Fabian Franke: „Ich brauche mich vor niemandem verstecken“

Fabian Franke gehört fast schon zu den Urgesteinen im Team von RB Leipzig. In diesem Jahr geht er in seine fünfte Saison mit dem hiesigen RasenBallsport. 2010 gekommen, saß er erst ein halbes Jahr auf der Bank, bevor er unter drei verschiedenen Trainern (Oral, Pacult, Zorniger) jeweils Stammspieler war. Auch wegen Verletzungen rutschte der gebürtige Leipziger in der vergangenen Spielzeit zeitweise ein wenig in die zweite Reihe. 25jährig nimmt Fabian Franke nun erstmals Anlauf in der zweiten Bundesliga und versucht dort, seine Stärken im Zweikampf im Sinne der Mannschaft einzubringen und den Anforderungen einer hoch verteidigenden Abwehr gerecht zu werden. Grund genug, sich mit dem Innenverteidiger, der aktuell wegen Achillessehnen-Problemen auf unbestimmte Zeit ausfällt, zu einem Interview zusammenzusetzen und sich über Verletzungspech, aus dem Spielsystem resultierende Anforderungen für die Verteidiger und Karriereverlauf zu unterhalten.

Das ist jetzt die dritte Vorbereitung hintereinander, in der Du Verletzungsprobleme hast, wenn ich mich recht erinnere..

Im Winter jein. Da hatte ich die Maske wegen des Jochbeinbruchs. Die hätte ich länger tragen sollen, aber ich habe sie weggeworfen, weil sie mich gestört hat. Im letzten Sommer hat mich einer beim Testspiel gegen Basel extrem umgehauen. Und diesen Sommer habe ich im Training einen Schlag gekriegt. Alles, was mir passiert ist, resultiert quasi aus Fremdeinwirkungen. Davor kann ich nicht jammern. Es ist jetzt mein fünftes Jahr hier bei RB Leipzig und vor diesen Sachen war ich verletzungsfrei.

Aber wie sehr nimmt Dich das mit, dass Du in der Vorbereitung schon wieder hinten dran bist.

Die Ausgangssituation ist ein bisschen unglücklich und das geht natürlich aufs Gemüt. Wenn ein Großteil der Vorbereitung rum ist, ist es ganz natürlich schwer sich anzubieten. Gerade auch bei uns vier Innenverteidigern, wo das Niveau ziemlich eng beieinander ist. Ich brauche mich aber vor niemandem verstecken. In den letzten vier Jahren habe ich die meisten Spiele gemacht von allen vier Innenverteidigern. Ich muss zusehen, dass ich fit werde und dann werde ich meine Chancen auch wieder bekommen. Wenn ich fit war in der Vorbereitung, habe ich mich immer durchgesetzt. Und das gibt mir Kraft.

 

„Als Innenverteidiger versuche ich einfach zu spielen“

 

Dein Trainer Alexander Zorniger hat irgendwann mal gesagt, dass er Deinen nüchternen Spielstil mag. Ist das das, wofür Du stehst?

Ich sehe mich schon als sehr zweikampfstark. Im Luftkampf und natürlich auch am Boden. Unsere Stürmer bestätigen, dass es sehr unangenehm ist, gegen mich zu spielen. Wegen meiner Größe wirke ich zwar sehr schlaksig, aber über 10, 20 und 30 Meter habe ich Topwerte. Es sieht zwar nicht so aus, aber ich bin enorm schnell. Wenn wir mit unserer Kette sehr hoch stehen und der Gegner den Ball vorne rein spielt, ist es logisch, dass es dann aussieht, als ob du nicht hinterher kommst. Wir müssen uns schließlich erst drehen und die laufen schon gerade aus.

Fabian Franke, der Maskenmann | GEPA Pictures - Sven Sonntag

Das ist auch in Teilen unserem Spielsystem geschuldet. Als Verteidiger, der bei einer Mannschaft spielt, die mit ihrem ganzen Konstrukt weiter hinten steht, sieht man oft viel besser aus. Bei uns ist man auf die Eins-gegen-Eins-Situationen angewiesen, in denen ich meine Stärken habe. Wenn man da zögert oder die nicht gewinnt, wird es jedes Mal für uns gefährlich. Und wir sind natürlich auch abhängig, wie die Spieler vorne im Mittelfeld und Sturm arbeiten und anlaufen. Wenn die das schlecht machen, sehen wir auch schlecht aus.

Dann fliegen euch die Bälle um die Ohren.

Genau. In der dritten Liga haben wir aber, auch wenn bei den Innenverteidigern regelmäßig durchgewechselt wurde, sehr wenige Gegentore bekommen, dafür dass wir im Verhältnis sehr hoch stehen.

Du hast ja schon gesagt, dass ihr vier Innenverteidiger bei unterschiedlichen Stärken auf ähnlichem Level seid. Ist das nicht auch ein Problem, dass es zwischen den vier Innenverteidigern keine Hierarchie gibt, die einem die Sicherheit gibt, dass wenn man fit ist, dass man dann auch spielt? Wenn du eine rote Karte kriegst, sitzt du danach plötzlich auf der Tribüne.

Klar ist es anders bestimmt schöner. Man muss aber mit dem Gedanken klarkommen, dass das hier so ist. Wenn man mal gelbgesperrt und raus ist, ist das bitter. Dann muss man sich aber auf die Zunge beißen und weiter Gas geben. Der Trainer vermittelt in Gesprächen immer, dass alle vier Innenverteidiger Führungsspieler und wichtig sind. Wenn der andere wieder patzt oder raus ist und du bringst deine Leistung, dann bekommst du deine faire Chance. Das ist in meiner Situation mit der Verletzung vielleicht sogar ein Vorteil. Es gibt halt positive und negative Seiten daran.

Wie siehst Du denn deine Rolle als Innenverteidiger?

Als Innenverteidiger versuche ich einfach zu spielen, Zweikämpfe zu gewinnen und das Spiel nach vorne anzutreiben. Bei uns ist es natürlich extrem, dass die Innenverteidiger sehr in den Spielaufbau eingebunden werden. Da hat der Trainer seine Idealvorstellungen. Viele Außenstehende wissen das nicht und fragen sich, warum man denn den Ball hoch irgendwohin spielt. Das führt automatisch zu einer höheren Fehlerquote, wenn man nicht so oft den Sicherheitsball spielt wie die Ballbesitzmannschaften, die in der Bundesliga oder in der 2.Bundesliga spielen.

Wir haben halt die Prämisse, bei Ballgewinn sofort tief zu spielen, um schnellstmöglich den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen, unsortiert und unkompakt. Um dann in Lücken zu stoßen. Das sieht vielleicht nicht immer schön aus, aber insgesamt ist es effektiv. Von 10 Bällen kommen acht nicht an, aber die beiden die ankommen, sind sofort torgefährlich. Spielaufbau ist jetzt nicht meine brutale Stärke, aber mit 25 Jahren bin ich noch nicht extrem alt, sodass ich trotzdem noch Schritte mitgehen kann.

Bis zuletzt hieß es ja immer, dass Neuzugänge für die Defensive nicht geplant sind. Auch wenn inzwischen wegen deiner Verletzung über möglichen Ersatz nachgedacht wird, hast Du das auch ein bisschen als Wertschätzung gesehen?

Ich sehe das schon als Belohnung für die gesamte Abwehr, was sie geleistet hat. Das Vertrauen, das da in uns hineingesteckt wird, ist natürlich schön. Wir versuchen das bestmöglich zurückzuzahlen, haben uns das aber gleichzeitig auch hart erarbeitet. Es macht einen ein bisschen stolz, dass man – sollte ich nicht noch lange ausfallen – wahrscheinlich keinen Neuen holen will. Das ist ein gutes Gefühl.

 

„Die Herausforderung ist, den Spielaufbau anzunehmen und sich da weiterzuentwickeln“

 

Wenn ich Dich charakterisieren müsste, würde ich sagen, Du hast einen unheimlich englischen Spielstil, gerade weil Eins-gegen-Eins-Situationen Deine große Stärke sind. Als Zuschauer bricht in mir immer eine große Ruhe aus, wenn Du in Zweikämpfe gehst, weil man denkt, da passiert nicht viel. Hast Du den Karrieretraum, mal auf die Insel zu gehen?

Gute Frage. Karrieretraum. England ist schon geil. Als ich jünger war und beim FC Sachsen von der D-Jugend bis zur A-Jugend-Bundesliga alle Stationen durchlaufen habe, hat sich mein Vater Premiere zugelegt. Da habe ich mir viele englische Ligaspiele live angeguckt. Und ich bin absoluter Arsenal-Fan, auch jetzt noch. Das war früher die Generation mit Thierry Henry, Patrick Vieira, Robert Pires und David Seaman. Der Spielstil hat mich schon geprägt, den fand ich immer bewundernswert. Vor eineinhalb Jahren war ich dann mal in London und habe auch ein Spiel gesehen. Ich könnte mir schon vorstellen in England zu spielen, wenn es eine Möglichkeit gibt. Aber wenn das nicht wird, dann ist es auch nicht so schlimm.

Wichtige Kompetenz für den modernen Innenverteidiger - Fabian Franke beim schnellen, direkten Spiel in die Spitze | GEPA Pictures - Kerstin Kummer

Interessant ist, dass die englischen Innenverteidiger meist recht einfach gespielt haben. Auch wenn man auf Manchester United guckt. Rio Ferdinand und Nemanja Vidic spielen gnadenlos einfach und werden belohnt. Das meinte ich vorhin. Bei Ballbesitzfußball fällt es einem als Innenverteidiger ein bisschen leichter, weil die Sechser sich öfter den Ball abholen und man nicht den Ball von ganz hinten nach ganz vorne spielen muss, am besten flach. Das ist halt schwer durch einen kompakten, tief stehenden Gegner.

Sehnst Du dich manchmal heimlich danach, in einer tiefer verteidigenden Ballbesitzmannschaft zu spielen?

Das nicht. Das kann man so nicht sagen. Jetzt heißt der Trainer gerade Alexander Zorniger, der hat natürlich einen anderen Spielstil als vielleicht ein Peter Pacult hatte. Aber man muss sich an jeden Trainer gewöhnen und der Erfolg hier gibt uns auch Recht. Indem man eine Herausforderung annimmt oder an etwas arbeitet, was man noch nicht so gut kann, kommt man auch einen Schritt weiter. Hier ist eben neben anderen Dingen die Herausforderung, den Spielaufbau trotzdem anzunehmen. Sich da weiterzuentwickeln, bringt einen ja auch persönlich weiter.

Ich stelle mir das schwer vor, du bist Innenverteidiger, hast das relativ lange gemacht oder hast so bestimmte Sachen gelernt und dann kommt jemand und verlangt von dir etwas völlig anderes. Dass du plötzlich 20 Meter weiter vorne stehen sollst, während du wahrscheinlich denkst, dass permanent 40 Meter hinter dir sind, die man nicht schließen kann. Wie schwer fällt so eine Umstellung bis hin zum Punkt, sich zu sagen, dass sich das auszahlt und Sinn macht, weiter vorn stehen zu bleiben, egal was passiert?

Als das losging mit dem Trainer Alexander Zorniger, haben wir uns schon gefragt, was wir hier eigentlich machen. Aber jetzt ist das bei vielen fest im Kopf verankert. Man hat halt gesehen, dass es erfolgreich ist. Es ist aber wie gesagt auch von der Mannschaft abhängig. Wenn der Sturm und das Mittelfeld uns die Sicherheit geben und die Gegenspieler gut anlaufen, dann fällt es der gesamten Abwehr leichter, noch höher zu stehen. Wenn man aber immer damit rechnen muss, selbst wenn der Gegner blind schlägt, dass man das Nachsehen hat, wird es schwierig.

Zwischendurch in der Saison hattet ihr auch Mannschaften, gegen die ihr zusätzlich zum hohen Stehen und Verteidigen auch die Möglichkeit brauchtet, in bestimmten Situationen als Mannschaft schnell abzukippen und zurückzufallen. Ist das dann der nächste Schritt, nachdem man gelernt hat, hoch zu verteidigen, das zu verfeinern und die Chance zu haben, tiefer zu stehen. Darmstadt auswärts war ja so ein Spiel, wo ihr 80 von 90 Minuten den eigenen Strafraum verteidigt und relativ tief gestanden habt.

Da kann ich mich auch noch gut dran erinnern. Das sind die Feinheiten, die den Unterschied ausmachen. Da braucht man eben auch einen guten Trainer, der erkennt, dass es mal nicht so klappt mit dem Anlaufen und dann entscheidet, dass man sich komplett zurückzieht. Wir haben auch schnelle Spitzen und wenn die eingesetzt werden, dann wird es sehr brenzlig für den Gegner. Darmstadt hatte damals in dem Spiel zwei, drei gute Chancen. Aber insgesamt haben wir dort tief stehend sehr wenig zugelassen.

Mit dem sofortigen Spiel in die Spitze ist es so, dass man den Gedanken gleich als erstes im Kopf hat. Aber auch das wird jetzt verfeinert, weil der Gegner sich darauf eingestellt und uns beobachtet hat und die gegnerischen Verteidiger sofort nach hinten laufen. Dann muss uns Verteidigern mal einer entgegenkommen, sodass man den Ball nicht ganz tief, sondern nur halb tief in die entstehenden Räume spielt. Das ist im Offensivspiel der nächste Schritt. Da bietet der Trainer natürlich Möglichkeiten an und gibt uns auch diverse Tipps.

Es wird ja für die zweite Liga wahrscheinlich auch wichtiger, dass man flexibler auf Spielsituationen reagieren kann.

Auf jeden Fall. Die Gegner haben natürlich an Qualität gewonnen. Auch wenn der Unterschied zwischen zweiter und dritter Liga nicht so ist, dass man Angst haben muss. Wir haben ja auch schon Vorbereitungsspiele gehabt gegen größere Mannschaften und wissen, dass im Fußball Kleinigkeiten oder Tagesform eine entscheidende Rolle spielen.

 

„Ich mag es, auswärts zu spielen, wenn man nicht gemocht und ausgepfiffen wird“

 

Freust Du dich auf eine Saison, wo man fast jeden Spieltag vor relativ gut gefüllten Rängen spielen wird?

Das ist ein schönes Gänsehautgefühl, wenn man zu Hause oder auswärts aufläuft. Auch in der dritten Liga war es schon ein anderes Gefühl als in der vierten. Wenn das Spiel losgeht, ist man dann wie in seinem eigenen Fokus, in seiner eigenen Welt. Wenn der Ball mal im Tor landet, schaltet man kurz ab und dann geht es mit dem Eigene-Welt-Modus weiter.

Kriegt man in diesem Modus eine Unterstützung von außen überhaupt mit? Ich hatte beim Sachsenpokal-Finale letztes Jahr gegen Chemnitz z.B. das Gefühl, dass die Zuschauer eine große Rolle gespielt haben.

Das war schon einzigartig damals, das Sachsenpokal-Finale. Das Spiel hat aber auch alles mitgebracht. Wir waren klar besser, zig Chancen nicht genutzt. Die gehen in Führung, wir einen geilen Ausgleich gemacht. Die gehen wieder durch einen individuellen Fehler in Führung, wir machen wieder das 2:2. Das ist natürlich noch mal ein besonderes Kick. Das ist aber auch für die Zuschauer ein besonderer Kick. Das merkt man dann schon noch mal an der Atmosphäre.

Und sonst, kriegst Du das mit oder bist Du so abgeschottet, dass das egal ist, ob Du auswärts oder zuhause spielst.

Ich muss sagen, ich mag es auch sehr, auswärts zu spielen. Ich mag es, wenn man nicht gemocht und ausgepfiffen wird. Weil dann das Gefühl noch schöner ist, wenn man ein Tor macht oder wenn es gelingt, dass wir in Führung gehen.

Fabian Franke völlig losgelöst, nachdem er gegen den Chemnitzer FC im Sachsenpokal-Finale zum 2:2 trifft | GEPA Pictures - Sven Sonntag

Dein erstes Pflichtspiel bei RB Leipzig war beim 1:5 gegen Holstein Kiel Anfang 2011, als Du beim Stand von 1:5 eingewechselt wurdest. Zeigt man da innerlich den Vogel und fragt sich, was das jetzt soll oder war das tatsächlich die Situation, in der Du Dir gesagt hast, dass das Deine Chance ist, weil hier gerade was auseinander bricht und Du Dich zeigen kannst?

Im ersten Moment habe ich mich wahrscheinlich schon gefragt, ob das jetzt Spaß ist. Man fühlt sich nicht so wohl, bei so einem Stand ins Spiel zu kommen. Nach dem Spiel gegen Kiel haben die Fans ja auch die Entlassung des Trainers gefordert und die Spieler ausgepfiffen.

Ich kann mich erinnern, dass gegen Ende des Spiels auch der Gegner angefeuert wurde..

Das ist das schlimmste, was einer Mannschaft passieren kann, dass der Gegner angefeuert wird, das ist sehr frustrierend. Wenn man das Trikot trägt, möchte man Erfolg und vieles gut und richtig machen und gewinnen. Man macht so etwas wie gegen Kiel ja nicht mit Absicht. Im ersten Moment nach dem Spiel dachte ich, das war jetzt nicht so schön. Aber im zweiten Moment, nach einer Nacht drüber schlafen, dachte ich, dass jetzt vielleicht meine Chance kommt. Und so war es dann auch. Ich habe erst auf der Linksverteidigerposition gespielt. Und dann kam Thomas Linke, der meinte von der Statur her und mit der Schnelligkeit, dem linken Fuß und dem Kopfballspiel gehöre ich eigentlich in die Mitte. Das ist auch schon immer mein Favorit gewesen. Sicherlich, zur Hilfe spiele ich auch mal links hinten, aber ich fühle mich in der Mitte deutlich wohler.

Du hast ja mehr als 100 Pflichtspiele gemacht bei RB Leipzig und bist inzwischen nach Frahn der Spieler mit den meisten Einsätzen für den Verein. Wie fühlt sich das an? Ist das in der Mannschaftshierarchie oder im Team was wert, dass Du den Verein in allen Steinen und Debatten und Strukturen kennst?

Ich muss mich auf jeden Fall vor keinem verstecken. In der Mannschaft bin ich sehr akzeptiert. Privat bin ich nicht wirklich der Lautsprecher, sondern eher ein ruhiger Geselle. Aber wenn ich was sagen muss, sage ich das schon. Und auf dem Spielfeld gebe ich auch wichtige Kommandos bei der Zuordnung. Wenn wir nach vorne spielen, bin ich schon dabei, unser Spiel zu sortieren.

Aber Du gehst jetzt nicht zu Neuzugängen und sagst, ey ich war schon in Braunschweig 2010 dabei, als die unseren Mannschaftsbus beschmiert haben, ich erzähle euch mal, wie es hier läuft?

So auf keinen Fall. Aber ich stehe schon für die neuen Spieler zur Verfügung und helfe zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Und wenn jemand irgendwo hin muss oder Hilfe braucht, kann man mich gerne fragen. Weil Leipzig ja meine Heimatstadt ist.

 

„Die Ehrenrunden waren wichtig, weil sich da ein Gerüst der Mannschaft herauskristallisiert hat“

 

Wie kam es eigentlich dazu, dass Du 2010 nach zwei Jahren von Hamburg von der U23 des HSV nach Leipzig zurückgekommen bist?

Der Aufenthalt in Hamburg war sehr schön. Hamburg ist eine super Stadt. Leipzig ist so ein bisschen Klein-Hamburg, viele Grünflächen, viele Seen. Das erste Jahr in Hamburg war ziemlich unglücklich für mich. Ich hatte Probleme mit der Hüfte, hatte eine Hüftathroskopie. Da hat man einen Knorpel entfernt, der immer auf dem Knochen gerieben hat und das auf die Leiste ausstrahlte. Da habe ich ein halbes Jahr aussetzen müssen.

Im nächsten Jahr war ich erstmal verletzungsfrei und hab dann größtenteils gespielt. Ich hatte dann sogar eine Einladung zur U20-Nationalmannschaft für ein Spiel gegen Italien. Ich sollte sogar spielen, aber kurz vorher ist mir beim HSV einer auf den Knöchel gesprungen und der Zug war nach einer Bänderverletzung abgefahren. Das war sehr frustrierend. Aber ich gebe nicht klein bei. Ich weiß, was ich will und weiß, wo ich weiterkommen möchte und da hilft es nicht bei schwierigen Situationen den Kopf in den Sand zu stecken.

Fabian Franke in seiner Paraderolle als Zweikämpfer, einmal in der Luft.. | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Und dann hat es sich so ergeben, dass der damalige RB-Manager Joachim Krug öfters angerufen hat. ‚Ja, wie sieht es aus und Leipzig und Projekt und Potenzial‘. Für mich bedeutete das Heimat und relativ schnell ein paar Klassen hochkommen und ich dachte, wenn man da Fuß fasst, das ist doch super. So ist es ja im Prinzip auch gekommen mit vielleicht ein, zwei Jahren Verspätung. In der Zeit ist alles hier so sehr gewachsen mit Zuschauern, mit den Strukturen, Geschäftsstelle, Trainingsgelände und und und. Das macht einen schon stolz, da ein Teil zu sein.

Waren die zwei Ehrenrunden in der Regionalliga also auch wichtig für das Selbstverständnis und den Verein?

Im Nachhinein würde ich ganz klar ja sagen. Um eben zum Beispiel bessere Strukturen zu schaffen. Auch für den Aufbau und den Kontakt mit den Zuschauern. Im Nachhinein waren die Ehrenrunden wichtig, weil sich auch ein relativ junges Gerüst der Mannschaft herauskristallisiert hat, die das bis heute mittragen und wieder gespickt werden, mit jungen Talenten oder sehr guten Fußballern.

2010/2011, in deiner ersten Saison bei RB Leipzig hat man mit Dir, Frahn, Schinke, Lewerenz, Kammlott und einigen anderen vor allem sehr junge Spieler verpflichtet, nachdem man im Jahr zuvor überwiegend auf ältere, ausgediente, ehemalige Bundesligaprofis gesetzt hatte. Alexander Laas meinte irgendwann einmal, dass ein Problem gewesen wäre, dass es eine alte und eine junge Gruppe gegeben hätte und die ziemlich unvermittelt nebeneinanderstanden?

Das kann ich bestätigen. Die jüngeren hatten andere Ansichten als die älteren. Es war wie eine kleine, gespaltene Gruppe. Die Bindeglieder waren einfach zu wenige. Auch der Trainer hat anfangs klar signalisiert, dass die Älteren die Chefs sind. Aber als die dann ihre Leistung auf Dauer nicht konstant gebracht haben, hat man als jüngerer Spieler Lunte gerochen und wollte natürlich rein. Die Teamkonstellation war insgesamt nicht die beste.

Wie ist das als junger Spieler. Du kommst in so einen Verein, bist da neu, in der Mannschaft gibt es einen relativ großen Umbruch, der nicht funktioniert und das Gebilde zerfällt in Gruppen. Denkt man dann, oh Gott, was habe ich nur für einen Schritt gemacht oder schaut man eher nach vorn?

Man hat mir damals, als es nicht so gut lief, Mut zugesprochen. ‚Du bist doch noch jung, du bringst so vieles mit, hab doch noch ein bisschen Geduld.‘ Das Problem ist, dass viele Fußballer ungeduldig sind. Weil man natürlich immer viel will. Im Nachhinein hat es sich in Luft aufgelöst, weil ich von heute auf morgen gespielt habe. Dann war es egal, aber vorher hat man sich schon damit beschäftigt und sich gesagt, dass es doch nicht sein kann, dass man nicht wenigstens mal für ein paar Minuten eingewechselt wird, man nicht ein paar Minuten Anerkennung kriegt. Das war frustrierend.

Dazu gehörte damals auch, für die zweite Mannschaft aufzulaufen, die in Delitzsch draußen Bezirksliga spielte. Solche Spiele bringen einen, wenn man schon mal höher gespielt hat, nicht weiter. Da sehe ich dann eher die Verletzungsgefahr größer. Wenn man nach einer längeren Verletzungspause mal Oberliga spielt, um in den eigenen Rhythmus zu kommen oder seinen Fitnessstand zu erlangen, das ist was anderes. Aber zum damaligen Zeitpunkt habe ich schon teilweise gedacht, klar bin ich hier in meiner Heimatstadt Leipzig, aber trotzdem unglücklich, was das mit dem Fußball betrifft.

Gab es denn beim HSV keine Perspektive, um an der Bundesliga anzuklopfen?

Zur damaligen Zeit beim HSV nein. Ich durfte ab und zu bei den Profis mittrainieren. Mehr oder weniger, wenn die Nationalspieler auf Reisen waren, um aufzufüllen. Da gab es aber noch einen anderen Innenverteidiger, der hatte schon U19-Nationalmannschaft gespielt. Meist haben sie eher ihn hochgeschickt, wenn mal Not am Mann war. Auch schon manchmal mich, aber bevorzugt ihn. Und die Durchlässigkeit von der A-Jugend und der U23 zu den Profis war damals gleich null Prozent. Wenn ich überlege, mit wem ich alles zusammengespielt habe. Maxim Choupo-Mouting, Maximilian Beister, Hanno Behrens, die Torhüter Raphael Wolf und Wolfgang Hesl. Die haben alle mal mittrainieren dürfen, aber haben nie wirklich eine Chance bekommen.

Du warst vor dem HSV ja beim FC Sachsen Leipzig. Wieso bist Du zum HSV gegangen? Das war doch dasselbe Jahr, in dem der FC Sachsen in die Regionalliga aufgestiegen ist und in derselben Spielklasse spielte wie die U23 des HSV?

Es war damals ganz einfach. Die haben beim FC Sachsen gesagt, du kannst einen Vertrag für die zweite Mannschaft bekommen. Obwohl ich ein überragendes Jahr in der A-Jugend-Bundesliga gespielt hatte. Sie wollten halt andere für ihr Regionalliga-Team haben. Da habe ich gesagt, schönen Dank, Tschau. Zudem kam ich mit einigen der damaligen Trainer nicht so zurecht, sodass es für mich dort sowieso nicht weitergegangen wäre. Der HSV war auch ein ganz anderes Sprungbrett als es der FC Sachsen Leipzig damals war. Ich habe die Ausbildung beim FC Sachsen sehr genossen, aber die Chance, bei einem Bundesligisten zu spielen, das ist ein ganz anderes Gefühl.

 

„Mit dem Erfolg und dem erfolgreichen Spielstil steigt auch die Akzeptanz“

 

Typisch Leipziger Fußball, die Frage muss kommen: Warum eigentlich der FC Sachen?

Ich habe im Nachwuchs bei Blau-Weiß Leipzig angefangen. Da war mein Vater Trainer und ich war halt überdurchschnittlich gut für die Jugend. Dann kam gleichzeitig ein Angebot vom VfB Leipzig und FC Sachsen. Zum einen war der Weg zum FC Sachsen einfach kürzer. Und mein Vater hat ein bisschen mehr Sympathie für den Arbeiterverein in der Stadt gehabt.

Die Leipziger Fußballgeschichte Lok vs. Chemie. Wie war das für Dich als Spieler? Hat das für Dich eine Rolle gespielt oder war das etwas, mit dem Du nichts am Hut hattest?

Doch, man ist da ja hineingewachsen. Und natürlich bekommt man das mit, weil man zu seiner ersten Mannschaft zugucken gegangen ist. Chemie gegen Lok war ja schon immer das Derby hier schlechthin. Ich sag mal so, einmal grün-weiß, dann gibt es nichts anderes mehr. Das soll nicht böse klingen und ich wünsche Lok auch, dass sie wieder aufsteigen in die Regionalliga. Sie können auch gern die zweite Macht oder der zweite Club in Leipzig werden, das ist mir egal. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, egal was passiert, dass ich da jemals aufdribbeln werde.

2009 war ja der Reflex bei den alteingesessenen Vereinen, dass RB Leipzig in den nächsten fünf bis zehn Jahren keinen Fuß auf den Leipziger Boden kriegen wird, weil es Lok und Chemie gibt. Höchstens wenn sie anfangen Bundesliga zu spielen, dann würden die Leute kommen. War das dieses typisch Leipziger ‚Wir waren schon immer zwei Mannschaften und das wird auch für immer so bleiben‘?

Das war typisch Leipzig aus damaliger Sicht. Man hat es ja auch nie geschafft, in finanziellen Schwierigkeiten beider Vereine mal die beiden Vereine zusammenzustecken und einen starken Verein daraus zu machen. Das ging von den Vorständen und natürlich von den Fans her nicht, die sich nie grün geworden sind. RB oder Red Bull hat vorher alle beide Vereine gefragt, wie es aussieht mit Unterstützung. Und da hat vor Stolz keiner die Augen geöffnet und keiner angenommen.

..und am Boden | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Markranstädt hat es dann gemacht. Anfänglich waren viele dagegen. Nicht nur in Leipzig und bei den beiden Lagern, sondern auch deutschlandweit. Mit dem Erfolg und dem erfolgreichen Spielstil jung, aggressiv, dynamisch steigt aber die Akzeptanz extrem. Und das bestätigen in der letzten Zeit die Zuschauerzahlen. Ich will nicht sagen, dass die anderen beiden Vereine von der Bildfläche verschwinden, aber nach und nach wird denen nicht mehr so viel Beachtung geschenkt.

Aber Union und St. Pauli haben sich auch jeweils ihre Nischen gebaut. Denkst du nicht, dass Lok oder meinetwegen Chemie (auch wenn das bei denen gerade etwas aussichtslos scheint), dass die so eine Nische besetzen und mit einem ähnlichen Zuschauerschnitt wie Union leben könnten?

Ich glaube, der Zug ist abgefahren. Das hätte eher passieren müssen. Es ist ja eher so, dass der Zuschauerschnitt zurückgeht. Deswegen glaube ich nicht, dass da noch mal eine Wende kommen wird. Union ist ein anderer Kultstatus. Einfach auf einem anderen Niveau. Das gleiche mit St. Pauli. Es gibt dort auch ganz andere, viel größere Einzugsgebiete als in Leipzig. Wenn ein Verein wie RB schon so viel anzieht, bleiben nicht mehr viel Zuschauer für die anderen? Und dann gibt es in Leutzsch noch mal zwei verschiedene Vereine..

Du hattest ja verschiedene, auch bekannte Trainer. Cardoso, Oral, Pacult, Zorniger. Sehr unterschiedliche Trainer auch. Hat man als Spieler Präferenzen oder nimmt man von jedem etwas mit?

Es ist in der Tat so, dass man sich von jedem Trainer etwas spezielles mitnimmt und etwas dazulernt. Cardoso war eher der lockere Typ. Damals bei der U23 vom HSV konntest du im Spiel im eigenen Strafraum den Ball hinterm Standbein zurückziehen und dreimal Doppelpass spielen und es hat ihn nicht gestört, sondern er fand es eher super. Würde ich das jetzt einmal machen und es würde was passieren, dann kann ich direkt reingehen in die Kabine.

Pacult war eher der Typ, der nicht so viel gesprochen hat. Aber wenn er was gesagt hat, dann hat das richtig gefruchtet. Und entweder man ist der Spielertyp und nimmt sich das an und oder man kommt damit gar nicht klar. Aber das ist wie mit jedem Trainer. Andere Spieler können wiederum mit Cardoso nichts anfangen. Ich hatte mit Cardoso keine Probleme, ich kam aber auch mit Pacult gut klar.

Herr Zorniger ist eher der Typ Disziplin, Ordnung, Sauberkeit, das sind Grundvoraussetzungen. Die für mich aber sowieso dazu gehören. Das musst du einfach mitbringen in dem Geschäft. Zorniger ist auch sehr taktik- und positionsgetreu. Er liebt mitdenkende Spieler, die das Spiel auch schon nebenbei analysieren können.

 

„Die schwere Verletzung von Mü hat den Spielern noch mal richtig die Augen geöffnet“

 

Du hattest ja selbst Ende letzten Jahres nach einem Tritt durch den Gegenspieler gegen den Kopf die schwere Verletzung am Jochbein. Dazu die schlimme Verletzung von Christian Müller in der Winterpause. Macht man sich da manchmal bewusst, dass so eine Karriere auch mal ganz schnell vorbei sein kann? Oder muss man das als Innenverteidiger ausblenden, um gut spielen zu können?

Die Verletzung von Mü [Christian Müller/ Anm. rotebrauseblogger] war und ist viel schwerwiegender als meine. Trotzdem ist mir bewusst geworden, dass man jeden Tag genießen sollte, den man an der frischen Luft ist und alles mitnehmen sollte, was geht. Es ist bei mir nicht so, dass ich jetzt Angst habe, in den Zweikampf zu gehen. Wenn etwas passieren soll, dann passiert es sowieso. Das gehört zum Fußball dazu. Ich denke aber, dass durch die schweren Verletzungen von Mü und Henrik Ernst und vielleicht auch teilweise durch meine Vereltzung den Spielern noch mal richtig die Augen geöffnet worden ist, sich gut abzusichern, falls dann wirklich mal so etwas passiert, dass man gar nicht mehr weiterspielen kann. Aber dass ich jetzt Angst habe, dazu bin ich nicht der Typ, dazu habe ich zu schnell bei meiner Verletzung meine Maske weggeworfen und gesagt, es ist jetzt drei Wochen her, ich soll sie sechs Wochen tragen, das ist nicht mein Ding.

Hast du schon Ideen für die Karriere nach dem Fußball?

Eine Frage, die man oft gestellt bekommt. Ich habe mein Abitur gemacht, aber noch keine Ausbildung. Ich habe mir selber gesagt, ich gucke bis 27 oder 28, wo ich ungefähr gelandet bin und auf welchem Niveau ich mich befinde und dann wäre es sicherlich kein Problem zu sagen, dass man noch ein Fernstudium anfangen will. Was natürlich wirklich geil wäre, wäre Scout. Ich denke, ich habe ein gutes Auge und kann Spieler gut beurteilen. Ich könnte mir auch vorstellen als Nachwuchstrainer zu arbeiten oder Richtung Co-Trainer zu gehen. Da würde ich mich glaube ich wohler fühlen als als Cheftrainer. Vielleicht baut man sich auch was ganz eigenes auf. Oder es kommt noch eine ganz andere Idee. Also 100% konkret kann ich das noch nicht sagen.

Vielen Dank für das Interview, viel Erfolg und Gesundheit für die kommende Saison!

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Bilder: © GEPA pictures/ Roger Petzsche (2), Sven Sonntag (2), Kerstin Kummer (1)

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