Wahnsinn

„Waaaaaaaaaaahnsinn!!!!“ Das war die erste Reaktion des Ballsportverein Gelenau via Facebook auf die gestrige Auslosung des Achtelfinals im Sachsenpokal. Kurz zuvor hatte die Losfee in einem ziemlich glücklichen Moment dem Kreisoberligisten BSV Gelenau, dessen Teilnahme am Achtelfinale des Landespokals man durchaus als hübsche Überraschung bezeichnen darf, den Drittligisten RB Leipzig zugelost. Attraktiver wäre wohl aus Sicht des Achtligisten nur noch der in etwa 20 km Entfernung beheimatete Chemnitzer FC gewesen.

Im Landespokal gilt die eiserne Formel, dass unterklassige Vereine Heimrecht genießen. Eine Formel, die aber letztlich nur auf dem Papier existent ist, denn allzu oft entschließen sich die kleinen Vereine aufgrund zu hoher organisatorischer Hürden zu einer Abgabe des Heimrechts oder werden von Verband und Behörden aufgrund von Sicherheitsproblematiken dazu mehr oder weniger deutlich gezwungen.

Vor zwei Jahren, im November 2011 erwischte es im Sachsenpokal den VfB Zwenkau, der mit Dynamo Dresden dachte ein Traumlos gezogen zu haben und anschließend in die Red Bull Arena wechseln musste, wo man dann in der 44.000-Zuschauer-Arena vor der trostlosen Kulisse von 1.500 Zuschauern kicken musste und mit einem dicken Minus aus der Geschichte gegangen wäre, hätten nicht Sponsoren die enormen Kosten des WM-Stadions aufgefangen.

Aus dem Highlight schlechthin für den Leipziger Vorortclub, im eigenen engen, dörflichen und vielleicht ausverkauften Stadion ein aus ihrer Sicht großes Team herausfordern zu können, wurde eine den Sicherheitsbedenken geopferte, weitgehend stimmungsfreie Veranstaltung in einem viel zu großen Stadion. Und aus – wie der Chemieblogger kürzlich in einem Podcast [broken Link] formulierte – „Bratwurstfußball“, der ja auch für die Anhänger der großen Vereine immer eine nette Abwechslung zum meist perfekt organisierten Ligaalltag ist, wurde der normale Großarenenfußball.

Und auch in diesem Jahr ist im Sachsenpokal alles beim alten und musste bereits Einheit Kamenz einsehen, dass sie ein Spiel gegen Lok Leipzig zu Hause nicht stemmen können und musste Siebtligist Empor Rossendorf aus der Nähe von Dresden das Heimrecht mit dem gefährlichen Regionalligisten VFC Plauen tauschen, weil man die Sicherheitsbedenken der Behörden nicht ausräumen konnte.

Nun im Achtelfinale ist dann also der BSV Gelenau an der Reihe, der kurz nach der Auslosung via LVZ [broken Link] bereits vermeldete, dass man aus Sicherheitsgründen (im Stadion ist keine Fantrennung möglich und es gibt nur einen Zugang) nicht in Gelenau, sondern in Chemnitz oder Aue spielen oder gar mit RB Leipzig das Heimrecht tauschen werde. Und aus dem für alle Beteiligten schönen Ereignis Landespokal mit den Spielstätten in dörflicher Umgebung im Allgemeinen und dem „Sportareal Erzgebirgsblick“ im Speziellen wird ein Kick irgendwo in einer gewöhnlichen Großstadt und aus möglichen Pokalzusatzeinnahmen wird ein Spiel mit für den unterklassigen, ursprünglichen Gastgeberverein unkalkulierbaren Kosten.

Die ganze Heimrechtsabgeber- oder tauscherei ist genaugenommen Wahnsinn und nimmt dem Landespokal, der an der einen oder anderen Stelle viel mehr noch als der DFB-Pokal das Aufeinanderprallen von Amateur und Profi bzw. von unterschiedlichen Fußballausprägungen ermöglicht, letztlich den ureigenen Reiz. Die Entwicklung zu diesem Stand der Dinge hat natürlich verschiedene Ursachen (gewachsene Sicherheitsbedürfnisse zum Beispiel), aber letztlich ist es vor allem ein Armutszeugnis für die großen Vereine und deren Anhänger, dass man es ihnen nicht zutraut, dass sie ohne Fantrennung und erhöhten Sicherheitsstandard bei einem Kleinstadt- oder Dorfverein antreten können.

Ganz rational-pragmatisch-eigensinnig wäre natürlich das Spielen in der Red Bull Arena (oder auch das Spielen in einem anderen Leipziger Stadion oder in Grimma) die beste Alternative falls Gelenau tatsächlich als idealer Spielort durchs Raster fällt. Wobei gerade beim Spielen in der WM-Arena auch klar wäre, dass für Gelenau kein Cent Einnahme übrig bleibt (und RB zusätzliche Kosten hat). Denn das man bei einem Spiel Dritt- gegen Achtligist die Arena mit kostendeckend zahlenden Zuschauern (also irgendwas 5.000 bis 6.000 aufwärts) füllt, ist mehr als unwahrscheinlich.

Letztlich ist also völlig unklar, wo und wann die Partie zwischen Gelenau und Leipzig, die eigentlich für beide Mannschaften ein Traumlos war, stattfinden wird. Chemnitz, Aue, Leipzig auf der einen Seite und die Termine 31.10. und 16./17.11. auf der anderen Seite. Da die sportlichen Voraussetzungen in dieser Partie deutlich sind, wäre der 31.10. zumindest denkbar, auch wenn RB Leipzig zwei Tage später gegen den BVB II im Ligaspiel antreten muss. Denn gegen den Achtligisten könnten dann Akteure aus dem Anschlusskader auflaufen. Im Idealfall, bei entsprechender Stadionwahl (zum Beispiel Red Bull Arena), spielte man sogar einfach am 30.10., also am Vorabend des Reformationstages abends unter Flutlicht in Leipzig und hätte so noch ausreichend Luft zum Ligaspiel.

Diese alternative Terminierung wäre aber letztlich die einzig positive Begleiterscheinung eines insgesamt eher unerfreulichen Vorgangs der Suche nach einer Ausweichspielstätte. Ein Vorgang, der in den letzten Jahren ziemlich normal geworden ist, den man aber deswegen noch lange nicht als normal empfinden muss..

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Interessant in dieser Pokalrunde vor allem die Partien mit Leipziger oder Leipziger Umland-Beteiligung. Die BSG Chemie zieht das Toplos Chemnitzer FC, das ihnen sicherlich mal wieder eine gut besuchtes Spiel und viel Aufmerksamkeit bescheren wird. Aber eben auch ein Spiel, dem die Behörden mit einigen Sicherheitsbedenken entgegenblicken werden. Hoffentlich keine Bedenken, die den Verein letztlich erschlagen und ihm die Freude an der Partie nehmen.

Markranstädt ist als Oberligist gegen den Regionalligsisten Plauen sicher nicht chancenlos. Und die SG Sachsen Leipzig zieht ebenfalls einen Regionalligisten, nämlich den VfB Auerbach. Bis auf den FSV Zwickau, die sich noch für das Achtelfinale qualifizieren können, kommen also alle noch im Wettbewerb befindlichen Dritt- und Viertligisten nach Leipzig oder in Leipzigs direkte Umgebung.

Abgesehen davon treffen sich Eilenburg und Riesa zum Landesligaduell mit Favoritenrolle beim Gastgeber. Görlitz fährt entweder zum Landesligaduell nach Radebeul oder zum Bezirksligisten Zwenkau und erwartet dementsprechend ein ausgeglichenes Spiel oder die Favoritenrolle. Bezirksligist Mittweida ist klarer Außenseiter gegen Oberligist Neugersdorf. Was ebenso für den Bezirksligisten Cossebaude gegen Bautzen oder Zwickau gilt.

  • BSV Gelenau – RB Leipzig
  • SSV Markranstädt – VFC Plauen
  • BSG Chemie Leipzig – Chemnitzer FC
  • SG Sachsen Leipzig – VfB Auerbach
  • FC Eilenburg – BSG Stahl Riesa
  • VfB Zwenkau/ Radebeuler BC – NFV Gelb-Weiß Görlitz
  • Germania Mittweida – FCO Neugersdorf
  • TSV Cossebaude – Budissa Bautzen/ FSV Zwickau

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4 Gedanken zu „Wahnsinn“

  1. „…aber letztlich ist es vor allem ein Armutszeugnis für die großen Vereine und deren Anhänger, dass man es ihnen nicht zutraut, dass sie ohne Fantrennung und erhöhten Sicherheitsstandard bei einem Kleinstadt- oder Dorfverein antreten können. …“

    Ist aber nicht ganz unbegründet, wenn man sich an dem Spiel Wernigerode vs. Halle vergangenes Wochenende erinnert!

  2. Der Ausweichtermin 30.10. ist nicht uninteressant.
    Ferien und langes Wochenende sind ja ideal für einen Kurzurlaub.
    Am Mittwochabend wären wir zumindest noch da … 😉

  3. Ich denke nicht, dass sowohl Gelenauer, als auch Leipziger Fans gefährlicher Leben als im Spiel gegen Union II im letzten Winter. Da standen wir alle direkt an der Seitenlinie und um zur Bratwurst zu kommen musste man durch den „Unionblock“ laufen, welcher letztendlich durch einen kleinen Wellenbrecher abgegrenzt war. Was dort an Verbalem stattfand hat man in Gelenau sicher nicht zu erwarten. Passiert ist trotzdem nichts. Darum verstehe ich nicht warum Gelenau hier um seine Einnahmen gebracht werden muss.

    P.S.: schickes neues Design. Nur schade, dass man die Kommentare extra aufklappen muss; hätte sie fast überlesen.

  4. @Max: Bei Union hatten sie immerhin zwei Zugänge. Das scheint die formalen Sicherheitsansprüche erfüllt zu haben, auch wenn es dann am Sportplatz selbst keine Rolle mehr spielte. Aber ich bin natürlich bei dir im Nichtverstehen.

    Zum PS: Habe mal ein Plugin eingebaut, das den Mobilusern etwas mehr Komfort gibt. Das mit den Kommentaren lässt sich dabei leider nicht ändern. Aber vielleicht gewöhnt man sich ja dran, auf der Startseite oder unter dem Artikel zu gucken, ob da eine Zahl steht, die darauf hinweist, dass es Kommentare gibt.

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