3.Liga: SV Wehen Wiesbaden vs. RB Leipzig 2:1

Klar, irgendwann musste es passieren, dass RB Leipzig mal wieder ein Ligaspiel verliert. 497 Tage hat es schließlich gedauert, seit dem 0:1 bei Holstein Kiel Ende April 2012. Der eine oder andere ältere Zeitgenosse wird sich vielleicht noch erinnern..

Dass RB Leipzig beim Spitzenreiter der dritten Liga, dem SV Wehen Wiesbaden eine Niederlage kassieren könnte, wäre vor dem samstäglichen Aufeinandertreffen keine allzu gewagte Prognose gewesen. Trotzdem ist die Niederlage ärgerlich, weil sie letztlich völlig unnötig und nicht die Folge 90minütiger Unterlegenheit war.

Will man das Spielchen machen, was die entscheidende Szene des Spiels war, dann war dies wie schon vor einer Woche gegen Erfurt das 1:0. Nur dass diesmal nicht RB Leipzig in Führung ging, sondern der SV Wehen Wiesbaden. In einer chancenarmen, ersten Hälfte gelang es dem starken José Pierre Vunguidica nach 23 Minuten, sich an der rechten Eckfahne gegen Tobias Willers durchzusetzen und anschließend den Ball für Nils-Ole Book aufzulegen, der nur noch einschieben musste.

Diese Szene zeigte auch, was passieren kann, wenn nicht alle gleichermaßen hellwach sind. Denn der Abwehrverbund wirkte so, als würde man sich drauf verlassen, dass Tobias Willers den Wiesbadener Stürmer stellt. Zumindest scheint keiner damit zu rechnen, dass Vunguidica an der Grundlinie durchbrechen kann, sodass Jungs Hilfe für Willers zu spät kommt und anschließend Bastian Schulz in der Mitte und fünf Meter vor dem Tor zu spät kommt, um den flachen Pass auf Book abzufangen. Vunguidica sollte an dieser Stelle nicht die Grundlinie entlang in den Strafraum marschieren dürfen. Das ist richtig und da sieht Willers sehr schlecht aus. Andererseits fallen Tore nie wegen nur eines verlorenen Grundlinienduells. Und in der konkreten Situation haben einige Spieler zu vorschnell eine bestimmte Form der Spielfortführung ausgeschlossen.

Auch beim zweiten Gegentor war RB Leipzig helfend beteiligt. Eine Freistoßflanke aus dem Halbfeld segelte in hohem Bogen in den Strafraum auf  den Neu-Wiesbadener Innenverteidiger Jovan Vidovic, der (wieder) gegen Tobias Willers einen halben Meter zu viel Platz hatte und den Ball dann hübsch im langen Eck versenkt. Und nach 38 Minuten und zwei Bällen auf den Coltorti-Kasten steht es 2:0. Die schon vor der Partie vielgepriesene Effektivität im Abschluss zeigten die Gastgeber in Perfektion, denn abseits dieser zwei Versuche, die mit Unterstützung der RasenBallsportler zu Toren führten, gab es einen Zwei-gegen-Eins-Konter, den Judt grandios noch vor dem Strafraum abfängt und einen Kopfball 5 Meter über das Tor. Das war es.

Trotzdem war die Führung des SV Wehen Wiesbaden zur Halbzeit nicht unverdient, weil ihre Spielanlage insgesamt reifer, abgeklärter und zielstrebiger wirkte und sich RB Leipzig in vielen Tändeleien verspielte. Man hatte das Gefühl, dass einen schon in den Partien gegen Duisburg und Münster beschlich. Dass die Gegner RB Leipzig sich erstmal ein bisschen abzappeln lassen, sich das mehr oder weniger angestrengt verteidigend angucken und dann die Chance, die sich schon irgendwie kriegen, einfach reinmachen.

Das Endergebnis als Gesichtsausdruck - Amthony Jung als lebende Anzeigetafel | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Die erste Halbzeit von RB Leipzig war sicherlich nicht sonderlich gut. Es fehlte an vielerlei vor allem im Spiel mit dem Ball. Aber im Vergleich mit den Gastgebern war die Vorstellung von RB Leipzig auch nicht unbedingt sonderlich schlecht, nur eben im Output nicht effektiv, weil man im und am Strafraum einige vielversprechende Ballbesitzpositionen vertändelte und mit einem Fernschuss von Bastian Schulz gerade mal einen Torschuss verzeichnete.

Wenn man torgefährliche Situationen in Hälfte 1 insgesamt nimmt, kam Wehen Wiesbaden auf drei und RB Leipzig auf 2. Das zeigt bereits, dass die RasenBallsportler auch definitiv nicht von einem Offensivfeuerwerk der Gastgeber an die Wand gespielt wurden. Insbesondere die Außenspieler Alf Mintzel und Tobias Jänicke hatte man durchgängig ganz gut im Griff.

Die Gastgeber hatten vor der Partie aufgrund von diversen Ausfällen ihr Team ein wenig umgestellt und den bisherigen Sechser Michael Wiemann, der später völlig gerechtfertigt mit gelb-rot vom Platz flog,  in die Innenverteidigung beordert. Adam Straith rückte dafür aus der Innenverteidigung nach rechts hinten, wo er Julian Grupp ersetzte. Und im Mittelfeld rückte Marcus Mann eine Position zurück auf die Sechs, während Robert Müller zusammen mit dem neu in die Startelf gerückten Nils-Ole Book etwas offensive agierte. Dafür dass der SV Wehen Wiesbaden das Zentrum fast komplett neu organisierte, sah es alles in allem ganz gut organisiert aus.

Bei RB Leipzig startete dagegen komplett jene Elf, die nach Rockenbachs-Auswechslung zur Halbzeit vor einer Woche gegen Erfurt auch die zweite Halbzeit in Angriff genommen hatte. Dass man dadurch größere Vorteile in Sachen Eingespieltheit durch Kaderkonstanz hatte, war nicht wirklich zu beobachten.

Dass Thiago Rockenbach nicht nur nicht in der Mannschaft, sondern nicht mal im Kader stand, durfte trotz der Kritik am „besten Zehner“ (Zorniger) in der Mannschaft ein wenig überraschen. Und es wirft vor allem die Frage auf, ob Rockenbachs vermutlich eine Weile anhaltende Abwesenheit dazu führen wird, dass nur noch 4-3-3 und 4-2-2-2, also Systeme ohne Zehner gespielt werden oder Clemens Fandrich künftig einmal die Chance als Spieler hinter den Spitzen bekommt.

Wobei das Spiel beim SV Wehen Wiesbaden offiziellerseits auch als 4-3-1-2 und Kammlott als Zehner ausgewiesen wurden. Und letztlich trägt es auch der Tatsache Rechnung, dass zwischen den beiden Systemen nur Nuancen der Positionierung des Zehners bzw. des hängenden/ zentralen Stürmers liegen. Aber in Wiesbaden sah die Grundordnung auf dem Platz doch deutlich mehr nach einem 4-3-3 mit einem hoch gegen die den Spielaufbau eröffnenden Innenverteidiger/ Sechser pressenden Kammlott aus.

War der SV Wehen Wiesbaden in der ersten Halbzeit noch optisch das bessere und insgesamt das etwas reifere Team, spielte in der zweiten Halbzeit zu großen Teilen nur noch eine Mannschaft und die hieß RB Leipzig. Insgesamt erkämpfte und erspielte man sich im Verlauf der Halbzeit ein halbes Dutzend guter bis sehr guter oder sogar überragender Chancen, nutze die Chancen aber nur noch zu einem Tor durch einen Schulz-Fernschuss. Der SV Wehen Wiesbaden hatte auf der anderen Seite noch eine gefährliche Szene, als Vunguidica im Strafraum abgeblockt wird. Ansonsten kam von den Gastgebern gar nichts mehr.

Letztlich war es ein Freistoß aus dem Halbfeld und ein Hoheneder-Kopfball, der den Unterschied zwischen Wehen Wiesbaden und Leipzig an diesem Tag am deutlichsten machte. Denn während Vidovic in Hälfte 1, immerhin noch leicht bedrängt, den Ball im langen Eck versenkt, kommt Niklas Hoheneder sechs Meter zentral vor dem Tor und im Umkreis von drei Metern ohne Gegenspieler völlig frei mit dem Kopf an den Ball und trifft ihn aber nicht richtig, sodass ihn Keeper Gurski locker wegfangen kann. Das war wohl die größte der Ausgleichchancen. Ein Ausgleich, der letztlich angesichts des Chancenverhältnisses auch verdient gewesen wäre.

RB Leipzig spielte insgesamt eine prima zweite Hälfte. Angetrieben durch den kurz vor der Pause für den verletzten Judt gekommenen Timo Röttger rollte ein Angriff nach dem nächsten auf das Tor des SV Wehen Wiesbaden. Nicht immer mit der nötigen Durchschlagskraft, aber dass man gegen ein robust-routiniertes Team, das einen Vorsprung verteidigen kann, mal eben Chancen im Minutentakt herausspielt, ist eben nicht zu erwarten. Und wenn man diesen in der ersten Halbzeit erarbeiteten Wettbewerbsnachteil bedenkt, ist die Leistung von RB Leipzig in Halbzeit 2 umso bemerkenswerter.

Nachteilig war, dass sich die RasenBallsportler durch das nicklige, foulintensive Spiel (es trafen die zwei Mannschaften mit den meisten Fouls der Liga aufeinander) im Laufe der zweiten Hälfte ein wenig vom bis zum Anschlusstreffer und kurz danach eingeschlagenen Weg abbringen ließen. Teilweise auch selbstverschuldet, wenn man z.B. an Frahns Aussetzer, nach dem er mit Glück und nur gelb weiterspielen durfte (siehe Randbemerkung), denkt.

Gegen Ende der Partie besann man sich dann wieder auf die spielerischen Methoden. Was dann wiederum aus anderen Gründen überraschte. Denn zu einem Zeitpunkt, als man nur noch lange, hohe Bälle erwartete (die natürlich auch geschlagen wurden), versuchte es RB Leipzig immer wieder und immer weiter, den Gegner spielerisch zu knacken. Und die letzte Chance der Partie hatte dann Matthias Morys auch nicht, weil ihm im Strafraum der Ball zufällig auf den Kopf fällt, sondern weil sich RB Leipzig noch mal in den Strafraum kombinierte und Morys den Ball knapp am langen Pfosten vorbeischießt.

Fazit: Die Niederlage beim SV Wehen-Wiesbaden war unnötig, weil RB Leipzig beim Spitzenreiter insgesamt und vor allem in der zweiten Halbzeit das bessere Team war, aber zum Schluss die Mannschaft gewann, die eine Halbzeit lang cleverer, reifer, abgezockter, ergo effektiver agierte und anschließend die Führung über die Zeit zitterte. Es war ein interessantes, unterhaltsames und hart umkämpftes Drittligaspiel, dem vermutlich ein Unentschieden ganz gut zu Gesicht gestanden hätte. Aber letztlich hat auch dieses Spiel wieder gezeigt, dass die letzten zwei, drei Prozent Drittligaabgebrühtheit bei RB Leipzig gerade im Vegleich mit einer erfahrenen Mannschaft wie der des SV Wehen Wiesbaden eben noch fehlen.

Randbemerkung 1: Es war tief in der zweiten Halbzeit, als Daniel Frahn zu einer Grätsche mit 20 Metern Anlauf an der Seitenauslinie ansetzte. Denis Perger, der den Ball gerade nach vorn schlagen wollte, war der Leidtragende des Fouls und musste später den Platz verletzungsbedingt verlassen. Wahrscheinlich war es das Glück von Daniel Frahn, dass bei diesem Foul noch ein bisschen Ball im Spiel war, was den Schiedsrichter wohl bewogen hat, die absolut mögliche rote Karte stecken zu lassen (in Realgeschwindigkeit dachte man als Zuseher ‚Foul ok, aber der Ziel war das Ball‘, aber die TV-Zeitlupe zeigte, dass das Treffen des Balls da eher billigend in Kauf genommen wurde..). Es war auf jeden Fall letztlich ein Foul, das jede denkbare Verletzung in Kauf genommen hat und schon deswegen eine rote Karte verdient gehabt hätte. Und schon deswegen war die Kutschke-Gedächtnisgrätsche dumm, weil sie letztlich die Schwächung der eigenen Mannschaft auch über das Spiel hinaus (bei rot wäre es auf zwei, drei Spiele Sperre hinausgelaufen) bedeutet hätte. Als Kapitän ziemlich suboptimal.

Frahn muss sicherlich aufpassen. Schon letztes Jahr hat er bei zwei Aktionen, die man auch als Tätlichkeiten hätte bestrafen können, Glück gehabt, nicht vom Platz zu fliegen (Halberstadt, Neugersdorf). Nicht immer wird Frahn dieses Glück hold sein. Und irgendwann kommt der Tag und Frahn geht für etwas duschen, was weniger als das war, was in Wiesbaden passierte. Hoffentlich beschwert er sich dann nicht. Wobei zu vermuten wäre, dass er sich beschwert, denn so uneinsichtig, wie sich Frahn, der im Spiel auch ordentlich auf die Knöchel bekam, nach der Partie im Interview präsentierte und mit einem Grinsen auf dem Gesicht von einem normalen Foul und korrekter gelber Karte sprach, kann man nicht davon ausgehen, dass er ein Bewusstsein für das eigene üble Foul hat. Vielleicht erklärt es ihm ja jemand bei Gelegenheit.

Randbemerkung 2: Alexander Zorniger hatte quasi schon den Sturmlauf in der Hand und wollte mit den Einwechslungen Fandrich und Morys die komplette Offensive wagen, als Bastian Schulz den Anschlusstreffer erzielte. Woraufhin sich Clemens Fandrich die Trainingsjacke wieder anzog und Bastian Schulz, der ganz sicher zur Auswechslung vorgesehen war, weiterspielen durfte. Manchmal dreht sich das Blatt schnell. Doof nur für Fandrich, der schon fast den Fuß auf dem Feld hatte und wieder zurückgepfiffen wurde und dann gar nicht mehr zum Einatz kam, weil der letzte Wechsel dann später an Denis Thomalla ging..

Lichtblicke: So richtig herausragendes hat man nicht gesehen. Timo Röttger war nach seiner Einwechslung ein großer Aktivposten, der einige Male gut den Ball sicherte und spielte. Allerdings baute er im Verlauf der zweiten Halbzeit auch ein bisschen ab. Dominik Kaiser wirkte nach seinem Wechsel von halbrechts auf die zentrale Sechs nach der Pause präsenter und mit mehr Einfluss auf das Spielgeschehen. Und Bastian Schulz war zumindest als Fernschussschütze gefährlich. Aber insgesamt war doch individuell viel Licht und Schatten im Spiel.

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Tore: 1:0 Book (24.), 2:0 Vidovic (38.), 2:1 Schulz (58.)

Gelb-Rot: Wiemann (84./ wiederholes Foulspiel/ SVWW)

Aufstellung: Coltorti – Judt (45. Röttger), Hoheneder, Willers, Jung – Kaiser, Sebastian, Schulz (76. Thomalla) – Poulsen, Kammlott (60. Morys), Frahn

Zuschauer: 4.221 (davon 350 Leipziger)

Links: RBL-Bericht, RB-Fans-Liveticker, MDR-Bericht [broken Link], SVWW-Bericht [broken Link], Kicker-Bericht

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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4 Gedanken zu „3.Liga: SV Wehen Wiesbaden vs. RB Leipzig 2:1“

  1. Hab das Spiel insgesamt sehr ähnlich gesehen, insbesondere die Tatsache, dass die Niederlage ziemlich unnötig war. Nur eine klitzekleine Korrektur: Es war nich ganz die Elf der zweiten Erfurt-Halbzeit, da war Willers nämlich noch gesperrt und für ihn Franke im Spiel 😉

  2. Prima Analyse
    + Ich warte immer mehr darauf , daß Tim Sebastian neben Hoheneder als IV aufgestellt wird. Er ist im Mittelfeld verschenkt und schränkt dort auch den Radius des kleinen Kaiser ein. Außerdem gibt es für die Mittelfeldrolle noch den Hendrik Ernst.
    Zu T. Willers ist bereits viel gesagt worden. Seine Stärken im Spielaufbau vermisse ich bisher oder sehe diese vielleicht nicht. Nach m. Auffassung fehlen ihm im Moment und Vergleich zu Sebastian und Franke Schnelligkeit und Beweglichkeit.

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