Früher wars auch irgendwie II

Mehr als üblich wurde in der letzten Woche über die Torwartposition bei RB Leipzig geredet. Nachdem klar war, dass die etatmäßige Nummer 1 Fabio Coltorti sich einer Operation am Innenband unterziehen muss, schaute sich der Verein kurzzeitig nach einem Ersatz bzw. nach einem Keeper um, der aus dem verbliebenen Duo wieder ein Trio macht. Und blies die Suche einen Tag vor dem Schließen des Transferfensters wieder ab, weil man der Meinung war, dass ein weiterer Zugang zu viel Unruhe ins Team bringen würde.

In fünf Jahren RB Leipzig hat der Verein inzwischen durchaus beachtliche neun Keeper in seinem Profiteam beschäftigt. Begonnen hatte alles mit dem meinungsstarken Sven Neuhaus, der beim damaligen Zweitligisten Augsburg aussortiert wurde und den Schritt in die Fünfklassigkeit ging, weil er sich davon auch über die Torwart-Karriere hinaus eine Perspektive versprach. Und war dann letztlich verständlich sauer darüber als Peter Pacult zwei Jahre später in der Regionalliga seinen Vertrag nicht verlängern wollte.

Was von Neuhaus blieb, war eine manchmal aufreizende und spielstandunabhängige Langsamkeit beim Zurückbefördern des Balls ins Spiel und die großartige Beschreibung von RB Leipzig als versilberter Treppe, die nur nach oben führt, auf der du aber nicht nach oben gelangst, wenn du nicht läufst. Neuhaus landete später als dritter Keeper beim Hamburger SV und kam sogar noch zu drei Bundesligaeinsätzen und einer Handvoll Regionalligaspielen. Neuhaus‘ Vertrag läuft zum Ende der Saison aus. Es dürfte der letzte für den 35jährigen gewesen sein.

Nach Neuhaus kam 2011 mit Pacult als neue Nummer 1 Pascal Borel, eine Verpflichtung, die deswegen erstaunte, weil sie gegenüber Neuhaus keine sportliche Verbesserung und auch keine Verjüngung darstellte und man sich fragte, warum man auf dieser Position Unruhe ins Team bringt, wenn man sich nicht wesentlich verbessert. Letztlich blieb auch im Nachhinein nur die Interpretation, dass Pacult mit dem meinungsstarken Typen Neuhaus ein Problem hatte.

Für Pascal Borel sollte es nur ein Jahr bei RB Leipzig geben, denn nach einigen Patzern in der Rückrunde der Saison 2011/2012 wurde er noch von Pacult degradiert, indem der für die Folgesaison Fabio Coltorti verpflichtete. Davon hatte zwar Pacult nichts mehr, weil er kurz darauf von Rangnick aus dem Traineramt gedrängt wurde, aber Nachfolger Zorniger hatte nun seine Nummer 1, die Coltorti seitdem mit seinem imposanten Auftreten mehr als gut ausfüllt und für Borel war kein Platz mehr. Borel löste kurz darauf seinen Vertrag auf. Letzter Stand zu seiner Person war, dass er Torwarttrainer werden wollte.

Neben den drei Nummer-1-Keepern gab es dahinter auch noch so einige Torhüter und einiges an Fluktuation. Wobei letzteres nicht auf Benjamin Bellot zutrifft, der der letzte, noch aktive Spieler bei RB Leipzig ist, der seit Vereinsgründung 2009 dabei ist. In den ersten beiden Jahren war er jeweils die Nummer 3, bevor er unter Pacult zur Nummer 2 aufstieg und später bei Zorniger wieder meist zur Nummer 3 wurde. Bei Bellot hat man inzwischen das Gefühl, als wäre es im Karrieresinne gut, vielleicht in absehbarer Zeit zu einem Verein zu wechseln, wo er auch mal die Nummer 1 sein kann. Wobei die offene Frage wäre, in welcher Liga ein solcher Verein spielen würde.

Bliebe noch ein Alexander Moritz zu nennen, der in der Oberligasaison unter Tino Vogel Nummer 2 war, am Ende der Saison aber nach Jena wechselte und inzwischen in der Bezirkslige bei Borea Dresden angekommen ist. Und ein Andreas Kerner, der 2011 unter Pacult kam, aber über die Rolle als Nummer 3 oder gar 4 auch wegen Verletzungen nie hinaus kam. Und auch ein Matthias Hamrol, der aus der eigenen Jugend in den Profikader hochgezogen wurde und dafür (Stichwort eigene Talenteförderung) herumgezeigt wurde, um ein halbes Jahr später wieder in der zweiten Mannschaft zu verschwinden und anschließend (der Vertrag lief aus) nach kurzzeitiger Arbeitslosigkeit beim VfL Wolfsburg II anzuheuern. Und natürlich Erik Domaschke, die bis heute letzte Torwartverpflichtung, verpflichtet im Herbst 2012, weil sich Bellot schwer verletzt hatte und inzwischen nach Coltortis Verletzung zur Nummer 1 aufgestiegen ist. So schnell kann es gehen..

Einer fehlt noch in der Reihe und das ist Christopher Gäng, der spät im August 2010 von Tomas Oral zur Komplettierung des Torwarttrios verpflichtet wurde (Alternativen waren Franco Flückiger, inzwischen dritter Torwart in Halle und Timo Hammel, aktuell in der fünften Liga beim SSV Reutlingen aktiv). Gäng kam von Hertha BSC und hatte sich dort als Talent nie dauerhaft aus der zweiten in die erste Mannschaft spielen können. Bzw. reichte es nur zu einem Pflichtspiel in der Bundesliga. Und das war ein 1:5 in Bremen. In Leipzig langte es auch lange nicht für ein Pflichtspiel. Bis die Nummer 1 Neuhaus ausfiel. Und Gäng zum Zuge kam. Das Premierenergebnis war dann dasselbe wie in Berlin. 1:5. Diesmal gegen Holstein Kiel. Wobei Christopher Gäng letztlich für das Ergebnis nicht verantwortlich war.

Am Beispiel Christopher Gäng sah man trotzdem extrem gut, wie wichtig Spielpraxis für einen Keeper ist, denn war Gäng gegen Kiel noch ein still den Ball aus dem Netz fischender Torwart, wurde er von Einsatz zu Einsatz (es wurden in der Regionalliga letztlich acht) selbstsicherer und begann seine Vorderleute zu dirigieren und zu einem sicheren Rückhalt in einer verkorksten Saison zu werden.

Was ihm aber nicht viel half, denn Peter Pacult hatte trotzdem keine Verwendung für Gäng, sodass der nach nur einem Jahr und wegen eines auslaufenden Vertrags schon wieder weg musste und sich dann für Berlin und Türkiyemspor entschied. Wo er aber in eine Vereinsinsolvenz geriet, wegen der er von seinem Gehalt nur wenig sah und den Club sehr schnell wieder verließ.

Was folgte waren anderthalb Jahre bei Lok Leipzig, in denen er immer, wenn er gesund war, auch Stammkeeper war. Das erste Mal in seiner Karriere. Überregionale Bekanntheit erlangte Christopher Gäng aber durch eine öffentlich gemachte Depression, wegen der er Ende 2012 einige Spiele verpasste. Um 2013 gestärkt wieder zurückzukommen. Ende der Saison 2012/2013 verließ er Lok trotzdem wegen fehlender sportlicher Perspektiven Richtung des Südwest-Regionalligisten Sonnenhof Großaspach.

Wenn sich RB-Anhänger an Christopher Gäng erinnern, werden sie wohl nur im Ausnahmefall an die acht Spiele unter Tomas Oral denken, die in sportlich überschaubaren Zeiten insgesamt gerade mal 15.040 Zuschauer sahen (8.729 in vier Heimspielen). In Erinnerung bleibt wohl eher das zweite Duell zwischen RB Leipzig und Lok Leipzig in der Saison 2012/2013, als Gäng vor 20.348 Zuschauern ein 0:0 festhielt und zeigte, dass er einerseits ein sehr guter Keeper ist. Andererseits fiel er vor allem deswegen auf, weil er sich in der Nachspielzeit der Partie zweimal unbedrängt zum Zeitschinden beim Herannahen des Gegners auf den vor ihm liegenden Ball warf. Von der Lok-Kurve wurde er damals für dieses zusätzliche Vorführen des Favoriten RB frenetisch gefeiert. Auf RB-Seite war wohl Genervtheit noch die wohlwollendste Emotion gegenüber der expressiven Schauspielerei.

Die große Geste gehört bei Christopher Gäng vermutlich einfach dazu, wenn es um Fußball geht. Auch beim darüber reden. So prangerte er in der Sportbild mal den Fußball als „Hurengeschäft“ an, um gleichzeitig Karrierepläne fürs Ausland zu schmieden. Anschließend ist er der Meinung, dass er bei RB Leipzig nur deswegen nur acht Spiele bestritten habe, weil die „Verantwortlichen nicht wollten, dass ich auf zehn Spiele komme. Der Vertrag sollte sich nicht verlängern.“ Sicherlich hatte RB kein größeres Interesse an einer Verlängerung, da Gäng nach einem Jahr dem U23-Alter entwachsen war, der zweite Torwart jener Tage aber zur Erfüllung der DFB-U23-Regel für die Regionalliga jung zu sein hatte. Andererseits war Sven Neuhaus schlicht die klare Nummer 1 und nach dessen Rückkehr von der Verletzungspause war völlig klar, dass Gäng wieder auf die Bank muss.

Bei Lok behauptet Gäng via Spiegel, hätte man ihm nach einem halben Jahr, als ihn Trainer Willi Kronhardt mit nach Halberstadt nehmen wollte, unter Androhung von Gewalt einen Vereinswechsel untersagt. Was dazu beigetragen habe, dass er später wegen irgendwas zwischen Depression Burn Out ausfiel. Dazu kommen Spielerberater, die ein falsches Spiel gespielt haben sollen, Vereine, die nicht hinter Gäng gestanden hätten und ein Gäng selbst, der um ein paar Euro mehr im Vertrag zockte und so bei RB Leipzig, statt bei Mainz 05 landete.

Christopher Gäng ist einer, der mit seinen 25 Jahren schon eine ganz schöne vielseitige Geschichte erzählen kann. Und auch mit deutlichen Worten und viel Bereitschaft erzählt. Die Geschichte handelt vom Traum vom Profifußball, von der Erkenntnis, dass man von einer Blase mit einigen unschönen Begleiterscheinungen träumt, vom Gang in die Niederungen des Fußballs inklusive Insolvenz und finanziellen Sorgen, von Selbstzweifeln, Depression und Burn Out. In Großaspach scheint Gäng an einem weniger spektakulären Kapitel zu schreiben, an der Ankunft in der Fußballnormalität. Vielleicht wird das ja ein Kapitel, in dem ein Christopher Gäng zu sich selbst findet, sich rundum wohl fühlt und wieder zum „Fußball-Fan“ zu werden, der er nach eigener Aussage nicht mehr ist. Egal wie man manches Detail seiner Geschichte, die durchaus kennenswert ist, finden mag, sei ihm dies zu wünschen.

Spiegel: Leidensweg eines Torwart-Talents

Sportbild: Ex-Hertha-Keeper Gäng: „Fußball ist ein Huren-Geschäft“

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