Leipziger Fußball 2014/2015

Ein bisschen spät dran dieses Jahr mit einem kurzen Rundflug über den Stand im aktuellen höherklassigen Fußball in Leipzig. Sprich im Fußball Landesliga aufwärts. Dabei wird wie gewohnt der SSV Markranstädt als Umlandteam und RB-Geburtshelfer und der Rote Stern Leipzig als subkulturelle Bastion (aber sportlich nicht ganz so interessante Institution) gekonnt ignoriert. Auch eine Art Tradition..

Gibt ja aber auch so schon wieder allerlei neues im Leipziger Fußball, in dem scheinbar ein Jahr ohne Veränderung ein verlorenes Jahr wäre. Am hervorstechendsten sicherlich die Neugründung des FC International Leipzig, deren Zukunftsaussichten weiterhin unklar sind, weil man nicht so recht weiß, wie tragfähig die Idee, im Leipziger Osten Landesliga aufwärts spielen zu wollen, mittel- bis langfristig ist und wie sich das alles nachhaltig finanzieren lässt.

Zweite mehr oder minder einschneidende Veränderung ist die Insolvenz der einst als SG Leipzig Leutzsch gestarteten SG Sachsen Leipzig, die daraufhin keine Spiellizenz mehr erhielt und sich dazu entschloss, die Männermannschaft künftig bzw. vorerst als TuS Leutzsch II auflaufen zu lassen. Spielklasse ist die 1. Kreisklasse, wo man in vier Spielen unter Michael Breitkopf bisher 20 Gegentore und einen Punkt eingefahren hat. Im Nachwuchsbereich versucht man derweil weiter unter dem Label SG Sachsen Leipzig aufzulaufen und Zukunftssicherung zu betreiben. Eine Zukunft, die nach dem Auszug aus dem Leutzscher Alfred-Kunze-Sportpark mehr als unsicher ist.

Man könnte über die SG Sachsen und den Versuch, sich der BSG Chemie vor die Nase zu setzen, ihre Insolvenz bzw. die vielen Geschichten um den ehemaligen Vizepräsidenten Jamal Engel sicherlich noch einiges schreiben, aber letztlich ist es auch egal bzw. vornehmlich ein Thema für die Leutzscher Geschichtsschreibung. Mal sehen, ob es irgenwann noch mal ein tagesaktuelles, mindestens stadtweit interessierendes Thema wird. Von denen gibt es jedenfalls abseits des neuen Lieblings der Kreisklassen auch so genug.

RB Leipzig in einer neuen Übergangssaison

Vor der letzten Spielzeit in der dritten Liga war relativ klar, dass RB Leipzig eine Übergangssaison spielen würde. Wie das letztlich ausging, ist bekannt. Weswegen man mit neuen Proklamationen einer Übergangssaison auch vorsichtig sein sollte. Zumal der Saisonstart der RasenBallsportler ziemlich gut glückte. Und es wie in der vergangenen Saison nun auch in der zweiten Liga (noch) kein Team gibt, das man als Überfavoriten auf den Aufstieg benennen könnte.

Zudem scheint es eine Tendenz zum Fatalismus zu geben, die sich bei vielerlei Konkurrenten von RB und vor allem in deren Umfeld darin ausdrückt, dass man die RasenBallsportler als übermächtig und nicht aufhaltbar beschreibt. Eine Sicht der Dinge, die erstaunt, wenn man sich den sicher nicht schlechten, aber auch jungen und unerfahrenen, sicherlich jedoch nicht übermächtigen Kader von RB Leipzig im Detail anguckt. Eine Sicht der Dinge auch, die als eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung funktionieren könnte. Solange RB Leipzig stark reden, bis man gegen sie tatsächlich mit unheimlich viel Respekt anstatt mit Selbstvertrauen in die Spiele geht.

Von daher ist die Überschrift mit der Behauptung einer neuen Übergangssaison auch eher als Annäherung zu verstehen, denn einige Vorzeichen machen einen weiteren Durchmarsch sicherlich nicht von vornherein unmöglich. Ob ein Durchmarsch sinnvoll wäre, könnte man sich dann sicherlich wieder mal fragen. Sportlich gibt es da weniger Fragezeichen, denn jeder Aufstieg, den man sportlich erreichen kann, ist erst einmal ein guter Aufstieg. Für die Konstitution des Vereins, der organisatorisch und in seinem (Fan-)Umfeld in den letzten 15 Monaten seit dem Aufstieg in die dritte Liga mit dem Wachstum kaum Schritt halten konnte (bzw. typische Euphorieblasen bildete, deren Nachhaltigkeit anzweifelbar sind), wäre dagegen weiterhin ein Moment des Durchschnaufens und der ‚Neu’konstitution auf höherem Niveau sicherlich nicht ganz falsch.

Sportlich gesehen ist in diesem Jahr sicherlich ein Mitspielen in der oberen Tabellenhälfte bis hin zum oberen Tabellendrittel in mehr oder minder direkter Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen Pflicht bzw. Ziel. Das ist zumindest durch Kaderplanung und Leistungsstand im sportlichen Bereich gedeckt. Alles was darüber hinaus geht, wäre Bonus und erstens nicht zu erwarten und zweitens mit dem aktuellen, talentierten, aber unerfahrenen Kader ziemlich sensationell. Auch wenn das vom einen oder anderen Beobachter, der auf Gesamtetats und Transferausgaben (auch wenn die teuersten Spieler Bruno und Sabitzer gar nicht in Leipzig spielen) schielt, anders gesehen wird. Und auch wenn man dabei sicherlich noch beachten muss, dass die Winterpausentransferperiode das Bild noch mal verschieben könnte.

Fakt ist, dass RB Leipzig einen Kader zusammengestellt hat, der im Kern bereits relativ lange zusammenspielt und entsprechende Vorteile bei der Kenntnis des aggressiven Spielstils aufweist. Sprich, auch in Liga 2 keine langen Anlaufschwierigkeiten aufgetreten sind, weil die eingesetzten Spieler (von den Neuzugängen waren bisher lediglich Khedira und mit Abstrichen Compper längere Zeit auf dem Platz) mit ihren Aufgaben sehr vertraut sind und diese ziemlich gut umsetzen. Die noch einzubauenden Neuverpflichtungen haben zudem das Potenzial nach entsprechenden Anpassungszeiträumen, die individuelle Qualität im Team noch mal zu erhöhen und dann entsprechend auch den Qualitätssprung zu ermöglichen, der aus RB Leipzig eventuell ein konstantes Zweitligaspitzenteam macht.

Spieltaktisch hat sich eigentlich nicht viel verändert im Vergleich zum vergangenen Jahr. Weiterhin galt die Präferenz bisher einem aggressivem (Gegen-)Pressing in einem 4-3-1-2-System. Das durch die gute Morys-Form und den Ausfall der Zehner Kaiser und Fandrich zuletzt auch mal wieder seine Ergänzung durch das 4-3-3 mit zwei schnellen Flügelstürmern erfuhr. Jenes System also, das vor einem Jahr noch das System der ersten Wahl war.

Beide Systeme lassen sich ohne größere Anpassungsverluste spielen. Wobei ein Dreistürmersystem mit zwei Flügelspielern dahingehend anspruchsvoll ist, dass die drei Stürmer einerseits gegen den Ball die Lücken, die der fehlende Zehner hinterlässt, durch genaues Arbeiten mitschließen müssen und andererseits im Spiel mit dem Ball einer fehlt, der im vorderen Spieldrittel auch mal einen Ball durch seine technischen Fähigkeiten sichern und Situationen durch Passqualitäten auflösen kann. Auch dies ist natürlich durch Stürmer und nachrückende Achter auffangbar, aber die Vermeidung einer Lücke in der gegnerischen Hälfte ist durchaus anspruchsvoll.

Insgesamt befindet sich RB Leipzig in sportlich erstaunlich ruhigen Fahrwässern. Mit dem Spielstil hat man sich bundesweit einiges an Anerkennung eingeheimst und aufgrund der Erfolge der letzten zwei Jahre kann man in ziemlicher Ruhe arbeiten und ist auch für junge Talente interessant geworden.

Im nichtsportlichen Bereich ist es dagegen nicht ganz so ruhig. Die mediale Aufregung um die Zweitligalizenz war kaum verraucht, da setzte sich die bundesdeutsche Diskurs- und Meinungsmaschinerie in Gang. Keine Woche, in der nicht irgendwer irgendeine Meinung zu RB Leipzig hat und meint diese mitteilen zu müssen. Was nicht nur für Zeitungsredaktionen (und hier sowohl für positive, als auch für negative Meinungsäußerungen) und die entsprechend zitierten Prominenten von der A- bis hin zur bestenfalls C-Klasse, sondern auch für Fanszenen aller Zweitligaart gilt, die 2014 dann das Phänomen RB Leipzig auch entdeckt haben.

Was letztlich auf den sportlichen Output bei RB Leipzig nicht allzu viel Einfluss haben sollte. Dass es Gegenwind geben kann, hat die Mannschaft in den letzten Jahren schon an der einen oder anderen Stelle mitbekommen und vor allem damit umzugehen gelernt. Mehr noch war der Gegenwind an vielen Stellen ein motivierender Motor, der die RasenBallsportler zusammengeschweißt hat. Ein Faktor, den man auch nicht unterschätzen sollte.

Die konsolidierte Nummer 2

Man muss die Situation bei Lok Leipzig mit der vor einem Jahr vergleichen, um zu verstehen, wie sehr sich die Dinge dann doch zum positiven entwickelt haben. Vor einem Jahr war Lok ein Verein, der eigentlich auf allen vorstellbaren Ebenen nur Probleme hatte. Sportlich, wirtschaftlich, fankulturell und infrastrukturell. Inzwischen ist Lok ein Verein auf Konsolidierungskurs, ein Verein, der einige Probleme angegangen ist und sich entsprechend aktuell durchaus positiv entwickelt.

Hauptpuzzlestück neben der neuen Vereinsführung, die ja schon im letzten Frühjahr aktiv war, die Verpflichtung von Heiko Scholz, der seit seinem Amtsantritt im letzten Oktober eine funktionierende Mannschaft zusammengestellt hat, mit der er fast noch dem (zu erwartenden) Abstieg aus der Regionalliga in die Oberliga von der Schippe gesprungen wäre. Wobei der Abstieg vielleicht in der Gesamtplanung gar nicht mal so schlimm war, denn im Vergleich mit der Regionalliga fallen die Kosten geringer aus und das Mitspielen um den Aufstieg bis zum Saisonende (von dem man ausgehen kann) könnte sich eher positiv auf die Zuschauerzahlen auswirken und damit den Effekt der geringeren Attraktivität der Liga ausgleichen.

Neben den positiven sportlichen Effekten hatte Heiko Scholz aber sicherlich auch einige wirtschaftliche Auswirkungen auf Lok, denn nicht nur dass er selbst über den Finanzdienstleister ETL finanziert wird, den Scholz über seine guten Kontakte zu Firmengründer Franz-Josef Wernze (war mit seinem Geld auch mal beim 1.FC Köln im Spiel und finanziert akutell die Viktoria aus Köln) mit in die Ehe mit Lok einbrachte, die Firma ist inzwischen auch Hauptsponsor beim Club und ermöglichte so den einen oder anderen Spielertransfer. Weswegen man öffentlich inzwischen auch kaum noch Wehklagen über die (sicherlich auch weiterhin suboptimale, aber eben nicht mehr insolvenznahe) wirtschaftliche Situation in Probstheida hört.

Während sich infrastrukturelle Verbesserungen wohl nur langfristig denken lassen, bleiben noch die fankulturellen Probleme, die in Form eines Konflikts mit der vor einem Jahr mit einem Auftrittsverboten belegten Gruppe Scenario Lok, das kürzlich in ein unbefristetes Auftrittsverbot umgewandelt wurde, weiter schwelen. Die Gruppe sieht sich (das war bei einer Ultra-Guppe wie der ihren auch nicht anders zu erwarten) als essenzieller Teil von Lok, die Vereinsführung setzt auf die Zukunft des Vereins ohne mediales Negativimage. Zusammen kommen wohl in dieser Welt beide nicht mehr, zumal nachdem sich die Auseinandersetzung auch auf die Ebene der Beschädigung von Vereinsgegenständen und kürzlich einen Übergriff auf Lok-Sicherheitschef Martin Mieth im eigenen Stadion verlagert hat.

Sportlich gesehen musste man nach dem Abstieg ein paar Abgänge verkraften. Insbesondere Grandner, Seifert, Kittler oder Engler sind hier wohl zu nennen. Im Gegenzug holte man sich Talente um die 20 Jahre, die den Eigenantrieb mitbringen, sich selbst und damit mittelfristig den Verein zu verbesseren. Das Lok-Team ist in der Oberliga sicherlich kein Überteam, aber von der Besetzung her trotzdem einer der Topfavoriten. Zumal am Ende der Saison sehr wahrscheinlich zwei Mannschaften direkt in die Regionalliga aufsteigen werden.

Scheitert Lok an dieser Aufgabe, könnte es tatsächlich mal wieder ungemütlich werden in Probstheida. Mit 11 Punkten aus 5 Spielen ist man aktuell ganz gut, aber auch ausbaufähig gestartet. Irgendwas bei 2.500 Zuschauern im Schnitt ist auch ok und eine gute Basis für die Zukunft. Interessant in dem Zusammenhang auch die Veränderung in der Kommunikation bei Lok, wo auf den Social-Media-Kanälen inzwischen ein deutlich jugendlich-peppigeres Auftreten mit lokaler Note und sozialer Verantwortung gepflegt wird. Man scheint sich so ein bisschen in einer Leipziger Variante des Kultclub-Images zu versuchen. Inwieweit man damit durchkommt, wird man sehen.

Interessant auch, dass sich in dieser Saison auch schon wieder die Wege von Lok und RB Leipzig kreuzen. In der NOFV-Oberliga Süd wird es allerdings nur die RB-U23 sein, die versucht, Lok in die sportliche Suppe zu spucken. Der Aufstieg gehört beim RB-Nachwuchs sicherlich nicht zum engen Saisonziel. Drauf schielen tut man aber trotzdem, zumal nach 13 Punkten aus den ersten fünf Spielen, die die Tabellenführung bedeuten. Nimmt man noch Neugersdorf und die schlecht gestarteten Markranstädter dazu, dann hat man letztlich schon das Favoritenquartett für den Aufstieg. Könnte also sein, dass sich Lok und RB gegenseitig einen Aufstiegsplatz streitig machen. Leicht explosive Konstellation.

Grundsätzlich sollte Lok aber gegenüber RB Leipzig favorisiert sein. Wobei positiv in die Karten spielen dürfte, dass man erstmal seit längerem wieder mit einem Trainer in eine zweite Spielzeit geht, sprich sich auch die Möglichkeit ergibt, ein Team mit einem bleibenden sportlichen Konzept wachsen zu lassen. Heiko Scholz wird dabei aber auch zeigen müssen, in welche Richtung seine Trainerkarriere geht. Der ganz große Oberligaflop sollte es nicht werden. Aber Verein und Team scheinen trotz Scenario-Zoffs inzwischen schon wieder so weit gefestigt, dass man daran glauben kann, dass Lok die tiefste Talsohle schon durchschritten hat.

Die vorläufigen Sieger der Leutzscher Geschichte

Die tiefste Talsohle durchschritten dürfte auch die BSG Chemie Leipzig haben, die nach einem Jahr in der Bezirksliga nun wieder in der Landesliga mitspielen darf. Und gleichzeitig über den Sommer nach der Insolvenz des ungeliebten Hauptmieters im Alfred-Kunze-Sportpark (AKS), der SG Sachsen Leipzig zum vorläufigen Sieger der Leutzscher Geschichtsschreibung wurde. Ob das auch perspektivisch was wert ist, wird sich zeigen. Fakt ist, dass die BSG Chemie nun dort angelangt ist, wo man eigentlich schon vor drei Jahren nach der Insolvenz des FC Sachsen Leipzig sein wollte, nämlich als Hauptmieter in Leutzsch im AKS.

Dass man nun die vorerst letzte verbliebene Kraft in Leutzsch ist, ist für den Verein sicherlich einerseits positiv, weil man sich nicht mehr mit lähmenden Lagerkämpfen mit der SG auseinandersetzen muss und möglicherweise verstärktes Zuschauer- und Sponsoreninteresse erfährt. Es könnte aber auch negative Folgen haben, weil am Betrieb des Alfred-Kunze-Sportparks finanziell und arbeitstechnisch enorm viel dran hängt und das für einen kleinen Verein wie die BSG eventuell eine Nummer zu groß ist. Weswegen die BSG auch den Weg bestreitet, Gelder für den Stadionbetrieb per Crowdfunding aufzutreiben.

Sportlich gesehen hat man einen durchaus mit nicht unprominenten Namen besetzten Kader. Norman Lee Gandaa, der bis auf eine kurze Episode in Eilenburg seit 2005 in Leutzsch spielt, zählt sicher dazu. Auch die ehemaligen RBLer Mirko Jentzsch und Benjamin Schmidt. Oder die ehemaligen Spieler der SG Sachsen Leipzig Andy Müller und Vincent Markus.

Was das nun für die neue Landesliga-Saison heißt, lässt sich schwer sagen. Vor zwei Jahren, als man heimlich nach oben schielte, stieg man am Ende unfassbarerweise sogar ab. Von daher kann es wohl aktuell nur darum gehen, sich in der Landesliga auf neuer Stufe zu konsolidieren. Auch in Bezug auf die neuen Besitzverhältnisse in Sachen Stadioninfrastruktur. Zwei, drei Jahre auf dieser Ebene in Ruhe zu arbeiten, auch weiter den Nachwuchs zu stärken und dann gucken, ob der nächste Schritt dran ist, wäre wohl das Sinnigste. Und vermutlich auch wirtschaftlich nicht anders machbar, denn die Geldbäume wachsen in Leutsch noch nicht mal höher als Straßenlaternen, geschweige denn in den Himmel.

Wohltuend bei diesem sachlichen Weg sicherlich die Ruhe, die in Sachen Skandälchen und Co rund um die BSG Chemie herrscht. Was andererseits auch dazu führt, dass man es als Landesligateam meist nur noch in Randspalten in die Tagespresse schafft. Dass man trotzdem im Schnitt 1.000 Anhänger zu den ersten beiden Heimspielen bewegen konnte, spricht dafür, dass es in Leutzsch weiterhin zumindest einen Vereinsnukleus gibt, auf den sich bauen lässt.

Möglichen Antrieb könnte das Bauen bekommen, wenn die BSG am Wochenende mit einem Sieg beim Landesligakontrahenten Freiberg ins Achtelfinale des Sachsenpokals einzieht, wo dann Dynamo Dresden warten würde. Was in Sachen Aufmerksamkeit und Finanzen wohl ein Segen für den Verein wäre. Wobei die finanziellen Vorteile davon abhängen dürften, ob das Spiel dann in Leutsch stattfinden könnte oder man in die ungeliebte Red Bull Arena ausweichen müsste (wo sich die Einnahmen wohl schnell wieder dezimieren würden).

Insgesamt erwartet die BSG Chemie vermutlich eine ziemlich ruhige Saison. Der gute Saisonstart spricht dafür, dass man nach unten keine Probleme haben wird. Nach oben allerdings sollte der Schritt im Normalfall auch zu groß sein, auch wenn sich aktuell nicht wirklich ein glasklarer Favorit auf den Ligatitel herauskristallisiert. Aber mit einer ruhigen Saison im neuen alten, eigenen Heim können in Leutzsch wohl derzeit alle ganz gut leben.

Die Neulinge

Witzig, dass auch der vierte Verein im höherklassigen Leipziger Bunde, der FC International seine Spielklasse (Sachsenliga) nicht auf dem sportlichen Wege, sondern auf dem Wege der Spielrechtsübernahme von einem anderen Verein erworben hat (wobei Lok und Chemie zumindest unten anfingen und erst anschließend Ligastufen übersprangen). Wenn das mal nicht als echt verbindende Leipziger Fußballtradition durchgeht..

Da der FC International sich erst im Sommer an den Spielstart machte, kann man zum Verein noch nicht viel mehr sagen als vor ein paar Wochen hier im Blog bereits gesagt wurde. Angetreten ist der Verein mit der Idee interkultureller Basisarbeit im Stadtteil. Bei gleichzeitigem Wunsch, höherklassigen Fußball spielen zu wollen. Warum es für das eine des anderen bedarf, kann sich jeder selbst fragen und beantworten.

Fakt ist, dass der Kader der Männermannschaft schon mal ein ziemlich bunter ist und sich aus Spielern aus allen Himmelsrichtungen und verschiedenen Kontinenten zusammensetzt. Trainiert wird das Ganze vom Weltenbummler Heiner Backhaus, der als Spieler diverse Stationen hinter sich hat.

In Leipzig hat Backhaus auch schon bei allen drei anderen großen Fraktionen gearbeitet. Beim BSG-Vorgänger FC Sachsen Leipzig war er Spieler in der Insolvenz-Saison 2008/2009. Bei Lok sollte er Spieler sein, kam aber wegen Verletzung nicht so richtig dazu. Auch im administrativen Bereich hatte sich Backhaus bei Lok einbringen sollen, um mit seinen Netzwerken wirtschaftliche und sportliche Vorteile zu generieren. Aber auch dazu kam es in vier Monaten Zusammenarbeit nicht wirklich.

Zuletzt war Backhaus auch bei RB Leipzig tätig. Wo er für den Verein ausländische Spieler bei der Alltagsorganisation unterstützte. Und dies offenbar so gut machte, dass mit Christos Papadimitriou ein ehemaliger Schützling nun beim FC International spielt und sich dort als Dauertorschütze ins Gespräch bringt (wobei man auch sagen muss, dass die Landesliga für ein 20jähriges Talent wie Papadimitriou deutlich unterfordernd sein dürfte).

Sportlich gesehen wird man abwarten müssen, was der FC International leisten kann. Man hat diverse Spieler im Kader, die international oder national schon mal höherklassig gespielt haben oder gut ausgebildete Talente sind bzw. waren (auch einige Ex-RBL-Talente sind dabei). Von der Seite her sollte sportlich eigentlich relativ viel herauskommen. Da die Mannschaft allerdings komplett neu zusammengestellt wurde, bleibt es völlig offen, inwieweit sie tatsächlich zusammenpasst und sich findet.

Der Start in die Saison ist jedenfalls geglückt. Im Sachsenpokal steht man im Achtelfinale (in Bischofswerda). In der Landesliga steht man nach vier Spieltagen noch ungeschlagen auf Platz 2. Nicht schlecht für einen neu gegründeten Verein. Und der Verweis darauf, dass man wie die BSG Chemie mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird. Aber auch wie bei der BSG dürfte wohl der Aufstieg in die Oberliga noch zu früh kommen.

Wie immer bei neuen Vereinen wird sich erst mittelfristig zeigen, wohin die Reise geht und was von den Ideen, mit denen man an den Start ging, tatsächlich funktioniert. Aktuell gibt der FC Inter außer den Ideen selbst noch nicht viel preis, wie er diese in der Praxis leben, umsetzen und finanzieren will (ein Papadimitriou bspw. spielt vermutlich nicht für nichts beim FCI). In einem Jahr wird man diesbezüglich sicherlich klarer sehen. Man darf gespannt sein, welches Bild sich einem dann bietet. In der Tradition des Leipziger Fußballs liegt von Insolvenz bis Millionenprojekt so ziemlich alles drin.

All in all

Je höher der Verein rutscht, dem man hauptsächlich folgt, desto schwieriger wird es die Entwicklungen der anderen Vereine mitzubekommen. Was keine Frage von Arroganz, sondern eher von Zeitmanagement ist. Trotzdem bleibt es weiterhin spannend, von Zeit zu Zeit den Gesamtblickwinkel breiter zu ziehen und sich dem aktuellen Zustand der größeren Vereine der Stadt zu widmen. Wenn man Prognosen aufstellen wollte, dann bleibt weiterhin für einen Club dieser Stadt sicherlich auch neben RB Leipzig der Platz, um auf lange Sicht mit der Höherklassigkeit (also alles bis zur dritten Liga) zu liebäugeln. Dass man zumindest in Leutzsch und Probstheida aktuell nicht am ganz großen Rad dreht, sondern zur Politik der kleinen, machbaren Schritte übergegangen ist, kann man in diesem Zusammenhang wohl eher als positives Zeichen interpretieren, dass die Vereine, die in dieser Stadt auf Sponsorenakquise, jeden einzelnen Zuschauer und Umdrehen jedes Cents angewiesen sind, (inzwischen) so bodenständig arbeiten, dass sie Grundlagen legen, auf deren Basis sich vielleicht irgendwann mal wieder auch von höherem träumen lässt. In diesem Sinne viel Spaß allerseits bei den Fußballträumen welcher Art, Liga und Farbe auch immer.

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2 Gedanken zu „Leipziger Fußball 2014/2015“

  1. klasse Artikel … sehr gelungene, informative und unterhaltsame sowie umfassende Draufsicht auf das Leipziger Fußballgeschehen! 🙂

    Geheimtip in der OL könnte neben den genannten Kandidaten auch der VfL Halle 96 sein (na, wer findet die mit diesem Verein verbundene geschichtliche Randnotiz in Sachen RB? 😉 … gibt ajF ein Hauen und Stechen um die 2 Aufstiegsplätze.

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