Leipziger Fußball 2013/2014

Immer mal wieder was neues im Leipziger Fußball. Einerseits spielt mit RB Leipzig zum ersten Mal seit 1997/1998 ein Leipziger Team wieder in einer eingleisigen bundesweiten Profiliga. Und andererseits spielen erstmalig vier Leipziger Teams mit eher überregionalen Träumen in gleich vier verschiedenen Ligen. Wenn man von den zweiten Mannschaften und den Möglichkeiten im Sachsenpokal absieht, wird es also keinerlei Kontakt zwischen den vier Teams geben. Kann allen Beteiligten in Leutzsch, Probstheida und am Cottaweg eigentlich nur gut tun. Nachdem alle Teams schon in die Saison gestartet sind, heute der leicht verspätete Rundumblick zum Saisonstart.

RB Leipzig und die Übergangssaison

Alles was rund um RB Leipzig in den letzten Wochen passierte, deutet daraufhin, dass man intern mit einer Saison rechnet, in der man oben mitspielt, aber der letzte Schritt, der Aufstieg in die zweite Liga, noch nicht zur Zielvorgabe gehört. Wenn man zur Winterpause in Schlagdistanz liegt, wird man da sicherlich noch mal neu darüber diskutieren, aber bis dahin bleibt man wohl die Ruhe selbst und widmet sich der Akklimatisierung an die Liga.

Die, das haben die ersten vier Spieltage schon gezeigt, auch nötig ist. Denn die RasenBallsportler spielen sicherlich gut und waren in allen vier Spielen mehr oder weniger deutlich das bessere Team, scheiterten aber zweimal an einer fehlenden Portion Cleverness, an einer guten gegnerischen Abwehr oder spielerisch deutlich verbesserten Gegnern. Letztlich sind es nur Details die fehlen, aus RB Leipzig ein Spitzenteam der dritten Liga zu machen, aber es sind wie immer die Details, die zu lernen es am längsten braucht und für die Erfahrung nicht ganz nachteilig ist. Und die kriegt man eben erst, wenn man eine Weile in der Liga verbrachte.

Kein irrelevanter Faktor dabei, dass RB Leipzig bis auf Tobias Willers praktisch nur Spieler verpflichtete, die noch in der Entwicklung sind. Anthony Jung hat seine Rolle links hinten schon angenommen und hebt die Mannschaft damit schon mal qualitativ nach oben. Bei Yussuf Poulsen sieht man die unglaublichen Qualitäten, aber es fehlt noch an der Abstimmung mit den Nebenleuten und dem Gefühl, wann er den Torabschluss und wann das Abspiel wagen sollte. Denis Thomalla ist ein guter, geht aber im sehr gut besetzten Sturm etwas unter. Joshua Kimmich ist aktuell nach Verletzung weiter noch kein Thema für den Profikader. Die Herren Luge und Papadimitriou stehen noch ein bisschen hinten an und sind noch im Lernprozess. Und selbst Tobias Willers, der vor seiner roten Karte gesetzt war, braucht sicherlich noch seine Zeit, bis er seine selbstbewusste Art zu 100% auf den Platz bringt.

Sprich, der Kader, der im Sommer vor allem Richtung Zukunft mit jungen Spielern verstärkt wurde, braucht sicherlich noch seine Zeit, bis er seine volle Leistungsstärke abrufen kann. Individuell, weil die Spieler noch nicht am Ende ihrer Entwicklung sind und sich im neuen Verein und Spielsystem erst zurecht finden müssen. Und als Mannschaft, die zusammenspielen muss, sowieso. Da man mit sieben Neuzugängen für einen ambitionierten Neuling allerdings einen recht dezenten Umbau betrieben hat und das Ausgangsniveau des Kaders hoch war, sollte die Phase der Reifung als Team auch nicht ewig dauern.

Nicht ganz nachteilig dürfte auch sein, dass es erstmals seit Vereinsgründung über die Sommerpause hinaus Konstanz auf den entscheidenden Positionen im Verein gibt. Sprich, Trainer, Geschäftsführer und Sportdirektor sind erstmals dieselben wie am Ende der vergangenen Saison. In Sachen Weiterentwicklung von Spielphilosophie und Vereinsinfrastruktur kann das letztlich nur gut tun. Sportlich steht bei den Profis der nächste Schritt in der Entwicklung zu einer sehr guten Dritlligamannschaft an, während im Nachwuchsbereich U23 und U19 mit klaren Aufstiegszielen in die Saison gehen. Strukturell ist wohl der Ausbau des Trainingszentrums am Cottaweg das vordringliche Projekt. Vielleicht findet man ja auch noch ein kleines ‚Amateur’stadion, in dem die U23 dauerhaft Pflichtspiele bestreiten kann.

Spieltaktisch hat man sich zur neuen Saison bei RB Leipzig ein drittes System zugelegt. Neben den bekannten Varianten 4-4-2 mit zwei Sechsern (also ein 4-2-2-2) und 4-3-1-2 spielt man nun auch verstärkt ein 4-3-3. Wobei die Übergänge teilweise fließend sind. Sodass 4-3-1-2 und das 4-3-3 auf dem Platz gleichermaßen als 4-3-2-1 interpretiert werden können. Oder das 4-3-3 defensiv mal eben zu einem 4-5-1 wird. Letztlich alles auch ein bisschen eine Frage der jeweiligen Gegneranalyse. Letztlich allen Formationen gleich ist der Versuch, Ballgewinne zum direkten, schnellen Spiel in die Spitze und dort die Qualitäten der Stürmer zu nutzen. Auch der Eroberung der zweiten Bälle gilt das Hauptaugenmerk im eigenen Spiel. Neben diesen auf das direkte Spiel auf das gegnerische Tor abzielenden Ideen arbeitet man aber aktuell auch wieder vermehrt daran, Varianz in das Spiel zu kriegen und ein Gleichgewicht zwischen dem schnellen Pass in die Spitze und dem Ballbesitzspiel zu finden.

Wie gesagt, der nächste Schritt auf ein höheres Level braucht individuell und mannschaftlich Zeit. Man muss seine Erfahrungen machen und dann daraus lernen. Und wenn man bis zur Winterpause noch nah an den drei Spitzenplätzen ist, wird man mit einer weiteren Vorbereitung und als weiter gewachsenes Team sicherlich den Angriff auf die Topplätze wagen. Bis dahin kann das Saisonziel eigentlich nur oben mitspielen heißen. Damit man da ist, falls sich in dieser Saison doch noch die Chance auf mehr ergibt. Favoriten waren und bleiben andere. Vor allem Heidenheim, Wehen Wiesbaden, Münster, Chemnitz.

Für die Vereinsentwicklung wäre es sicherlich gar nicht schlecht, wenn man nicht direkt wieder aufsteigen würde. Einerseits hätte man dann mehr Zeit, die Mannschaft weiterzuentwickeln und durch das Einbauen weiterer Akteure und Perspektivspieler auch bereits für höhere Ligen konkurrenzfähig zu machen. Andererseits könnten Publikum und Fans auf Drittliganiveau zusammenwachsen. Ein Schritt in die zweite Liga wäre noch mal mit einem enormen Zuschaueranstieg verbunden. Da kann es nicht schaden, wenn man eine gesunde und gewachsene Basis von im Schnitt 10.000 eigenen Zuschauern aufbaut und die Drittliga-Zeit hat, sich zu einem Fußballpublikum mit eigener Identität zu entwickeln.

Fazit: Letztlich steht RB Leipzig vor einer Übergangssaison, in der der Umbruch Richtung zweite Liga und Zweitligateam begonnen wurde und es darum geht, sich fußballerisch zu verbessern. Inwieweit diese Saison auf den verschiedenen Ebenen zu einem Selbstläufer wird und man sogar an mehr als dem oberen Tabellendrittel schnuppern kann, muss man abwarten. Dazu müssen zu viele (auch zufällige) Faktoren zusammenpassen, als das man das ernsthaft erwarten oder prognostizieren kann.

1.FC Lokomotive Leipzig und die Probleme auf allen Ebenen

Wenn man sich einen Club mit maximal möglichen Problemen am Reißbrett ausdenken müsste, käme wohl Lok Leipzig dabei heraus. Sportlich, wirtschaftlich, infrastrukturell, fankulturell. Es brennt eigentlich gerade auf so ziemlich allen denkbaren Ebenen. Und dass sich die Probleme wie in einem Märchen in einem Happy End auflösen, ist beileibe keine ausgemachte Sache.

Fangen wir bei den wirtschaftlichen Problemen an, denn die verursachen die anderen Probleme teilweise mit. In der letzten Saison war Lok gerade so von der Insolvenzschippe gesprungen. Durch diverse Spenden und Aktionen konnte man die Saison zu Ende spielen und eine neue in Angriff nehmen. In der Sommerpause beschloss die Mitgliederversammlung noch eine Sonderumlage von 100 Euro pro Mitglied, die die ärgste Schuldenlast des Vereins lindern sollte. Trotzdem drücken Lok noch Schulden in ungefähr mittlerer sechsstelliger Höhe. In einer Liga, in der man normalerweise auch ohne Schulden schon wirtschaftlich immer an der Kante arbeiten muss. Schuldentilgung ist da eigentlich nicht vorgesehen und doch dringlichstes Gebot.

Problematisch dabei, dass man den einen oder anderen Euro, den man in diesem Jahr gut gebrauchen könnte, schon im letzten Jahr eingenommen hat. So zum Beispiel bei der Trikotaktion, bei der man sich für 150 Euro für zwei Jahre auf dem Trikot verewigen konnte. Über 700 Namen kamen zusammen. Entsprend eine sehr niedrige sechsstellige Summe. Einnahmen, die man im Etat gut gebrauchen könnte, die aber noch in die letzte Saison und das Überleben des Vereins flossen.

Aktuell verlost man bei Lok die Brust. Für 1000 Euro kann man sich quasi ein Los kaufen und wenn man Mitte September bei der Ziehung erwählt wird, als Sponsor zentral auf den Lok-Shirts landen. Auch dies keine ganz unclevere Idee, die vielleicht ein paar Euro mehr in die Kassen spült, als dies ein normaler Trikotsponsor tun würde.

Insgesamt hat man bei Lok für einen Viertligisten in den letzen Monaten durch Spenden und vielerlei Aktionen unheimlich viel Geld einnehmen können. Was auch zeigt, dass der Verein weiterhin eine leidensfähige Basis hat, die bereits ist, für die Verhinderung der Insolvenz einiges zu geben.

Trotzdem braucht der Club auch im Alltag Einnahmen, die Zukunftsfähigkeit signalisieren. In diesem Sinne sind die im Schnitt knapp 2.400 Zuschauer aus den ersten zwei Heimspielen eher enttäuschend. In der letzten Saison hatte man vorsichtig mit 3.000 kalkuliert, aber eigentlich auf mehr gehofft (aber nicht gekriegt). In dieser Saison wollte man eigentlich ein wenig Aufbruchstimmung verbreiten. Da sind die bisherigen Zuschauerzahlen – auch wenn es gegen keine größeren Gegner ging – doch eher mau.

Zu allem Überfluss eskaliert der Streit zwischen neuer Vereinsführung, die mit Transparenz und Aktivität Pluspunkt sammelten, und größter organisierter Fangruppe, den Scenarios weiter. Nachdem schon eine Pyroaktion während des Freundschaftsspiels gegen den Halleschen FC und ein daraus resultierender Brand einer Blockfahne und eine Spielunterbrechung für Unstimmigkeiten gesorgt hatten, ließ das Auftreten beim Auswärtsspiel in Babelsberg, als es bei An- und Abreise von Teilen der Fans zu Problemen gekommen war und im Stadion Naziparolen gerufen wurden, das Fass überlaufen. Erscheinungsverbot für Scenario, so die Entscheidung des Vereins. Sprich, die Personen dürfen – so sie nicht mit Stadionverboten belegt werden – wiederkommen, allerdings nicht als Scenario in Erscheinung treten.

Mal abgesehen vom Imageschaden, den der Auftritt in Babelsberg mit sich brachte und der auch wieder direkt auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen negativ abstrahlt (und zudem dazu führen könnte, dass Lok das Rückspiel gegen Babelsberg in der teuren und ungeliebten Red Bull Arena spielen muss), ist mit dieser Entscheidung ziemlich viel Unruhe verbunden. Einer Ultragruppe ihre Insignien zu verbieten, trifft letztlich mitten in deren Herz und dürfte bei jenen, die sich aus irgendeinem Grund als echteste Verkörperung des wahren Lok-Geists empfinden, eher zu einem noch stärkeren Zusammenhalt nach innen führen.

Das Problem der Lok-Führung in diesem Fall ist, dass es jenseits von Scenario keine größeren, organisierten Fangruppierungen gibt, auf die sie sich stützen können. Dem versuchen sie nun zu begegnen, indem sie vereinsseitig eine Art Fanclubzertifizierung vergeben wollen. Sprich, man kann als Fangruppierung eine entsprechende Charta unterschreiben und darüber und über einen Fanbeirat näher an den Verein heranrücken. Der Vorstand versucht also, sich seine eigene Basis zu schaffen und jenseits von Scenario eine prägende Fangruppe, bestehend aus vielen kleinen Gruppen zu etablieren. Ob sie damit Erfolg haben, wird man sehen müssen. Wenn sie damit Erfolg haben wollen, brauchen sie in der Auseinandersetzung mit den Scenarios sicherlich aber auch die Unterstützung der Stadt und des Fanprojekts. Und gerade von kommunalen Einrichtung gab es in den letzten Jahren außer dem Zeigefinger bei Vorfällen welcher Art auch immer und eher leeren Worten nicht so richtig viel.

Das alles noch nicht genug, ist die sportliche Situation bei Lok in Folge der wirtschaftlichen Situation schwierig. Spielergehälter soll es in der Form nicht mehr geben. Aktuell kann man bei Lok nebenbei Fußball spielen und ein bisschen Geld dazuverdienen, den Beruf Fußballspieler gibt es in der Form bei Lok nicht. Was dazu führte, dass einige Leistungsträger der vergangenen Saison den Verein auf der Suche nach neuen Herausforderungen und besseren Finanzen verließen. Und mit ihnen auch der erfolgreich arbeitende Trainer Marco Rose – wie schon ein Jahr zuvor Willi Kronhardt – den Verein wegen Perspektivlosigkeit verließ.

Mit Carsten Hänsel trat zur neuen Saison der achte(!) Trainer seit Mai 2009 sein Amt bei Lok Leipzig an. Nichts könnte die Unruhe im Verein in den letzten Jahren, die auch ein kontinuierliches Arbeiten verhinderte, besser beschreiben. Hänsel, der vom Halleschen FC II kam war unter den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sicherlich die optimale Wahl. Ein mit 30 Jahren sehr junger, engagierter Coach, der in Halle gute Arbeit leistete und sicherlich auch bereit ist, unter schwierigen Bedinungen, Aufbauarbeit in den Verein zu stecken.

Wobei letztlich die Frage ist, ob der vorhandene Kader tatsächlich gut genug ist, um in der Regionalliga die Klasse zu halten. Das Ziel, zwei Mannschaften hinter sich zu lassen, ist sicherlich möglich, aber sportlich auch keinesfalls ein Selbstläufer, wie nur ein Punkt aus den ersten drei Spielen, davon zwei Heimspiele, schon andeutet. Ein Abstiegsplatz wäre letztlich etwas, was mit der Mannschaft keine negative Riesensensation wäre. Denn trotz der vielen hochklassigen Abgänge kamen – sieht man mal von Vadim Logins ab – praktisch nur junge, entwicklungsfähige Spieler mit unterklassiger Vergangenheit dazu. Mit Kittler, Hildebrandt, Rolleder, Seifert, Engler, Krug und perspektivisch auch wieder Grandner stehen zwar aus der vergangenen Saison auch noch einige Korsettstangen zur Verfügung, aber ob das ausreichen wird, ist völlig unklar. Kaderumbruch und neuer Trainer und Unruhe im Umfeld sind da keine gute Voraussetzungen.

Interessant noch die Personalie Patrick Lunderstädt. Der wechselte einst von Lok Leipzig zu RB Leipzig, um dort in der U17 mitzuspielen, konnte sich dann aber in der U19 nicht mehr entscheidend durchsetzen, wechselte zurück zu Lok und bekommt dort nun 18jährig und fußballerisch gut ausgebildet die Chance, im Männerfußball Fuß zu fassen. Da deuten sich letztlich die zukünftigen Möglichkeiten auch ohne direkte Kooperation der Vereine an. Denn in der Nachwuchsmaschinerie RB Leipzig, in der alles auf zukünftige Einsätze im Profifußball ausgerichtet ist, werden jährlich gut ausgebildete Fußballer, für die es aber vermutlich nicht für ganz oben, also dritte Liga aufwärts, reichen wird, durch den Rost fallen. Und genau diese Fußballer suchen dann vielleicht eine neue fußballerische Heimat, in der sie weiter ihrem Sport frönen können. Vielleicht ist Lunderstädt (nachdem vor einem Jahr bereits der gestandene Tino Oechsner von der U23 von RB zu Lok gewechselt war) in dieser Beziehung zukunftsweisend.

Wenn man über die Zukunft von Lok reden will, dann sind die Visionen aktuell vermutlich angesichts der vielen Probleme düster. Der Verein sähe sich sicherlich in mittlerer Zukunft gerne noch einmal eine Liga weiter oben angreifen und kämpft aktuell doch nur ums wirtschaftliche und sportliche Überleben in der Regionalliga. Und hat zudem mit dem Stadion noch das Problem am Hals, dass man eigentlich für einen Schritt in die dritte Liga infrastrukturell gar nicht ausgestattet wäre und der Schritt in die Red Bull Arena aus finanziellen und ideologischen Gründen nicht gerade die Idealvorstellung ist, die man in Probstheida pflegt.

Fazit: Eine Saison, in der es für Lok sportlich und wirtschaftlich nur ums Überleben geht und in der man offenbar zu allem Überfluss, aber auch im Sinne des Überlebens die Probleme mit der eigenen Fanszene auskämpft. Wenn es im Privat-TV einen Wettbewerb um den problembehaftetesten Verein geben würde, hätte Lok sehr gute Chancen, ihn zu gewinnen. Überstehen sie diese Saison, heißt das noch lange nicht, dass die Zukunft rosig ist, aber es hieße zumindest, dass Lok überhaupt wieder eine Zukunft hat.

SG Sachsen Leipzig vs. BSG Chemie Leipzig: der grün-weiße Rest

Mit inzwischen ziemlich großem Abstand hinter RB und Lok folgen die Vereine, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln mehr oder minder legitime Erben des Leutzscher Fußballs sind. Sechste und siebte Liga ist die wohl naheliegende Konsequenz des Zerfalls in zwei Lager, die zusammen in ihren ersten Heimspielen in Landesliga und Bezirksliga 1.400 Zuschauer ins Stadion lockten, jeder für sich aber doch nur einen besseren Landesligisten abgibt. Perspektive nach oben: aktuell keine.

Zum ersten Mal seit der Insolvenz des FC Sachsen Leipzig spielen die beiden Vereine nun nicht mehr in der gleichen Liga, was zumindest diese unsäglichen Derbys, nach denen man sich gegenseitig sagen kann, wie doof man den jeweils anderen eigentlich findet, verhindert. Was vielleicht für das nicht immer einfache Binnenverhältnis von Haupt- und Untermieter im Alfred-Kunze-Sportpark ganz zuträglich ist. Auch wenn es rund um Betriebskosten, Catering und Nutzung der Plätze natürlich weiterhin genügend Konfliktstoff gibt.

Mit der Umbennung in SG Sachsen Leipzig ging die SG Leipzig-Leutzsch in diesem Sommer einen überraschenden Schritt, der Rückbesinnung auf die mehr oder weniger bekannte und mehr oder weniger anerkannte Marke FC Sachsen ausdrücken sollte. Letztlich sahen sich jene, die die SG Leipzig-Leutzsch gründeten, wohl immer eher in der Tradition des Nachwende-FC-Sachsen und nicht in der der Betriebssportgemeinschaft. Weswegen dieser Schritt natürlich Sinn macht. Auch wenn einem das Namen-wechsle-dich-Spiel, das im Leipziger Fußball seit der Wende gespielt wird, auch ganz schön absurd vorkommen kann.

Böse Zungen behaupten, der Namenswechsel sei nur deswegen durchgeführt worden, um den Mitgliedern eine Sonderumlage von 100 Euro schmackhaft machen zu können, mit denen einerseits dann die Umbenennung finanziert, aber auch die Vereinsfinanzen aufgebessert werden konnten. Wenn es rund um die SG in den letzten zwei Jahren der Existenz Konstanz gab, dann in Bezug auf Spekulationen, dass sie finanziell bald am Ende sein könnte. Bei den Betriebskosten geschummelt, zweckgebundene Fördergelder nicht zweckgebunden eingesetzt, falsch ausgewiesene Fahrtkosten usw. Vorwürfe und Gerüchte gab es einige, die nahende Insolvenz und der kommunale Fördermittelstopp wurden oft beschrieben. Eingetreten ist davon wenig. Was erst einmal für den Verein sprechen muss, der allen Unkenrufen zum Trotz weiter existiert und auch in seinem dritten Jahr mit selbem Trainer und selber Vereinsführung antritt.

Sportlich dürfte die SG Sachsen Leipzig wie in den vergangenen zwei Jahren einen Platz in der oberen Tabellenhälfte der Landesliga anpeilen. Platz 6 und 7 stehen bisher zu Buche. Falls es noch ein, zwei Plätze besser geht, wird man nicht traurig sein. Mehr ist mit dem Kader, der so eine Art Rest of Leipzig ist und mit Schaaf, Breitkopf, Ledwoch, Adam, Bury usw. einige hierzulande nicht unbekannte Kicker vereint, nicht drin. Vor allem Kamenz und RB Leipzig II liegen doch einige Stufen über der SG. Ob dies auch im direkten Aufeinandertreffen der Fall ist, kann man schon am kommenden Sonntag im Alfred-Kunze-Sportpark beobachten, wenn die SG auf RB II trifft.

Bei der BSG Chemie weiß man vermutlich immer noch nicht, wie man überhaupt aus der Landesliga absteigen und in der Bezirksliga landen konnte. Mit Hönemann, Lippmann, Haufe, von der Weth, Pfeffing, Lee Gandaa und einigen nicht unbekannten mehr. Mit dieser Mannschaft aus der sechsten Liga abzusteigen, lag eigentlich nicht drin und ist trotzdem aus irgendeinem Grund passiert.

Sportlich ist das natürlich katastrophal. Für den Verein insgesamt aber vielleicht auch gar nicht so schlimm. Der Zuschauerzuspruch dürfte auch eine Liga tiefer aufgrund der Ultras um den Verein und einer generell eher aktiven Fanszene nicht sonderlich sinken. Die Kosten dürften dagegen geringer werden, zumal man nicht mehr weiter als nach Torgau reisen muss. Und man spielt wieder um den Aufstieg mit und nichts anderes als der direkte Wiederaufstieg muss für die BSG, denen einige bekannte Namen abhanden kamen, das Ziel sein. Vielleicht gewinnt man ja auf diesem Weg auch wieder die Leichtigkeit zurück, die man nach der Neugründung beim Ritt durch die unteren Ligen hatte, bevor man dank Blau-Weiß Leipzig auf dem kurzen Dienstweg zu einem Landesligisten wurde.

Trainiert wird die BSG Chemie zur neuen Saison von André Schönitz, der in Leipzig schon im Nachwuchs von RB, dem FC Sachsen und Lok arbeitete und nun seine erste Position im Männerfußball inne hat. Nachdem das Missverständnis mit Steffen Hammermüller, der zwar als Chemie-Ikone, aber nicht als Chemie-Trainer taugte, bereits in der vergangenen Rückrunde beendet wurde, entschied man sich, Übergangscoach Gregor Schoenecker wieder die zweite Mannschaft anzuvertrauen und für die erste Mannschaft einen Neuanfang zu wagen. Was wohl auch sinnig ist.

‚Dank‘ des Abstiegs kommt die BSG Chemie auch in den Genuss, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte auf Lok, den großen Intimfeind des grün-weißen Fußballs zu treffen. Wenngleich auch nur auf die zweite Mannschaft von Lok. Da dürfte es im Alfred-Kunze-Sportpark dann doch wieder mal voll werden. Angesichts der Ultragruppen auf beiden Seiten sicherlich ein brisantes Duell und entsprechend ein Großkampftag für die Ordnungshüter.

Fazit: In Leutzsch kämpft man  nicht mit den extremen Problemen wie bei Lok. Dafür spielt man aber auch nur sechste und siebte Liga. Und wird vermutlich auch im neuen Jahr wieder einige Konflikte rund um Geld und grün-weiße Identität öffentlich austragen. Wenn sportlich alles normal läuft, haben sich SG und BSG in einem Jahr ligentechnisch wieder. Größere Jubelstürme wird das nicht auslösen. Und eine verbesserte Zukunft wird es auch nicht mit sich bringen. Und zu allem Überfluss fehlt in Leutzsch beiderseits eine Jugendarbeit, aus der man mittelfristig schöpfen und Kraft gewinnen könnte. Die Landesliga scheint da aktuell und mittelfristig das Ende der Fahnenstange zu sein.

All in all

Vielleicht ist die jetzige Situation, in der die vier ranghöchsten Leipziger Vereine alle in eigenen Ligen vor sich hinwirtschaften das perfekte Symbol, dass jeder mit völlig eigenen Problemen beschäftigt ist. Durch den Aufstieg von RB Leipzig hat sich das Geschehen im alten Zentralstadion zudem noch einmal deutlich vom Rest abgekoppelt. RB wird noch stärker das Publikum ziehen, das sich für Profifußball interessiert und dahinter kann man sich Gedanken machen, wie man die notwendig vorhandenen, großen Nischen, die der manchmal kühl wirkende Profisport hinterlässt, sportlich, fankulturell, wirtschaftlich und identitär zum eigenen Nutzen füllen kann. Mal sehen, wie sich die Situation in Leipzig dann in den nächsten sechs Monaten bis zum nächsten Rundumblick verändert. Und abgesehen davon möge sowieso jeder nach seiner Fußball-Fasson glücklich werden und Spaß an der neuen Saison haben.

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5 Gedanken zu „Leipziger Fußball 2013/2014“

  1. Kompliment, ausgezeichneter Artikel!
    Nur RSL fehlt. Vor einigen Wochen stand in der Presse
    die Connewitzer hätten mittlerweile die „größte aktive Fußball
    Abteilung aller Leipziger Vereine“.
    Vielleicht mittlerweile ernstzunehmender als „der grün-weiße Rest“?

  2. Das Fehlen des RSL wurde nun schon einige Male bemängelt. Stimmt schon, von der öffentlichen Relevanz her steht er vermutlich mit BSG oder SG auf einer Stufe. Andererseits hat man beim RSL rein sportlich gar keine Ambitionen überhaupt Richtung Landesliga. Was absolut vernünftig ist. Aber eben auch dazu führt, dass er unter rein sportlichen Gesichtspunkten bei mir immer unten durch rutscht.

  3. Sehr schön. Und was ist eigentlich mit unserem Steigbügel – dem SSV Markranstädt?
    Als Leipziger Vorort und Bestandteil der RB Geschichte wäre es doch schön von Zeit zu Zeit mal was davon zu lesen 🙂 Zumal da noch einige ehemalige RBL Spieler aktiv sind (Buszkowiak, Lerchl, Kläsener)

  4. @Hoffi Ob du es glaubst oder nicht. Der SSV ist mir im Kopf völlig entgangen. Hätte sich ja auch gut gemacht, so als Oberligabindeglied. Andererseits war der SSV für mich nie ein relevanter Teil des Leipziger Fußballs und daran hat sich erstaunlicherweise auch mit RB und der besonderen Verknüpfung zum SSV nichts verändert. Ich verfolge das Geschehen dort zugegebenermaßen praktisch jenseits der Ergebnisse gar nicht..

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