WM-Fahrer

Mein persönliches WM-Fieber hält sich ziemlich in Grenzen. Die Turnierwochen werden wohl im heimischen TV sehr oft ohne Fußball auskommen. Was nach einer langen Saison mit viel Live-Fußball und viel Live-Fußball, der in der kommenden Saison (hoffentlich) auch wieder wartet, völlig ok so ist.

Vielleicht ganz passend dazu nehme ich trotzdem an einem Tippspiel teil, das unter dem Titel talentfrei läuft, für das man sich noch registrieren kann. Talentfrei ist nicht nur ein Name, sondern auch ein Twitter-Hashtag (#taLEntfrei), unter dem Aktivitäten verschiedener, mal mehr, mal weniger schweißtreibender Natur koordiniert werden. Alles immer unter dem stilbildenden Motto, dass (im besten Fall neben einem Twitteraccount) ein bisschen Talentfreiheit gute Voraussetzung für die jeweilige Teilnahme ist.

Talentfreiheit ist definitv wiederum keine Voraussetzung, um an der WM in Brasilien (traditoneller und wenig zielführender Meistertipp meinerseites: England) aktiv teilzunehmen. Interessanterweise bin ich nun mit meinem Alltagsfußballinteresse tatsächlich in einer Liga angekommen, in der auch Spieler aktiv sind, die an diesem Turnier teilnehmen. Was einem die sonst so ferne Welt des Nationenturnies doch etwas näher bringt.

Nach aktuellem Stand sind vier Spieler, die kommende Saison auch gegen RB Leipzig antreten werden, in Brasilien dabei. Mathew Leckie, ein 23jähriger Stürmer, der gerade vom FSV Frankfurt zum FC Ingolstadt wechselte (was auch Auskunft gibt, was nächste Saison – wieder mal – die Ambitionen in Bayern sein könnten). Leckie ist australischer Nationalspieler. Bei weitem kein Stammspieler, aber immerhin schon mit sechs Einsätzen bei im Schnitt etwa 35 Minuten Spielzeit und einem Tor.

Fortuna Düsseldorf hat gleich zwei Spieler mit bei der WM. Einerseits den 21jährigen Linksfuß Ben Halloran, der wie Leckie im australischen Kader steht, bisher aber noch nicht mal einen Einsatz für das Nationalteam verbuchen konnte. In Düsseldorf spielte er sich in der vergangenen Rückrunde zum Stammspieler und schoss in den letzten sechs Partien fünf Tore.

Der zweite Fortune ist Mathis Bolly, wie Halloran ein flügelorientierter Offensivmann, der in den letzten Monaten vor allem durch Verletzungen auffiel. Insgesamt dreimal lief der 23jährige bisher für sein Team, die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste auf.

Nummer 4 der Zweitligaspieler bei der WM ist Jasmin Fejzić, seines Zeichens Stammtorwart beim VfR Aalen, der in der abgelaufenen Saison 32 Einsätze verzeichnen konnte. In der Nationalmannschaft Bosnien-Herzegowinas reichte es bisher noch nicht für einen Einsatz. Als Nummer 2 wird er mit nach Brasilien fahren. Was für den 28jährigen vermutlich völlig ok ist.

Zu nennen wäre noch Hiroshi Kiyotake, in Nürnberg aktiver, japanischer Mittelfeldmann, bei dem man aber mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit davon ausgeht, dass er den Club im Sommer noch verlässt. Und es damit zwei weiteren Spielern bei der WM nachmacht, die letzte Saison noch für Nürnberg spielten, aber den Verein zur neuen Saison verlassen. Als das Timothy Chandler (USA) und Makoto Hasebe (Japan) wären. Beide wechseln zur Eintracht aus Frankfurt.

Auch Eintracht Braunschweig der zweite Absteiger aus der Bundesliga verfügt über zwei Spieler, die im Sommer den Verein wechseln und somit nicht mit in die zweite Liga gehen werden, aber mit in Brasilien dabei sind. Der iranische Keeper Daniel Davari wird in die Schweiz gehen. Und Innenverteidiger Ermin Bicakcic, der wie Fejzić im Kader Bosnien-Herzegowinas steht, hat bereits in Hoffenheim unterschrieben.

Der Einfluss der deutschen zweiten Liga auf die WM wird also überschaubar bleiben. Mal sehen, ob die vier oben genannten Spieler überhaupt zum Einsatz kommen. Mal sehen auch, ob noch andere WM-Teilnehmer über den Sommer den Weg in einen Zweitligakader finden.

Mit WM-Fahrern ist natürlich auch immer das Problem fehlender Regeneration verbunden. Dass Düsseldorf gleich zwei Spieler hat, die wohl selbst bei schlechtem WM-Verlauf (Urlaub eingerechnet) nicht vor Mitte Juli zum Zweitliga-Team dazustoßen werden, ist für die Vorbereitung auf eine Saison, die am 01.08.2014 beginnt, ziemlich suboptimal. Klar, die Erstligisten haben dieses Problem Jahr für Jahr (starten aber auch erst später in die Saison), aber in der zweiten Liga könnte dies aufgrund der Ungleichverteilung zwischen den Teams ein echter Wettbewerbsnachteil sein.

RB Leipzig verfügt derzeit noch nicht über WM-Teilnehmer. Falls Ralf Rangnick nicht ein paar entsprechende Kandidaten im Auge hat und in den kommenden Wochen verpflichten will, dann bleibt das auch für die kommende Saison so. Eingriffe durch internationale Turniere muss man trotzdem hinnehmen. Denn mit Fabian Bredlow und Joshua Kimmich spielen zwei Spieler des nächstjährigen Zweitligakaders gerade die Qualifikation für die U19-EM. Und falls man am heutigen Donnerstag im letzten Gruppenspiel mit der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien (Anpfiff 20.30 Uhr) mindestens einen Punkt ergattert, qualifiziert man sich für die Endrunde, die vom 19. bis 31. Juli(!) in Ungarn stattfindet.

Käme dies so und beide Spieler würden sich entschließen, an diesem Turnier teilzunehmen (was man ihnen für ihre persönliche Entwicklung wohl kaum vorenthalten kann), wäre dies insbesondere für den bisherigen Mittelfeldstammspieler bei RB Leipzig, Joshua Kimmich in Bezug auf die Zweitligasaison ein ziemliches Desaster. Denn zwischen Qualifikation zur EM heute und Trainingsstart bei RB liegen gerade mal zwei Wochen mögliche Urlaubszeit. Verlängert er diese Zeit, um genug Regeneration zu kriegen, würde er den Beginn der Vorbereitungszeit verpassen.

Fährt er gar zur EM, fehlen ihm inklusive Vorbereitung und Co bei der Nationalelf mehrere Wochen Vorbereitungszeit im Juli in direktem Anflug auf die Zweitligasaison und eventuell sogar das für die taktische Entwicklung des Teams so wichtige Trainingslager in Österreich. Denkbar ungünstige Vorzeichen, wenn man bedenkt, dass RB Leipzig gerade im Mittelfeld keine schwache Konkurrenz für Kimmich holen wird und mit Stefan Hierländer ja schon einen möglichen, direkten Konkurrenten verpflichtet hat.

Man muss darüber aber nicht lamentieren, denn letztlich sind das natürlich die Luxusprobleme, die sich daraus ergeben, dass man talentierte Nachwuchsspieler mit Profiambitionen im Verein hat. Ein Zustand, der in den nächsten Jahren im besten Fall noch wesentlich schlimmer wird, als er dies in der aktuellen Version ist. Und bei allen negativen Begleiterscheinungen für das Mannschaftstraining der Profis insgesamt dann doch ein Grund zur Freude ist. Genauso wie man sich in Düsseldorf wohl trotz allem über zwei WM-Fahrer freut.

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