Auftakt in einen richtungsweisenden September

Kaum etwas könnte weniger Aussagekraft haben als eine Tabelle nach vier von insgesamt 34 zu spielenden Ligaspielen. Zur Untermauerung dieser These könnte die Eintracht aus Braunschweig dienen, die zwar aktuell auf Platz 12 der Tabelle steckengeblieben ist, aber trotzdem weiterhin zu den Aufstiegsfavoriten gehören dürfte und im Laufe der frühen Saison schon gezeigt hat, welch große Qualitäten in der Mannschaft stecken.

Insbesondere die zweite Halbzeit im Eröffnungsspiel in Düsseldorf am ersten Spieltag war eine Demonstration der spielerischen Überlegenheit gegen einen nur noch auf Zerstörung und Konter spielenden Gegner. Mit viel fußballerischer Klasse zerspielte man den Gegner solange, bis man immerhin den mehr als verdienten Ausgleich erzielte.

Was folgte war ein abgezockter Sieg gegen Heidenheim, der mit 3:0 zu hoch ausgefallen sein mag, aber dennoch wiederum zeigte, wie viel Qualitäten in der Eintracht stecken, die ihr Gegenüber zappeln ließen und dann eiskalt zuschlugen, als sich die Chance dazu bot. Das sah unheimlich souverän und selbstbewusst aus.

Was in der folgenden Trainingswoche passiert sein mag, lässt sich natürlich nicht sagen, aber das Auswärtsspiel in Kaiserslautern, als absolutes Spitzenspiel avisiert, bestritt die Eintracht mit einer seltsamen Passivität und Lethargie. Zwar spielte mit dem frühen Führungstreffer durch Kruppke alles in die eigenen Karten, aber mit der für das Spiel neu ausgeheckten Fünferverteidigungskette (die in der Sommer-Vorbereitung schon getestet wurde) wartete man anschließend am eigenen Strafraum geduldig auf die Angriffe der Gastgeber. Die sich über so viel Platzangebote eines gar nicht mehr selbstbewusst wirkenden Teams tief in des Gegners Hälfte solange freuten, bis sie das Spiel völlig verdient gewonnen hatten.

Die Eintracht-Niederlage zuletzt gegen Bochum war dann wiederum unglücklich in einem Spiel zweier gleichwertiger Mannschaften und nicht zuletzt dem VfL-Goalgetter Simon Terodde geschuldet, der den Sieg für die Gäste sicherstellte.

Was letztlich von den vier Auftaktpartien bleibt, ist die Tatsache, dass Eintracht Braunschweig sicherlich über Schwachstellen vor allem individueller Natur in der Defensive verfügt, dass man aber definitiv eines der absoluten Topteams der Liga ist, wenn man denn mit Dominanz, Aggressivität und Selbstvertrauen in die Partien geht und nicht wie das Kaninchen vor der Schlange in einer abwarten Haltung verharrt.

Inwieweit dabei das Experiment mit der defensiven Fünferkette, die offensiv zu einer Dreierkette wird, gescheitert ist, ist aus der Ferne schwer zu beurteilen. Grundsätzlich hat auch dieses System seine Vorteile. Wenn man allerdings mit Reichel und Hedenstad zwei Außenspieler hat, die auch aus  einer Viererabwehrkette heraus Offensivpower entwickeln können, muss man sie nicht durch drei zentrale Innenverteidiger entlasten, durch die die Außenspieler in der Offensive wesentlich höher stehen, weil hinter ihnen nach außen verteidigende Innenverteidiger absichern.

Letztlich ist es aber wohl eher eine Frage, wie passiv und starr man die Fünfer-/ Dreierkette spielt. Denn mit einer gewissen Flexibilität im Positionsspiel und im Nachschieben in die Positionen des Vordermanns kann man auch mit diesem System aktiv auftreten und muss nicht passiv bleiben. Bleibt man passiv, fehlt es oft an Kompaktheit in Ballnähe und Druck auf den Gegner, sodass das System als Bumerang zurückkommt.

Sieht man vom System ab, dann wird eine individuell gut bestückte Braunschweiger Mannschaft nach Leipzig kommen, der es nach einigen zentralen Abgängen nach dem Abstieg aus der Bundesliga (Bicakcic, Davari, Kumbela oder Bellarabi) an Tiefe fehlen mag, zumal mit Hochscheidt und Oehrl zwei sehr gute Spieler verletzungsbedingt fehlen, die aber weiterhin mindestens in der ersten Elf sehr gut besetzt ist.

Im Tor dürfte dabei Rafal Gikiewicz auflaufen, der vor der Saison aus Polen kam und nicht immer ganz sicher wirkt, aber insgesamt ein ordentlicher Rückhalt ist.

In der Innenverteidigung spielt mit hoher Sicherheit Marcel Correia, ein geschmeidiger Verteidiger mit einigen technischen Fähigkeiten und gelegentlichem Hang zum Leichtsinn. Neben ihm lief zuletzt der 34jährige Deniz Dogan auf, der bereits in seiner achten Saison bei der Eintracht spielt und noch ein wenig nach seiner Form sucht. Alterniv stünde eventuell Saulo Decarli, ein 22jähriger ehemaliger Schweizer U21-Nationalspieler zur Verfügung, der sich nach Verletzung langsam ans Team heranarbeitet.

Die Außenverteidigerpositionen dürften so etwas wie das Herzstück der Eintracht sein. Mit dem 23jährigen Norweger Vegar Eggen Hedenstad und dem 27jährigen Ken Reichel stehen hier zwei spiel- und offensivstarke Typen zur Verfügung. Insbesondere der enorm schnelle Reichel bewies seine Qualitäten bereits mehr als deutlich und schoss schon drei Tore und bereitete eins vor. Mit Georg Teigl dürfte er allerdings einen Gegenspieler bekommen, der ihm zumindest in Sachen Schnelligkeit auf jeden Fall das Wasser reichen kann. [Update: Hedenstad wird verletzt ausfallen und durch den 26jährigen Benjamin Kessel ersetzt werden.]

Neben den Außenverteidigern sind auch die beiden zentralen Mittelfeldspieler Norman Theuerkauf und Mirko Boland als herausragende Stützen zu nennen. Theuerkauf ist dabei eher der defensive Part, während Boland ein technisch unheimlich versierter Spieler ist, der das Offensivspiel mitankurbelt. Alternativ könnte der 28jährige Damir Vrancic das zentrale Mittelfeld verstärken, sodass Boland für eine Außenposition im Mittelfeld mit weitreichenden Offensivfreiheiten in Frage käme.

Auf den Außenbahnen wären andererseits auch Henrik Zuck, Freiburger Leihspieler und der von einer Leihe nach Saarbrücken zurückgekehrte Raffael Korte verfügbar. Wobei beide noch nicht zu 100% zu tragenden Figuren im Braunschweiger Spiel werden konnten. Was wiederum auch den Weg frei machen könnte für den von Bayer Leverkusen geliehenen 20jährigen Südkoreaner Seung-Woo Ryu. Das wäre dann allerdings die sehr offensive Variante.

Absolut gesetzt und in der bisherigen Spielzeit unheimlich auffällig ist eine weitere Leihgabe, nämlich Havard Nielsen von Red Bull Salzburg, der als hängende Spitze bisher alle Freiheiten genießt und diese mit spielerischen Qualitäten, aber auch mit Torgefahr füllt. Zwei Tore und eine Vorlage stehen deshalb nach vier Spielen für den erst 21jährigen, der auch immer mal mit RB Leipzig in Verbindung gebracht wurde, zu Buche.

Im Sturmzentrum lief bisher Dennis Kruppke auf, der dort vor allem als Wandspieler, der Bälle abtropfen lässt, fungierte. Bzw. fungieren sollte, denn der sehr fleißig arbeitende Kruppke war im Saisonverlauf auch oft abgemeldet und konnte sich nicht immer so durchsetzen, wie man es sich vielleicht vom 34jährigen Kapitän, der seine siebte Saison in Braunschweig spielt, erhofft.

Was eine Chance für den 22jährigen norwegischen Neuzugang Mushaga Bakenga sein könnte, der mit großen Hoffnungen aus Brügge ausgeliehen wurde, aber bisher insbesondere im Torabschluss noch unglücklich agiert. Gleichzeitig konnte er aber schon seine Fähigkeiten in der Ballbehauptung und im Durchsetzungsvermögen im Strafraum andeuten.

Die große Stärke der Eintracht aus Braunschweig ist sicherlich das Team. Wenn sie als solches ihr sehr gutes Spiel mit dem Ball auf den Platz bekommen und gleichzeitig kompakt bleiben (was eigentlich nur die Wahl eines 4-4-2 mit Doppelsechs offenlassen würde), dann sind sie enorm schwer zu bezwingen. Nur wenn sie passiv bleiben und das Spiel mit dem Ball nicht als Team betreiben, sehen sie schlecht aus.

Dass die Eintracht mit einem Auftritt wie in Kaiserslautern in Leipzig aufwartet, sollte man nicht erwarten. Zumal Mannschaften, die nach Leipzig kommen, meist besonders motiviert auftreten. Wenn die RasenBallsportler dieses Spiel gewinnen wollen, müssen sie wohl schon all ihre Qualitäten in die Waagschale werfen.

Wobei diese Aufgabe erheblich dadurch erschwert wird, dass die Verletztenmisere bei RB Leipzig weiter kein Ende nehmen will. Mit Coltorti, Franke, Ernst, Hoheneder, Boyd, Rebic und Klostermann fallen allein sieben Spieler sicher verletzt aus. Dazu kommt noch Dominik Kaiser, bei dem ein Auflaufen in der Startelf unwahrscheinlich ist. Clemens Fandrich fällt dazu gesperrt aus. Und auch bei Joshua Kimmich kann man von einem Einsatz noch nicht mit Sicherheit ausgehen. Bis zu zehn Ausfälle sind selbst mit einem 27er-Kader nur schwerlich zu ersetzen.

Trotzdem wird man natürlich eine schlagkräftige Truppe auf den Rasen schicken, die es von den letzten Wochen schon gewohnt ist, mit Verletzungsproblemen umzugehen. Sodass diejenigen, die auflaufen werden, eigentlich ganz gut eingespielt sein dürften. Torwart und Abwehrkette bleiben dabei dieselben wie zuletzt. Auch an Frahn und Poulsen geht wohl kein Weg vorbei. Und im Mittelfeld laufen Khedira und Demme sicherlich auf.

Bliebe ein bisschen Zauberei auf den beiden verbliebenen Positionen übrig. Die laut Zornigers gestrigen Aussagen mit zwei Mittelfeldakteuren besetzt werden würden, wenn Kimmich ausfallen würde. Was dann letztlich nur die Wahl zwei aus den drei Spielern Kalmár, Hierländer und Strauß bedeuten würde. Alle drei zuletzt bei weitem keine Stammkräfte.

Sollte Kimmich auflaufen können, bliebe letztlich die Wahl zwischen einem Zehner als Besetzung der letzten Position (Hierländer oder Kalmár) oder eines dritten Stürmers (Morys). Wobei Zorniger offenbar noch mit letzterer Variante hadert, weil sie für das Spiel gegen den Ball einige Fragen offen ließe.

Wobei letztlich gar nicht die Wahl zwischen 4-3-1-2 und 4-3-3 so entscheidend wäre, sondern eher die Besetzung von letzterem mit zwei schnellen, offensiven Außen (Morys, Poulsen) und von ersterem mit mehr spielerischer Qualität in der Mitte den Unterschied machen würde. Genausogut könnte man aber auch ein 4-3-1-2 mit zwei schnellen Außen und einem hängenden Stürmer alias Zehner spielen.

Es gibt also viele Möglichkeiten und die finale Entscheidung wird eventuell erst heute Abend oder gar am Vormittag des Spieltags getroffen werden:

  • RB Leipzig: Bellot – Teigl, Sebastian, Compper, Jung – Kimmich (Kalmár), Khedira, Demme – Poulsen, Frahn, Morys (Hierländer)
  • Eintracht Braunschweig: Gikiewicz – Hedenstad Kessel, Correia, Dogan (Decarli), Reichel – Boland, Vrancic (Korte), Theuerkauf, Zuck – Nielsen, Kruppke (Bakenga)

Auch wenn die Profimannschaften beider Vereine noch nie aufeinandertrafen, wird es trotzdem ein Wiedersehen geben. Denn mit Norman Theuerkauf spielt auf Braunschweiger Seite einer mit, der in der Saison 2010/2011 schon mit der U23 der Eintracht in der Regionalliga gegen RB Leipzig spielte und damals unter anderem auf Frahn und Sebastian traf, die mit ziemlicher Sicherheit auch diesmal wieder Gegner sein werden. Zudem stand damals auch ein Fabian Franke auf dem Feld, der aktuell weiter verletzungsbedingt fehlt und saß Benjamin ‚die Null steht‘ Bellot auf der Bank.

Für RB Leipzig wird das Spiel gegen die Eintracht aus Braunschweig der Aufgalopp in einen durchaus anspruchsvollen September, in dem mit Union Berlin, Karlsruhe und Düsseldorf weitere ordentliche Herausforderungen warten. Herausforderungen auch, die zeigen werden, wo die RasenBallsportler nach dem guten Start gegen teils nicht unbedingt zur Ligaspitze gehörende Teams wirklich stehen.

Wenn man die These akzeptiert, dass es nach einem Aufstieg darum geht, in der Leistungsentwicklung Schritte nach vorn zu machen, werden die kommenden Aufgaben zeigen, in welche Richtung die Saison vorerst gehen könnte und welcher Schritte es noch Bedarf, um sich wirklich mit den vermuteten Topteams der Liga messen zu können. Das Spiel gegen Braunschweig wird hier ersten Aufschluss geben. Die weiteren drei (bzw. bis zur nächsten Länderspielpause vier) Aufgaben werden das Bild klarer machen.

Fazit: Das Spiel gegen Braunschweig ist für RB Leipzig – wenn denn die Gäste einen guten Auftritt hinlegen – der erste richtige Gradmesser für die Leistungsfähigkeit eines weiterhin enorm dezimierten Teams. Gegen einen der Aufstiegsfavoriten, der akutell zumindest tabellarisch etwas hinterher hinkt, können die verbliebenen Spieler beweisen, wie gut sie sind und wie sehr sie in die bessere Hälfte der Tabelle gehören. Könnte angesichts der Fähigkeiten der Gäste aber auch eine Aufgabe werden, die (noch) eine Nummer zu groß ist.

[Wer das Spiel von RB Leipzig gegen Eintracht Braunschweig nicht vor Ort verfolgen kann und am 13.09.2014, ab 13.00 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und Vereinsradio. Bilder gibt es live natürlich bei Sky.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. Eintracht Braunschweig

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[Diesmal aus urlaubenden Abwesenheitsgründen kein Liveticker von der (gestrigen) Pressekonferenz zwei Tage vor dem Spiel zwischen RB Leipzig und Eintracht Braunschweig. Die Komplettversion der Veranstaltung mit Alexander Zorniger und Tim Sebastian hat die offizielle Vereinshomepage.]

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