Diesmal wirklich ein Duell der Gegensätze

[Vor dem Spiel gegen die SpVgg Unterhaching (22.03.2014, 14 Uhr) wird es entgegen üblicher Gepflogenheiten keine Pressekonferenz geben, da RB Leipzig heute schon auf dem Weg nach Salzburg ist.]

Eine der journalistischen Standardbilder, wenn Partien mit Beteiligung von RB Leipzig stattfinden, ist es von einem Spiel der Gegensätze zu sprechen. Was angesichts der realen Kräfteverhältnisse auf dem Grün mal mehr, meist eher weniger stimmig ist. Wenn man auf das Spiel gegen die SpVgg Unterhaching vorausschaut, wäre dagegen die Gegensatz-Beschreibung absolut treffend. Denn die Diskrepanzen zwischen beiden Vereinen und die jeweiligen Perspektiven könnten wohl unterschiedlicher nicht sein.

Die RasenBallsportler haben die letzten sechs Spiele allesamt gewonnen und dabei kein Gegentor kassiert und sind auf Aufstiegskurs. Unterhaching dagegen gewann von den letzten 13 Partien lediglich eine und verlor zehn. Und stürzte deswegen seit dem 16.Spieltag von Relegationsplatz 3 auf Abstiegsplatz 18. 2,3 Gegentore pro Spiel in dieser Zeit machten Unterhaching zur Schießbude der Liga. Nur fünf Punkte machen die Spielvereinigung aktuell zum schlechtesten Drittligateam der Rückrunde und damit auch zu einem der allerersten Abstiegskandidaten. Wenn man denn die Kurve nicht schnell kriegt.

Diese sportliche Situation ist insgesamt nur deswegen überraschend, weil Unterhaching bis zum 16. Spieltag eine famose Saison spielte und mit viel Unbekümmertheit weit über dem eigenen Potenzial punktete. Denn die Bayern hatten in der Hinrunde von allen Drittligisten – und das schließt sogar die U23-Mannschaften ein – den in Bezug auf höherklassige Spiele mit Abstand unerfahrensten Kader, der – direkt nach den Nachwuchsteams – der drittjüngste der Liga ist. In der Winterpause versuchte man da mit der Verpflichtung von Sandro Kaiser und vor allem des Auer, Mainzer und Ingolstädter Ex-Profis Florian Heller die Mischung etwas zu verbessern. Mit geringem Erfolg.

Insgesamt greift man in Unterhaching aus wirtschaftlichen Gründen (Stichwort Diskrepanzen zu RB) vor allem auf sehr junge Spieler zurück, die anderswo den Sprung aus den Jugendabteilungen heraus nicht geschafft haben oder sogar selbst ausgebildet wurden. Wenn man sich anschaut, wie abgesteckt die Claims in der Nachwuchsarbeit aufgrund der Bundesligisten sind, kann man ungefähr nachvollziehen, wie schwer es sein dürfte, noch Talente mit größerem Potenzial unter 20 Jahren zu finden, die nicht in einem anderen Nachwuchsprogramm drinstecken.

Unterhaching profitiert da sicherlich vom Münchener Speckgürtel. Einerseits weil im dortigen Großraum unheimlich viele Spieler ausgebildet werden (und nach ihrer Zeit bei Bayern und 1860 auch zur Spielvereinigung wechseln), andererseits weil Spieler sich vermutlich leichter tun, bei einem Verein zu unterschreiben, der dafür bekannt ist, dass er auf junge Spieler setzt und der noch ein wenig unter Beobachtung des großen Fußball-München steht, also im besten Fall der Entwicklung eine direkte sportliche Perspektive bieten könnte.

Mit dem Jugendkonzept gehen allerdings genau jene Probleme einher, die die SpVgg Unterhaching gerade haben. Wenn die Leichtigkeit und Unbekümmertheit plötzlich wegen Misserfolgen weg ist, dann fällt es Nachwuchsteams oft schwer, sich aus dem Negativstrudel zu befreien. Weil in der Breite Erfahrung und Ruhe im Umgang mit der Situation fehlen und dann Selbstzweifel dort nagen, wo man gerade noch in jugendlicher Unbekümmertheit nur die eigenen Stärken und die Lust am Fußball sah.

So extrem wie bei der SpVgg sieht man allerdings die Unterschiede zwischen guten und schlechten Phasen auch selten. 1,69 Punkte pro Spiel in den ersten 16 Auftritten bei 27:21 Toren. 0,38 Punkte pro Spiel und insgesamt 10:30 Tore in den 13 Auftritten danach.  Eine solche Diskrepanz verlangt natürlich auch nach Erklärungen. Die aus der Ferne unmöglich sind, aber in Unterhaching dazu führen, dass Coach Manuel Baum, der von der Trainerdoppelspitze der Hinrunde übrig blieb (Partner Claus Schromm wurde Sportdirektor), Medienberichten zufolgen nicht mehr unumstrittten im Trainersattel saß und schon heute von Christian Ziege, der zuletzt die DFB-U18 betreute, dort aber zum Sommer gegangen wurde, ersetzt werden soll.

Was die Aufgabe für RB Leipzig etwas unübersichtlich macht. Wie in der Hinrunde in Elversberg, als Dietmar Hirsch erst ein paar Tage dabei war, ist auch in Unterhaching nach einem Trainerwechsel völlig unklar, was das für die Aufstellung und Ausrichtung des Kontrahenten bedeutet. Nicht unwahrscheinlich, dass Ziege bspw. vom Zweistürmersystem abrückt und nur noch mit einem Stürmer aufläuft. Vielleicht kann ja Alexander Zorniger mal bei Sebastian Heidinger nachfragen. Der spielte in Bielefeld unter Ziege und kennt vielleicht noch den einen oder anderen Kniff.

Im Normalfall würde man trotzdem sagen, dass Unterhaching gegen Leipzig chancenlos sein sollte. Doch man muss noch nicht mal Fußballweisheiten bemühen, sondern nur auf das Hinspiel verweisen, um zu verdeutlichen, wie trügerisch der Verweis auf den Normalfall sein kann. Denn auch damals war RB Leipzig trotz geringer Tabellendiskrepanzen Favorit und spielte am Ende doch (völlig verdient) nur Unentschieden, weil man im Spiel gegen den Ball nie in die Partie und den Zugriff fand und so den technisch sehr gut ausgebildeten Gästen oft hinterher lief.

Und genau hier dürfte der entscheidende Punkt auch für das Rückspiel sein. Schaffen es die RasenBallsportler im Spiel gegen den Ball jenen Druck auf das gegnerische Spiel auszuüben, wie man es in den letzten Spielen meist beeindruckend tat, dann gewinnt man in Unterhaching in der derzeitigen Situation wohl in 95 von 100 Fällen. Wenn man so drucklos wie im Hinspiel spielt, dann verfügen die Bayern weiterhin über durchaus ansehnliche spielerische Mittel und mit neuem Trainer auch neuer Motivation, daraus auch Kapital zu schlagen und dem Kontrahenten einen unangenehmen Nachmittag zu bescheren.

Genau darin, in den spielerischen Mitteln liegt letztlich die Chance der Spielvereinigung. Defensiv zuletzt wenig überzeugend und immer wieder mit Schnitzern (auch bei Standards) hilft wohl als einziges die Flucht nach vorn und die Hoffnung darauf, dass RB Leipzig mit einem Fünckchen Unterschätzung anreist und dadurch mehr Räume aufreißen als gewohnt.

Erschwerend kommt aus Gastgebersicht beim Lösen der Aufgabe hinzu, dass mit dem Linksverteidiger Benjamin Schwarz einer der erfahreneren im Team wegen einer Gelbsperre ausfällt. Der Torschütze aus dem Hinspiel Fabian Götze wird ihn wohl ersetzen.

Im Tor ist die Lage auch etwas unklar. Eigentlich ist Korbinian Müller die ganze Saison über die klare Nummer 1 gewesen. In der Rückrunde bekam aber auch der erst 18jährige Michael Zetterer zweimal seine Chance und stand letzte Woche in Burghausen nur deswegen nicht im Tor, weil er in den Tagen zuvor wegen einer Erkrankung nicht trainieren konnte. Neucoach Ziege könnte hier aber erst einmal auf Konstanz setzen und bei Müller bleiben, der in Burghausen Schwächen beim Herauslaufen offenbarte.

In der Innenverteidigung würde im Normalfall der ehemalige Löwe Daniel Hofstetter nach abgesessener Gelbsperre wieder an die Seite  des ehemaligen Bayern Mario Erb rutschen und somit Jonas Hummels verdrängen. Alexander Hack wäre eine mögliche Alternative. Und während links wie erwähnt der technisch starke ehemalige Dortmunder Fabian Götze ins Team rutschen könnte, spielte rechts hinten bisher der in der Jugend nur ein Jahr bei den Löwen agierende Maximilian Welzmüller auf, der mit seinen 24 Jahren schon den alten Hasen im Verteidigungsverbund gibt. Welzmüller wäre aber sicherlich auch eine stabilisierende Option fürs zentrale Mittelfeld, dann würde Kevin Hingerl ins Team und die Abwehrviererkette rutschen.

Zwischen Stürmern und Abwehr ist im defensiven Mittelfeld Quirin Moll wohl auch unter Ziege gesetzt. Wer nur 90 Saisonminuten wegen Gelbsperre verpasste, sitzt nicht plötzlich im ersten Spiel unter neuem Trainer auf der Bank. Die Frage für die weitere Besetzung in der Mittelfeldzentrale wird auch darum gehen, ob Florian Heller auf der Zehn ins Team rutscht oder nicht. Bisher spielte er nicht so viel, wäre mit seiner Erfahrung aber sicher jemand, den man auf dem Platz brauchen könnte.

Wenn Maximilian Welzmüller nicht ins defensive Mittelfeld rutscht, bliebe dort noch ein Platz, den Lucas Hufnagel oder Roland Sternisko unter sich ausmachen. Und um die beiden Außenpositionen gibt es wohl, wie schon zuletzt, ein Hauen und Stechen zwischen Marius Duhnke, Florian Bichler, Thomas Steinherr und Marius Willsch.

Bliebe noch der Sturm. Spielt Heller auf der Zehn, dann gibt es nur einen Stürmer. Spielt Heller nicht, dann wäre Platz für zwei. Mit Andreas Voglsammer und Janik Haberer (der im Sommer nach Hoffenheim wechselt) gibt es zwei etwa gleichstarke Stürmer, die bisher 13 der 37 Treffer der Spielvereinigung erzielt haben. Falls Voglsammer als alleinige Spitze aufläuft, könnte Haberer auch auf eine Mittelfeldaußenposition wechseln.

Die genaue Besetzung und taktische Formation der Bayern dürfte angesichts der zuletzt unruhigen Aufstellungspolitik und angesichts des neuen Trainers bis zum Anpfiff relativ unklar bleiben. Ganz im Gegensatz zu der von RB Leipzig. Denn Gründe zum Wechseln gibt es im Vergleich zur Vorwoche keine. Außer es verletzt sich noch jemand kurzfristig.

Weswegen auch Georg Teigl wieder in der Anfangsformation stehen dürfte. Das Unterhachinger Offensivkonzept wird im Gegensatz zu dem der Osnabrücker nicht auf dauernde Luftzweikämpfe mit den Außenverteidigern hinauslaufen, sodass nichts gegen Teigl spricht. Außer Mikko Sumusalo ist inzwischen soweit, dass er ins Team rutschen könnte. Was unwahrscheinlich ist. Im Idealfall wartet maximal ein Bankplatz auf den Finnen.

  • SpVgg Unterhaching: Müller (Zetterer) – Welzmüller (Hingerl), Erb, Hofstetter (Hack, Hummels) – Bichler (Willsch, Haberer), Moll, Hufnagel (Sternisko, Welzmüller), Steinherr (Duhnke) – Heller (Haberer) – Voglsammer (Haberer)
  • RB Leipzig: Bellot – Teigl, Hoheneder, Sebastian, Heidinger – Fandrich, Demme, Kimmich – Kaiser – Poulsen, Frahn

Die Voraussetzungen bei der Partie zwischen dem Drittletzten und dem Tabellenzweiten bleiben klar. Durch den kurzfristigen Trainerwechsel hin zu Christian Ziege kommt aber ein Unsicherheitsfaktor hinzu, denn einige der Erkenntnisse zur Spielvereinigung könnten bis übermorgen obsolet werden. Klar, innerhalb von zwei Tagen kann kein Trainer der Welt ein Team umkrempeln. Und die derart kurzfristige Verpflichtung von Ziege zeigt auch, dass man ihm das Leipzig-Spiel quasi zum Kennenlernen gibt und es erst ab Dienstag (in Erfurt) so richtig Ernst wird.

Trotzdem kann Ziege an kleineren Stellschrauben drehen, zum Beispiel mehr Kompaktheit in die bisher aufs Spielen ausgelegte Formation bringen (wobei Ziege als bisheriger DFB-Jugendtrainer wohl auch eher spielerische Methoden bevorzugt) und vor allem in der Ansprache an die Spieler Motivation und Konzentration zurückbringen. Weswegen das Spiel für RB Leipzig eher unschön wird. In Elversberg ging es damals nach dem Wechsel zu Hirsch für RB Leipzig schief (allerdings vor allem deswegen, weil man selbst unglaublich schlecht Fußball spielte), mal sehen wie es in Unterhaching wird.

Fazit: Alles neu, macht der Ziege. Oder vielleicht doch nicht? Keiner weiß, was Unterhaching der kurzfristige Trainerwechsel bringen wird. Klar ist allerdings, dass es vor allem in den Händen der RasenBallsportler liegt, die sportliche Aufgabe beim Auswärtsspiel erfolgreich zu lösen. Denn wenn sie tatsächlich mit voller Konzentration und gewohntem Spiel gegen den Ball auftreten, kann sich Ziege zwei Tage lang den Kopf zermartern wie er will, dann wird dies erfolglos bleiben. In diesem Sinne müssen die RasenBallsportler in diesem Duell der Gegensätze wohl vor allem auf sich selbst vertrauen und Druck auf den Gegner aufbauen. Alles andere kommt dann ganz von selbst.

[Wer das Spiel von RB Leipzig gegen die SpVgg Unterhaching nicht vor Ort verfolgen kann und am 22.03.2014, ab 14.00 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und Fanradio. Zudem bietet der Bayerische Rundfunk einen Livestream an.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. SpVgg Unterhaching

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2 Gedanken zu „Diesmal wirklich ein Duell der Gegensätze“

  1. Danke für diese Einschätzung. Wenn man bedenkt wie weit – in früheren Jahren – die SpVgg schon mal war ist es ernüchternd zu sehen, dass sie quasi zum Ausbildungsverein geworden sind.
    Ich denke man kann vom Trainer-Wechsel (wie gerade bei Hamburg und Stuttgart) gesehen – so einen gewissen „Ordnungseffekt“ erwarten, der möglicherweise schnell wieder verpufft, wobei Ziege mit für die ihm zur Verfügung stehenden Spieler schon der richtige Mann sein dürfte.
    Davon abgesehen scheint mir jeder Gegner von RB bis in die Zehenspitzen motiviert zu sein. Durch das (dämliche) Geschwätz über den (perspektivisch) „stärksten FC Bayern Gegner“ ist ein Drittliga-Aufsteiger quasi schon jetzt in den Köpfen ein Team das – mindestens – um UEFA-Cup Plätze mitspielt. Entsprechend wird es jeden Fan tierisch anstacheln zum Spiel zu kommen angesichts der Perspektive, dass das eigene Underdog-Team dann gegen so einen Giganten ein Spiel unentschieden spielt oder sogar gewinnt… Wohlwissend natürlich, dass mit RBL trotzdem „nur“ ein Drittliga-Team angereist kommt.

    Fazit: sehe ich genauso wie Du – die Mannschaft sollte so konzentriert und engagiert spielen wie in den letzten Partien. Dann brennt auch nichts an.

  2. Wenn wir aus der Vergangenheit gelernt haben, dann kann das Rückspiel nur besser werden. Konzentriert, aggressiv und kämpferisch bis zum Schlusspfiff, dann klappte es auch mit den 3 Punkten.
    Solange wir die Aufstiegsmöglichkeit in den eigenen Händen halten, dann ist der Druck auch steuerbar. Selbstbewusstsein müsst ja ausreichend vorhanden sein. Hauptsache der Kopf spielt mit, siehe Burghausen und so.

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