Zuschauerrekorde

Fast 40.000 Zuschauer wie am vergangenen Wochenende beim Spiel zwischen RB Leipzig und dem SV Darmstadt sind für die dritte Liga verdammt viele Menschen auf einem Haufen. Lediglich Fortuna Düsseldorf hatte in seinem Aufstiegsendspiel in der Saison 2008/2009 gegen Werder Bremen II am letzten Spieltag mit 50.000 mehr Zuseher. Für RB Leipzig war es wiederum deutlicher Vereinsrekord, weit vor den 34.000 Menschen, die 2011 das Zweitrundenspiel im DFB-Pokal gegen Augsburg sehen wollten.

Zuschauerzahlen dienen ja in den fußballbezogenen Diskussionen meist dem Schw…vergleich. ‚Wir haben mehr als ihr und sind deswegen cooler und besser.‘ Und rund um RB Leipzig werden die Zuschauerzahlen meist zur Legitimation der eigenen Existenz herangezogen. ‚Wir haben viele Zuschauer, also müssen wir Recht haben.‘

Ganz so einfach kann man es sich zwar nicht machen, aber Fakt ist zumindest, dass die Zuschauerzahlen beim RasenBallsport sämtlichen Prognosen, die man bei Vereinsgründung so hören konnte, widersprechen. RB Leipzig werde frühestens in der zweiten Liga überhaupt relevante Zuschauerzahlen haben, hieß es damals. Weil das Fußballfell in und um Leipzig verteilt sei, so die Begründung. Eine grandiose, historische Fehleinschätzung, wie man im Nachhinein feststellen durfte.

Wenn man sich den Zuschauerschnitt der aktuellen Drittliga-Saison anschaut, dann führt RB Leipzig mit aktuell mehr als 15.000 Besuchern pro Spiel die Tabelle deutlich an (die Zahl dürfte mit dem Saarbrücken-Heimspiel noch größer werden). In Auswärtsspielen hat allerdings Hansa Rostock die Nase vorn, die die reisefreudigste und am weitesten im Land verstreute Fanszene der dritten Liga haben dürften.

[Schnitt Heim = Besucher pro Heimspiel; Heim/100000 = Besucher pro Heimspiel pro 100.000 Einwohner der gastgebenden Stadt; Schnitt Auswärts = Besucher pro Auswärtsspiel]

TeamSchnitt HeimHeim/100000Schnitt Auswärts
1.FC Heidenheim8676177756417
RB Leipzig1529228756698
SV Darmstadt 98644743587222
SV Wehen Wiesbaden299810754891
VfL Osnabrück873052906045
MSV Duisburg1249425606270
Stuttgarter Kickers38656305615
Preußen Münster793927215326
Hallescher FC804834445818
Hansa Rostock968847437343
Rot-Weiß Erfurt570427645796
Jahn Regensburg353725905261
Chemnitzer FC 521421446213
BVB II24214236449
Holstein Kiel520821525728
VfB Stuttgart II10351695168
SV Elversberg1560117065918
SpVgg Unterhaching214293965204
1.FC Saarbrücken489727805639
Wacker Burghausen2168119415447

Bei Darmstadt-Auswärtsspielen kommen laut Tabelle auch sehr viele Fans. Wobei diese Zahl durch den Auftritt in Leipzig etwas verzerrt wurde. Wären nur 20.000 Zuschauer gekommen, würde Darmstadt irgendwo bei Osnabrück und Chemnitz stehen. Die Leipziger Zahl erklärt sich aus einigen Ostderbys und der Tatsache, dass bei einem Besuch von RB in der jeweiligen Stadt meist besonders viele Zuschauer kommen, weil sie gegen die ‚Retorte‘ besonders motiviert sind.

Während sich der Rostocker-Auswärtsschnitt vor allem aus der Reiselust der Rostocker erklärt, ist es also beim Leipziger Auswärtsschnitt vor allem die Lust der Heimfans, die als solche wahrgenommenen Reichen der Liga scheitern zu sehen. Von RB-Seite waren handgeschätzt pro Auswärtsspiel bisher knapp 500 Menschen in den jeweiligen Stadion (zwischen 100 in Saarbrücken und  1.800 in Chemnitz).

Das sind etwa 100 mehr pro Spiel als in der vergangenen Regionalliga-Saison. Das klingt erst mal nicht nach einem enormen Anstieg. Allerdings muss man auch die deutliche gestiegenen Reiseentfernungen plus die wesentlich mehr Spiele mit einrechnen, wenn man den Anstieg um ’nur‘ etwa 25 Prozent verstehen will.

In diesem Sinne erklärt sich auch die Diskrepanz zwischen Spielen im relativ leicht erreichbaren Leipziger Einzugsbereich, also Erfurt, Chemnitz und Halle, zu denen im Schnitt etwa 1.500 RB-Anhänger reisten und Spielen in den alten Bundesländern, zu denen entsprechend im Schnitt nur noch etwa 265 Personen unterwegs waren.

Ungefähr wird sich diese Diskrepanz auch beim Spiel von RB Leipzig an der Küste bei Hansa Rostock widerspiegeln, wo man auch eine vierstellige Zahl an Gästeanhängern erwarten kann. Wobei allerdings hier zusätzlich als Phänomen mitspielen dürfte, dass sich einige Leipziger vom schlechten (nicht nur) Image der Rostocker Fanszene abschrecken lassen.

Interessant an obiger Tabelle noch der Zuschauerschnitt, wenn man ihn ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt (Anzahl der Besucher pro 100.000 Einwohner). Eine Spielerei mit beschränkter Aussagekraft, da die Einwohnerzahl der Stadt noch nicht mit einbezieht, wie dicht die Region besiedelt (rund um Heidenheim ist es bspw. relativ dicht besiedelt) ist oder ob sich eine größere Stadt in der Nähe befindet (Unterhaching – München, Elversberg – Saarbrücken).

Sieht man einmal von den Ausreißern nach oben Heidenheim, Burghausen, Elversberg und Unterhaching ab, die sich aus der geringen Größe der Städte erklären (teils deutlich unter 100.000), fällt auf, dass der Normalschnitt für Fußballbesuche in der dritten Liga irgendwo zwischen 2.500 und 2.800 Besucher pro Spiel pro 100.000 Einwohner liegt.

Drunter schaffen es natürlich die U23-Teams, Zweitteams einer Stadt (Kickers), mit Wehen Wiesbaden ein Team, das in der Stadt Wiesbaden immer noch nicht angekommen ist, eine Mannschaft mit überschaubarem sportlichen Erfolg (Chemnitz) und ein Team aus einer Stadt, in der der Handball die Nummer 1 ist (Kiel).

Nach oben heraus ragen mit Rostock und Osnabrück zwei Städte, in denen Fußball schlicht einen größeren Stellenwert hat, als in den meisten anderen Städten, in denen nicht dauerhaft Bundesligafußball gespielt wird. Dazu kommt Darmstadt, wo der Erfolg den Schnitt ansteigen lässt und ein wenig überraschend auch Halle, wo noch vor drei Jahren zuschauertechnisch komplett verbrannte Erde herrschte und man inzwischen offenbar eine überdurchschnittliche Verankerung in der Stadt hingekriegt hat.

Insgesamt haben nur sieben Teams einen besseren Heim- als Auswärtsschnitt. Münster, Halle, Heidenheim, Osnabrück, Rostock, Duisburg und Leipzig sind entsprechend jene Teams, die die Liga zuschauertechnisch tragen. Nicht verwundern mag deshalb, dass diese sieben Teams auch in der Statistik der schlechtestbesuchten Spiele im positiven Sinne führen. Das Grundgerüst an Zuschauern ist bei diesen sieben Vereinen relativ hoch.

Auffällig aber auch, dass RB Leipzig in dieser Kategorie ein Verein unter anderen Vereinen ist. Mit 7.021 Besuchern hat man eine Saisonminuskulisse auf Augenhöhe mit Heidenheim und nicht allzuweit vor Rostock und Halle. Und vor allem liegt man damit rund 2.000 Besucher hinter Duisburg, bei denen niemals weniger als 9.066 Besucher im Stadion waren. Bei einem langjährigen Bundesligisten und Zweitligisten mit gewachsenen Zuschauerstrukturen in einer ziemlich großen Stadt aber auch nicht ganz so erstaunlich.

[Schnitt ohne Top 3 = Besucher pro Heimspiel ohne die drei bestbesuchten Heimspiele; Bestbesucht = Bestbesuchtes Heimspiel; Schlechtestbesucht = Schlechtestbesuchtes Heimspiel]

TeamSchnitt ohne Top 3BestbesuchtSchlechtestbesucht
1.FC Heidenheim8149114007000
RB Leipzig12492391477021
SV Darmstadt 985786102004200
SV Wehen Wiesbaden273347901949
VfL Osnabrück7825158485534
MSV Duisburg11410212439066
Stuttgarter Kickers359063602670
Preußen Münster7158142285614
Hallescher FC7194140226030
Hansa Rostock9200134006200
Rot-Weiß Erfurt5200112403702
Jahn Regensburg328151692528
Chemnitzer FC 464183603356
BVB II19385383323
Holstein Kiel484390313746
VfB Stuttgart II7873900510
SV Elversberg10138200560
SpVgg Unterhaching194034001350
1.FC Saarbrücken4145111943112
Wacker Burghausen205530001700

Interessant auch, dass der SV Wehen Wiesbaden jenes Team ist, das am häufigsten als Gast dabei war, wenn ein Verein seinen Saisonminusrekord aufstellte. Gleich viermal war dies bisher der Fall.

  • 4mal: SV Wehen Wiesbaden
  • 3mal: VfB II
  • je 2mal: Halle, Unterhaching, Burghausen, Regensburg, Kickers
  • je 1mal: Chemnitz, Elversberg, Darmstadt

Auf der anderen Seite waren Leipzig und Rostock je dreimal an den Saisonrekordkulissen bei den jeweiligen Gastgebern beteiligt.

  • 3mal: Leipzig, Rostock
  • 2mal: Münster, Darmstadt, Saarbrücken, Duisburg
  • 1mal: Erfurt, Kiel, BVB II, Osnabrück, Heidenheim, Kickers

Bliebe noch eine Statistik, nämlich jene von den Spitzenzuschauerschnitten in sechs Spielzeiten dritte Liga. Die mit Braunschweig und Dresden zwei Teams mit besonderem Zuschauerumfeld vorn sieht. Und dahinter ordnet sich gleich RB Leipzig ein. Man mag einwenden, dass dies angesichts der besonderen Aufstiegssituation kein Wunder ist, aber dann muss man auch beachten, dass die dahinterliegenden Düsseldorf und Rostock ihren jeweiligen Zuschauerschnitt auch einer Aufstiegssaison verdanken.

  • Eintracht Braunschweig 2010/2011: 17.435
  • Dynamo Dresden 2010/2011: 17.193
  • RB Leipzig 2013/2014: 15.292
  • Fortuna Düsseldorf 2008/2009: 14.868
  • Hansa Rostock 2010/2011: 14.858
  • Dynamo Dresden 2009/2010: 14.440
  • Eintracht Braunschweig 2008/2009: 13.273
  • Eintracht Braunschweig 2009/2010: 12.886
  • MSV Duisburg 2013/2014: 12.494
  • Karlsruher SC 2012/2013: 11.973

Letztlich könnte RB Leipzig mit dem letzten Heimspiel gegen Saarbrücken, wenn es in diesem noch um etwas geht, den Schnitt von 16.000 Zuschauern reißen. Das ist von den 20.000, die Ralf Rangnick vor der Saison als mögliche Zielmarke ausgab, immer noch weit entfernt, aber im Zeitverlauf bei RB Leipzig auch einiges wert:

  • 2013/2014: 15.292 (3. Liga)
  • 2012/2013: 7.563 (Regionalliga Nordost)
  • 2011/2012: 7.401 (Regionalliga Nord)
  • 2010/2011: 4.206 (Regionalliga Nord)
  • 2009/2010: 2.150 (NOFV-Oberliga Süd)

Letztlich sind es alles nur Zahlen, hinter denen sich unzählige, individuelle Geschichten verstecken. Die alles in allem auch wesentlich wichtiger sind als alle Zuschauerzahlen der Welt. Sollte man bei all den Statistiken nicht vergessen.

Flattr this!

5 Gedanken zu „Zuschauerrekorde“

  1. An der stelle sollte man auch betonen das man als Leipziger in Nürnberg lebend viele ex Leipziger bei spielen in den “ neuen Bundesländern “ neu kennenlernen konnte.
    Auch aus den umfelden der Großstädte zieht es exiel Leipziger zu den dann nahen spielen.
    Gruß aus Nürnberg

  2. Das Spiel gegen Darmstadt war ideal für eine hohe Zuschauerzahl.
    1.) die Brisanz
    2.) der Ostersamstag
    3.) das Wetter
    Sollte mal wieder eine Relegation anstehen, an einem Freitag 20.15 Uhr, erwarte ich eine volle Hütte, besonders wenn unsere Freunde vom ehemigen Polizeisportverein der Gegner sein sollte.

    Egal wie man über das Projekt RB denkt, der fanunabhängige Fußballgänger freut sich immer über ein gut gefülltes Stadion.

  3. interessant ist eigentlich auch das sich genau genommen der Zuschauerschnitt mit jedem Aufstieg verdoppelt hat – oder hab ich Tomaten auf den Augen? :O

    1. das macht ja positive „Angst“ wenn wir es in die 2. Liga schaffen :D:

      2013/2014: 15.292 (3. Liga)
      2012/2013: 7.563 (Regionalliga Nordost)
      2011/2012: 7.401 (Regionalliga Nord)
      2010/2011: 4.206 (Regionalliga Nord)
      2009/2010: 2.150 (NOFV-Oberliga Süd)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.