RB Leipzig vor der Hinrunde in der 2.Bundesliga 2014/2015

Reichlich ein Jahr ist es her, dass es an dieser Stelle noch um ein Regionalligateam ging. Kaum zu glauben, dass man sich aktuell auf den Saisonstart von RB Leipzig in der zweiten Liga freuen darf. Ein Saisonstart, der wie immer mit viel Hoffnungen, aber auch vielen Unklarheiten und Unwägbarkeiten verbunden ist.

Fakt ist, dass RB Leipzig bisher mit nur vier echten, externen Zugängen so wenig auf dem Transfermarkt gemacht hat, wie kaum ein anderes Team abgesehen vom FC St. Pauli und von Union Berlin. Allerdings kommt vermutlich noch der 19jährige Ungar Zsolt Kalmár fürs Mittelfeld, eine neue Nummer 1, die die langwierige Verletzung von Fabio Coltorti auffangen soll und eventuell ein Innenverteidiger, der die unklare Ausfallzeit von Fabian Franke kompensiert.

Trotzdem ist es nach aktuellem Stand so, dass nach Boyds Verletzung mit Rani Khedira zum Zweitligastart maximal ein echter Neuzugang in der Startformation stehen wird. Daneben könnte mit dem 18jährigen John-Patrick Strauß noch ein Zugang aus dem eigenen Nachwuchs sein Debüt in einem Ligaspiel feiern. Dafür, dass die Mannschaft medialerseits immer mal wieder in den Rang eines Aufstiegsfavoriten gehoben wird, ist das nicht unbedingt viel. Rein logisch handelt es sich bei RB Leipzig um eine Mannschaft, die in der dritten Liga nicht die beste war und nun ohne große Blutauffrischung in der zweiten Liga antritt. Was sie angesichts dessen zum engen Kreis der Aufstiegsfavoriten zählen lässt, ist erst mal schwierig zu sehen.

Es gibt aber dennoch Punkte, die dafür sprechen, dass RB Leipzig im Optimalfall oben anklopfen könnte. Zu nennen wären hier die jungen Talente, die eventuell einen entscheidenden Sprung machen und die Mannschaft so auf ein neues Niveau heben (etwas was in Heidenheim mit nicht ganz so viel entwicklungsfähigem Potenzial so nicht möglich wäre). Poulsen und Kimmich sind jene zwei, die letztes Jahr schon dabei waren und von denen man sich, auch wegen des Eindrucks in der Vorbereitungszeit, sehr gut vorstellen kann, dass sie sich in der zweiten Liga noch einmal deutlich weiterentwickeln. Und auch bei Georg Teigl (23) und Diego Demme (22), die beide erst seit der letzten Winterpause dabei sind, sind positive Leistungsentwicklungen in größerem Maßstab durchaus vorstellbar.

Doch auch jenseits dessen müssen die ‚alten‘ Stützen des Teams wie Daniel Frahn oder Dominik Kaiser oder Niklas Hoheneder oder Sebastian Heidinger zeigen, dass sie sich in der zweiten Liga noch einmal steigern können. Tun sie und der überwiegende Teil des Ü23-Teils des Kaders das nicht, wird es schwierig für RB Leipzig, weil man den jungen Spielern zwar Leistungssprünge zutrauen, aber noch nicht erwarten kann, dass sie die Mannschaft auch in vielerlei Belang führen.

Der Vorteil, der aus den bisher geringen Kaderveränderungen resultiert, besteht darin, dass sich die Mannschaft in vielen Dingen auch schon kennt und aufeinander verlassen kann. Die Abläufe beim (Gegen-)Pressing erfordern unheimlich viel Abgestimmtheit aufeinander, die man sich in den letzten ein bis zwei Jahren in vielen Trainingseinheiten und Spielen geholt hat. Genau diesen Faktor kann man nun als kleines Plus in die Waagschale werfen.

Ein Plus bleibt auch weiterhin der sichere finanzielle Background, über den in der Form kein anderes Zweitligateam verfügen dürfte. Was man schon bei den Verletzungen von Coltorti und Franke sieht, dass der Verein sich nach Ersatz umguckt, der bei Erstligavereinen nicht weit weg von der Stammelf ist bzw. zuletzt noch in der Stammelf spielte, ist sicherlich ein Vorteil. Und entsprechend wird man bis zum Ende der Sommertransferperiode Ende August und viel stärker noch in der Wintertransferperiode genau hinschauen und analysieren, auf welchen Positionen die Spieler den Sprung in die zweite Liga mitgehen konnten und an welchen nicht.

Wenn man dann Spieler und Positionen ausgemacht hat, die vom Niveau her hinter dem Rest abfallen, wird man reagieren (können). Das bedeutet im Fall der Fälle natürlich auch immer Unruhe, aber eben auch eine kontinuierliche Entwicklung des Kaders in jene Richtung, in die man wohl innerhalb der nächsten zwei Jahre will, nämlich Richtung Bundesliga.

Wenn es einen objektiven Faktor gibt, der für den eigentlich völlig unwahrscheinlichen Fall eines weiteren Durchmarsches von RB Leipzig in die Bundesliga spricht, dann ist es die Ausgeglichenheit der zweiten Bundesliga. Insgesamt gibt es mit Nürnberg, Kaiserslautern, Fürth, Braunschweig, 1860 München, St. Pauli, Düsseldorf und wohl auch Ingolstadt acht mehr oder minder ernsthafte Kandidaten für die ersten drei Plätze. Die aber allesamt nicht sorgenfrei sind und bei denen man vor allem die Frage stellen kann, wie und ob die Trainer funktionieren werden (Moniz bei 1860, Reck in Düsseldorf, Ismael in Nürnberg) oder ob die Kaderzusammstellung für Aufstiegszwecke letztlich wirklich ausreicht bzw. der Umbruch nicht zu groß war.

Sprich, es wartet eine Saison 2014/2015, in die keines der Teams als Favorit oder Übermannschaft startet. Selbst Fürth, die man diesbezüglich lange auf der Rechnung hatte, musste man nach diversen, so nicht geplanten Abgängen aus der Stammelf aus dieser Rolle streichen. Klar können sich im Saisonverlauf immer noch ein, zwei oder drei Übermannschaften herausschälen und einige Teams (Braunschweig, Nürnberg, Düsseldorf, 1860 oder Fürth) haben diesbezüglich (wenn vieles gut läuft) zumindest Potenzial, aber man kann angesichts der unklaren Konstellationen in den Vereinen auch damit rechnen, dass sich die Teams gegenseitig die Punkte klauen und es an der Tabellenspitze sehr ausgeglichen zugeht.

Eine solche Tabellenkonstellation ist dann immer gut für Überraschungen und Außenseiterkonstellationen. Gerade Richtung Platz 3 reichen dann auch gerne mal weniger als 60 Punkte, sprich irgendwas um die 19 Siege und 15 Niederlagen in 34 Partien (auch wenn man natürlich keine Saison ohne Unentschieden spielt). Wenn man bedenkt, dass RB Leipzig spätestens ab der Winterpause basierend auf den Fehleranalysen wesentlich besser besetzt sein wird als noch jetzt (oder der jetzige Kader durchstartet und auf allen Positionen deutlich zulegt), liegen solche Zahlen durchaus nicht im Bereich des Unmöglichen. Wenn denn eben die Konkurrenz auch ein Stück mitspielt.

Gegen ein solches Szenario spricht die aktuelle Ausfallliste bei RB Leipzig. Mit Fabio Coltorti, Henrik Ernst, Neuzugang Terrence Boyd und wohl auch Mikko Sumusalo und Fabian Franke hat man aktuell fünf Langzeitverletzte (also Minimum ein Monat Ausfallzeit). Dazu fehlen akut Clemens Fandrich, Diego Demme und der bei der U19-EM weilende Joshua Kimmich. Eine Liste an Spielern, die selbst bei einem gut besetzten Kader wie dem von RB Leipzig irgendwann zum Problem wird. Der Saisonstart dürfte unter diesen Voraussetzungen der unruhigen Vorbereitung interessant werden.

Wobei die Verantwortlichen und Beteiligten die Vorbereitung trotz der aktuellen Ausfallsorgen gar nicht so unruhig wahrgenommen haben, sondern mit den letzten Wochen ganz zufrieden waren. Wobei man dies quasi bei jedem Verein nach jeder Vorbereitung hört, dass es ungefähr die beste war, die man je hatte. Von daher sollte man da nicht so viel darauf geben.

Auch nicht allzuviel geben sollte man grundsätzlich auf Testspiele. Gerade die Tatsache, dass man sich von Großaspach und Getafe jeweils drei Gegentore einschenken ließ, könnte nachdenklich stimmen, ist aber bei einem System, was sehr von Aufmerksamkeit und 100% Commitment lebt, auch nicht wirklich verwunderlich in Spielen, in denen Aufmerksamkeit und Commitment nicht immer enorm ausgeprägt sind.

Trotzdem sind Testspiele immer eine Chance für Spieler noch mal enger in den Fokus des Trainers zu rücken, wenn man denn ein wenig hintenanstand. Denis Thomalla dürfte diesbezüglich die Überraschung der Vorbereitung sein. In der Drittligarückrunde als Offensivkraft noch fast komplett außen vor, zeigte er auf der Acht sehr ansprechende Leistungen und kann nun sogar auf einen Platz in der Startformation am Samstag gegen Aalen hoffen. Was für den 21jährigen eine echte Cinderella-Story wäre. Ähnliches gilt sicherlich für den Nachwuchsmann John-Patrick Strauß, der aber bei Rückkehr von Demme und Kimmich schnell wieder aus der Mannschaft rutschen dürfte.

Personell passierte in den Testspielen ansonsten nicht extrem viel überraschendes, wenn man davon absieht, dass Sebastian Heidinger seinen Stammplatz auf einer der Außenverteidigerpositionen erst einmal eingebüßt zu haben scheint. Dafür arbeitete man wieder mal ein wenig an der Taktik. Vor allem die Versuche, Terrence Boyd und Daniel Frahn in einen Dreiersturm an der Seite von Yussuf Poulsen zu integrieren, standen im Mittelpunkt.

Dieses asymmetrische 4-3-3 mit einem Flügelstürmer und zwei eher zentralen Stürmern ist sicherlich nicht komplett gescheitert, dürfte aber wohl auch nicht als erste Wahl durchgehen, da das System doch deutliche Nachteile im Spiel mit dem Ball hat. Als Aufstellung nach Rückstand und wenn man gegen einen Gegner etwas mehr Brechstange braucht, mag es hilfreich sein, die Sturmmitte in vorderster Linie mit kopfballstarken Spielern zu überladen. Ansonsten ist die Option eines ballsicheren Zehners statt eines der zwei zentralen Stürmer wohl zu bevorzugen.

Wobei im Spiel gegen den Ball die Frage 4-3-3 oder 4-3-1-2 wohl letztlich gar nicht den ganz großen Unterschied macht, denn auch im 4-3-1-2 mit Zehner rutscht dieser im Pressing immer wieder zwischen die Stürmer in die vorderste Linie und lässt ein 4-3-3 entstehen. Den Unterschied macht bei RB Leipzig aktuell, dass man mit Dominik Kaiser einen Zehner hat, der gerade auch im (Gegen-)Pressing enorme Stärken hat und diese Rolle deutlich besser ausfüllt als beispielsweise ein Terrence Boyd als Stürmer.

Da dieser im Moment sowieso ausfällt, bliebe für ein mögliches 4-3-3 noch die Variante mit Poulsen und Morys auf den Außenbahnen und Frahn in der Mitte. Eine Variante, die in der Hinrunde der dritten Liga durchaus ihren Charme und einige gute Spiele zur Folge hatte. Aber auch für diese Variante gilt, dass sie situativ sicherlich mal zum Einsatz kommen kann, dass aber der Verzicht auf Kaiser auf der Zehn zu negative Folgen hätte, als dass das 4-3-3 eine permanente Option wäre.

Bliebe noch das 4-4-2, das in der ersten Halbzeit gegen Getafe zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder ernsthaft getestet wurde. Ein Versuch, mit dem Zorniger gar nicht zufrieden war. Wobei viele Probleme in diesem Spiel nicht unbedingt aufs System zurückzuführen waren, sondern auf eine deutliche Passivität im Spiel gegen den Ball. Dennoch scheint auch dazuzukommen, dass der Wechsel vom zentral kompakten System mit Sechser, zwei Achtern und einem Zehner, also der faktischen Raute hin zu einer sehr flachen Mittelfeldkette mit zwei Sechsern und zwei Außen für die Mannschaft eher schwer umzusetzen ist.

Insgesamt heißt das wohl, dass man auch in den nächsten Wochen (vorbehaltlich dessen, was da so passiert und ob Kaiser fit bleibt) vor allem ein 4-3-1-2 sehen wird. Mit möglichen gelegentlichen Wechseln auf ein 4-3-3 oder ein 4-4-2. Dreierkettenexperimente in der Abwehr, wie man sie in Braunschweig zuletzt sah, gab es in Leipzig (zumindest in Spielen) derweil noch nicht.

Aufstellungstechnisch sähe das dann im Moment und im verletzungsfreien Idealfall so aus: Bellot (Neuzugang) – Teigl, Hoheneder, Sebastian (Neuzugang), Jung (Heidinger) – Kimmich, Demme (Khedira), Thomalla (Demme) – Kaiser – Poulsen, Frahn (Boyd). Es bleibt auch hier dabei, mit dieser Mannschaft gehört man sicherlich nicht automatisch zu den Topfavoriten in der zweiten Liga.

Neben dem Sportlichen stellt sich natürlich auch die Frage, wie die Mannschaft die Geschehnisse abseits des Rasens verarbeitet. In der vergangenen Saison zog man viel Ehrgeiz daraus, dass man es jenen zeigen wollte, die dem einzig wahren RasenBallsport nicht sehr gewogen gegenüberstehen (um mal dieses unsägliche Wort mit dem H vorn zu vermeiden). Fakt ist, dass das Diskursrauschen in diesem Jahr noch mal etwas lauter wird. Einerseits, weil sich RB Leipzig mit den Sabitzer- und Bruno-Wechseln ordentlich ein Medienthema eingehandelt hat. Andererseits, weil die Anzahl der Vereine mit Ultraanhängerschaft größer wird und entsprechend die öffentliche Thematisierung von Ablehung durch Teile der Anhänger der gegnerischen Vereine größer wird.

Man wird auch in diesem Jahr ein dickes Fell oder die Möglichkeit brauchen, den Diskurs um den eigenen Verein als Motivationsbaustein zu nutzen. Inwiefern man das schafft, wird auch vom Klima innerhalb der Mannschaft abhängen. Ist dies gut, kann man sich gut gegen äußere Unzulänglichkeiten hinwegsetzen. Ist dies schlecht, dann könnten sich die Probleme noch mal potenzieren.

Fazit: Letztlich wartet eine spannende Zweitligapremierensaison auf RB Leipzig. Eine Spielzeit, bei der man wohl erst zur Winterpause ernsthaft sagen kann, was bis zum Ende erreichbar ist. Angesichts der aktuellen Kadersituation und der großen Konkurrenz in der Liga ist RB Leipzig sicherlich nicht Teil des ganz engen Favoritenkreises. Trotzdem hat man im Idealfall einer guten Entwicklung des eigenen Kaders und einer ausgeglichenen Liga die Chance ganz oben mitzuspielen. Realisitsch ist allerdings als Ziel ein Platz in der vorderen Tabellenhälfte. Und selbst um die wird es ein enormes Hauen und Stechen geben.

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Tabellentipp

  • 1. Eintracht Braunschweig
  • 2. Fortuna Düsseldorf
  • 3. 1.FC Nürnberg
  • 4. Greuther Fürth
  • 5. 1860 München
  • 6. FC Ingolstadt
  • 7. RB Leipzig
  • 8. 1.FC Kaiserslautern
  • 9. FC St. Pauli
  • 10. 1.FC Heidenheim
  • 11. Karlsruher SC
  • 12. Union Berlin
  • 13. VfL Bochum
  • 14. FSV Frankfurt
  • 15. SV Sandhausen
  • 16. VfR Aalen
  • 17. Erzgebirge Aue
  • 18. SV Darmstadt 98

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2 Gedanken zu „RB Leipzig vor der Hinrunde in der 2.Bundesliga 2014/2015“

  1. Nachdem wir nun wissen dass weitere Neuverpflichtungen geplant sind wird ein Tabellentipp immer unsinniger. Absteigen wird RB-Leipzig nicht. Ich habe eigentlich auch vor mir das Eröffnungsspiel gegen Aalen im Stadion anzusehen. Allein schon wegen der „Begeisterung und Freude die das Rasenball-Team verursacht“. Ich könnte meine Meinung aber noch ändern wenn ich nicht bald im Internet Informationen über die Eintrittspreise finde. Die offiziellen Seiten von RB-Leipzig funktionieren bei mir nicht, bei rb-fansPUNKTde und hier habe ich -noch- keine Informationen diesbezüglich gefunden.

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