The never-ending Kammlott-Story

Wie oft wurde in den letzten dreieinhalb Jahren an dieser Stelle im Blog, aber nicht nur hier über Carsten Kammlott geredet. 2010 wurde das damals 20jährige Offensivtalent von RB Leipzig aus Erfurt für einen höheren sechstelligen Betrag  als Versprechen auf die Zukunft und quasi als Gesicht des Vereins verpflichtet, was auch darin Ausdruck fand, dass Kammlott als Aushängeschild prominent auf der Website eingebunden wurde.

Anfang 2014, ein halbes Jahr vor Auslaufen des Vierjahres-Vertrages erwartet eigentlich niemand mehr, dass aus Carsten Kammlott noch der Superstar und entscheidende Spieler im System von RB Leipzig wird. Dafür halten sich hartnäckig die auch in Erfurt nicht dementierten Gerüchte, Kammlott könnte noch im Winter an die alte Wirkungsstätte zurückkehren. Und auch in Halle und seit neuestem gerüchteweise auch in Duisburg zeigt man Interesse am inzwischen 23jährigen.

Vor allem anderen muss man festhalten, dass Carsten Kammlott ein großartiger Fußballer war und immer noch ist. An guten Tagen ist seine feine Ballbehandlung, seine Dribbelstärke und seine Geschwindigkeit mit dem Ball eine absolute Waffe, die locker drittligareif ist. Warum aus diesem Potenzial nur so selten auch gute Spiele und vor allem auch konstante Leistungen entstanden sind, darf zu den großen Rätseln des Fußballs gezählt werden und kann vermutlich niemand so richtig erklären.

Am Vertrauen in seine Person kann es nicht wirklich liegen, denn alle drei Trainer, die Carsten Kammlott bei RB Leipzig hatte, setzten zumindest anfangs auf und glaubten an ihn, weigerten sich ihn abzugeben und mussten letztlich doch anerkennen, dass Startformationen ohne Kammlott auf Dauer erfolgreicher spielen, als Formationen mit ihm.

Dass Carsten Kammlott sich in den letzten dreieinhalb Jahren nicht wirklich weiterentwickelte, zeigt schon der schnelle Blick auf die Zahlen. In seiner ersten Saison bei RB Leipzig kam er noch auf 28 Spiele, davon 22 von Beginn an. Mit fünf Toren spielte er seine erfolgreichste Saison, war aber schon da im Verhältnis zu seiner Einsatzzeit nur fünftbester Torschütze im Team (hinter Frahn, Frommer, Kutschke und Schinke) und stand oft in der Kritik bzw. fiel selten als spielentscheidender Torschütze auf. Nur einer seiner Treffer in der Regionalligasaison unter Tomas Oral war ein Führungstreffer, ansonsten traf Kammlott nur zum Ausbau der Führung (zweimal zum 2:0, jeweils einmal zum 3:0 und 4:0).

Nur noch selten am Jubeln - Carsten Kammlott nach seinem einzigen Saisontreffer gegen die SpVgg Unterhaching | GEPA Pictures - Sven Sonntag

Im zweiten Jahr nahm sich Peter Pacult vor, Carsten Kammlott den wichtigen Karrieresprung zu verschaffen. Als Ergebnis standen 22 Regionalliga-Spiele (plus zwei Kurzeinsätze im DFB-Pokal), davon nur noch fünf von Beginn an und eine Null-Tore-Saison. Eine sportliche Horrorspielzeit, die lediglich vier Vorlagen als Torbeteiligungen ausweisen konnte. Drei dieser Vorlagen resultierten daraus, dass er im Strafraum gefoult wurde. Positiv im Gedächtnis bleibt aus dieser Saison wohl nur der Auftritt aus dem Heimspiel gegen Halberstadt, als RB Leipzig nicht zuletzt wegen einer Kammlott-Show aus einem 0:2 noch ein 3:2 machte. Ansonsten war vor allem die Torlosigkeit des Stürmers ein Thema, das in der Winterverpflichtung von Roman Wallner als Sturmkonkurrent resultierte.

Dann kamen Alexander Zorniger und Ralf Rangnick. Insbesondere letzterer hielt viel von Carsten Kammlott und hatte ihn in früheren Zeiten auch als Talent im Blick und auf dem potenziellen Verpflichtungszettel. Allein, auch unter Zorniger änderte sich an Kammlotts Position in der Teamhierarchie wenig. 2012/2013 standen für ihn 20 Regionalliga-Spiele, davon neun von Beginn an zu Buche. Immerhin reichte es auch wieder zu vier Pflichtspieltoren und drei Vorlagen. Wobei zwei Tore und eine Vorlage aus einer starken Partie im defensiv teilweise nicht geführten Spiel beim 5:4 in Jena resultierten, als die Teilnahme von RB an der Relegation schon lange feststand. Der einzige spielentscheidende Treffer in dieser Saison war das 1:0 gegen Neustrelitz direkt nach der Winterpause, ein Tor das in seiner vollendeten Technik einen Eindruck der Qualitäten Kammlotts vermittelte.

Die Verletzung Daniel Frahns Richtung Saisonende brachte Carsten Kammlott noch einmal zurück ins Spiel und führte dazu, dass er andeuten konnte, wozu er in der Lage ist. Ein starkes Spiel im Sachsenpokal-Finale gegen Chemnitz, als er vor allem als offensiver Ballsicherer mithalf, nach Rückstand wieder ins Spiel zu kommen und die sehr gute Show in Jena gaben ihn die Chance an der Relegation gegen die Sportfreunde Lotte als Starter teilzunehmen. Eine kämpferisch überragende Partie im Hinspiel ließ die Hoffnung auf den endgültigen Durchbruch von Carsten Kammlott wieder ein wenig wachsen.

Doch die Hoffnung bestätigte sich auch in dieser Saison in der dritten Liga nicht. 13 Einsätze, davon fünf von Beginn an und ein Tor sind die überschaubaren Bilanzen des einstigen Hoffnungsträgers. Dass er in den letzten sieben Spielen vor der Winterpause nur noch 10 Spielminuten sammelte, sagt vor allem über die Entwicklung von Carsten Kammlott in dieser Saison viel aus. Angesichts dessen, dass mit Matthias Morys sogar noch ein Stürmer für die inzwischen drei Sturmplätze lange verletzt ausfiel, ein mittleres Desaster.

Dass Carsten Kammlott das Tor treffen und gute Spiele absolvieren kann, hat er in der Vergangenheit vor allem in Testspielen gezeigt, in denen er in den letzten Jahren auf Augenhöhe mit Frahn und Kutschke, die zusammen mit ihm 2010 nach Leipzig wechselten und anfangs sogar deutlich in Kammlotts Schatten standen(!), traf. Dass er seine in den Testspielen gezeigten Leistungen nicht in den Pflichtspielalltag brachte, ist letztlich einer der wichtigsten, zu interpretierenden Fakten. Mögliche Erklärungsversuche drehen sich darum, dass es ihm in Leipzig an Wohlfühlbedingungen mangelte, dass Kammlott im Spielernstfall nicht die nötigen Nerven hat, dass ihn Konkurrenz eher nervös macht, als beflügelt, dass er sein Leistungspotenzial nur gegen schwächere Gegner in Testspielen abrufen kann oder dass er das Vertrauen des Trainers dadurch spüren muss, dass er auch in schlechten Phasen als Stammspieler eingesetzt wird.

Die objektiven Rahmenbedingungen wie keine Konkurrenz oder ein Dauerstammplatz war bei RB Leipzig nicht zu kriegen und wird nie zu kriegen sein. Weswegen eigentlich seit drei Jahren in jeder Winterpause aufs neue die Frage im Raum stand, ob Carsten Kammlott nicht zumindest eine selbstbewusstseinsstärkende Leihe zu einem Verein, bei dem er weniger Konkurrenz und bessere Chancen auf Einsatzzeiten hat, gut tun würde. Erfurt stand immer wieder als interessierter Club in der Diskussion. Geklappt hat es nie. Leider, wie man im Nachhinein vielleicht feststellen muss, denn sich in anderem Umfeld noch mal Selbstvertrauen und Konstanz zu holen, hätte Kammlotts Karriere vielleicht gut getan. Zumal auch Kammlott selbst immer mal wieder mit den Worten zu vernehmen war, dass er mehr Spielzeit brauche.

Inzwischen ist wohl allen Beteiligten klar, dass sich das Kapitel Kammlott und RB Leipzig – jetzt oder im Sommer – dem Ende zuneigt. Carsten Kammlott selbst scheint deshalb schon mal die aktuell vorliegenden Angebote zu taxieren und Optionen abzuwägen. Und bei RB Leipzig scheinen die Verantwortlichen bereit, ihm keine Steine in den Weg zu legen. Was auch keinen Sinn machen würde, wenn man bedenkt, dass mit Poulsen, Luge, Morys und Palacios-Martinez gleich vier Spieler auf den Außenstürmerpositionen, auf denen auch Kammlott spielen könnte, die Konkurrenz bilden. Und zwar eine Konkurrenz, von denen jeder einzelne vermutlich aktuell die Nase vorn hat.

Spielen könnte Carsten Kammlott in einem 4-4-2 als zweite Spitze neben einem echten Mittelstürmer. Als wuseliger Spieler, der Räume schafft, in Dribblings geht, auch mal auf die Flügel ausweicht, Standards in Form von Freistößen und Elfmetern herausholt und vielleicht auch mal ab und zu aus Kontersituationen heraus (wie in Jena) trifft. Wenn Carsten Kammlott mit Geschwindigkeit und Ball am Fuß auf den Gegner zulaufen kann, ist er immer noch eine Wucht. Gegen tief verteidigende, robuste Gesellen wird es schon schwieriger. Als Anspielstation für lange, hohe Bälle ist es fast schon aussichtslos. Was nicht nur an der Körpergröße liegt.

Spielen könnte Carsten Kammlott sicherlich auch in einem 4-2-3-1 als offensiver Flügelspieler. Etwas schwieriger, aber auch möglich wäre die Flügelposition im 4-4-2. Wobei man dann auch ein wenig über die defensive Absicherung im System nachdenken müsste. Letztlich hatte Kammlott seine stärksten Auftritte im Trikot von RB Leipzig, wenn er auf dem rechten Flügel mit relativ viel Freiheiten und Tororientierung vor sich hindribbeln konnte. Wenn er ein Team findet, dass ihm die offensiven Freiheiten gibt und sich Kammlotts Geschwindigkeit mit dem Ball zunutze macht, dann kann der Thüringer wieder zu alter Stärke zurückfinden.

Ob Carsten Kammlott in Erfurt die entsprechenden Voraussetzungen in Sachen Spielsystem und Vertrauen in seine Person findet, ist schwer abzuschätzen. Mit Nietfeld, (dem verletzten) Brandstetter und Co hat er Konkurrenz, die sich nicht per se hinter ihm anstellt. Und ob er in Erfurt die selbe Wohlfühlatmosphäre als Publikumsliebling spüren würde, wie bei seinem Abgang 2010 ist nach langer Zeit beim in Erfurt nicht eben beliebten RB Leipzig durchaus fraglich, wie auch eine ablehnende Zaunfahne beim Testspiel gegen Dresden zuletzt zeigte.

Letztlich führt für Carsten Kammlott, der sich in Leipzig unter drei sehr unterschiedlichen Trainertypen und Spielphilosophien nicht entscheidend durchsetzen konnte, als karrieresichernde Maßnahme fast nichts an einem Neuanfang an anderem Orte als in Leipzig vorbei. An einem Ort, wo er hoffentlich mehr Glück findet als in Leipzig. An einem Ort auch, wo er hoffentlich noch einmal zeigen kann, dass er ein Spieler für die Momente zum Zungeschnalzen ist. Dass er ein großartiger Fußballer ist, davon darf man jedenfalls weiterhin überzeugt sein. Nur ist die Frage inzwischen, ob es auch zu einer halbwegs großartigen Karriere reicht. Selbst für die dritte Liga wird das kein Selbstläufer mehr.

Tomas Oral bemerkte seinerzeit Anfang Juli 2010 in der LVZ folgendes zum Kammlott-Transfer: „Wir bekommen einen sehr guten Stürmer. Er bekommt eine Top-Adresse.“ Dreieinhalb Jahre später geht es darum, dass ein potenziell immer noch sehr guter Stürmer eine Adresse bekommt, die auch zu ihm passt. Wenn es eine solche Adresse denn überhaupt gibt.

[Update 16.01.2014: Heute bestätigten sowohl RB Leipzig, als auch Rot-Weiß Erfurt, dass Carsten Kammlott sofort zurück nach Thüringen wechselt. Viel Glück Carsten Kammlott auf dem weiteren Karriereweg. Möge er mehr sportliches Glück bereithalten als die Zeit in Leipzig.]

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Bild: © GEPA pictures/ Sven Sonntag

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Ein Gedanke zu „The never-ending Kammlott-Story“

  1. Dieser damals auffallend talentierte Spieler, der eine lange Ausbildung bei dem Erfurter Club genießen konnte, hat sich mit dem regelrecht „fluchtartigen Wechsel“ besonders von dem verwerflichen Ziel täuschen lassen, dass die übermäßig und mit Sicherheit nirgends woanders so tolle allgemeine Bedingungen in dieser damals noch 4. Bundesliga für ihn nicht gleichzeitig ein „Freifahrtschein“ bedeutete, am Ende seines Vertrages, Mitte 2014, automatisch in der obersten Bundesliga zu spielen, wie es die Vereinsführung der „Rasenballer“ eigentlich plante! Schon seit geraumer Zeit klappte es mit kontinuierlichen Einsätzen und Spielen auf hohem Niveau auch nicht mehr, sodass der „Hobby-DJ“ Kammlott mit einem geschätzten Marktwert von ca. 180. 000 EURU seine Gedanken auf Abschied aus Leipzig lenkte. Mit dem bevorstehenden Wechsel lagen natürlich wieder einmal die Skeptiker richtig, weil sie meinten, dass damals nicht die tiefere Liga, die angeblich geringere Entfernung von seinem elterlichen Wohnort in der Nähe von Bad Frankenhausen, sondern nur das x-fache höhere Gehalt ihn nach Leipzig lockte. Die Zusage auf dieses verlockende und fast ja schon unmoralische Angebot sollte man ihm aber nicht im Nachhinein verübeln, weil dieses in unseren Breitengraden sonst eher unüblich ist. Vielleicht stimmte auch die Chemie zu seinen Trainern Oral, Pacult und Zorniger einfach nicht so richtig, die es allerdings alle versäumten, aus seinem garantiert vorhandenen Können, das Optimale herauszuholen!
    So kann es sein, dass sich der „Chippy“ Kammlott aus der kleinen Anzahl von Bewerbern vielleicht sogar schon in diesen Stunden (!) wieder für die Rückkehr zu seinen fußballerischen Wurzeln nach Erfurt entschieden hat……..

    Seinen damaligen Sympathiezuspruch wird er sich aber erst wieder erarbeiten müssen. Das könnte dann gelingen, wenn man ihm den entsprechenden Freiraum gibt, den der frühere Wirbelwind in Leipzig allerdings zuletzt nicht mehr hatte.

  2. Dieser damals auffallend talentierte Spieler, der eine lange Ausbildung bei dem Erfurter Club genießen konnte, hat sich mit dem regelrecht „fluchtartigen Wechsel“ besonders von dem verwerflichen Ziel täuschen lassen, dass die übermäßig und mit Sicherheit nirgends woanders so tolle allgemeine Bedingungen in dieser damals noch 4. Bundesliga für ihn nicht gleichzeitig ein „Freifahrtschein“ bedeutete, am Ende seines Vertrages, Mitte 2014, automatisch in der obersten Bundesliga zu spielen, wie es die Vereinsführung der „Rasenballer“ eigentlich plante! Schon seit geraumer Zeit klappte es mit kontinuierlichen Einsätzen und Spielen auf hohem Niveau auch nicht mehr, sodass der „Hobby-DJ“ Kammlott mit einem geschätzten Marktwert von ca. 180. 000 EURU seine Gedanken auf Abschied aus Leipzig lenkte. Mit dem bevorstehenden Wechsel lagen natürlich wieder einmal die Skeptiker richtig, weil sie meinten, dass damals nicht die tiefere Liga, die angeblich geringere Entfernung von seinem elterlichen Wohnort in der Nähe von Bad Frankenhausen, sondern nur das x-fache höhere Gehalt ihn nach Leipzig lockte. Die Zusage auf dieses verlockende und fast ja schon unmoralische Angebot sollte man ihm aber nicht im Nachhinein verübeln, weil dieses in unseren Breitengraden sonst eher unüblich ist. Vielleicht stimmte auch die Chemie zu seinen Trainern Oral, Pacult und Zorniger einfach nicht so richtig, die es allerdings alle versäumten, aus seinem garantiert vorhandenen Können, das Optimale herauszuholen!
    So kann es sein, dass sich der „Chippy“ Kammlott aus der kleinen Anzahl von Bewerbern vielleicht sogar schon in diesen Stunden (!) wieder für die Rückkehr zu seinen fußballerischen Wurzeln nach Erfurt entschieden hat……..

    Seinen damaligen Sympathiezuspruch wird er sich aber erst wieder erarbeiten müssen. Das könnte dann gelingen, wenn man ihm den entsprechenden Freiraum gibt, den der frühere Wirbelwind in Leipzig allerdings zuletzt nicht mehr hatte.

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