Unterrepräsentierte Ost-Profifußballer?

Die FAZ vor eine paar Tagen mit einem interessanten Artikel bzw. mit einem Artikel anlässlich der jährlichen Wendegeschichten, in dem die interessante Zahl präsentiert wurde, dass von 274 Profis in der Bundesliga mit deutschem Pass lediglich 17 „aus dem Osten der Republik stammen“. Mit 6 Prozent seien die ostdeutschen Profis demnach deutlich unterrepräsentiert, weil der Bevölkerungsanteil das Dreifache betrage.

Zurückzuführen sei dies darauf, dass die Infrastruktur im Osten der Republik trotz Nachwuchsleistungszentren nicht gut genug sei, Trainer nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stünden und Spieler, die erst im hohen Jugendalter in einen Westclub wechseln würden, dementsprechend den Anschluss in Sachen Spielgeschwindigkeit und Co schon lange verpasst hätten und ihn gar nicht mehr aufholen könnten. RB Leipzig sei diesbezüglich eine Hoffnung im Osten, weil man dort die Mittel habe, nicht nur die Talente zu halten, sondern sie schon von früh an sehr gut auszubilden. Soweit die nicht uninteressanten Behauptungen auf der Basis einer empirischen Beobachtung.

Macht man sich mal den Spaß, die Daten für die zweite Liga zu testen, dann kommt man darauf, dass reichlich 9% aller Spieler mit deutschen Staatsbürgerschaften, die auch in Deutschland geboren wurden, in den fünf nicht mehr neuen Bundesländern geboren wurden. Dabei wurden nur jene Spieler betrachtet, die in der aktuellen Spielzeit auch mindestens vier Spiele für ihr Team absolviert haben. Würde man die Kader komplett betrachten, verschöbe sich das Bild unter Umständen etwas, da die Mannschaften in der Breite meist lokal aufgefüllt werden. Außerdem wurden in Berlin geborene komplett nicht dem Osten zugeschlagen, weil das Auseinanderdividieren nach Ost und West dort ziemlich mühsam wäre.

Während also der Anteil der geborenen Ossis (was noch nichts über deren Lebenswege aussagt) an deutschen Zweitligaprofis bei 9 Prozent liegt, betrug der Anteil der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen an der deutschen Gesamtbevölkerung Ende 2013 etwas mehr als 15%. Sprich, die These von der Unterrepräsentierung würde auch hier gelten, nur nicht in der Deutlichkeit wie bei der FAZ behauptet.

Genaugenommen ist aber ja nicht die aktuelle Bevölkerungsstatistik relevant, sondern jene aus den Jahren, in denen die Kicker geboren wurden, also irgendwo zwischen 1980 und 1995. Was sich natürlich nicht wirklich nachvollziehen lässt. Fakt ist, dass durch Abwanderung aus den neuen Bundesländer seit der Wende der Anteil vor 20 bis 30 Jahren wesentlich höher war als die angegebenen 15%. Sprich, der reale Anteil etwa das doppelte der 9% betragen dürfte, die der aktuelle Anteil der Ostprofis sind.

Ein wenig interessanter als dieser Vergleich mit Bevölkerungszahlen, sind allerdings Vergleiche, was die generelle Aktivität in Fußballvereinen angeht. Dabei entspricht die Anzahl der Vereine und Seniorenteams im Osten aktuell ungefähr dem Anteil, den sie laut Bevölkerungsstatistik haben müssten. Sprich, etwa 15 Prozent aller Fußballvereine und Seniorenteams aus dem Bereich des DFB kommen aus den neuen Bundesländern. Eine Zahl, die für die beim DFB verfügbaren Statistiken in den letzen 15 Jahen vergleichsweise konstant war.

Dagegen beträgt allerdings der Anteil der Juniorenteams in Ostdeutschland an der Anzahl aller Juniorenteams in Deutschland aktuell lediglich 10%. Was die Vermutung nahe legt, dass die Fokussierung auf die Ausbildung im Fußball in den entsprechenden fünf Bundesländern insgesamt nicht so hoch ist wie im Rest der Republik. Was durchaus damit zu tun haben könnte, dass man eben keine großen Bundesligaidole und -clubs vor der Nase hat, aber auch schlicht eine demografische Folge von alternder Bevölkerung, geringerer Geburtenrate und entsprechend weniger Heranwachsenden denkbar ist.

Der Anteil an ostdeutschen Nachwuchsteams lag noch im Jahre 2000 bei 12,7% und damit etwas näher am erwarteten Wert von irgendwas über 15%. Sprich, rein statistisch müsste die Anzahl profitauglicher, in Ostdeutschland geborener Fußballer künftig eher zurückgehen, wenn die Abnahme des Anteils der Juniorenteams (und auch der Mitgliederzahlen) als Indiz für eine geringer werden Talentebasis gelten kann.

Insgesamt legen die genannten Zahlen nahe, dass der Anteil der Profis aus dem Osten im Profibereich tatsächlich geringer ist als es der Bevölkerungsanteil und das in den Vereinsszahlen steckende Interesse am Fußball generell vermuten ließe. Wobei man vieles dabei nur schätzen kann, denn Zahlen für die Zeiträume zwischen 1980 und 1995 liegen in der Tiefe nicht vor und man kann nicht empirische Daten von heute beispielsweise 30jährigen mit Bevölkerungsdaten von heute vergleichen, wenn man eigentlich Aussagen über Zusammenhänge mit ihrem Geburtsort vor 30 Jahren machen will.

Weswegen die Zahlen nur Indizien sind. Als weicher Faktor sei hier deswegen noch darauf verwiesen, dass die heutige Profigeneration in welcher Form auch immer wendemitgeprägt ist. Gerade für junge Heranwachsende aus den neuen Bundesländern war die Zeit um 1990 herum eine besondere. Weil sie erst mal einen Zusammenbruch mit allerlei Brüchen, Existenzsorgen und Neuorientierungen darstellte. Eine Zeit, in der Fußball ein paar Jahre lang nicht wirklich die ganz große Relevanz hatte und entsprechend einige in den Achtzigern geborene Talente im Übergang zur neuen Welt auf der Strecke geblieben sein dürften.

Das gilt analog, wenn auch vermutlich in abgeschwächter Variante, für die in den frühen 90ern geborenen Fußballer mit Eltern, die nicht sofort an den Profifußball dachten, wenn sie über den Sport ihrer Kinder nachdachten. Dass der Einfluss eines gesellschaftlichen Umbruchs mindestens genauso wichtig gewesen sein dürfte wie die schlechteren Trainingsbedingungen im Osten (zumal die ganz große Verbesserung in der Jugendarbeit auch erst gegen 2000 begann und viele der heute älteren Profis gar nicht mehr traf), scheint auf der Hand zu liegen.

Die für die Gegewart interessante Frage dürfte wohl vornehmlich lauten, ob die quantitativen Einbrüche bei den ostdeutschen Jugendmannschaften und entsprechend bei den Jugendspielern (zumindest im Vergleich mit dem Rest der Republik) für hiesige Vereine nicht ein Standortnachteil sind oder ob eine Nachwuchsleuchtturm wie RB Leipzig (der man ja schon jetzt ist, wenn man auf die Tabellen der U17- und U19-Bundesligen guckt) tatsächlich dazu führt, dass die fußballspielende Basis vor Ort und nachhaltig ausgebildet werden kann und eventuell auch größer wird.

Bisher ist da viel Versprechung dabei und was sich davon in der Praxis tatsächlich einlösen wird, bleibt eher unklar. Weit gekommen in den Ligenpyramiden sind die bei RB Leipzig ausgebildeten Fußballer jedenfalls noch nicht (was bei gerade mal fünf Jahren Jugendarbeit auch nicht wundert). Mal ganz davon abgesehen, wo sie geboren sind.

Der eingangs erwähnte FAZ-Artikel wirft die nich ganz uninteressante Frage auf, wie sich eine statistische Verzerrung in Bezug auf die geographische Verteilung von Fußballprofis erklären lässt. Wobei die Verzerrung wohl nicht ganz so heftig ist wie behauptet, wenn man bedenkt, dass gerade der Anteil der jüngeren Bevölkerung im Osten durch Abwanderung deutlich geringer geworden ist.

Der angebotene Ansatz, dass die Qualität der Ausbildung bisher zu gering gewesen sei und es deswegen so wenige in Ostdeutschland geborene Fußballer gibt, die Profis wurden, befriedigt dabei nur partiell (wenngleich er sicherlich nicht irrelevant ist). Dazukommen dürften tatsächlich vor allem wendebedingte Brüche in den sportlichen Entwicklungen vieler junger Heranwachsender, für die und deren Eltern das runde Leder erstmal vielerorts in den Hintergrund getreten sein dürfte (wer die Zeiten als Fußballfan mitgemacht hat, wird diese Brüche auch bei sich gemerkt haben).

Der Wegfall wendebedingter Gründe und lokal auch die angelaufene, professionelle Nachwuchsausbildung in allen Dimensionen in Leipzig sollten dazu führen, dass perspektivisch der Anteil an Profifußballern aus dem Osten höher wird. Sprich, dass letztlich nur das einsetzt, was man von Generationen, die nie mit etwas anderem aufwuchsen als dem gesamtdeutschen Fußball und in Nachwuchsleistungzentren ausgebildet werden, erwarten kann, nämlich dass sie sich in so ziemlich allen Belangen an ihre Altersgenossen angleichen. Vermutlich sollte man in 10 bis 20 Jahren Diskrepanzen wie in den obigen Zahlen nicht mehr finden.

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In den fünf neuen Bundesländern geborene Fußballer in der zweiten Liga mit aktuell mindestens vier Einsätzen (Verein, Anzahl der Ostfußballer mit mindestens vier Einsätzen von Anzahl Anzahl aller in Deutschland geborener Fußballer – Name (Geburtsstadt)

  • Ingolstadt: 0 von 8
  • Düsseldorf: 0 von 6
  • Darmstadt: 1 von 15 – Ronny König (Lichtenstein)
  • Kaiserslautern: 2 von 13 – Chris Löwe (Plauen), André Fomitschow (Dresden)
  • Heidenheim: 3 von 15 – Tim Göhlert, Julius Reinhardt (beide Karl-Marx-Stadt), Philipp Riese (Neubrandenburg)
  • Karlsruhe: 1 von 13 – Dirk Orlishausen (Sömmerda)
  • Leipzig: 3 von 12 – Tim Sebastian, Benjamin Bellot (Leipzig), Daniel Frahn (Potsdam)
  • Braunschweig: 1 von 10 – Norman Theuerkauf (Nordhausen)
  • Fürth: 3 von 12 – Tom Mickel (Hoyerswerda), Florian Trinks (Gera), Tom Weilandt (Rostock)
  • Bochum: 0 von 12
  • Frankfurt: 1 von 11 – Alexander Bittroff (Lauchhammer)
  • Sandhausen: 0 von 12
  • Union: 1 von 16 – Toni Leistner (Dresden)
  • Nürnberg: 1 von 8 – Robert Koch (Löbau)
  • 1860: 1 von 8 – Kai Bülow (Rostock)
  • Aue: 2 von 11 –Nils Miatke (Drachhausen), Martin Männel (Hennigsdorf)
  • St. Pauli: 0 von 17
  • Aalen: 0 von 13

Bundesländer, aus denen die Spieler kommen (deutlich überrepräsentiert Sachsen, deutlich unterrepräsentiert Sachsen-Anhalt, normal repräsentiert die anderen drei Länder)

  • Sachsen: 10
  • Brandenburg: 4
  • Thüringen: 3
  • MV: 3
  • Sachsen-Anhalt: 0

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4 Gedanken zu „Unterrepräsentierte Ost-Profifußballer?“

  1. Sehr interessanter Artikel.
    Vernachlässigt aber mal den Quatsch mit den empirischen Zahlenvergleich Ost/West.
    Ich bin ein im Osten groß gewordener Sportfan und möchte nur feststellen. Der Osten war bekanntermaßen sportlich gesehen dem Westen Haushoch überlegen (nicht nur wegen Doping). Grund war, 1. ein straffes System der Erfassung, Sichtung und Auswahl (ESA) von jungen Menschen, beginnend teilweise schon im Kindergarten bis in die Schulen, 2.Konzentration der Talente in Sportleistungszentren und 3.Konsequente und umfassende Betreuung und Förderung der Talente und der Spitzensportler. Das sind nur 3 Merkmale der Erfolge. Wenn ich es also richtig sehe
    geht RB einen ähnlichen Weg. Das ist für mich ein Indiz, daß sich der Erfolg irgendwann auch einstellt und das damit auch zwangsläufig der Talentezuwachs aus dem Osten wesentlich größer wird. Also weiter so RB. Ich drücke die Daumen, natürlich auch für den raschen Aufstieg (wenn nicht in diesem dann im nächsten Jahr).

  2. „Genaugenommen ist aber ja nicht die aktuelle Bevölkerungsstatistik relevant, sondern jene aus den Jahren, in denen die Kicker geboren wurden, also irgendwo zwischen 1980 und 1995. Was sich natürlich nicht wirklich nachvollziehen lässt. Fakt ist, dass durch Abwanderung aus den neuen Bundesländer seit der Wende der Anteil vor 20 bis 30 Jahren wesentlich höher war als die angegebenen 15%. Sprich, der reale Anteil etwa das doppelte der 9% betragen dürfte, die der aktuelle Anteil der Ostprofis sind.“

    Versteh ich nicht.
    Der ostdeutsche Bevölkerungsanteil (an Gesamtbevölkerung) war – sagen wir 1995 – höher und ist seitdem durch Abwanderung & Demografie weiter gesunken: ok.
    Die heutigen 9 Prozent Anteil Ostkicker steigen doch aber dadurch nicht. Das ist doch der Quotient aus Gesamtzahl Kicker:Anzahl ostdeutsche Kicker und damit ein fixer Wert.

    Im Gegenteil: Setzt man den heutigen Anteil ostdeutscher Kicker in relation zum Bevölkerungsanteil von 1995 (und nicht 2014) wären es doch sogar weniger als 9 Prozent.
    😕

  3. @aufziehvogel: Das ist etwas missverständlich formuliert. Wollte nur sagen, dass die der ‚Ossianteil‘ vor 20 Jahren höher war als 15% und mit vielleicht 18% etwa doppelt so hoch war wie der daraus heute entstehende Anteil von 9% ‚Ossiprofifußballern‘, der natürlich ein fixer Wert ist.

  4. Was sicher auch noch hineinspielt: Im Westen gibt und gab es unter den Heranwachsenden deutlich mehr Migranten, welche es wiederum eher in den aktiven Fußball zieht als Deutsche.

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