Was von Spieltag 26 bleibt

Stünde Vincenzo Grifo aktuell nicht nur bei der TSG Hoffenheim unter Vertrag, sondern auch auf dem Feld und wäre nicht ’nur‘ in die zweite Liga zum FSV Frankfurt ausgeliehen, die ganze Republik würde wohl in dieser Woche über ihn sprechen. Was hätte man dafür gegeben mitzuerleben, wie sich die bundesweite Presse in Superlativen und moralischer Empörung gegenseitig übertrifft. So muss es ein eher profanes „die frechste Unsportlichkeit dieser Fußballsaison“ tun (Focus). Ein Jammer.

Dass Vincenzo Grifo mit seiner elfmeterschindenden Flugeinlage, die eher eine spektakuläre Sprungeinlage war, wie man sie sicher nicht gelehrt bekommen würde, wenn Schwalben auf dem Wochentrainingsplan stünden, überhaupt durchkam, war fast noch spektakulärer als das dreiste Erschummeln eines Elfmeters. Schiedsrichter Markus Wingenbach wird die Szene sicherlich noch eine ganze Weile verfolgen.

Dass die Szene auch Vincenzo Grifo verfolgt, dafür dürfte der hiesige Boulevard schon sorgen. Vereinsseits zieht man sich bei der BILD auf diese alberne „Schlitzohr“-Interpretation, also so etwas wie die verbale Schutzschwalbe zurück. Dachte man eigentlich auch, dass diese Rhetorik-Zeiten lange hinter einem liegen würden.

Clemens Krüger, einer der FSV-Geschäftsführer nutzt nebenbei auch noch die Gelegenheit, um via BILD in den einst von Torsten Lieberknecht ausgerufenen „Pissverein“-Wettbewerb einzusteigen: „Wir sind in den letzten Jahren oft genug benachteiligt worden.“ Prima Grund, um sich mal eben durch eine Schwalbe einen Punkt zu sichern..

Das toppt man beim SV Sandhausen aber locker, deren Präsident Jürgen Machmeier Schiedsricher Wingenbach gleich mal Absicht beim falschen Elfmeterpfiff unterstellte. Was ja letztlich nur bedeuten kann, dass Machmeier behauptet, Wingenbach hätte die Partie aus persönlichen und/ oder finanziellen Interessen verschoben.

Sandhausen-Geschäftsführer Otmar Schork würde zwar nicht so weit gehen, dem Schiedsrichter kriminelle Machenschaften zu unterstellen, hat aber in der Rhein-Neckar-Zeitung auch „das Gefühl, dass wir hin und wieder von Schiedsrichtern benachteiligt werden, weil wir ein kleiner Verein sind“. Vier bis fünf Elfmeter habe man in der letzten Saison nicht gekriegt.

Wenn sich Vereine um den Titel des Pissvereins streiten, ist die Mutter aller Pissvereine und deren Sprecher Torsten Lieberknecht nicht weit, der nach dem Spiel seiner Braunschweiger gegen Ingolstadt beklagte, dass die Schiedsrichter nicht mutig genug seinen und die Eintracht deswegen nicht genug Elfmeter kriegen würde. Witzigerweise nannte er als Beispiel nicht nur eine Situation aus dem Spiel gegen Ingolstadt, sondern auch eine aus dem Spiel in Sandhausen. Ob der SV Sandhausen jetzt aus der eigenen Vorwurfsbilanz einen Nicht-Elfmeter abziehen muss, wird in der Pissverein-WhatsApp-Gruppe noch diskutiert.

Das Nachgerechne, wer wann welchen Elfmeter nicht gekriegt oder doch gegen sich gepfiffen bekommen hat und dies mit der eigenen Vereinsgröße zu begründen, ist ein wohl nie aufhörendes verschwörungstheoretisch angehauchtes Klagelied rund um den Fußball. Mit eher überschaubarem Unterhaltungswert. Fällt einem in dem Zusammenhang aber gleich wieder eine Verschwörungstheorie mit etwas mehr Unterhaltungswert nach der Partie von RB Leipzig gegen Union Berlin vor reichlich drei Wochen ein.

In einem Bericht zum Spiel und dem Drumherum wurde damals der Pfiff zum Elfmeter nach bereits zwei Minuten (tatsächlich eine ziemlich exakte Kopie dessen, wofür Braunschweig gegen Ingolstadt keinen Elfmeter bekam) analog zum Verschieben von Spielen durch die Stasi interpretiert. Und: „Der Schiri sprach und das Modell Red Bull war in der Fußballwelt offiziell erwünschter als wir Fans.“

Klar, unter Geheimdienst- und Verbandsverschwörung darf man es bei einem Verein wie RB Leipzig nicht machen. Was müssen das wohl für unglaubliche Mächte gewesen sein, die es im Hinspiel in Berlin schafften, zwei bis drei ganz reale Elfmetersituationen, die gegen Union gegangen wären, nicht zu Strafstoßpfiffen werden zu lassen? Tippe mindestens auf Mossad und UEFA.

Nicht tippen sollte man darauf, dass Darmstadt nach der Niederlage in Düsseldorf aus dem Tritt kommt. Sensationelles ist den Lilien bei der Fortuna trotzdem passiert. Sie haben verloren, obwohl sie eigentlich lange das bessere Team waren und in Führung hätten gehen müssen. Wann haben sie das eigentlich das letzte Mal erlebt? 2013?

Erheblich dran beteiligt an der Niederlage war Dominik Stroh-Engel, der in einer schwierigen Phase steckt und es in Düsseldorf schaffte aus drei Metern neben das leere Tor statt hinein zu schießen. Vielleicht war ja aber im Hinterkopf einfach nur die Sehnsucht zu groß, sich endlich mal wieder die Haare schneiden zu können, die er wie schon vergangene Saison so lange wachsen lassen wollte, bis man mal wieder verliert. War ‚die Haare schön‘ das Ziel, hat Stroh-Engel jedenfalls alles richtig gemacht in Düsseldorf.

Nicht so richtig viel richtig machten generell die Offensivabteilungen der Zweitligavereine. 11 Tore in neun Spielen am 26.Spieltag sind die geringste Ausbeute der Saison. 1,22 Tore fielen pro Spiel. Da nimmt sich das gestrige 2:1 von Bochum in Nürnberg richtiggehend als Spektakel aus. An den ersten 25 Spieltagen fielen in der zweiten Liga im Schnitt dagegen 2,48 Treffer pro Begegnung.

Das größte Spektakel liefert dabei der VfL Bochum, bei dessen Partien im Schnitt 3,15 Tore fallen. Die wenigsten Tore fallen dagegen bei RB Leipzig, wo ja eigentlich auf jedem zweiten Stichwortzettel was von Offensivfußball und Spektakel draufsteht. 1,88 Treffer pro Begegnung mit RB-Beteiligung sprechen eher eine gegenteilige Sprache.

Und weil wir weiter oben im Zusammenhang mit Strafstößen schon mal bei Urin waren. Irgendwas scheint in Heidenheim in vielerlei Hinsicht schief gelaufen zu sein, wenn die Urin-in-Bierbechern-auf-Wechselspieler-geworfen-Story stimmt. Vielleicht wollte man sich einfach nachdrücklich und konkurrenzlos den diesmal ironiefreien Titel Pissverein sichern. Mission geglückt, möchte man ihnen zurufen.

——————-

Kleine Tabellenspielerei. Für alle Teams in der ersten Spalte eine Art subjektives Ranking, welcher Rang den aktuellen Fähigkeiten der jeweiligen Mannschaft entspricht. In den anderen Spalten in der Reihenfolge: aktuelle Punktzahl, Punktzahl nach der Winterpause, Punktzahl in den letzten vier Spielen, Punkte in der Rückrunde.

SubjektivGesamtn WPletzte 6RR
Kaiserslautern146141118
Karlsruhe244111014
Ingolstadt3499613
Darmstadt445121116
Bochum535121214
Frankfurt634131016
Sandhausen732121112
Düsseldorf8398711
Braunschweig9385511
Leipzig10378810
Heidenheim1134969
Berlin123410713
München13269911
Nürnberg14347711
Aalen1524768
Aue1622859
Fürth1729668
St. Pauli1822659

Flattr this!

4 Gedanken zu „Was von Spieltag 26 bleibt“

  1. Hey rotebrauseblogger, was ist Dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen? Find ich nicht gut, die Formulierungen. Hängt vermutlich mit dem Ärger über den Becherwurf (voller Urin) der Heidenheimer Fans auf unsere Auswechselspieler zusammen (wie Guido Schäfer berichtete). Das ist an Geschmacklosigkeit wahrlich nicht zu überbieten und hat hoffentlich ein Nachspiel. Aber trotzdem, wir sollten uns nicht auf das Niveau runter ziehen lassen…

  2. @tomsen: Gar keine Laus, ist doch nur das ironische Spielen mit dem von Lieberknecht geprägten „Pissverein“ in verschiedenen Kontexten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.