Blind

Noch schlimmer als eine dumme Idee sind die Menschen, die ihr blind folgen. Gegen Red Bull und seine Anhänger.

Neben Fußball war am Sonntag beim Spiel von RB Leipzig beim TSV 1860 München vor allem Zeit für ein paar Tapeten im Heimblock. Die sich allesamt in irgendeiner Form gegen Red Bull wendeten und die Tradition stark machen wollten. Also letztlich nicht viel anderes als die Tapeten in den letzten Jahren taten. Nur der Umfang der mehr oder minder kreativen (z.B. „Red Bull Kartell stoppen!“,  „Red Bull verleiht Flügel – Bis die rote Blase platzt“) Botschaften war höher als in den letzten Jahren (wenn man mal von den meist botschaftsintensiven Spielen gegen Lok Leipzig absieht).

Inhaltlich auch nicht ganz neu, aber trotzdem herausstechend war oben zitierte Parole, die nicht auf abstrakte Konzepte wie Tradition oder Kommerz abzielte, sondern auf jene, die es sich im Schatten des RasenBallsports als Zuschauer bequem gemacht haben und ihr Team zu vielen Spielen begleiten. Blind, sprich gedankenlos seien die RB-Anhänger, die einem Verein folgen, der nach Meinung von zumindest Teilen der Löwenfans nicht in eine Reihe mit den anderen der zweiten Liga gehört.

Der Vorwurf ist allerdings mehr als schwierig. Denn wenn es einen Verein gibt, dessen Fans sich praktisch alle in ihrem Leben schon mal für ihr Fan-Dasein rechtfertigen und dieses begründen und gegen Kritik verteidigen mussten, dann sind es die Anhänger von RB Leipzig. Schon im sozialen Umfeld ist die Warum-Frage essenzieller Bestandteil gerade in frühen Vereinsphasen gewesen. Aber auch darüber hinaus vergeht kein Monat, in dem RB Leipzig nicht medial in irgendeiner Form kritisiert und in Frage gestellt wird und der durchschnittliche RB-Anhänger sein Dasein rechtfertigen muss.

Letztlich gibt es wohl keinen Verein, bei dem dem Fan-Dasein recht direkt neben emotionalem Erleben auch eine rationale Entscheidung, aufgedrängt durchs Lebensumfeld und die öffentlichen Debatten, abverlangt wird. Die rationalen Begründungen pro Fan-Dasein als Ergebnis der Auseinandersetzung mit RB Leipzig mögen (aus der Außensicht) nicht immer plausibel erscheinen oder auch falsch sein, aber sie erfolgen definitiv nicht blind oder gedankenlos (auch wenn es künftig angesichts der größer werdenden Fußballfeste immer einfacher werden wird, sich rein emotional für RB zu entscheiden).

Klar mögen Fans des TSV 1860 München nach fünf Jahren der Existenz von RB Leipzig aufgrund der direkten Erstbegegnung das Gefühl haben, dass nun jener Moment gekommen ist, in dem das Thema RB Leipzig für sie ganz frisch, ganz spannend und ganz besprechenswert geworden ist. Auf der anderen Seite treffen sie aber (auch wenn das letztlich im Normalfall nicht die Zielgruppe, sondern nur jene Gruppe ist, über die man gern redet) auf Menschen, für die Debatten um RB Leipzig, Tradition, Kommerz, Mitgliedermitbestimmung und Co seit nunmehr bis zu fünf Jahren zum Alltag gehören, in dem sie sich argumentativ geschult und die Zähne geschärft, aber auch ein dickes Fell (bis hin zu einer ausgeprägt ablehnenden Haltung und Abwehr gegenüber jedem Ansatz von kritischen Äußerungen gegenüber RB) gegenüber den nicht neuen Behauptungen zugelegt haben.

Angesichts dessen wirkt es schon ein wenig schräg, wenn Fußballanhänger, die das Thema als öffentliches Thema gerade erst entdeckt haben, anderen vorwerfen, sie hätten sich nicht mit ‚ihrem‘ Verein, dessen Gründungsgeschichte und seiner Konstruktion auseinandergesetzt. Das Gegenteil dürfte in Leipzig bei den meisten der Fall sein. Nur dass sie sich eben bewusst, rational und aus Gründen trotzdem oder gerade deswegen für RB Leipzig entschieden haben. Man sollte das zumindest zur Kenntnis nehmen, bevor man sich dafür entscheidet, anderen Blindheit und fehlende Auseinandersetzung zu unterstellen.

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3 Gedanken zu „Blind“

  1. Aus Leipziger Sicht wird (fast) jedes zukünftige Pflichtspiel gegen einen Verein mit Tradition zu bestreiten sein müssen, der ohne einem entsprechend gefestigten finanziellen Fundament überhaupt nicht in dieser Liga antreten könnte. Zum Unterschied zu den Rasenballsportlern verteilen sich die unbedingt auch dort notwendigen, vielleicht etwas geringer ausfallenden, Sponsorengeschenke auf mehreren Schultern, die in den vergangenen Jahren nach und nach relativ mühsam gewachsen sind. Bricht mal eine Firma aus irgendwelchen Gründen weg, wäre das zu verkraften, was man dagegen in Leipzig wohl nicht behaupten könnte……
    Das allein ist doch der Hauptunterschied!

    Meiner Meinung sollte deshalb diese ständige Gegenüberstellung von Kommerz und Tradition endlich einmal verstummen, weil uns das allen einfach nicht weiterhilft.

    Dass die „Auferstehungsgeschichte“ sich in Leipzig etwas “schräger“ entwickelte als in vielen anderen Orten und dabei förmlich ständig nach weiteren Wachstum und damit verbundenen Erfolg schreit, sich in jüngster Vergangenheit auch von der bisher andernorts bekannten Normalität eines Selbstlaufes natürlich auffällig unterschied, ist doch nicht abzustreiten. Das sollte auch von den Verantwortlichen entsprechend ehrlich zugegeben werden.

    Nicht zu vergessen sind bei der derzeitig herrschenden Euphorie aus meiner Sicht immer die auf der Strecke gebliebenen „Opfer“, egal, ob sie als Aktive oder in anderen wichtigen Funktionen bei der etwas unnatürlichen Entstehungsgeschichte des Vereins ihren Anteil hatten! Das waren die Mitglieder, die besonders in den Anfangszeiten nach der Gründung den frischen, oftmals besonders scharfen Gegenwind von allen Seiten spüren und abhalten mussten……

    Solange die obersten Aufsichtsbehörden (wie u.a. sächsischer Fußballverband, DFL und DFB) den „RaBa“-Verantwortlichen trotz mancher Schlitzohrigkeit „grünes“ Licht geben, sollten zukünftig endlich vordergründig eher die Leistungen bewertet werden, die die Mannschaft wöchentlich ihrer scheinbar immer mehr kontinuierlich wachsenden Anhängerschar anbietet!

    1. Zum Schluss nochmal: Welcher DDR-Konzern ist denn im Osten noch übrig, um als Sponsor infrage zu kommen?
      Welcher Konzern unterstützt denn die Tradition von Aue? Ode warum verkaufen die ihren besten Stürmer an einen Konkurrenten?
      Den ganzen Konzernen in Dresden war deren Tradition als Polizeiverein keinen Cent wert.

      Das financial fairplay soll doch nur bestehende Strukturen zementieren. Allianz München gibt Mio. für Transfers aus und sagt anderen, aber ihr nicht. Folglich bleiben sie locker an der Spitze und lachen über die dummen Lemminge in Freiburg oder Mainz.
      Deshalb gibt es schon einen Prozess bei der europäischen Kommission durch den Bozmananwalt

  2. Ich finde es merkwürdig. Da pilgern Fans unter dem Motto „Gegen den Kommerz“ im „Think Blue“ Trikot zur „Allianz Arena“ und treffen sich danach beim „Hacker-Pschorr-Fantalk“. Wenn das kein aktives, traditionelles Vereinsleben ist. Bei weitreichenden Entscheidungen wie Investitionen, Personalfragen und Spielertransfers haben selbstverständlich die Vereinsmitglieder das Sagen – nicht etwa der Geldgeber wie beim Emporkömmling RB Leipzig. Dass der nicht wenigstens eine AG, Kommanditgesellschaft auf Aktien oder GmbH gegründet hat und so unverblümt als Hausherr auftritt, ist zweifelsfrei skandalös. Wenn sich selbst Herr Rummenigge empört, ist das ein sicheres Zeichen dass dem Profi-Fußball jegliche Ethik verloren gegangen ist.

    Mich verfolgen bei solchen Aktionen immer zwei Gedanken:

    1.) Wer folgt wem eigentlich „blind“? und
    2.) Lasst sie wettern, die Karawane zieht weiter.

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