine europäische Topliga oder (wovon ihn Rangnick zu überzeugen sucht) über den Umweg RB Leipzig. Fakt ist, dass Ilsanker weg will und es dabei nicht um die Frage Leipzig oder Salzburg, sondern um die Frage Leipzig oder gleich in eine Topliga geht (falls Leipzig noch aufsteigt, könnte aus dem oder ja auch noch ein und werden).

Diese gar nicht so spitzen Spitzfindigkeiten von der geringen Attraktivität der österreichischen Liga, aus der man irgendwann weg will, wenn man zu den besten Spielern der Liga gehört, müssen natürlich fürs konkrete Fanempfinden nicht relevant sein. Zumal die Unmutsäußerungen aus dem Salzburger Anhang auf ein ganz reales Problem verweisen, dass der Club hat, spätestens seitdem er vor zweieinhalb Jahren von Ralf Rangnick sehr erfolgreich in einen Durchlauferhitzer für Talente umgewandelt wurde.

Gewissermaßen ist es der Fluch der guten Tat, der dazu führte, dass Salzburg in den letzten und kommenden Monaten zentrale Spieler verlor und verlieren wird. Kampl, Mané, Alan und Ramalho sind die hervorstechendsten Namen einer Entwicklung, die vor allem ja erst mal ein Kompliment ist für die gute Arbeit, die man in der Entwicklung von Spielern vor allem unter Roger Schmidt geleistet hat. Ein Kevin Kampl kam 2012 als vielversprechender, in der deutschen zweiten Liga beim VfR Aalen gestrandeter Spieler, stellte sich zwei Jahre lang in Salzburg erfolgreich ins Schaufenster und konnte so in Dortmund einen ultimativen Vertrag über viereinhalb Jahre abstauben. Es hätte nicht viele andere Wege gegeben, auf denen dies möglich gewesen wäre.

Mané und Ramalho waren ähnliche Geschichten von Spielern, die einen Teil ihrer Karriere in Salzburg verbrachten, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Dabei steht im Hintergrund auch immer die Vereinsaussage, dass man Spielern, die sich in Salzburg so entwickelt haben, dass sie für den nächsten Schritt bereit sind, Wechsel in die Topligen immer ermöglichen werde. Kampl hatte ja entsprechend auch eine Ausstiegsklausel.

Damit ist für Salzburg natürlich das Problem verbunden, dass es schwierig wird, als Mannschaft eine Identität zu entwickeln, wenn die Spieler ihre Aufenthaltsdauer auf zwei, maximal drei Jahre beschränkt sehen. Aktuell stehen im Salzburger Kader nur noch sechs Spieler, die schon länger als zweieinhalb Jahre durchgehend im Club spielen. Mehr als die Hälfte des Kaders ist erst seit Saisonbeginn oder gar erst seit der Winterpause dabei. Und die nächste Generation junger Spieler von Ausbildungsclub FC Liefering steht wahrscheinlich schon vor der Tür.

Wirtschaftlich ist das, was Salzburg gerade macht, ein Schlaraffenland. Eine niedrig zweistellige Millionensumme netto hat Ralf Rangnick durch die Entwicklung von Talenten und ihren Weiterverkauf ohne großen Verlust sportlicher Qualität in den letzten zweieinhalb Jahren eingenommen nachdem Salzburg zuvor immer nur ein Ort war, an dem Geld bei Transfers verbrannt wurde. Auch sportlich gesehen ist die Geschichte nüchtern betrachtet interessant, bekommt man doch in Österreich so die Chance, jungen Topfußballern zumindest für einen gewissen Zeitraum beim Kicken zuzugucken, die vor Rangnick wohl noch einen Bogen um Österreich gemacht hätten.

Trotzdem bleibt das sich im „Scheiß RB Leipzig“ manifestierende Problem, dass der geneigte Anhänger bei der Geschwindigkeit des Talentdurchlaufs nicht zuerst die gute Arbeit, die geleistet wird oder die perfekten Bedingungen sieht, von denen die, die in der Nachwuchsförderung arbeiten, schwärmen, sondern er bei dem Tempo den Anschluss verliert. Klar, das Gesicht Salzburgs Jonatan Soriano bleibt erhalten. Und auch die ältere Fraktion um Leitgeb und Ulmer wird wohl den Club nicht mehr unbedingt verlassen wollen. Aber selbst ein fester Red-Bull-Jünger und Salzburger wie Martin Hinteregger hat seinen mittelfristigen Abgang gen England oder (na klar) Leipzig (falls da irgendwann mal Bundesliga gespielt wird) schon angekündigt. Von den Berishas, Quaschners, Sabitzers, Brunos, Laimers und Co mal zu schweigen.

Eigentlich läuft die Idee und die Arbeit Ralf Rangnicks nahezu perfekt. Junge Talente in den Club holen und sie wertsteigernd entwickeln bis sie reif sind, um ihnen im besten Fall die Perspektive Leipzig wie Honig ums Maul zu schmieren oder sie für ein paar Euro weiterziehen zu lassen. Bisher stimmte halt die Perspektive Leipzigs nicht, sodass sich Rangnick bei Kampl und Co die Zähe ausbiss im Versuch, ihnen einen Vertrag im Osten Deutschlands schmackhaft zu machen. Weswegen es Rangnick ja auch so wichtig ist, RB Leipzig schnell in die Bundesliga zu bringen. Um nicht bei der nächsten Generation an Talenten wieder auf Granit zu beißen.

Perfekt ist die Ausbildungsidee, wenn man es aus der Perspektive von sportlicher Leitung und den Spielern sieht, die die Möglichkeiten schätzen, die sich rund um Salzburg, Liefering und Leipzig bei der pass-, alters- und entwicklungsgerechten Ausbildung mit viel Spielzeit im ihnen entsprechenden Team bieten. Nicht ganz so perfekt aber offenbar für die Anhänger eines der Teams, die sich bei aller Freude über Talente und bei allem Wissen, dass große Fußballer nicht in Österreich alt werden, Korsettstangen wünschen, die ihnen länger erhalten bleiben als die üblichen zwei, drei Jahre.

Das hat mit RB Leipzig aktuell noch gar nicht viel zu tun, weil bisher vor allem Spieler von Salzburg nach Leipzig wechselten, die in Österreich den Sprung zum Stammspieler nicht ganz schafften. Aber es hat natürlich insofern mit Leipzig zu tun, weil der Fokus auf Leipzig Konsequenzen für Salzburg hat, die sich dort erst jetzt manifestieren, wenn Rangnicks allumfassende Aufbauarbeit in Sachen Talententwicklung beginnt Früchte zu tragen.

Letztlich wird der Spagat für Red Bull Salzburg zwischen (natürlichem und nicht nur wegen RB Leipzig, sondern auch wegen der österreichischen Liga) Durchlauferhitzer und eigener Clubidentität schwierig. Jeder Platz, der an einen 27jährigen ohne Perspektive für einen nächsten Schritt geht, ist ein Platz weniger für ein Talent und dürfte einem wie Ralf Rangick ein wenig schmerzen. Jeder 27jährige mit einer mittleren Salzburger Vereinsvergangenheit ist aber wiederum ein Gewinn für die Bindung an den Club. Die skurrilen „Scheiß RB Leipzig“-Rufe mit ihrem ernstem Kern darf man durchaus als Warnung verstehen, dass es nicht so richtig clever wäre, das Pendel in nur eine Richtung ausschlagen zu lassen.

Unabhängig von diesen Fragen will Stefan Ilsanker aus Salzburg weg. Und Ralf Rangnick müsste schon arg daneben sein, würde er nicht versuchen, dem 25jährigen angesichts dieser Tatsache die Perspektive Leipzig schmackhaft zu machen. Selbst wenn Ilsanker alterstechnisch außerhalb des einst postlierten Rahmens von 17 bis 23 liegt. Wobei Rangnick zuletzt eingeschränkt hatte, dass er für ältere Spieler im Gegensatz zu jüngeren keine Ablösesumme zahlen werde (Omer Damari war da wohl mal kurz außen vor). Zumindest dieses Problem hätte er bei einer Entscheidung Ilsankers für einen ‚internen‘ Wechsel ja nicht auf dem Tisch, an dem er bezüglich der Ablöse noch mit sich selbst verhandeln würde.

Schieben die sich schon wieder die Spieler hin und her, die Klage folgt einem solchen Gerücht stets auf dem Fuß. Aber auch hier gilt schon früher gesagtes, dass Spieler sich nicht verschieben lassen, sondern ihre Entscheidungen anhand von sportlichen Perspektiven und angebotenen Verträgen treffen. Sind die gut, wechseln sie eben von Salzburg nach Leipzig (wie Teigl und Hierländer) oder eben nicht (wie Kampf und Ramalho). Klar hat Ralf Rangnick einen gewissen Heimvorteil, weil er auf Salzburger Spieler trifft, die schon gesehen haben, dass man sich unter seiner Ägide sehr gut entwickeln kann und dieses Wissen im Fall der Fälle für den Spieler ein entscheidendes sein kann, um den Weg nach Leipzig zu gehen. In letzter Konsequenz steht jedem Spieler aber die Welt offen und er kann den Weg gehen, den er gehen will.

Auch Stefan Ilsanker wird den Weg gehen, den er für richtig hält. Als robuster, zweikampfstarker Sechser mit gewisser Körpergröße, der auch Innenverteidiger spielen kann, würde er ziemlich sicher gut zu RB Leipzig (aber auch in allerlei andere Vereine und Ligen) passen, die gerade auf der Sechs in Bezug auf große Spieler zuletzt unterbesetzt waren. Um seinen Platz im Team würde er sich dann wohl mit Rani Khedira streiten müssen. Dass beide zusammen im Mittelfeld auf dem Platz stehen, könnte man sich angesichts ihrer überschaubaren Offensivqualitäten nur schwerlich vorstellen.

Egal wie sich der österreichische Nationalspieler am Ende entscheiden wird. Sein angekündigter Abgang könnte Auslöser für eine intensivere Auseinandersetzung zum Salzburger Selbstverständnis sein. Der Leipziger Fußballanhänger kann sich das relativ entspannt anschauen, da es für den Zugang zum eigenen Team erst einmal eher uninteressant ist. Für einen Ralf Rangnick könnte der Entspannungsgrad in Bezug auf rationale Fragen nach Organisationsstrukturen schon wesentlich geringer ausfallen.

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