Reform ohne Reformwillen

Vor ein paar Tagen ging es hier im Blog bereits um die Regionalliga und die Forderung der DFL, dass diese zum Modell mit drei Staffeln zurückkehren solle. Was zumindest dahingehend eine schwierige Forderung ist, weil man vor drei Jahren, als man die Regionalliga-Reform hin zu fünf Staffeln beschloss, dies ja wegen der großen Unzufriedenheit mit der dreistaffligen Regionalliga tat.

Nachdem DFL-Chef Andreas Rettig seine Regionalliga-Forderungen, die darauf abzielen, dass die U23-Teams der Profis eine leistungsstärkeres Ligenumfeld bekommen, in den Ring geworfen hatte, stieg der beim DFB als Vizepräsident für den Amateurfußball zuständige Rainer Koch, der gleichzeitig Chef des bayerischen Landesverbands ist und als solcher vor drei Jahren einen Regionalliga-Kompromiss mit der DFL aushandelte und gegen den Willen diverser Clubs außerhalb Bayerns durchpeitschte, mit in den Ring und bezog in einem aufschlussreichen Interview mit dem Kicker (alle Zitate dieses Textes von dort) Stellung.

Im Interview spricht Rainer Koch in bewährter Art und Weise von der Erfolgsgeschichte der Regionalliga Bayern, die er seinem Landesverband mit dem Reformkompromiss vor drei Jahren quasi zuschanzte. Dass in Bayern auch im zweiten Jahr in Folge nur Zweitvertretungen überhaupt gen dritter Liga aufsteigen wollten, ficht ihn nicht an. Er sehe dies „sogar positiv“, dass sportlich erfolgreiche Vereine wie Illertissen aufgrund ihrer begrenzten Möglichkeiten nicht aufsteigen wollen. Warum auch immer es positiv sein soll, eine Liga kreiert zu haben, aus der niemand mehr aufsteigen will, während sich parallel in den anderen Regionalligen einige Aufstiegswillige finden lassen..

Sei es drum, es gibt einige Interviewpassagen, die besonders aufschlussreich sind. Stichpunkthaft:

Genau deshalb wurde die Dreigleisigkeit auf Wunsch vieler Vereine vor einigen Jahren abgeschafft, als es keine TV-Gelder mehr für die Regionalliga gab.

Es geht doch nie etwas über ein bisschen Geschichtsklitterung. Im Gegensatz zum Zitat ist richtig: Die führenden Vereinsvertreter der Regionalliga wollten vor drei Jahren keine grundsätzliche Abkehr von der Dreigleisigkeit und schon gar nicht wollten sie eine fünfgleisige Regionalliga. Sie wollten mehr Professionalität und bessere Durchlässigkeit nach oben, wie im 2+1-Modell, in dem die zweiten Mannschaften in eine eigene Staffel (das +1) hätten ziehen sollen und entsprechend jedes Jahr sicher zwei Nicht-U23-Teams aufgestiegen wären.

Die Landes- und Regionalverbände als Träger der Regionalligen haben nicht nur die Interessen der Profiklubs und der Vereine zu berücksichtigen, die in die 3. Liga wollen, sondern sie vertreten auch die Klubs, für die die Regionalliga das Maximum ist. Diese bilden im Übrigen die größte Gruppe. Es gibt in allen fünf Regionalligen zusammengerechnet maximal 15 Vereine, die sich von ihrer Infrastruktur her in Richtung 3. Liga orientieren können. Herr Rettig spricht „nur“ aus Sicht der Profiklubs und der in die 3. Liga strebenden Klubs.

Ja, Herr Rettigs Forderung nach Rückkehr zu drei Staffeln erfolgt lediglich aus der Sorge um die Nachwuchsausbildung bei den Proficlubs. Dass Koch aber findet, dass 15 Regionalliga-Clubs plus Zweitvertretungen, die sich die dritte Liga vorstellen und leisten können (wenn man mal kurz durchzählt, kommt man auf irgendwas zwischen 20 und 25 Teams, die die 3. Liga im Auge haben dürften, also irgendwas zwischen einem Drittel und einem Viertel aller Teams), wenig sind, ist allerdings bezeichnend. Bezeichnend ignorant wohlgemerkt. Denn in einer dreigleisigen vierten Liga wären das sieben bis acht Teams pro Liga, die nach oben wollen, in einer zweigleisigen Liga wären es sogar 11 bis 12. Und selbst in einer fünfgleisigen Liga bleiben pro Staffel vier bis fünf Teams. Ab wievielen aufstiegswilligen Teams pro Ligastufe wäre es denn legitim, sich um deren Interessen zu kümmern?

In der Konferenz der Landesverbandspräsidenten haben wir beschlossen, unter Leitung von Vizepräsident Peter Frymuth und mir ab Herbst 2015 gemeinsam mit dem DFB-Spielausschuss die Regionalliga zu evaluieren. Dort wird es sicher auch um den Aufstiegsmodus und die Zukunft der Talentförderung gehen.

Interessant. Seit zwei Jahren hört man von allen Verantwortlichen betroffener Clubs, dass die aktuelle Regionalliga mit ihrer Aufstiegsregelung über die Relegation ein absolutes Unding ist. Formuliert in mal mehr, mal weniger deftigen Worten. Und der DFB hat beschlossen, dass man trotzdem noch gut ein weiteres Jahr bis zur Evaluation warten will? Na dann.. Und zudem:

Eine Abkehr von der fünfgleißigen Regionalliga, die ohnehin nur auf einem DFB-Bundestag beschlossen werden könnte, steht derzeit nicht im Vordergrund der Diskussion.

Klar, dass der bayerische Verbandschef nicht von der füngleisigen Liga abrücken will. Schließlich sind seine bayerischen Vereine größtenteils Profiteure der Regelung, weil man die Bayernliga mal eben in den Stand einer Regionalliga erheben konnte. Abgesehen davon ist es sachlich schon fast ein bisschen frech, sich gegenüber Änderungen an der Aufstiegsregelung (was direkt aus der Absage an eine Änderung der Staffelanzahl resultiert) zu verweigern. Der Verweis auf den DFB-Bundestag, in dem nichts ohne die Landesverbände, aber auch nicht ohne die DFL (die mit ihrer Stimmenzahl Lösungen blockieren kann) entschieden werden kann, darf dabei ruhig als kleines Machtspiel verstanden werden, mit dem Koch klarmachen will, dass man an ihm und seiner ‚Evaluation‘ nicht vorbeikommt.

Dass sich am Ende Rainer Koch und DFL darum streiten werden, ob eine Regionalliga mit fünf Ligen oder eine mit drei Ligen die bessere sei, lässt schon wieder erahnen, dass man sich auch in Zukunft nicht auf Sachebene und anhand der Interessen der beteiligten Vereine, also vor allem auch der Vereine aus ganz Deutschland, die den Anschluss nach oben suchen und sich mehr Durchlässigkeit in Form klarer Aufstiegsregelungen wünschen, dem Thema widmen wird, sondern auch die nächste Reform zwischen den Mahlsteinen der Verbände zerrieben werden könnte. Der Wahnsinn geht weiter. Happy End derzeit nicht in Sicht..

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