Vom Tor zum Hype in einem Tweet

Am Anfang war es nur ein Tor, das Daniel Frahn nach handgestoppten 8,6 Sekunden gegen den VfB Stuttgart II erzielte. Klar ein besonderes, weil es in Deutschlands Profiligen bis dahin nur ein schnelleres gegeben hatte und weil die spezielle Anstoßvariante mit Anleihen beim American Football eine interessante war, aber eben nur ein Tor.

Eines das im Stadion, bei vielen jener, die die Variante schon aus einigen Spielen zuvor kannten, mit einem überraschten „Wow, dass das mal zu einem eigenen Tor und nicht zu einem Kontergegentor führen würde..“ freudig-erregt zur Kenntnis genommen wurde. Und eines, das medial als schnellstes Tor der Drittligageschichte, das die Basis für einen sicheren Heimsieg von RB Leipzig legte, eher nüchtern denn euphorisch beschrieben wurd“e.
Der MDR legte pflichtbewusst einen 90-Sekunden-Beitrag zum Tor auf, die lokale Presse würdigte das Tor mehr oder weniger ausschweifend, ansonsten blieb es drei Tage lang eher ruhig. Bis James Dart vom Guardian kam und mit einem einfachen Tweet aus einem Tor und vor allem dessen Entstehung ein gesellschaftliches Ereignis machte.


Fast 12.000 Follower hat James Dart, unter ihnen einige der wichtigeren Multiplikatoren im Fußball wie beispielsweise ein Raphael Honigstein oder Michael Cox von zonalmarking. Die die Nachricht vom Tor und der speziellen Anstoßvariante ihrerseits in die Welt hineinschrieben. Und wiederum Unmengen an Folgemeldungen bis hin zur BBC hervorriefen.

Was folgte war ein bislang knapp zwei Tage anhaltender Hype, der einmal rund um den Erdball ging und in unzähligen Youtube-Kopien, GIF-Animationen, Standbildern und Berichten in allen erdenklichen Sprachen mündete. Inklusive des euphorischen Abfeiern einer Anstoßvariante, die bei Misslingen in Form eines Gegentors wohl lediglich als Lacher durch die Internetgemeinde gegangen wäre. Brilliant, großartig, genial, innovativ, Tor des Jahres, Tor des Jahrzehnts. Der Phantasie waren in der Rezeption des Tors keine Grenzen gesetzt.

Schließlich und endlich landete das Tor dann als Hype auch wieder in Deutschland, unter anderem beim Sportschau-Twitter-Account. Wohlgemerkt nun schon vier Tage nach dem Ereignis sprang man auch mit auf den Hype-Zug, der hierzulande direkt nach dem Ereignis noch nicht angeschoben wurde.

Nimmt man nur das erfolgreichste der vielen Youtube-Videos von dem Tor, dann generierte dieses allein binnen 48 Stunden mehr als 3.000.000 Views. Tendenz weiter steigend. Nimmt man all die anderen Wege dazu, auf denen der Fußballinteressierte auf dieses Tor stoßen konnte, dann erhöht sich die Menge derjenigen, die mit Frahn und RB Leipzig in Kontakt kamen, sicherlich noch einmal um ein Vielfaches.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=ZrBnTlesjHk[/youtube]

[Update 1: Der MDR hat das das Video vom Tor nach weit über 3.000.000 Views wegen Urheberrechtsverletzung sperren lassen. Klar sind sie damit juristisch auf der richtigen Seite. Ob man dies aber bei einem 28-Sekunden-Ausschnitt, der ja auch für den Sender Marketing war, machen muss, sei einmal dahingestellt. Letztlich existieren Kopien aller Art weiterhin an so vielen, nicht mal sonderlich dunklen Ecken des Internets, dass ein konsequentes Verfolgen aller Urheberrechtsverstöße für die regionale Fernsehanstalt faktisch gar nicht möglich sein dürfte. Bei Bedarf hilft die Youtube-Suche und die Google-Video-Suche weiter..]

[Update 2: Der MDR sei nach Twitter-Auskunft „nicht scharf auf eine Löschung“, aber wegen rechtlicher Probleme dazu gezwungen gewesen. Vermutlich spielt dabei der DFB als Rechteverkäufer eine Rolle, der die jeweiligen Rechteverkäufer unter Druck setzen könnte, Urheberrechtsverstößen nachzugehen.]

[Update 3: Am 21.09. schmückt sich der MDR via Sport im Osten mit den weit über 3.000.000 Klicks für das Youtube-Video, das sie drei Tage zuvor hatten löschen lassen. Erstaunlich..]

Der Hype um das Frahn-Tor zeigt sehr schön, wie schmal der Grat zwischen Nichtbeachtung und überhöhter Euphorie im Online-Zeitalter sein kann. Drei Tage lang dümpelte das sicherlich spektakuläre Tor in den Archiven des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor sich hin, bevor James Dart mit seinem Tweet den Unterschied machte.

Letztlich sollte Dietrich Mateschitz dem Briten dafür ein paar Kisten seiner Dosen zur Belohnung vorbeischicken, denn wohl selten bis fast nie wurde in diesem Umfang in Sachen Fußball im internationalen Maßstab derart positiv und mit den Ziel-Eigenschaften jung, wild, dynamisch, innovativ versehen über Red Bull berichtet. Denn letztlich war – wenig erstaunlich – in der internationalen Rezeption nicht von RasenBallsport Leipzig, sondern im Normalfall von Red Bull Leipzig oder kurz gar Red Bull die Rede. Ein willkommener Marketingcoup, der wohl (abgesehen von Thierry Henry in den USA) der erste kleine Payoff in der gesamten Zeit der Fußballinvestitionen der Marke ist.

Diese Story ist letztlich das, worauf Red Bull mit seiner Idee Fußball im globalen Maßstab marketingtechnisch hinaus will, nämlich mit positiven, jugendlich-innovativen Schlagzeilen ein virales Ereignis werden. Darin zeigt sich auch der Unterschied zwischen lokaler Identität von RB Leipzig und potenzieller, internationaler Identität. Lokal ein vergleichsweise normaler Fußballverein, dessen Finanzier bekannt, aber im Rahmen des sportlichen Ereignis auch nicht überpräsent ist, wodurch der Verein anschlussfähig bleibt für all jene, die hier und heute in Leipzig dem Fußballsport in seiner RasenBallsport-Variante anhängen. Im überregionalen, globalen Maßstab dagegen ein Verein, der letztlich für Red Bull steht und diese Marke positiv vertritt.

Kai Pahl von allesaussersport hatte aus einem interessanten Interview zum Thema Vereinsidentität die Konklusion gezogen, dass Identität sich vor allem regional begründet und bei vielen Vereinen auch nur nach innen wirkt und nicht über die regionalen Grenzen hinaus. In Bezug auf die Identität als Fußballverein stimmt diese ‚These auch bei RB Leipzig. Allerdings hat RB Leipzig durch Red Bull eben auch eine globale Identität, die letztlich ein ganzes Stück von der lokalen Identität abweicht und vor allem die Marke Red Bull mit ihren Zielvorstellungen von Innovation und Erfolg und dem Bild von den Flügeln (das auch in der Rezeption des Frahn-Tors bemüht wurde)  beinhaltet.

Genau in diesem Widerspruch verhandelt sich auch die Debatte um RB Leipzig im deutschen Fußball. Wobei der leicht beleidigte Einspruch gegen RB Leipzig bzw. gegen die Identität Red Bull aus den Fanszenen der Republik letztlich nur Hintergrundrauschen bleibt, wenn in einem noch globaleren Rahmen (vermutlich aber auch in größeren Teilen Deutschlands) diese fußballkulturellen Grundsatzdebatten (die ja auch hier im Blog immer wieder Thema sind) mal eben komplett ignoriert werden und ein Tor wie das von Daniel Frahn zu einer einzigartigen Red-Bull-Erfolgsstory wird.

Aus Sicht von Red Bull ist der Hype um das Frahn-Tor sicherlich das beste anzunehmende Ereignis, das ihnen mit einem sonst eher wenig beachteten Drittligisten passieren konnte. Aus Sicht von RB Leipzig kann die rundum positive Aufmerksamkeit sicherlich auch nicht schaden. Dass der Anstoßtrick nicht ganz neu ist und vorher auch von Zdeněk Zeman als Coach gepflegt wurde und offenbar auch in Belgien bspw. bereits bekannt war, spielt dabei keine Rolle. Was schert sich ein Hype, der sich in Bild und Ton verbreiten lässt, schon um die Fußball-Vergangenheit. In diesem Sinne wird der erste richtige Kontakt von RB Leipzig mit der internationalen Fußball-Öffentlichkeit für immer eng verbunden bleiben mit dem Namen James Dart.

PS: Skurrile Randanekdote der Geschichte vom Hype, dass das Tor als 9-Sekunden-Tor startete und online dann schnell zum 8-Sekunden, oft auch 7-Sekunden, in einigen Fällen sogar zum 6-Sekunden-Tor wurde. Ein interessantes Mysterium für ein Tor, das selbst bei viel Wohlwollen beim Mitstoppen der Zeit nicht unter 8,6 Sekunden zu kriegen ist. Aber wenn sich das Online-Rad noch eine Weile dreht, dann schafft man bestimmt auch noch die 5 und die 4 Sekunden..

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5 Gedanken zu „Vom Tor zum Hype in einem Tweet“

  1. Tja, ich hab die Geschichte sportschau.de angeboten. Aber denen ist 3. Liga zu popelig. Bzw. greifen sie „auf die Videos der Anstalten zurück“. Tja …

  2. Der Stratos-Sprung vom Baumgartner im Fußballformat. Eigentlich zu genial, um wahr zu sein. Virales Marketing at it’s best jedenfalls. Die Reaktion des MDR verstehe wer will.

  3. Naja, der MDR möchte vielleicht, dass das Video mit dem Tor auf der eigenen Plattform gesehen wird. Und da gibt es das ja immer noch: [broken Link]

  4. Ja, aber aufgrund der Gesetzeslage, die da Löschen von Audio- und Videobeiträgen in engen Fristen vorschreibt, wird es bald (Montag?) von dort verschwunden sein..

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