Zwischen Rationalität und realistischem Traum

„Wir wissen das einzuordnen“, kommentierte Coach Alexander Zorniger nach dem Sieg gegen Borussia Dortmund Fragen, ob man angesichts von Tabellenplatz 2 nun vom Aufstieg träumen dürfe. Eine Woche später dürfte sich an der Einstellung des Übungsleiters nicht so viel geändert haben, zumal in Darmstadt zwar drei Punkte heraussprangen, der Weg zu diesen aber eher durchwachsen und spielerisch überschaubar war, also das Spiel von seiner Art und Weise nicht unbedingt zum Träumen anregte.

Niklas Hoheneder war es, der im Gegensatz zum Trainer kürzlich [broken Link] als erster relativ klar auch öffentlich aussprach, dass im Mannschaftskreis natürlich der Aufstieg das Ziel sei, auch wenn es vereinsseitig keine klaren Vorgaben diesbezüglich gebe. Und nach dem Sieg in Darmstadt wird Niklas Hoheneder, auch wenn er selbst auf dem Platz gar nicht beteiligt war, keine Gründe haben, von dieser Aussage abzuweichen.

Letztlich ist mit dem Darmstadt-Sieg noch klarer geworden, dass RB Leipzig zu den Favoriten im Kampf um den Aufstieg gehört. Was gar nicht so sehr an der bisherigen eigenen sportlichen Leistung, sondern am Rest der Liga und einem zu diesem Saisonzeitpunkt unerwartet guten Zwischenstand liegt.

Wenn man vor der Saison Prognosen hätte treffen wollen, durfte man vor allem im Anpassungsprozess an die dritte Liga für RB Leipzig Probleme erwarten. Die sich noch dadurch hätten verstärken können, dass die Sommerpause für die RasenBallsportler mit knapp zwei Wochen zu kurz war, um wirklich mal komplett vom Fußball abzuschalten und die Akkus aufzuladen. Sprich das Team steht seit Anfang des Jahres unter permanentem Druck. Zuerst die Regionalliga, die Relegation und der unbedingt zu erreichende Aufstieg und dann der Start in die dritte Liga.

Da war durchgehend Spannung drauf, die irgendwann eben auch zu einem Spannungsabfall führt, wenn der Kopf die Konzentration auf hohem Niveau nicht mehr herstellen kann. Mal abgesehen von der körperlichen Frische, die nach so langer Zeit sicherlich auch leidet, ist es vor allem auch eine Kopffrage, wie man eine solch lange Zeit ohne Pause vom Druck übersteht.

Diesbezüglich zahlt sich aktuell dann vielleicht doch der breite Kader aus. Gerade in der defensiven Viererkette und hier vor allem in der Innenverteidigung konnte man immer mal wieder – notgedrungen oder nicht – ohne Qualitätsverlust tauschen. Im Mittelfeld und Sturm funktionierte das mit Abstrichen in Form nicht ersetzbarer Qualität (z.B. Poulsen) auch. Jedenfalls hat RB Leipzig die Möglichkeit, mangelnde Frische in Kopf und Glieder aus den Tiefen des Kaders heraus auszugleichen.

Anpassungsprozess und fehlende Regeneration im Sommer hätten aber insgesamt größere Probleme im Herbst erwarten lassen. Und nun steht RB Leipzig all diesen Vermutungen zum Trotz auf Platz 2 in der Tabelle und hat vor der Winterpause nur noch fünf Spiele, um sich die kollektive Auszeit zu nehmen, die man schon seit Saisonbeginn hätte erwarten können. (Und die natürlich auch gern ganz ausbleiben kann.)

Wenn RB Leipzig allerdings schon jetzt ganz oben mitspielt und nach dem leichten Tief des VfL Osnabrück hinter Heidenheim und dem SV Wehen Wiesbaden aktuell das konstanteste Team der Liga ist, kommt man nicht umhin, den Aufstieg als mögliches Ziel stärker ins Visier zu nehmen, denn im Laufe der Saison sollte das Team nach Regeneration über Weihnachten, gewachsenen Erfahrungen mit der dritten Liga und ein, zwei Neuzugängen im Winter eher wesentlich besser werden als schlechter. Denn insgesamt war es bisher leistungstechnisch aus RB- und vor allem aus Aufsteigersicht meist gut, aber auch überwiegend nicht überragend. Und genau diese Luft nach oben sollte Mut machen für eine Platzierung auf den ganz vorderen Plätzen am Ende der Saison.

Während RB mit guten, in etwa erwartbaren Leistungen in den ersten 16 Spielen mehr Punkte geholt hat, als man zu Saisonbeginn erwarten konnte, verhält es sich bei den meisten Konkurrenten andersherum. Heidenheim lassen wir mal außen vor. Das ist ein Team, das zwar auch kaum jemanden an die Wand spielt, aber auf jede Spielsituation eine Antwort findet und deswegen bisher zurecht überlegen Erster und großer Favorit auf den Meistertitel ist.

Aber dahinter fehlen derzeit drei Teams, die man vor der Saison oben erwartet hatte und die sich das auch selbst auf die Fahnen geschrieben hatten. Chemnitz, Münster und Saarbrücken liegen in der Abstiegszone schon 13, 14 und 17 Punkte hinter RB Leipzig, die den zweiten direkten Aufstiegsplatz belegen. Und alle drei Teams haben schon den Trainer gewechselt und zeigen sich seitdem durchaus teilweise verbessert, ohne aber den entscheidenden Durchbruch geschafft oder eine Siegesserie gestartet zu haben.

Saarbrücken kann man wohl durchaus abhaken für diese Saison. Mehr als Abstiegskampf wird es im Saarland nicht geben. Chemnitz und Münster traut man aufgrund sehr gut besetzter Kader hingegen immer noch zu, eine Siegesserie zu starten, die sie vergleichsweise weit in der Tabelle führen kann. Aber kann das reichen, um noch an RB Leipzig vorbeizuziehen? Dazu müsste man wohl bis Weihnachten, wenn 21 von 38 Spielen absolviert sein werden ein paar Punkte gutgemacht haben. Denn dass Münster bspw. in 17 Spielen 14 Punkte auf RB gutmachen könnte, ist praktisch nicht möglich, wenn man bedenkt, dass auch Münster – selbst in Topform – nicht nur mit Siegen durch die Rückrunde gehen wird.

Da also drei der größeren Favoriten der Saison aktuell in der oberen Tabellenhälfte wegfallen, wird die aufstiegsfähige Konkurrenz doch überschaubar. Unterhaching aktuell auf Platz 3 ist sicherlich sensationell und spielerisch beeindruckend und gut anzusehen, aber die junge Mannschaft wird weder Klasse noch Konstanz haben, um dauerhaft ganz oben mitzuspielen.

Erfurt auf Platz 4 ist ähnlich überraschend, auch weil man hier wegen eines neuen Trainers und neuer Spieler längere Anlaufzeiten erwartet hatte. Unwahrscheinlich, dass Erfurt auf Dauer auf die ersten drei Plätze schielen kann, aber etwas wahrscheinlicher als bei Unterhaching, weil Erfurt in Sachen Zusammenspiel Spielsystem-Spieler mit einer nächsten Vorbereitung noch besser werden könnte.

Auf Platz 5 folgt dann wohl das Team, das man aktuell am ernstesten auf dem Zettel haben muss, wenn es um Saisonperspektiven geht. Den SV Wehen Wiesbaden. Die haben ihre Krise schon hinter sich und stehen trotzdem nur vier Punkte hinter Leipzig, haben eine robust-erfahrene Mannschaft und jetzt auch einen Trainer, der Jugend und modernen Fußball in die Erfahrung mischen will. Wenn das gut geht, gehören sie wohl zu den wenigen verbliebenen Topfavoriten in dieser Saison.

Darmstadt dahinter darf man auch auf dem Zettel haben, allerdings dürfte hier die individuelle Qualität letztlich auch nicht für die Plätze 1 bis 3 reichen. Der VfB II dahinter darf als U23-Team nicht in die zweite Liga aufsteigen, fällt also per se aus der Betrachtung.

Bleiben noch Duisburg und Osnabrück. Erstere muss man auf dem Zettel behalten, weil sie indiviuell gut genug besetzt sind für den Aufstieg und als Mannschaft aktuell nur mit der kurzen Vorbereitungszeit im Sommer kämpfen. Angesichts dessen sind sieben Punkte auf Platz 2 für Duisburg nicht allzu viel. Wenn sie bis zur Winterpause nicht noch allzu viele Punkte verlieren und anschließend die fehlende Sommervorbereitung vergessen machen können, haben sie auch noch mal gute Chancen nach oben.

Osnabrück ist dagegen nach gutem Start irgendwo angekommen, wo man sie vielleicht vor der Saison erwarten konnte. Der extreme Kaderumbruch (mit unheimlichem Qualitätsverlust) plus der neue Trainer ließen eigentlich nur ein Übergangsjahr erwarten. Und da steht man im Moment. Und wenn nicht noch ein Wunder passiert, dann reicht es auch insgesamt nicht zu viel mehr.

Sich mit den Aufstiegschancen von RB Leipzig zu beschäftigen, resultiert insgesamt gar nicht so sehr daraus, dass die RasenBallsportler in den ersten 16 Ligaspielen euphorisierenden Aufstiegsfußball gespielt hätten, sondern weil sie erstens selbst besser dastehen als erwartet und zweitens die Konkurrenz schon jetzt arg ausgedünnt wurde.

Nimmt man mal an, dass Platz 1 an Heidenheim vergeben ist, dann werden sich nach jetzigem Stand am wahrscheinlichsten Leipzig, Wehen Wiesbaden und mit Abstrichen Duisburg (je nach Verlauf der Winterpause) um die verbleibenden zwei Plätze streiten. Chemnitz und Münster sollte man nicht ganz abschreiben, aber insgesamt sind sie ähnlich unwahrscheinlich wie Darmstadt, Erfurt, Unterhaching, Osnabrück und wie sie nicht alle heißen.

Sprich, die Aufstiegskonkurrenz scheint in diesem Jahr nicht allzu groß zu werden, sodass man fast schon logischerweise die aktuelle Saison als Chance ansehen muss, die dritte Liga nach oben auf vergleichsweise einfache Art und Weise zu verlassen. Einfacher jedenfalls als in der kommenden Saison, wenn wohl kaum wieder gleich drei Topfavoriten dauerkriseln und auch nicht wieder zwei Absteiger ohne sehr gute Aufstiegschancen aus der zweiten Liga herunter kommen werden.

Hier an dieser Stelle im Blog gehörte der Aufstieg vor dem Start in die dritte Liga nicht unbedingt zu den ausgerufenen Saisonzielen. Ganz im Gegenteil stand die Konsolidierung in Liga 3 über zwei Jahre immer im idealen Vordergrund. Wenn man allerdings in diesem Jahr eine Konstellation vorfindet, in der nicht viele Teams gleichzeitig Qualität und Saisonverlauf zum Aufstieg haben, dann muss man auch zuschlagen und die Situation ausnutzen können.

Der Erfurter Blognachbar Fedor Freytag warf in solcherlei Gedankenspiele berechtigterweise folgendes ein: „Für alle gilt: Du kannst vor dem Winter den Aufstieg nicht festmachen, vergeigen kannst du ihn schon.“ Das ist natürlich völlig richtig und die obigen Betrachtungen deswegen auch relativ wacklig.

Trotzdem kann man festhalten, dass der bisherige Saisonverlauf die Chancen von RB Leipzig auf den offiziell nie als Ziel formulierten Durchmarsch deutlich erhöht hat, weil die Konkurrenz deutlich kleiner wurde. Wenn die RasenBallsportler jetzt noch vermehrt jenes Spiel auf den Rasen kriegen, das sich ihr Trainer von ihnen wünscht, dann darf man wirklich schon mal anfangen zu träumen. Aller Rationalität und allem Einordnen zu diesem relativ frühen Zeitpunkt in der Saison zum Trotz ist es kein ganz unrealistischer Traum.

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Ein Gedanke zu „Zwischen Rationalität und realistischem Traum“

  1. Aus meiner Sicht ist der Aufstieg von RB kaum zu verhindern. Heidenheim wird sich im Lauf der Saison selbst noch das Leben schwer machen, auch wenn es diesmal tatsächlich reichen könnte und sie nicht noch groteskerweise am letzten Spieltag auf Platz 5 abrutschen (wie es ja zuweilen schon vorgekommen sein soll).
    Was meinen SVWW angeht, bin ich längst nicht so optimistisch wie der Hausherr. Am Anfang wurde gut gepunktet, erst verdient, dann eher glücklich und dann gab’s eine Serie von sieglosen Spielen, bis letztes Wochenende endlich mal wieder ein Sieg gelang. Ein kleines Wunder, dass man überhaupt noch so dicht an den Aufstiegsplätzen dran ist. Ob die Krise tatsächlich schon überwunden ist, wird man wohl erst in ein paar Wochen sagen können, aber wenn man sich den Spielplan anschaut, gibt es tatsächlich Grund zur Hoffnung, dass man bis zur Winterpause zumindest in Schlagdistanz bleibt.
    Seriöse Prognosen bis Saisonende wird aber keiner wirklich abgeben können, dafür ist diese Liga schon traditionell zu inkonstant.

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