Auf dem Weg ins Fußballglück?

Vor dem Torgelow-Spiel bestand Alexander Zorniger darauf, dass man in das Spiel mit dem vordergründigen Bewusstsein gehen wolle, dass es etwas zu gewinnen gäbe (nämlich drei Punkte) und nicht dass man etwas zu verlieren habe. Das war ein Stückweit Psychotrick vor einem Spiel der Kategorie Pflichtsieg, in dem es im Normalfall nicht so einfach ist, nicht mit dem motivationstechnisch lähmenden Favoritenrucksack auflaufen zu müssen.

Vor dem Spiel im Sachsenpokal-Halbfinale beim FC Oberlausitz Neugersdorf ist die Ausgangslage eigentlich ähnlich, denn in einem Spiel des überlegenen Regionalligaspitzenreiters bei einem Landesligisten (6.Liga) ist die Rollenverteilung klar und der Rucksack des Gewinnen-Müssens vergeben. Aber gerade bei diesem Spiel würden Zornigers Worte extrem passen, denn das Spiel in Neugersdorf ist für RB Leipzig eines, in dem es ein Spiel gegen den Chemnitzer FC (die durch einen Sieg in Zwickau bereits fürs Sachsenpokal-Finale qualifiziert sind) in einer zumindest zur Hälfte gefüllten, stimmungsvollen Red Bull Arena zu gewinnen gibt. Von der noch leicht abstrakten Möglichkeit, über den Gewinn des Sachsenpokals in den DFB-Pokal einziehen zu können, mal ganz abgesehen.

RB Leipzig gegen den Chemnitzer FC, das wäre die Wiederholung des Finales von vor zwei Jahren, als die RasenBallsportler den frischgebackenen Drittligaaufsteiger in einer umkämpften Partie mit 1:0 niederrangen. RB Leipzig gegen den Chemnitzer FC, das waren in der bisherigen Historie drei aufgeheizte Duelle auf Augenhöhe, die dem neutralen Beobachter sicherlich noch mehr Spaß machten als dem geneigten RB-Anhänger (der nur einmal befreit jubeln konnte). RB Leipzig gegen den Chemnitzer FC, das ist ein Duell, bei dem kribbelt es ganz automatisch (zumindest bei mir).

Sprich, auf dieses Endspiel und diesen großartigen Fußballabend sollte man hinfiebern und das Spiel in Neugersdorf ist das entscheidende Hindernis auf dem Weg dahin. Wer von den Spielern damit nichts anfangen kann, soll sich von Rockenbach, Frahn, Kutschke, Schinke oder auch Laas aus der U23 erzählen lassen, wie er damals war, der erste größere Moment in der Vereinsgeschichte. Und der erste größere Moment, in dem aus einem beschaulichen Publikum ein lautes wurde. Die Geburtsstunde des Publikums in seiner aktuellen Form sozusagen. Wenn ich mich recht erinnere auch der Tag, an dem erstmals der RBL-Wechselgesang – zumindest in wahrnehmbarem Ausmaß – intoniert wurde.

Das alles sollte man im Kopf haben, denn sich ein Fußballfest in heimischer Umgebung zu organisieren (das Finale gegen Chemnitz würde aufgrund der Unterklassigkeit von RB Leipzig ziemlich sicher in Leipzig statffinden), darum geht es beim Ausflug in den äußersten Südosten des Landes Sachsen. Und dieser Ausflug hat es durchaus in sich. Denn der FC Oberlausitz Neugersdorf hat sich einen erfahrenen und hochklassigen Kader zusammengestellt. Die Neugersdorfer nutzen ihre Nähe zu Tschechien und holen sich dort regelmäßig Verstärkungen, deren Preis-Leistungsverhältnis etwas besser sein dürfte, als das vergleichbarer, in Deutschland ausgebildeter Spieler.

Wenn man den kürzlich beim tschechischen Erstligisten FK Teplice veröffentlichten Zahlen glauben kann, dann verdienen die Spieler je nach Leistungsstärke zwischen 400 Euro und 3500 Euro brutto. Wenn man davon ausgeht, dass Spieler, die aus Tschechiens höheren Sphären nach Neugersdorf wechseln, in ihrer Heimat sicherlich nicht die absoluten Superstars waren und am Ende ihrer Karriere stehen, wird klar, dass die deutsche Landesliga schon finanziell ein interessantes Ziel sein kann.

In dieser Saison verpflichtete man in der Oberlausitz insgesamt sechs Spieler von jenseits der Landesgrenzen (vier im Sommer, zwei im Winter), die die letztjährige Nachbarland-Fraktion ersetzten. Im Gegensatz zum Vorjahr setzte man in diesem Jahr darauf, erfahrene, fertige Fußballer zu verpflichten. Fünf der sechs Neuzugänge aus Tschechien sind demnach auch jenseits der 30, teilweise deutlich. Und alle Spieler kommen aus der tschechischen Höherklassigkeit: Jiří Liška und Jan Nezmar kamen aus Liberec aus der ersten Liga (letzterer hat in dieser Saison sogar noch Champions-League-Quali und Europa League gespielt). Pavel Lukas, Jan Flachbarth, Jiri Sisler und Jaroslav Dittrich spielten zuletzt in der zweiten Liga.

29,7 Jahre betrug das Durchschnittsalter der Neugersdorfer im letzten Landesligaspiel in Görlitz dann auch konsequenterweise. Lediglich fünf Spieler waren jünger als 30 Jahre, nur zwei Spieler waren jünger als 25. Diesem Team kann man demzufolge einiges an Routine zuschreiben. Offensivem Tempofußball sollte sie dagegen eventuell nicht so richtig gewachsen sein.

Ergänzt wird der Kader von Oberlausitz Neugersdorf mit vor allem regionalen Akteuren. Spieler aus der eigenen Jugend genauso wie Spieler von den lokalen Konkurrenten Budissa Bautzen und Gelb-Weiß Görlitz. Ganz im Sinne des Präsidenten Ernst Lieb, seines Zeichens Geschäftsführer der MBN Maschinen-Baubetriebe und treibende Figur hinter dem Verein, der vor einigen Jahren einmal im von Bischofswerda, Bautzen, Görlitz, Zittau und Neugersdorf umfassten Gebiet von einem starken Oberlausitzer Verein träumte, der dann mit einem zentralen Stadion in der Mitte in Löbau auch die zweite Liga angreifen kann. Von dieser Vision hat er sich schon lange verabschiedet, der Bezug auf das Oberlausitzer Umfeld bleibt in Bezug auf die Kaderzusammenstellung (wenn man mal von der traditionellen tschechischen Fraktion absieht – andererseits gehört auch Liberec mit zur Region) bestehen.

Es ist nicht nur der Kader, der trotz seines beachtlichen Alters einen gewissen Eindruck schindet. Auch die Saisonergebnisse sind durchaus beeindruckend. Denn in der Landesliga ist man aktuell überlegener Tabellenführer. In 22 Spielen kassierte man bisher nur zwei Unentschieden und zwei Niederlagen. Von den acht Rückrundenpartien endete nur eins Unentschieden. Zuletzt schoss sich Neugersdorf mit einem 5:0 gegen die wenig konkurrenzfähige zweite Mannschaft von Budissa Bautzen II warm und – etwas beeindruckender – holte sich ein 1:0 im „Kreisderby“ beim Tabellenvierten und geographischen Nachbarn Gelb-Weiß Görlitz. Immerhin 600 Besuchern wollten diese Partie sehen. Zum Vergleich: Zu den Heimspielen von Oberlausitz Neugersdorf erscheinen im Schnitt zwischen 100 und 200 Besucher. Gegen RB Leipzig hofft man auf 1.200 bis 1.500 Besucher (ich würde schätzen, dass man die 1.000 knapp verpassen wird).

Das einzige Unentschieden der Rückrunde kassierte Neugersdorf ausgerechnet gegen die U23 von RB Leipzig (2:2). Allerdings muss man erwähnen, dass RB in diesem Spiel u.a. mit Ernst, Kocin, Heidinger, Schinke und Nattermann, also einem halben Profikader aufs Feld lief. Letztlich konnten die Oberlausitzer mit dieser Punkteteilung auch besser leben als die Gäste, da sie die Tabelle aktuell mit acht Punkten Vorsprung auf RB Leipzig II anführen. Nur ein Sieg von RB in Neugersdorf hätte wohl noch mal Spannung in den Kampf um die Meisterschaft und den einzigen sicheren Aufstiegsplatz gebracht.

Für den FC Oberlausitz Neugersdorf wird diese Saison also nach Lage der Dinge sowieso eine erfolgreiche werden. Der Sachsenpokal ist da quasi noch das Sahnehäubchen auf einer sowieso schon ganz schmackhaften Torte. Und als Außenseiter wird man sich in diesem Spiel pudelwohl fühlen. Schon im bisherigen Pokalverlauf konnte man mit dem VfB Auerbach (Regionalliga) im Achtelfinale und dem Heidenauer SV (Oberliga) in der zweiten Runde zwei höherklassige Gegner ausschalten. Vervollständigt wurde der Weg ins Halbfinale durch einen Sieg beim VfL Pirna-Copitz (Bezirksliga) und einen Erfolg gegen den Döbelner SC (Landesliga).

Auf der anderen Seite wartet mit RB Leipzig ein Team, das in bisher zwei Landespokal-Partien (als Regionalliga-Team stieg man erst im Achtelfinale in den Wettbewerb ein) noch keinen Gegentreffer kassierte und die beiden Landesliga-Vertreter, Einheit Kamenz und Bischofswerdaer FV mit einer Rotations-‚B‘-Elf mit 1:0 und 3:0 relativ locker aus dem Wettbewerb kickte. Dass die RasenBallsportler nun schon zum dritten Mal in dieser Landespokalsaison in den ganz tiefen Südosten noch hinter Dresden reisen dürfen, ist eine witzige Randnotiz. Nur ganz so locker dürfte dieses Halbfinale nicht herunterzureißen sein.

Interessanterweise erspielten sich die RasenBallsportler vor zwei Jahren über Auswärtsspiele bei Oberligisten (Bautzen, FC Sachsen, Auerbach) die Finalteilnahme und den Erfolg im Sachsenpokal. In diesem Jahr ist es dagegen offenbar die Tippeltappeltour durch den ostsächsischen Teil der Landesliga. Nimmt man diese Parallelität der Ereignisse, dann darf man guter Hoffnung sein, dass das Halbfinale ein Erfolg wird.

Für diesen Erfolg gegen kopfballstarke, aber auch spielerisch sehr gute Neugersdorfer wird wohl im Gegensatz zu den Vorrunden die Stammelf von RB Leipzig sorgen wollen. Wie BILD berichtet, soll im Tor Erik Domaschke den Stammkeeper Fabio Coltorti ersetzen. In der Innenverteidigung dürfte Fabian Franke nach abgelaufener Sperre wieder auflaufen. Da neben Tim Sebastian aber auch Niklas Hoheneder verletzungsbedingt ausfällt, wird Henrik Ernst wohl an der Seite von Franke im Team bleiben. Und im vorderen Spieldrittel könnte eventuell etwas mehr Geschwindigkeit nicht schaden. Weswegen die Einsatzchancen für Matthias Morys entweder links für Clemens Fandrich oder im Sturm für Stefan Kutschke gar nicht schlecht stehen dürften.

Mehr an Wechseln sollten allerdings nicht auf dem Plan stehen, wenn denn nicht noch die eine oder andere Verletzung auftritt. Was dann aufstellungstechnisch ungefähr so aussehen könnte: Domaschke – Müller, Ernst, Franke, Judt – Schulz, Kaiser, Fandrich/Morys – Kutschke/Morys, Frahn.

Fazit: Letztlich dürfte es egal sein, wer auf dem Platz steht. Wenn die Spieler auch von einem Fußballfest im Mai gegen den Chemnitzer FC träumen, dann sollte es mit einem Sieg in Neugersdorf klappen. Wenn man allerdings mit der Einstellung hinfährt, dass nur ein weiteres Spiel gegen einen unterklassigen Gegener ansteht, dann wird es eine ganz schwere Geschichte. Denn der FC Oberlausitz Neugersdorf verfügt über genug individuelle Klasse, um einer höherklassigen Mannschaft im Energiesparmodus ordentlich Probleme zu bereiten. Aus der Sicht des RB-Anhängers kann man allerdings beruhigt sein, denn die Lizenz zum Gewinnen hat im Sachsenpokal gegen RB Leipzig nur der FSV Zwickau. Gegen alle anderen Teams sind die RasenBallsportler noch unbesiegt. Da gilt es wohl die Statistik zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu machen..

(Wer das Spiel von RB Leipzig im Sachsenpokal-Halbfinale beim FC Oberlausitz Neugersdorf nicht vor Ort verfolgen kann und trotzdem dabei sein will, nutze am 24.04.2013, ab 17.30 Uhr die üblichen Kanäle, also Liveticker [broken Link] und Fanradio. Zusätzlich wird 8sport die Partie live übertragen (allerdings ist der Sender nur empfangbar, wenn man Primacom-Kunde ist) und Leipzig Fernsehen wird ab 22 Uhr eine Wiederholung der Partie über den Sender schicken.)

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Bisherige Spiele von RB Leipzig im Sachsenpokal 2012/2013

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