Luftige Theorien

Wegen der guten Luft geht bestimmt keiner nach Leipzig. (Eintracht-Präsident Peter Fischer via BILD, 16.06.2014)

Einen reichlichen Monat ist es her, dass Renat Dadashov, ein 15jähriger Stürmer von Eintracht Frankfurt zu RB Leipzig wechselte. Eine Wechselrichtung, die offenbar immer noch so ungewohnt ist, dass man in Frankfurt in der Reaktion auf den Wechsel nicht umhin kam, in gewisser Arroganz, die Motivlagen zu bestimmen. Frei nach dem Motto ‚Zu uns kommt man wegen der Perspektiven und weil wir ein geiler Verein sind, zu RB Leipzig geht man nur wegen der Kohle‘. Das zehnfache der Frankfurter Summe zahle man in Leipzig, so rechneten Medien auf der Basis von maximal vagen Vermutungen von Frankfurter Vereinsverantwortlichen vor.

Letztlich steht in der Sache der Höhe der finanziellen Vergütung Wort gegen Wort. Fakt ist, dass Dadashov in Leipzig sicherlich nicht weniger als in Frankfurt verdienen wird, aber (wenn man das sonstige Auftreten der hiesigen Nachwuchsverantwortlichen ernst nimmt) auch nicht wesentlich mehr. Interessant an der ganzen Geschichte ist aber vor allem, dass ein Eintracht-Präsident einem anderen Verein „Sklaventum“(!) vorwirft,  weil der einen Spieler geholt hat, der erst ein Jahr vorher (also mit 14) von Wehen Wiesbaden nach Frankfurt gewechselt ist. Aber, wie der schillernde Eintracht-Präsident mit der lockeren Zunge Peter Fischer vermutlich argumentieren würde, wegen der guten Luft nach Frankfurt gewechselt ist.

Es ist schon erstaunlich. Da wechseln knapp 25 Jahre lang Talente aller Art in die eine Richtung, nämlich zu den alteingesessenen Bundesligaclubs in den alten Bundesligen, ohne dass diese Praxis in Frankfurt, Bremen, München und Co unter Kritik gestanden hätte. Und dann kommt dieser neureiche RB Leipzig und macht Wechsel in die Gegenrichtung möglich und die Welt bricht zusammen. Selbst für den Fall, dass RB Leipzig einem Dadashov ein paar Euro mehr im Monat zahlt, als dies Eintracht Frankfurt gemacht hätte, bleibt die interessante Frage, was dabei der entscheidende Unterschied zur Situation ist, als vor RB Leipzig Fußballer aus dem Leipziger Nachwuchleistungszentrum zu Clubs gegangen sind, die ein paar Euro mehr zahlten und mindestens die gleiche oder eine bessere sportliche Perspektive boten.

Letztlich ist RB Leipzig in der Nachwuchsarbeit mit vielen hauptamtlichen Trainern, guten Trainingsbedingungen und Nachwuchsteams in den jeweils höchsten Ligen inzwischen eine Top-Adresse und hat mit einem Zweitligateam auch eine entsprechende Anschlussperspektive. Wer nach optimaler sportlicher Förderung sucht, muss Leipzig nicht verlassen bzw. muss Leipzig als Option nicht ausschließen.

Bei aus Leipziger Sicht mindestens gleicher sportlicher Förderung (was schon mal dafür spricht, dass es in Leipzig gute Fußballluft gibt) sind es dann eben auch immer sehr subjektive Motivlagen, die einen Spieler wechseln oder beim alten Verein verbleiben lassen. Weswegen das (normalerweise im Fall der Fälle nichtöffentliche) Urteilen über den Fall Renat Dadashov wohl nur denen erlaubt ist, die die Familie wirklich gut kennen und zudem das Zustandekommen des Wechsels begleitet haben. Die hilflos wirkenden, eindimensionalen Geld-Vorwürfe der Frankfurter Verantwortlichen lassen jedenfalls vermuten, dass sie diese intime Kenntnis des Vorgangs nicht haben.

Fakt ist, dass Geld wohl immer auch ein Kriterium sein wird, wegen dessen angehende Profisportler und ihre Eltern Entscheidungen treffen. Und es daneben diverse andere sportliche und nichtsportliche Faktoren geben dürfte, die einen Einfluss haben. Genau wie es Profis gibt, die in ihrer Karriere gern zumindest in der Nähe der Heimat bleiben, weil sie das Umfeld brauchen, wird es auch Jugendspieler geben, die das vertraute Umfeld nicht aufgeben wollen, während anderen dieser Punkt nicht so wichtig ist oder sie gar neugierig auf ein neues Umfeld sind. Selbiges gilt für das Thema Einkommen und dessen Höhe.

Fakt ist, dass jeder Spieler zusammen mit den Eltern ganz allein und anhand der eigenen Motivlagen entscheiden muss, ob er wechseln will oder nicht. In diesem Zusammenhang ist es dann eben relevant, dass ein Wechsel von einem großen bundesdeutschen Verein nach Leipzig auch in der Jugend nicht (mehr) völlig absurd ist, weil man sich sportlich und finanziell zumindest nicht verschlechtert, weil die Stadt verkehrstechnisch relativ gut vernetzt und zu erreichen ist, weil man mit Verantwortlichen wie Ralf Rangnick und dem Nachwuchschef Frieder Schrof über Personal mit einem guten Ruf und einer gewissen Überzeugungskraft verfügt und weil die Profimannschaft verstärkt auf Nachwuchskräfte setzt. Insgesamt also ein Umfeld, in dem man nicht unbedingt die legendäre „Buschzulage“ braucht, um qualifiziertes Personal in die mehr oder minder gute Leipziger Luft zu bewegen.

Letztlich ist die frühe Entscheidung für ein Nachwuchsleistungszentrum und damit für eine professionelle Karriere bereits der Schritt, der die anderen gewissermaßen vorprägt. Denn schon zu diesem Augenblick entscheidet man sich für Entbehrungen, absolute Elitenförderung und im Laufe der Jahre auch permanenten und harten Konkurrenzkampf. Sprich, sein Kind in ein Nachwuchsleistungszentrum zu schicken, dürfte immer auch mit einer Hoffnung auf Karriere und Erfolg verbunden sein. Und das ist per se mittel- bis langfristig nicht nur eine sportliche, sondern auch eine wirtschaftliche Hoffnung. Insofern dürften finanzielle Hoffnungen auch bei möglichen Wechseln eine Rolle spielen, aber eben nur eingebettet in das Konglomerat sportlicher und nichtsportlicher, karrierebezogener Gründe.

Letztlich verrät die Empörung in Frankfurt wieder mal mehr über die Empörten selbst als über den Gegenstand ihrer Empörung. Nämlich dass man es inakzeptabel findet, in der Nahrungskette der Jugendarbeit Plätze an einen frischen Club mit vernünftigem finanziellen Background aus einer Region zu verlieren, aus der früher im Fall der Fälle die Spieler noch gekommen sind. Sprich, dass man es inakzeptabel findet, dass jetzt eventuell ein anderer Verein die 100 Euro mehr zahlt, die man eigentlich sonst selber über der Konkurrenz stand und steht. Vermutlich denkt an dieser Stelle aus dem Kaufmann Peter Fischer auch nur der Fan, der er früher als Teil der Fankurve ausschließlich war.

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