Regionalliga: FC Carl Zeiss Jena vs. RB Leipzig 4:5

Manchmal nimmt der Fußball eigenartige Wege. Nicht nur in den oberen Spielklassen, wie man beim Dortmunder 1:2 gegen Hoffenheim beobachten durfte, sondern auch in den unteren Ligen. Schon nach fünf Minuten konnte man im Spiel von Carl Zeiss Jena gegen RB Leipzig ahnen, dass dies kein normales Spiel werden würde. 1:1 stand es zu diesem Zeitpunkt schon und es sollten noch sieben Tore dazu kommen..

Das fröhliche Abtasten zum Beginn, wie man es in so einem Spiel der beiden Spitzenteams der Liga vielleicht hätte erwarten können, fiel also komplett ins Wasser, weil sich Hoheneder und Coltorti bei einem langen Ball verschätzten und Trytko dazwischen spritzte und locker einschob. Das Spiel war so wie das Wetter und die Zuschauer sofort auf Betriebstemperatur. Wenn man mal von der Defensivarbeit beider Teams absieht, denn beide Mannschaften zeigten sich in der Bewachung des eigenen Strafraums doch in ordentlicher Geberlaune.

Was nicht mal bedeutete, dass beide Teams ohne Einsatz gespielt hätten. Ganz im Gegenteil gab es von Anfang an, gerade im Mittelfeld auch ordentlich auf die Socken. Was sich auch dadurch erklärte, dass man desöfteren zu spät kam, um statt des Gegners den Ball zu spielen. Und dies war beileibe kein Vorrecht der Gastgeber, auch – und am Anfang vor allem – die RasenBallsportler zeigten sich beim Austeilen spendierfreudig. Das zusammen mit der sehr frühen Führung der Thüringer nahm auch das Publikum mit ins Spiel, das gegen die fußballkulturelle Antipode RB wortwörtlich alles an zitierfähigem und nicht zitierfähigem in die Waagschale warf.

Wenn man in diesem Spiel aus RB-Sicht das ganz positive sehen will, dann besteht es darin, dass die RasenBallsportler in hitziger Atmosphäre zumindest offensiv den Kopf auf selten gesehene Art und Weise oben behielten und mit einer beeindruckenden Abgeklärtheit die größeren Teile ihrer Chancen verwerteten und so aus einem 0:1 ein 3:1 machten. Letztlich war das auch die Story des Spiels, dass die Gastgeber viel Energie und Wildheit in das Spiel warfen und sich viele Chancen erarbeiteten, während RB Leipzig mit viel, viel Kühle zu den richtigen Zeitpunkten einfach die Tore machte.

Erstaunlich am Tag der offenen Tür war vor allem, dass RB Leipzig mit einem flachen 4-4-2 und Rockenbach links statt als Zehn eigentlich ein recht kompaktes System wählte. Also eigentlich jenes System, das dem Gegner die Lust am und die Luft zum Spielen zu nehmen. Aber wenn Jena etwas hatte, dann war es Luft zum Spielen. Also zumindest auf die unkonventionelle Art, wie sie es taten, also nicht unbedingt mit beeindruckenden Ballstafetten, sondern mit Wucht rund um den RB-Strafraum.

Es war dies das schon gelegentlich bei RB Leipzig zu beobachtende Phänomen, dass sie in dem Moment große Probleme bekommen, wenn sie es im Spiel gegen den Ball nicht schaffen, den Gegner vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Letzlich dürfte da auch ein entscheidender Schlüssel für die anstehenden Relegationsspiele gegen die Sportfreunde Lotte liegen. Schafft man es sie vom Strafraum fernzuhalten, dann hat man sehr gute Chancen. Kommt man allerdings in eine Situation, in der rund um den Strafraum permanent Ballbesitz für den Gegner entsteht, dann kann es auch ordentlich schief gehen, weil dann die Souveränität im Verteidigen von Eins-gegen-Eins-Situationen fehlt.

Jubel, Trubel, Heiterkeit - Feierlichkeiten in Abständen wie sonst nur beim Eishockey | GEPA Pictures - Kerstin Kummer

Gegen das, was gegen Carl Zeiss Jena in 90 Minuten alles aufs RB-Tor kam, war selbst das Abwehrverhalten im legendären Spiel in Auerbach ein Defensivfestival. Wenn man hätte zählen wollen, wie oft der Gastgeber frei vor Coltorti zum Schuss kam, dann hätte man sich einen ordentlichen Zettel mit einer – mindestens gefühlt – zweistelligen Zahl Striche anlegen müssen. Und da sind die Situationen, die noch in letzter Not geklärt wurden, nicht mit eingerechnet. Es ist schon erstaunlich, dass bei vier geschossenen Toren Jena letztlich auch an der Chancenverwertung gescheitert ist. Hätten sie ähnlich abgeklärt vor dem RB-Tor agiert wie das RB tat, dann hätten sie dieses Spiel wohl trotz allem gewinnen können.

Auf der anderen Seite spielte RB Leipzig gerade im Mittelfeld den wesentlich gepflegteren Ball und hatte auch einige gute Spielzüge in die Spitze. Insbesondere der Konter zum 3:1 nach einer Ecke Jenas über drei Stationen war herausragend gespielt und perfekt von Kammlott abgeschlossen. Wenn Tore eine Wanne voll Wasser wären, dann hätte man sich in dieses Tor bei perfekter Wassertemperatur hineinlegen und drei Tage drin liegen bleiben wollen. Unfassbar. Goßartig. Und dieses Tor war gewissermaßen prototypisch für die erste Halbzeit. Jena wackelt unorthodox und mit sehr viel Aufwand am Spitzenreiter und die RasenBallsportler nutzen das manchmal auch chaotische Spiel der Gastgeber und machen einfach die (sehr schönen) Tore.

Die zweite Halbzeit fing im Gegensatz zur ersten Halbzeit ruhiger an und die Partie spielte sich für 15 Minuten mit vielen Zweikämpfen und wenig Genauigkeit zwischen den Strafräumen ab. Fast war das wie eine erholsame Abwechslung in diesem Spiel. Wie aus dem Nichts fiel dann als Auftakt in die spektakuläre letzte halbe Stunde das 3:3 für Jena und das Spiel schien noch einmal zu kippen.

Dass es das nicht tat, verdankt RB Carsten Kammlott, der nach einem langen Pass in den Strafraum eher an den Ball kam als FCC-Keeper Berbig und dann beim Torwart einfädelte und nach dem anschließenden Sturz einen Elfmeter bekam. Spontan hätte ich gesagt, dass man den nicht geben muss (und ich hatte eigentlich einen ganz guten Blick auf die Szene). Erstens sah man nicht viel an Berührung und zweitens schien mir Kammlott die Berührung auch eher zu suchen, als dass sie Berbig aktiv verursacht. Witzigerweise zeichnen die Fernsehbilder (gefilmt von der anderen Seite des Spielfeldes aus) ein komplett anderes Bild und einen klaren Elfmeter. Wobei die Berührung zwischen Keeper und Kammlott durch Berbigs Körper genaugenommen verdeckt ist. Da der Schiedsrichter aber wenn dann auch eher diesen als meinen Blick hatte, war die Entscheidung für ihn wohl klar. Auch dass Berbig sich nicht übermäßig beschwert und der Bewegungsablauf beider eine Foulinterpretation auch definitiv nicht ausgeschlossen hat, weist darauf hin, dass man den Elfer sicherlich auch geben. Für mich war es spontan 50:50 pro oder contra Elfmeter und Rockenbach war das eh alles egal und er macht den Ball dann sicher rein.

Morys war es vorbehalten, mit einem weiteren spektakulären Tor eigentlich die Entscheidung herbeizuschießen, als er aus 25 bis 30 Metern gedankenschnell den zu weit vor dem Tor postierten Berbig wunderschön überlupft. Doch es passte perfekt zu dem Spiel, dass die Partie in den letzten Minuten noch einmal zurück wogte und Jena sich und das Publikum mit dem Anschlusstreffer noch mal zurück ins Spiel brachte. Die letzten Minuten waren dementsprechend aufregend und hektisch. Heidinger (wieder Linksverteidiger) flog zudem noch zurecht mit gelb-rot vom Platz (wenigstens nicht im letzten Saisonspiel, denn dann wäre er für die Relegation gesperrt). Doch das letzte Aufbäumen der Gastgeber war nicht mehr vom Erfolg gekrönt, weil auch letztlich nichts mehr geordnetes vor das RB-Tor kam.

Ein 5:5 oder 6:6 wäre im Endeffekt vielleicht das gerechtere Ergebnis gewesen, weil es belohnt hätte, dass die Gastgeber zumindest in Sachen Herz extrem viel investierten und sich unzählige Chancen erarbeiteten. Aber letztlich waren die RasenBallsportler vor dem Tor auch den einen Treffer besser, mit dem sie letztlich aus dem Spiel gingen.

Fazit: In Sachen ungeordnetes Spiel der Defensivreihen war das ein echter Sommer- und Saisonabschlusskick. Typisch für ein Spiel, in dem es tabellarisch um nichts mehr geht. In Sachen Einsatz und Zweikampfbetontheit und emotionaler Involviertheit war es dagegen trotzdem ein echtes Spitzenspiel mit offenem Visier, bei dem auf und abseits des Platzes ordentlich die Fetzen flogen. Letztlich konnten auch die Gastgeber erhobenen Hauptes das Spielfeld verlassen und die Zuschauer honorierten die Leistung ihrer Lieblinge nach Spielschluss völlig zurecht. Und aus RB-Sicht kann man zumindest damit mehr als zufrieden sein, wie man in hitziger Atmosphäre mit unheimlicher Offensiv-Klasse und Coolness die wunderschönen Tore gemacht hat. Das war beeindruckend, aber der Schutz des eigenen Tores sollte dann gen Relegation wieder stärker in den Vordergrund rücken. Wird es auch, da bin ich mir sicher.

Randbemerkung 1: Ich war in diesem Jahr in allen Regionalliga-Städten unterwegs. Oft auch vor dem Spiel in der Innenstadt. Jena war das erste Mal (in Magdeburg führte mich der Weg direkt zum Stadion), dass man beim Spaziergang durch die City Unmengen an Menschen mit FCC-Schals oder -Trikots sah, die da noch ein wenig rumsaßen, aßen, tranken und quatschten. Ich kann das sehr gut leiden, wenn man das Gefühl hat, dass sich eine ganze Stadt auf ein Fußballspiel vorbereitet. Wegen der eher kleinen Innenstadt bei gleichzeitiger Nähe zum Stadion bietet sich das wohl auch an. Im Stadion wurden es letztlich reichlich 5.000 Anhänger der Gastgeber, die im Laufe des Spiels ordentlich Betrieb machten (und denen 400 bis 500 Gästefans nach bestem Wissen und Gewissen Paroli boten). Egal ob Fankurve, Haupttribüne oder Gegengerade. Gerade dass die Haupttribüne eigene Gesänge anstimmte, fiel positiv auf. Alexander Zorniger gefiel es auch und er lobte das Jenaer Publikum für die Unterstützung. Wobei seine Beobachtung, dass „die in erster Linie ihre Mannschaft“ gegolten habe, nur aufrechtzuerhalten ist, wenn man den einen oder anderen Gesang oder die eine oder andere Schimpfwortkanonade geflissentlich überhörte. Ein Besuch der Gegengerade beim nächsten Aufeinandertreffen sei da empfohlen. Nur nächstes Jahr muss dieses Aufeinandertreffen nicht sein..

Randbemerkung 2: Beim MDR werden die Längen der Spielberichte wahrscheinlich am Anfang der Woche ausgewürfelt. Fünf Minuten bekam das Spiel Jena gegen RB letztlich. Fünf Minuten, in denen man die neun Tore und noch ein, zwei Großchancen zeigte und für mehr nicht Zeit hatte. Noch nicht mal die gelb-rote Karte gegen Heidinger passte noch in den Bericht. Leider ging beim puren Abfilmen der Tore ein wenig die Logik des Spiels unter, denn es fielen doch einige der brenzligen Situationen, von denen Jena tendenziell mehr und klarere hatte, unter den Tisch. Und somit auch das permanente Auf- und Abwogen des Spiels. Schade, dieses Spitzenspiel hätte sicherlich ein paar kurzfristig organisierte Minuten mehr verdient gehabt.

Randbemerkung 3: Die Vertragsverlängerung von Petrik Sander in Jena hänge aktuell daran, so der MDR, dass die Zukunft von Co-Trainer Hoßmang unklar ist, sprich der Verein sich offenbar ziert, Hoßmang auch mit einem neuen Vertrag auszustatten. Was Sander nach dem 3:3 mit einer Geste gen Vereinsverantwortliche kommentierte, die in Aue (wo man kürzlich einen Trainer entließ, der in einer Pressekonferenz unangepasste Bemerkungen machte) vermutlich zur sofortigen Entlassung geführt hätte. Es ist schon verrückt, dass man in Jena tatsächlich seit der Winterpause an einer Vertragsverlängerung für Sander arbeitet und eine Woche vor dem Saisonende immer noch nicht zum Abschluss gekommen ist. Ich würde sagen, dass man sich mit diesem Rumgeeiere bereits die ersten Steine für die kommende Saison in den Weg legt. Jene Saison, die die Aufstiegssaison werden sollte. Nicht so richtig gute Voraussetzungen.

Randbemerkung 4: Selbst bei physischer Abwesenheit der Erfurter sind sie in Jena präsent. Was beim Spiel gegen RB Leipzig einerseits daran lag, dass das Landespokalfinale zwischen Schott Jena und „Ach lassen wir das“ (Stadionsprecher) demnächst in Jena stattfindet und beworben wurde. Und andererseits auch an der Anwesenheit von Kammlott und Rockenbach lag. Kammlott schoss vor fast vier Jahren seine ersten zwei Tore im Profibereich von Rot-Weiß Erfurt überhaupt in seinem ersten Spiel bei Carl Zeiss Jena. Fast schon zwangsläufig, dass er bei seiner Rückkehr an historische Stätte zum größten Erfurter Rivalen wieder zwei Tore erzielte. Und dazu noch den Elfer rausholte, den der andere Ex-Erfurter Rockenbach dann versenkte. Als Ex-Erfurter ist man in Jena offensichtlich in seinem ganz besonders motivierten Element..

Lichtblicke:

  • Carsten Kammlott: Der Stürmer, der bei RB Leipzig nicht nur glückliche Stunden erlebt hat, war schon gegen Chemnitz ganz wichtig, um nach der schwierigen Anfangsviertelstunde wieder ins Spiel zu kommen. Vor allem die in der Spitze gehaltenen Bälle und herausgeholte Standards waren unheimlich wichtig, um das Spiel vor das CFC-Tor zu verlagern. Nur vor dem Tor hatte er bei zwei, drei Chancen hatte er kein Glück und ein Tor wurde ihm wegen Abseits abgepfiffen. In Jena spielte Kammlott nicht nur stark, sondern war dazu auch noch vor dem Tor effizient. Zwei blitzsaubere Tore, dazu eine selbstbewusste Körpersprache, Ballsicherheit und ein Hineinschmeißen in das Spiel und die Zweikämpfe, dass es großen Spaß machte (und auch Stefan Kutschke ordentlich in den Schatten stellte). Fußball ist ein verrückter Sport. Da findet ein Spieler über fast drei Jahre nur selten seine Form und dann steht er zweimal in der Startformation und überzeugt zu 100% (das Zwickau-Spiel davor war noch eher mau). Wobei es auch nicht ganz überraschend kommt, denn wenn Kammlott in dieser Saison mal im Sturm spielen durfe, zeigte er auch öfters, dass er weiterhin ein Guter ist. In dieser Form wird Kammlott jedenfalls ein ganz wichtiger Relegationsfaktor.

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Tore: 1:0 Trytko (1.), 1:1 Kammlott (5.), 1:2 Schulz (25.), 1:3 Kammlott (34.), 2:3 Peßolat (41.), 3:3 Trytko (60.), 3:4 Rockenbach (74./FE), 3:5 Morys (81.), 4:5 Müller (85./ET)

Gelb-Rot: Heidinger (90./ wiederholtes Foulspiel)

Aufstellung: Coltorti – Müller, Hoheneder, Franke, Heidinger – Röttger (66. Fandrich), Schulz (82. Ernst), Kaiser, Rockenbach (75. Morys) – Kammlott, Kutschke

Zuschauer: 5.544 (davon 400-500 Leipziger)

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht, MDR-Bericht [broken Link], FCC-Bericht [broken Link]

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Bild: © GEPA pictures/ Sven Sonntag

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2 Gedanken zu „Regionalliga: FC Carl Zeiss Jena vs. RB Leipzig 4:5“

    1. Die Personen, die hinter dieser peinlichen Aktion stehen, sollten dem Verein mittlerweile bekannt sein.
      Ro No alias Ultra1984 aus Teuchern dürften demnächst Post bekommen!

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