Regionalliga: RB Leipzig vs. Torgelower SV Greif 5:0

Man konnte eigentlich schon vor dem Spiel ahnen, dass die Aufgabe, die mit dem Togelower SV Greif auf RB Leipzig wartete, keine größere Hürde darstellen würde. Zu schlecht bzw. schlicht nicht regionalligatauglich präsentierte sich die Mannschaft in der bisherigen Saison. Was sich in den letzten Wochen nach einem Kaderaderlass in der Winterpause eher noch verstärkt als abgeschwächt hatte. Sodass man mit großem Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz praktisch der erste feststehende Absteiger der Saison ist.

Und ziemlich exakt in diesem Beschreibungsrahmen präsentierte sich der Torgelower SV Greif. Nämlich als eine Mannschaft, der in letzter Konsequenz die Klasse fehlt, um in einer Liga wie der Regionalliga bestehen zu können. Diese Tatsache war in der ersten Halbzeit noch nicht ganz so extrem zu sehen, wenn man zumindest die Anzeigetafel bis zur 40. Minute Indiz nimmt (als es noch 0:0 stand). Aber was man in der zweiten Halbzeit im individuellen Abwehrverhalten der Gäste sah, erinnerte fatal an das Bezirksliganiveau, wie es zuletzt der SV Wilhelmshaven Anfang 2012 in Leipzig vorführte.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit konnten die RasenBallsportler sich am und im gegnerischen Strafraum den Ball teilweise völlig unbedrängt zupassen. Bis zum 5:0 in der 70. Minute rollte ein Angriff nach dem anderen auf den gegnerischen Kasten. Und einige davon endeten mit hervorragenden Torchancen. Dabei war nicht nur die Unwilligkeit der Gäste zum energischen Eingreifen im Strafraum auffällig, sondern insbesondere auch die Tatsache, dass sich konsequent dem Stören der gegnerischen Ballannahme verweigert wurde, war sogar deutlich jenseits von erstaunlich. Fast jede Ballannahme der RasenBallsportler war mit der Möglichkeit verbunden, sich erst einmal zu ordnen und mit dem Ball zu drehen, bevor man ihn weiterspielte.

Wenn jemand so lieb zum Spielen einlädt, dann kann man kaum nein sagen, dachten sich da die Gastgeber und nutzten die Freiheiten mit Tempo und Kombinationsfußball nicht vom allerfeinsten, aber schon vom guten bis sehr guten. Teilweise stürmte man mit acht, neun Mann Richtung Torgelower Strafraum, weil das alles so viel Spaß machte.

Einprägsam das Bild, als Henrik Ernst einsam an der Mittellinie ausharrt (und rechts ein Stück in des Gegners Hälfte – ich glaube – Christian Müller noch vergleichsweise defensiv steht) und der Rest des Teams tief in des Gegners Hälfte ausknobelt, wer den Torschuss kriegt. Es war dies die Phase des Spiels, als sich Niklas Hoheneder dachte, es sei eine prima Idee, den Trainer von seinen Qualitäten als Rechtsaußen zu überzeugen. Dass ihm in dieser Rolle ein (aus meiner Sicht regulärer) Treffer wegen Abseits nicht gegeben wurde, war fast schon ein wenig tragisch.

Wie untypisch das gestrige Spiel in der zweiten Hälfte lief, zeigt sich wohl am besten darin, dass Frahn und Kaiser schon ein ganzes Stück vor Spielende den Platz verließen und vor allem darin, dass Thiago Rockenbach ab der 77. Minute für Kaiser die zentrale Sechserposition besetzte. Was durchaus sinnig war, denn dadurch, dass Torgelow die ersten 20 Meter hinter der Mittellinie eh nicht mehr verteidigte in Hälfte 2 konnte man da auch gut und gern einen klassischen Spielgestalter hinstellen.

Das führte mit zunehmender Spielzeit und zunehmendem Spielstand zwar auch zu einigen defensiven Löchern bei RB Leipzig, die aber letztlich einem nicht mehr typischen Spielsystem und nachlassender Aufmerksamkeit zuzuschreiben waren. Letztlich wirkte die Partie in der zweiten Hälfte wie ein munteres Scheibenschießen und wenn beide im Verwerten ihrer Chancen etwas konsequenter sind und RB nicht nach 70 Minuten ein wenig den Fuß vom Gas nimmt, dann geht das Spiel auch 9:3 aus und dann hätte sich das teilweise leicht groteskte Geschehen gut im Ergebnis abgebildet. Aber auch so war es eine denkwürdige zweite Halbzeit, die an manchen Stellen wie ein Trainingsspiel gegen Pappfiguren wirkte. Was einerseits an spielfreudigen RasenBallsportlern, andererseits aber auch an mental (zumindest defensiv, offensiv sah es stellenweise ok aus) nicht mehr vorhandenen Gästen lag.

Wie so oft viel zu schnell für Torgelow - Tor 4 von 5 durch Carsten Kammlott | GEPA Pictures - Sven Sonntag

Das war in der ersten Halbzeit noch ganz anders. Ich würde nicht so weit gehen, wie es Gästecoach Franz-Aaron Ulrich nach dem Spiel formulierte, dass es der Torgelower SV Greif „bis zur 40. Minute gut gemacht“ und man eigentlich keinen Unterschied gesehen habe, aber zumindest hat man in der ersten Halbzeit noch ein Fußballspiel gesehen, bei dem auch beide Mannschaften mitgemacht haben. Und bei dem die Gäste defensiv zumindest versuchten, den Gegner zu stören.

Dass sie in dieser Phase mit ihren Stürmern wesentlich höher angriffen und so den Innenverteidigern Hoheneder und Ernst den Spielaufbau erschwerten, sodass Dominik Kaiser immer wieder in die Position zwischen sie abklappte, um sich als Anspielstation zur Verfügung zu stellen, kann man da als Indiz sehen. Andererseits bot das 4-4-2, gegen das sich meiner Meinung nach RB im Saisonverlauf immer etwas leichter tat als gegen Systeme mit drei zentralen Mittelfeldspielern, auch in der ersten Halbzeit schon einiges an Räumen zum Spielen. Und zwar sowohl durch die Mitte als auch über die Außen. Woraus auch zwei, drei Hockaräter und einige kleinere Gelegenheiten resultierten.

Insbesondere über links kamen viele Bälle Richtung Strafraum und wenn Juri Judt noch einen starke linken Fuß hätte, wären dem Torgelower SV Greif noch einige Flanken mehr um die Ohren geflogen. Nicht zufällig aber, dass das 1:0 nach einer Hereingabe von Judt von links fiel als er für Daniel Frahn auflegte, dessen abgeblockten Schuss dann Dominik Kaiser versenkte. Mit Daniel Frahns 2:0 kurze Zeit später und direkt vor dem Halbzeitpfiff nach einem Einwurf und Strafraumdurcheinander war das Spiel dann bereits gegessen.

Und der Spielstand von 2:0 zur Pause drückte die Verhältnisse in den ersten 45 Minuten insgesamt sehr gut aus. Denn ohne den ganz großen Glanz zu verbreiten und auch wenn viele Spielzüge noch zu ungenau waren, spielte sich das Geschehen durchgängig vor dem Tor der Gäste ab und sprangen dabei auch immer kleinere und größere Chancen heraus. Sodass es letztlich nur eine Frage der Zeit war, bis der Torbann gebrochen sein würde. Dass es kurz vor der Pause und dann direkt nach der Pause klappte, machte es insgesamt etwas einfacher. Wenn man mit einem 0:0 in die Pause geht, wird es eventuell schwerer. Aber selbst dann und trotz zweier guter Chancen, die Torgelow in Halbzeit 1 mitnimmt, bestand am Spielausgang angesichts des Geschehens auf dem Platz eigentlich nie ein Zweifel.

Man kann das natürlich damit abtun, dass man als RB Leipzig gegen Torgelow eben hoch gewinnen muss. Und angesichts des Abwehrdesasters, das der Tabellenletzte nach der Pause vorführte, mag das auch stimmen. Trotzdem, allein die Tatsache, dass dies der erste Sieg der Rückrunde mit mehr als einem Tor Vorsprung war, der höchste der Saison und der höchste seit dem bereits angesprochenen 8:2 gegen Wilhelmshaven zeigt auch ein ganzes Stück, das ein solches Resultat gegen keinen Gegner der Welt eine Selbstverständlichkeit ist. Weswegen die Mischung aus Geduld, Konzentration und Bock auf Fußball, die die RasenBallsportler gegen Torgelow zeigten, durchaus beeindrucken konnte.

Fazit: Um ein glanzvolles Spiel werden zu können, fehlte der Partie über die gesamten 90 Minuten wie bereits in der zweiten Halbzeit des Hinspiels ein adäquater Gegner. Zieht man das in Betracht, dann hat RB Leipzig aus diesem Zwischenspiel vor dem Start in die Wochen der Wahrheit mit dem Spiel am Mittwoch in Neugersdorf das allerbeste gemacht. Sachlichen und doch auch inspirierten Fußball, der den Gegner nach und nach zermürbte. Ein insgesamt angenehmer und ab der 47. Minute tiefenentspannter Fußballnachmittag und eine gute Aufwärmübung für die wartenden ernsten Aufgaben. Eine Aufwärmübung allerdings, deren Erkenntnisgewinn in Bezug auf die eigene Leistungsfähigkeit eher gering und dessen Ergebnis wenig aussagekräftig ist.

Randbemerkung 1: Durch den Sieg Jenas gegen Meuselwitz verbleibt der Vorsprung von RB auf den einzigen Konkurrenten im Kampf um den Relegationsplatz bei 18 Punkten. Gewinnt Jena die drei Spiele, die sie Rückstand auf RB haben, bleiben noch neun übrig. Bei dann nur noch sechs übrigen Spielen ein ordentlich hübscher Vorsprung. Parallel zum Spiel von RB in Neugersdorf am Mittwoch im Sachsenpokal-Halbfinale muss Jena jedenfalls erst mal in Magdeburg bestehen. Auch nicht gerade einfach. Insgesamt glaube ich nicht mehr daran, dass Jena noch mal eine ernsthafte Chance hat, an den Relegationsplatz heran zu schnuppern.

Randbemerkung 2: In seiner beschaulichen Art praktisch ohne Gästefans war das Spiel gegen Torgelow im übrigen das letzte Heimspiel seiner Art, denn mit Magdeburg, Lok, Zwickau, eventuell Chemnitz und der Relegation warten Spiele, in denen auf Gästeseite Sangeslust zu erwarten ist (wenn das Relegationslos nicht gerade ein U23-Team ausspuckt.). In der bisherigen Vereinsgeschichte waren Spiele gegen lautstarken Gastanhang immer eher schwierige Spiele für RB (abgesehen von Stadtduellen). Von daher wird es auch dahingehend spannend, ob sich die RasenBallsportler und ihr Anhang auch bei Gegenwind in heimischer Umgebung wehren können.

Randbemerkung 3: Groß fand ich ja, wie Carsten Kammlott und Timo Röttger nach ihrer Einwechslung noch einmal mit voller Energie die lichten Reihen der Gäste sprengten. Keine Ahnung wie viele Sekunden es dauerte, bis Kammlott die erste von Röttger aufgelegte Großchance auf dem Fuß hatte und am Kasten vorbei legte. Es dürften deutlich unter 30 gewesen sein. Dass beide direkt am nächsten, also am vierten Tor beteiligt waren, überraschte da nicht mehr. Später wurde ihr Spiel wie das der restlichen Mannschaft ruhiger.

Randbemerkung 4: Auch groß war Fabio Coltorti, der in seiner typisch coolen Art einige Eins-gegen-Eins-Situationen löste. In der ersten Hälfte eine, die zu diesem Zeitpunkt noch sehr wichtig war und in der zweiten Halbzeit einige, die dann nicht mehr ganz so wichtig waren. Das vermutlich einprägsamste Bild war ein Einwurf(!), den Coltorti in der ersten Halbzeit auf Höhe der Strafraumkante ausführte, nachdem die Gäste einen Schiedsrichterball weit aus der eigenen Hälfte dorthin gespielt hatten und noch nicht aufgerückt waren. Aber man muss wohl schon Coltortis Ruhe haben, um an dieser Stelle als Torwart einen Einwurf auszuführen. Gab auf jeden Fall tosenden Szenenapplaus..

Lichtblicke: Nicht wirklich ein Spiel, um irgendjemanden herauszuheben. Niklas Hoheneder hatte gerade im Spielaufbau einige gute Szenen. Fabio Coltorti war wie beschrieben typisch cool. Stefan Kutschke machte mindestens 45 Minuten lang viel Betrieb und war an den meisten gefährlichen Situationen beteiligt. Christian Müller mit viel Dynamik. Juri Judt auch sehr auffällig und stark eingebunden. Bastian Schulz gefiel mir in Sachen Balleroberung sehr gut. Es war eine insgesamt sehr runde Leistung in einem Spiel ohne größere Gegenwehr, ohne dass ein paar Spieler sich komplett vom Rest abgehoben hätten.

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Tore: 1:0 Kaiser (42.), 2:0 Frahn (45.), 3:0 Schulz (47.), 4:0 Kammlott (66.), 5:0 Fandrich (71.)

Aufstellung: Coltorti – Müller, Hoheneder, Ernst, Judt – Fandrich, Kaiser (77. Heidinger), Schulz (64. Röttger) – Rockenbach – Kutschke, Frahn (64. Kammlott)

Zuschauer: 4698 (davon 10 Gästefans)

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht, MDR-Bericht [broken Link], TSV-Bericht [broken Link]

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Bild: © GEPA pictures/ Sven Sonntag

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