Testspiel: RB Leipzig vs. FC Getafe 2:3

Das vorletzte Testspiel vor dem Beginn der Zweitligasaison brachte für RB Leipzig einen Vergleich mit dem spanischen Erstligisten FC Getafe. Ein Spiel, das im Gegensatz zum Spiel gegen Paris Saint-Germain am vergangenen Freitag tatsächlich Testcharakter mit Erkenntniswerten hatte, weil der Gegner trotz sehr frühem Stand der Vorbereitung sich als siegeswilliger und lange gut verteidigender Kontrahent präsentierte. Also ein Kontrahent war, wie man sich desöfteren auch künftige Zweitligagegner vorstellen kann, nämlich aus kompakter Defensivarbeit heraus, schnelle Konter zu fahren.

Die nicht neue Erkenntnis dabei ist, dass man als hoch verteidigendes Team, wie es RB Leipzig nun mal ist, im Mittelfeld und Sturm genau gegen den Ball arbeiten und Druck ausüben muss, um hinten nicht in tiefe Bälle zu laufen. Etwas, was vor dem 0:1 beispielsweise gar nicht gelang, als Getafe an der Mittellinie eine gefühlte Minute lang den Ball relativ unbedrängt hin- und herpassen konnte, bis man den richtigen Moment für den Pass in die Tiefe und damit die Abwehrkette auf dem falschen, weil mit dem Rücken zum Tor per se langsameren Fuß erwischte und Álvaro Vázquez García relativ unbedrängt vollenden konnte.

Inwieweit man das auf die 4-4-2-Formation mit zwei Sechsern schieben konnte, bleibt letztlich pure Spekulation. Fakt ist, dass ein kompaktes, defensiv orientiertes 4-4-2 nach hinten losgeht, wenn man es im Mittelfeld ohne Druck spielt. Per se bekommt man in diesem System zwar weniger Druck auf die gegnerischen Innenverteidiger, weil die eigenen Ketten etwas enger zusammenstehen und sich damit die Stürmer in Normalformation etwas tiefer orientieren, aber spätestens an der Mittellinie muss man intensiv Druck auf den Gegner ausüben, wenn man die Idee der Kompaktheit nicht ad absurdum führen will.

Grundsätzlich ist die Idee, mit dem 4-4-2 ein weiteres System neben dem 4-3-3 und dem 4-3-1-2 in petto zu haben und flexibel auf Spielsituationen reagieren zu können, absolut nachvollziehbar. Zumal man sich in der zweiten Liga durchaus Settings vorstellen kann, in denen es viel Sinn macht, ein wenig reaktiver zu spielen und den Gegner mit engen Ketten zu zermürben und über schnelle Außenspieler dann die beiden Strafraumstürmer Frahn und Boyd ins Spiel zu bringen.

Yussuf Poulsen bietet sich in dieser Idee als Außenbahnspieler an und zeigte auch nach fünf Minuten bei einer Aktion auf dem Flügel, wie es gehen kann mit dem Gegner überlaufen und in den Strafraum passen. Daniel Frahn verpasste es leider die schöne Aktion mit einem Tor zu veredeln. Abgesehen davon passierte aber über die Flügel nicht allzu viel. Yussuf Poulsen mühte sich redlich rechts, Stefan Hierländer blieb links, bei ähnlich guten Voraussetzungen in Sachen Geschwindigkeit und individueller Klasse wie sie Poulsen hat, allerdings weitgehend ohne Akzente.

Und so wurden auch die Probleme eines 4-4-2 im Spiel mit dem Ball sichtbar. Denn zugestellte Außenpositionen und schon aufgrund nur zweier zentraler Mittelfeldspieler geringe Präsenz in der Mitte führen zu Problemen bei der Ballzirkulation. Wobei gegen Getafe noch Ungenauigkeiten (Heidinger!) dazu kamen, die mit dem Spielsystem nicht so viel zu tun hatten (wobei ein Poulsen als Mann für Eins-gegen-Eins-Situationen per se mehr Ballverluste hat, die als äußerer Mittelfeldspieler mehr negative Wirkungen haben als als Außenstürmer). Entsprechend mühte sich RB Leipzig lange vergeblich, Chancen zu kreieren. Auch weil das Sturmduo Frahn/ Boyd bei der Sicherung langer Bälle nicht immer effektiv agierte.

Letztlich sollte man nicht den Stab vorschnell über das 4-4-2 brechen. Gerade in den ersten 15 bis 20 Minuten hat man auch gesehen, dass man mit diesem System dominant Fußball spielen und ruhig nach den eigenen Chancen suchen kann. Das mag gegen einen reaktiven Gegner wie Getafe vielleicht nicht ganz das Mittel der Wahl sein, könnte aber gegen die eine oder andere Zweitligamannschaft durchaus gut funktionieren. Und das 4-4-2 bietet auch die Möglichkeit jederzeit in ein 4-3-3 zu wechseln (wie es im Verlauf der ersten Hälfte praktiziert wurde, gegen Ende wurde es sogar dauerhaft zum 4-3-3), wenn Poulsen zum Stürmer wird und sich bspw. Frahn leicht in die Position einer hängenden Spitze begibt.

In der zweiten Halbzeit RB Leipzig dann im gewohnteren 4-3-1-2-System mit einigen Spielern, die man eigentlich eher als zweite Reihe auf der Rechnung hätte. Trotzdem agierte man nun im stärker pressingorientierten System wieder sicherer und setzte den Kontrahenten, der in der ersten Halbzeit noch einen zweiten Ball in die Tiefe zum 2:0 genutzt hatte, ordentlich unter Druck. Die Folge war das 2:2, erzielt ausgerechnet durch die zwei Nachwuchsspieler mit Neuprofiverträgen John-Patrick Strauß und Smail Prevljak, die die Vorbereitung nutzten, um Werbung für sich zu machen. Gerade der flexibel einsetzbare Strauß, der bisher in den Tests schon Innenverteidiger und Außenverteidiger spielte und diesmal auf die gewohntere Sechs rutschte, sorgt bei seinem Coach für viel Freude und dürfte in der kommenden Saison zumindest Chancen haben, öfters mal in den Spieltagskader zu rutschen.

Letztlich gewann der FC Getafe das Spiel verdient, weil man über die gesamte Spielzeit abgezockter agierte und RB Leipzig in der Defensivarbeit zwei, drei Fehler zu viel machte. Etwas was sich ein wenig durch den letzten Teil der Vorbereitung zieht, in dem man neun Gegentore in den letzten vier Spielen kassierte. Das erinnert ein wenig an die Hinrunde 2013/2014, als man sich manche gute Leistung noch durch Schnitzer zunichte machte, was man dann in der Rückrunde auf beeindruckende Art und Weise abstellte. Letztlich könnte für die aktuelle Saison ein ähnlicher Anpassungsprozess bevorstehen.

Ein Prozess, der noch dadurch verstärkt werden könnte, dass mit Fabio Coltorti und Diego Demme die unumstrittene Nummer 1 und die zuverlässige Korsettstange im Mittelfeld vorerst ausfallen. Bei ersterem wird es länger dauern (mindestens drei Monate nach Innenband-Anriss) und die Suche nach einer neuen Nummer 1 zur Folge haben. Bei zweiterem ist noch unklar, wie lange er nach einer Viruserkrankung ausfällt. Kann schnell gehen, kann aber auch lange dauern. Man hat insbesondere mit Khedira und Strauß natürlich Möglichkeiten, den Demme-Ausfall abzufedern, aber ganz ohne Anpassungsprobleme wird das wohl nicht abgehen. Zumal man Rani Khedira (bei allem guten, was man schon sieht) sowieso noch anmerkt, dass er noch ein wenig braucht, um sich ins RB-System einzufinden.

Am Rande noch interessant, dass mit Paul Schinke, bei dem man gar nicht glauben mag, dass er immer noch erst 23 Jahre alt ist, auch wieder einer mitkicken durfte, der eigentlich seit längerem nur noch in der zweiten Mannschaft unterwegs ist. Natürlich ist die Einwechslung für 20 Minuten vor allem den verletzungsbedingten Ausfällen zuzuschreiben. Trotzdem zeigt der Fall Schinke, dass es auch für einen eigentlich aussortierten Kicker durchaus mal schnell gehen kann mit einem Einsatz bei den Profis. Auch in der zweiten Liga. Das könnte den einen oder anderen Fußballer aus der zweiten Mannschaft durchaus zusätzlich motiveren.

Fazit: Der Kick zwischen RB Leipzig und dem FC Getafe war ein gutes Testspiel für den Gastgeber, weil man auf eine Mannschaft traf, die sehr viel realistischer künftige Zweitligagegner imitieren konnte, als das defensiv vogelfreie Paris Saint-Germain am vergangenen Freitag und sich dabei zeigte, was auch in der kommenden Saison nicht reichen wird, wenn man Spiele gewinnen will. Ein (gegen einen spanischen Erstligisten gar nicht schlimmer) Dämpfer zur rechten Zeit, weil man so nach dem hübschen Erlebnis Paris Saint-Germain wieder genauer weiß, woran man arbeiten und worauf man achten muss. Und das hat insgesamt nicht so viel mit der Frage zu tun, wer die Sturm- und Mittelfeldpositionen besetzt und wie viele der jeweiligen Positionen es dann zum Saisonstart geben wird. Der abschließende Test gegen die Queens Park Rangers am Samstag in Gera dürfte auf interessante Art und Weise zeigen, wie es sich das Teamauftreten entwickelt und in welche Richtung Zorniger in Sachen System und dessen Besetzung denkt.

Randbemerkung 1: Am vergangenen Freitag war der neue Caterer Gastrobüro und die ziemlich unteriridischen Zustände an den Verkaufsständen das Thema schlechthin. Nach der montäglichen Krisensitzung dann im Spiel gegen Getafe das gegenteilige Extrem. Statt einem Betreuungsverhältns von gefühlt 1:1000 nun eine 1:1-Betreuung an den Ständen, fliegende Händler, die Essen und Trinken unter die Zuschauer bringen wollten. Aus Besuchersicht sicherlich fast schon ein Schlaraffenland. Wenn sich die Sache irgendwo in der Mitte zwischen den Extremen einpendelt (bei mehr Zuschauern wird es wohl sowieso automatisch weniger schlaraffig), dann können wohl alle Beteiligten gut damit leben.

Randbemerkung 2: Knapp 6.000 im zweiten Testspiel in der Red Bull Arena hintereinander. Das ist letztlich angesichts eines nicht ganz so großen Gegners und normaler Eintrittspreise ordentlich. Und vor allem dahingehend ganz angenehm, dass mal wieder zur Abwechslung nur der Kern der RB-Anhänger versammelt war. Was nach all den Spielen an selber Stelle in jüngerer Vergangenheit, die auf die eine oder andere Art und Weise überjazzt waren, eine ziemlich bodenständige und nichtsdestrotz sehr angenehme Atmosphäre ergab. Vielleicht als Vorgeschmack in kleinem Rahmen, was in der kommenden Zweitligasaison in einigen Spielen warten könnte. Über ein, zwei Fangesänge aus dem Fanblock sei an dieser Stelle der Mantel des Schweigens gedeckt. Mal sehen, was diesbezüglich die Pflichtspiele bringen werden und ob das dann doch noch mal zum Thema werden wird.

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Tore: 0:1 Vazquez (25.), 0:2 Vazquez (29.), 1:2 Prevljak (48.), 2:2 Strauß (61.), 2:3 Astrey (69.)

Aufstellung 1. Halbzeit: Bellot – Heidinger, Sebastian, Willers, Jung – Poulsen, Kaiser, Khedira, Hierländer – Boyd, Frahn

Aufstellung 1. Halbzeit: Dähne – Teigl, Hoheneder, Willers, Heidinger (71. Schinke) – Fandrich, Strauß, Thomalla – Palacios Martinez – Morys, Prevljak

Zuschauer: 5.873

Links: RBL-Bericht, RB-Fans-Liveticker, FCG-Bericht

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5 Gedanken zu „Testspiel: RB Leipzig vs. FC Getafe 2:3“

  1. Kleiner Testspielbonus nach dem Motto ‚In einem Test kann auch mal was in die Hose gehen‘. Verbunden mit der Hoffnung, dass es innerhalb der Kurve(nfanclubs) geregelt wird. Wenn es das nicht wird, ist immer noch genug Zeit, daraus ein Thema zu machen.

    1. Schon Stichwort Schwulenfeindlichkeit, oder?

      Je mehr RB den Exotenstatus verliert, Richtung deines Kommentars zur Kernanhängerschaft, desto interessanter finde ich die 2te in der Oberliga. Paradox, aber nach ein, zwei Gesprächen hab ich das Gefühl, das geht nicht nur mir so. =)

  2. Würd ich auch gern wissen… Hab bei twitter nur kurz „Schnauze fabblock“ gelesen, und da das radio nicht aktiv war, war es schwierig den inhalt und die Stimmung über den ticker und die twitterkommentare zu erraten.

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