Topspiel als Chance

[Die Pressekonferenz vor der Partie von RB Leipzig beim 1.FC Kaiserslautern (20.04.2015, 20.15 Uhr) findet heute ab 10 Uhr mit Beteiligung von Achim Beierlorzer und Yussuf Poulsen statt. Der übliche Liveticker von der Veranstaltung muss leider wegen anderweitiger, fußballferner Verpflichtungen ausfallen. Die Veranstaltung gibt es als Video auch auf der Vereinshomepage.]

Ist schon erstaunlich. Da hat man ein Fußballjahr 2015, das für RB Leipzig sportlicherseits ein wenig vor sich hinplätschert und zwischen Hoch und Tief lustig hin- und herschwankt, während im Umfeld vor allem über Trainer, Millionentransfers und Kritik am Verein debattiert wird. Und dann kommt aus der Kalten dann doch noch mal so ein richtiger Knaller um die Ecke. Das beste Team 2015 alias das mit Abstand heimstärkste Team der Liga gegen das beste Team der letzten Wochen (beides punktetechnisch gesehen). Am Montag Abend unter Flutlicht. Sportlicherseits ein Spiel, in dem alles drinsteckt, was man sich wünschen kann.

Rein von der Saisonbilanz her gehen die Gastgeber dabei als (zumindest leichter) Favorit durch. Sechs Heimsiege in Folge (die drei Heimunentschieden am Stück vom letzten Herbst schon lange vergessen), als einziges Team zu Hause noch ungeschlagen, erst eine Niederlage im Jahr 2015 (die war mit dem 0:2 in Frankfurt dafür umso depremierender). Kaiserslautern zieht in den letzten Wochen mit relativ großer Konstanz durch die Liga und hat sich entsprechend verdient auf Platz 2 vorgeschoben.

Mit dem Spiel gegen RB Leipzig wartet nun die Möglichkeit einen Big Point einzufahren, weil man einen möglicherweise noch mal Morgenluft schnuppernden Kontrahenten endgültig abschütteln und gleichzeitig Platz 2 sichern und ein (weiteres) Signal an die Konkurrenz senden könnte, dass man bereit ist, die Herausforderung Aufstiegskampf anzunehmen.

Zehn Punkte kann Kaiserslautern mit einem Sieg zwischen sich und RB Leipzig legen. In dann noch wartenden fünf Spielen nicht mehr gutzumachen. Vier Punkte Differenz wären es allerdings bei einer Niederlage. Kann man nun trefflich darüber streiten, ob diese Ausgangslage von den Gastgebern als Chance verinnerlicht wird, die zusätzliche Kräfte freisetzt oder eher hemmt, weil man im Hinterkopf hat, was man verlieren kann.

Bei allen Statistiken und bei allem, was in Kaiserslautern jenseits dieser gut läuft, kann man zumindest festhalten, dass die Bilanzen insgesamt auch nicht überirdisch sind. Sieht man mal vom 4:0 gegen überforderte Heidenheimer vor zwei Wochen ab, hat Kaiserslautern in den verbleibenden acht Spielen 2015 auch nur acht Tore erzielt und keines der Heimspiele mit mehr als einem Tor Differenz gewonnen.

Zuletzt zeigte man sich in Düsseldorf phasenweise erstaunlich unstrukturiert und nicht in der Lage, sich vom Druck der Gastgeber zu befreien oder ihn mit klaren Angriffsaktionen zu beantworten. Was nicht unverdient mit dem bitteren, weil späten Ausgleich bestraft wurde. Auch wenn man naturgemäß in Kaiserslautern der Meinung ist, dass der Elfmeter zum Ausgleich unberechtigt war.

Die ganz große Gala war in den letzten Wochen nur im Ausnahmefall dabei. In Berlin und in Karlsruhe setzte man im Gegenteil alles auf die Defensivkarte und ging folgerichtig mit zwei 0:0-Unentschieden vom Platz. Zwar bewies man damit, dass man defensive Qualitäten hat, wenn man den Fokus darauf legt, im Aufstiegskampf könnte es aber gerade im Endspurt vielleicht auch zu wenig sein, wenn man den sicheren Punkt über den Mut zum Dreipunkt-Risiko stellt.

Dass Kaiserslautern sechs Spiele vor Saisonende überhaupt so gute Chancen auf den Aufstieg hat, musste man vor der Saison nicht unbedingt erwarten. Eine ganze Armada erfahrener Spieler und oder Leistungsträger verließ den Verein. Idrissou, Occean, Zoller, Bunjaku, Simunek, Dick. Um nur ein paar zu nennen. Nicht alle waren ein Verlust, aber spätestens als kurz nach Saisonbeginn auch noch Kapitän Marc Torrejon, ein für Zweitligaverhältnisse überragender Innenverteidiger, den Verein gen Freiburg verließ, dachte man, dass dieser Aderlass nicht wirklich kompensierbar ist. Im Winter verließ nun auch noch Srdjan Lakic den Verein und wurde durch den leihweisen Rückkehrer Simon Zoller ersetzt.

Doch dieser ganze Umbruch tat dem Veren nicht schlecht. Ganz im Gegenteil besetzten Spieler die Lücken in einer Form, die man nicht unbedingt erwarten musste. Wobei gleich das enorm junge Innenverteidigerduo Willi Orban und Dominique Heintz einfällt. 22 Jahre bzw. 21 Jahre alt, in Kaiserslautern bzw. direkt in der Umgebung geboren haben sie die Lücke nicht nur aufgefüllt, sondern in ihr eine neue Stärke kreiert und eines der wundersamsten Innenverteidigerduos im deutschen Profifußball gebildet. Zumindest bis Heintz ausfiel und durch Tim Heubach (ehemals FSV Frankfurt), der in der Hinrunde noch sehr unsicher wirkte, inzwischen ohne Leistungsverlust ersetzt wird.

Überhaupt kann man feststellen, dass es im Kader kaum Ausfälle gibt und Trainer Kosta Runjaic fast aufstellen kann, wen er will und es ihm fast immer mit Leistung zurückgezahlt wird. Sodass der Komplettumbruch im Sommer nicht nur keine negativen Folgen hatte, sondern der 1.FC Kaiserslautern inzwischen gegenüber manchem Konkurrenten sogar noch den Vorteil eines in der Breite auf recht hohem Niveau ausgeglichenen Kaders hat. Wobei man hierbei mit drei sehr klugen Wintertransfers noch nachhalf. Simon Zoller, mit 15 Toren in 30 Pflichtspielen letzte Saison noch auffälligster Stürmer war schon angesprochen.

Dazu kam noch der polnische Nationalspieler Mateusz Klich, dem in Wolfsburg der finale Schritt zu den Profis zwar verwehrt blieb und der nach wenigen Einsätzen in der Hinrunde in der Regionalliga sicher auch noch Zeit braucht, der aber von seinem aktuellen Niveau her trotzdem ein sehr guter Zweitligaspieler und ein Bundesligaversprechen ist. Ausgeliehen hat man zudem noch den 20jährigen Erik Thommy vom FC Augsburg, der aktuell eher für die Positionen 12 bis 18 im Kader interessant ist. Nicht auszuschließen unter Runjaic aber, dass er auch plötzlich funktioniert, wenn er denn aus irgendeinem Grund von vielen Ausfällen plötzlich auf dem Platz steht.

Auffällig auch, dass der 1.FC Kaiserslautern nicht nur sportlich gut dasteht, sondern durch den Umbruch im Sommer auch die Basis geschaffen hat, dass man mit einem zukunftsfähigen Kader aufsteigen würde. Mit Dominique Heintz, Willi Orban, Kerem Demirbay, Jean Zimmer, Philipp Hofmann, Marius Müller und Amin Younes stehen gleich sieben Spieler im Kader, die in dieser Saison schon für die deutsche U21-Nationalmannschaft im Einsatz bzw. dort zumindest eingeladen waren.

Sieht man mal von Younes ab, der ein wenig im Kaderabseits steht, weil er oft zu verspielt und ineffektiv agiert und lässt man den vom HSV nur ausgeliehenen Demirbay außen vor, bleiben fünf sehr junge Spieler, von denen vier tragende Rollen im Verein spielen und einer (Müller) zum Torwart der Zukunft auserkoren ist, nachdem man Stammkeeper Sippel zum Saisonende ziehen lässt. Bedenkt man zusätzlich, dass vier der Spieler (bis auf Hofmann) auch noch aus der eigenen Jugend kommen, dann hat man in Kaiserslautern offenbar viel richtig gemacht. Für ein Zweitligaspitzenteam eine famose Bilanz.

Letztlich ist es aber nicht nur die Jugend, die Kaiserslautern ausmacht, sondern die Mischung im Team. Mit Tobias Sippel hat man einen noch gar nicht so alten, aber trotzdem enorm erfahrenen Torhüter. Gelbexperte Markus Karl und der mit sehr viel Dynamik beeindruckende, finnische Nationalspieler Alexander Ring geben dem Mittelfeld Struktur. Wie sehr Ring dem Spiel fehlt, wenn er ausfällt, merkte man in Düsseldorf, als seine Qualitäten nach hinten, aber auch nach vorn fehlten, um dem Spiel vielleicht die entscheidende Richtung in Richtung drei Punkten zu geben.

Dazu kommen noch die Außenverteidiger Schulze (ehemals Wolfsburg und Cottbus) und Löwe (ehemals Chemnitz und BVB), die im Fußball auch schon einiges gesehen haben, ein manchmal etwas eigensinniger Karim Matmour, der dafür durch Eins-gegen-Eins-Situationen Räume schafft und mit sieben Vorlagen bester Vorbereiter im Team ist. Nicht vergessen dürfte man auch den dänischen Nationalspieler Ruben Jenssen, der allerdings im Moment verletzt ist.

Kosta Runjac hat die vielen Talente und erfahrenen Korsettstangen zu einem mehr als vernünftigen Ganzen zusammengefügt. Der 1.FC Kaiserslautern gilt nicht zu Unrecht als im Spiel mit dem Ball stärkste Mannschaft der Liga, die im Hinspiel in Leipzig zudem eine hervorragende Pressingresistenz unter Beweis gestellt hat (wobei man gegen Düsseldorf unter Druck doch einigermaßen anfällig aussah). Wenn der Eindruck nicht täuscht, versucht man bei den Pfälzern inzwischen stärker aus Umkehrsituationen und über schnelles Spiel in die Tiefe zum Erfolg zu kommen, als über Ballbesitz und sicheres Aufbauspiel. Ohne letzteres komplett zu vernachlässigen.

Was manchmal dazu führt, dass es etwas wilder und nicht mehr ganz so geordnet wirkt wie noch in der Hinrunde. Trotzdem beherrscht man das Aufbauspiel aus der Abwehr heraus nach wie vor. Und wenn ein Willi Orban einen Pass über 40 Meter haargenau flach durch das Mittelfeld des Gegners irgendwo zwischen die Ketten zum Mitspieler spielt, geht wohl nicht nur Experten wie Roger Schmidt (der auf so etwas immer sehr stand) und Ralf Rangnick das Herz auf, sondern auch dem geneigten Fußballfan.

Wenn man beim 1.FC Kaiserslautern Schwächen ausmachen will, dann fällt vor allem die Chancenverwertung ins Auge, die im Ligavergleich irgendwo auf Augenhöhe mit RB Leipzig unterdurchschnittlich ist. Was einerseits daran liegt, dass man vor allem in der Hinrunde aus dem Ballbesitz heraus gegen tief verteidigende Gegner oft in Schusssituationen kam, die von vornherein nicht so vielversprechend waren und daran dass man im Ausspielen von Konterchancen nicht immer so effektiv agiert, wie es möglich wäre.

Erstaunlich vor dem Hintergrund des risikobehafteten Umbruchs im Sommer, des Setzens auf Eigengewächse und des eigentlich durchgehend spielerisch guten und sportlich angesichts der Voraussetzungen erfolgreichen Auftretens, dass es im Umfeld des 1.FC Kaiserslautern nicht immer ruhig, hocherfreut und entspannt zuging. Schon in der Hinrunde grummelte man sehr deutlich vernehmbar mit manchen Punktverlusten, in der Rückrunde war der Ärger nach der Niederlage in Frankfurt schon enorm hoch. Ganz schöne Erwartungshaltung in der Pfalz. Aber das kennt man in anderen Regionen der Republik natürlich auch..

Die Erwartunshaltung in Leipzig ist aktuell aber etwas indifferent. Geht es noch um was oder geht es um nichts mehr? So richtig einig ist man sich in dieser Frage noch nicht. Einig ist man sich nur, dass man aus Kaiserslautern gern Punkte mitbringen würde. Was angesichts von nur 15 Auswärtspunkten aus bisher 14 Spielen sicherlich ein anspruchsvolles Ziel ist.

Genährt werden die Hoffnungen durch das alles in allem recht souveräne Auftreten in Bochum. Dass dies keine Eintagsfliege war, diesen Beweis wird man bei der schweren Hürde Kaiserslautern erst noch antreten müssen.

Positiv rund um RB Leipzig, dass sich die Ausfallliste reduziert hat. Aktuell fällt wohl nur Terrence Boyd langzeitverletzt weiter aus. Für Rani Khedira dürfte die Partie trotz Wiedereinstieg ins Mannschaftstraining wohl noch zu früh kommen. Sebastian Heidinger ist nach dem zweiten Magen-Darm-Infekt in zwei Wochen sicherlich auch raus. Und Omer Damari dürfte nach zwei Verletzungswochen leider noch keine Option für die Startelf sein.

Nach dem Spiel in Bochum ist aber sowieso davon auszugehen, dass Änderungen in der Formation erst mal nicht geplant sind. Die 11 Spieler haben sich das Vertrauen erarbeitet und werden es (falls sie es nicht im Training verspielen) wohl auch in Kaiserslautern erhalten. Sprich, es bleibt vermutlich bei der Variante, die irgendwo zwischen 4-2-3-1, 4-1-4-1 und 4-3-3 zu verorten ist. Was dem sehr ähnlich ist, was der 1.FC Kaiserslautern spielt. Wobei bei den Gastgebern insgesamt ungefähr 15 Spieler die 11 Startplätze untereinander ausmachen.

Mögliche Aufstellungen:

  • 1.FC Kaiserslautern: Sippel – Schulze (Zimmer), Orban, Heubach (Heintz), Löwe – Karl (Ring) – Matmour, Ring (Klich, Demirbay), Stöger (Demirbay), Zoller (Zimmer, Stöger) – Hofmann (Zoller)
  • RB Leipzig: Coltorti – Klostermann, Sebastian, Rodnei, Jung – Kimmich – Teigl, Kaiser, Forsberg, Reyna – Poulsen

Gegen das Team mit dem höchsten Ballbesitz, der zweitbesten Passquote und den besten Zweikampfwerten der Liga braucht RB Leipzig sicherlich einen außergewöhnlichen Tag, um bestehen zu können. Herausragend bei den Gastgebern das dynamisch-spielstarke, aber auch zweikampfstarke Mittelfeld und das (wie auch immer besetzte) Innenverteidigerduo mit dem zweitbesten Zweikämpfer der Liga und der Kopfballwaffe bei Standards Willi Orban. Zudem ist Kaiserslautern per Kopf das zweitbeste Team der Liga hinter Darmstadt. Luftkämpfe sind im bisherigen Saisonverlauf nicht unbedingt das gewesen, worauf man sich in Leipzig verlassen konnte.

Kleinere Schwachstellen zeigen sich beim 1.FC Kaiserslautern vor allem dann, wenn der Gegner tief verteidigend auf die Pfälzer wartet. Das wird RB Leipzig aber ziemlich sicher nicht spielen. Kleinere Problemchen ergeben sich auch, wenn man Druck auf ihr Spiel ausüben kann (was schwer ist, aber Düsseldorf am letzten Spieltag phasenweise schaffte). Auch auf die Außenverteidigerpositionen kann man durchaus Druck ausüben. Chris Löwe ist links hinten ein guter mit großem Offensivpotenzial, allerdings kann man ihn durchaus mit physischem Spiel beeindrucken. Ein Matchup Poulsen-Löwe wäre da nicht uninteressant.

Letztlich dürfte Kaiserslautern die Bausteine für eine erfolgreiche Partie selbst in der Hand haben. Wenn man im Spiel mit dem Ball relativ fehlerfrei und pressingresistent agiert und dadurch selbst oft in der RB-Hälfte unterwegs sein und dort nach Ballverlusten aggressiv auf den Wiedergewinn des Ball gehen kann, dann liegen die Vorteile bei den Gastgebern. Wenn sie denn zudem vor dem Tor clever agieren. RB Leipzig ist dabei bei weitem nicht chancenlos, aber es wird mehr von der Mannschaftsleistung von Bochum und das auf höherem Niveau brauchen, um an drei Punkten schnuppern zu können.

Fazit: Es ist erstaunlicherweise das Aufeinandertreffen der aktuell heißesten Teams der Liga. Will man gar nicht wahrhaben, wenn man die Auftritte von RB Leipzig in den letzten Wochen verfolgt hat und spricht auch nicht unbedingt für die Liga. Tut dem Topspielcharakter aber keinen Abbruch. Und bei beiden Mannschaften stellt sich die Frage, ob sie stabil genug sind, in der durchaus nervenzehrenden Endphase der Saison ein solches Spiel, das durch allerlei ideologische Randerscheinungen auch noch ordentlich aufgeladen sein dürfte, erfolgreich über die Bühne zu bringen oder ob dies ihre Beine eher schwerer macht. Möglicherweise setzt sich auch der am Ende durch, der weniger das Gefühl hat, es gäbe für ihn in dieser Partie etwas zu verlieren, sondern die Chance etwas zu gewinnen im Blick behält.

[Wer das Spiel von RB Leipzig beim 1.FC Kaiserslautern nicht vor Ort verfolgen kann und am 20.04.2015, ab 20.15 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und Vereinsradio. Bilder gibt es live bei Sport1 und natürlich bei Sky.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. 1.FC Kaiserslautern

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