Regionalliga: Hertha BSC II vs. RB Leipzig 1:2

Ich hatte es hier im Blog schon gelegentlich als Thema, dass es im Verlauf einer Saison Spiele gibt, die im besonderen Maße die Weichen stellen können für die nächsten Spiele. Die Partie von RB Leipzig bei der U23 von Hertha BSC war ein solches Spiel. Denn nach den letzten drei eher durchwachsenen Auftritten stand die Drohung im Raum, sich ein wenig in einer gefühlten Abwärtsspirale und allgemein negativen Grundstimmung einzurichten.

Was bei vor dem Spiel 19 Punkten Vorsprung von RB Leipzig auf ‚Verfolger‘ Carl Zeiss Jena ziemlich irrsinnig erschien. Andererseits bestand die Möglichkeit bei einer Niederlage in Berlin und einem gleichzeitigen Sieg Jenas in Auerbach den nachholspielbereinigten Vorsprung auf Jena im schlimmsten Fall auf vier Punkte zu reduzieren. Was angesichts des anspruchsvollen Restprogramms von RB Leipzig, inklusive der Fahrt nach Jena, nicht mehr ganz so luxuriös gewesen wäre. Und den psychologischen Vorteil des Aufwinds unnötigerweise nach Jena gereicht hätte. Und dass sich Konkurrenten in psychologisch günstigen Konstellationen zu Höchstleistungen aufschwingen können, davon kann RB inzwischen ein ziemlich hässliches Lied singen, wenn man an Chemnitz und Halle denkt.

Dass RB Leipzig nach den Problemen der letzten zwei Wochen und der Unruhe im Umfeld das weichenstellende Spiel ausgerechnet beim nach der Winterpause erstarkten Hertha-Nachwuchs mit seinen vielen hochklassigen Nachwuchsspielern wie zum Beispiel dem Riesentalent Hany Mukhtar, ergänzt durch die drei Spieler aus dem Profikader Marvin Knoll, den israelischen Nationalspieler Ben Sahar und Shervin Radjabali-Fardi (alle drei sind in der zweiten Liga aber keine Stammspieler und letzterer beginnt nach langer Verletzung überhaupt erst wieder mit dem Fußballspielen), antreten musste, ließ den Puls noch mal deutlich steigen.

Dass RB Leipzig gegen einen starken Gegner die Weichen in die richtige Richtung stellte, nötigt erst eimal Respekt ab. Zumal man sich diesen Sieg mit vollem Einsatz und Herzen erkämpft und erspielt und nicht wie beispielsweise bei der U23 von Union einfach nur mit Glück mitgenommen hat. In diesem Sinne war das Spiel bei der Hertha aus RB-Sicht vielleicht auch so etwas wie der emotionale und faktische Wendepunkt dieser Rückrunde, denn in einem wichtigen Moment war man bei allen vorhandenen Problemen in vielerlei Hinsicht voll da und zeigte, in welche Richtung man die Saison aktiv beeinflussen und gestalten will.

Eine nicht unwesentliche Rolle übernimmt bei diesem gefühlten Wendepunkt auch die Rückkehr zu so etwas wie einer Stammelf, wie man sie im Groben auch schon aus der Hinserie kannte. Eine Wende, die Zorniger ja vor dem Spiel mit der Aussage, dass seine Elf auf ungefähr acht Positionen auf Dauer feststehe, angekündigt hatte. Zentral dabei auch der erwartete und hier im Blog bereits prognostizierte Wechsel auf der Position der zentralen Sechs, wo Dominik Kaiser wieder die Rolle des Denkers und Lenkers von Jeremy Karikari übernahm.

Man darf das gerne als wichtigstes Kadersignal des Spiels von RB Leipzig bei Hertha BSC II mitnehmen, denn mit dieser Entscheidung wird auch wieder der Weg frei für Bastian Schulz, der schon in der Hinrunde neben Kaiser eine extrem stabilisierende und auch torgefährliche Wirkung hatte. Eine Wirkung, die er durch das leichte Hin und Her und Rein und Raus nach der Winterpause, verlor. War Dominik Kaiser verletzt, durfte er ran. War Kaiser nicht verletzt, durfte er nicht mitspielen, weil Kaiser dann seine Position und nicht die angestammte von Karikari übernahm.

Nur einmal liefen Kaiser, Karikari und Schulz zusammen auf. Gegen Auerbach. Und dort spielte Schulz im linken Mittelfeld, wo er (recht erinnert) im Saisonverlauf auch nicht unbedingt permanent spielte. Sieben von insgesamt acht Torbeteiligungen hatte Schulz in der Hinrunde, die achte war eine Torvorlage im Spiel gegen Rathenow (Lattenkopfball). Torbeteiligung Nummer neun folgte nun – vielleicht sogar logischerweise angesichts zurückgewonnener Position neben Kaiser – bei Hertha II als er mit einem typischen Vorstoß einen grandiosen Grundlinienrückpass von Matthias Morys nur noch über die Linie zu drücken brauchte. Dieses 2:1 war ein ganz wichtiges Tor eines Bastian Schulz, der nun hoffentlich wieder der Hinrunden-Schulz ist.

Im Gegensatz zu dieser Grundsatzentscheidung im Mittelfeld ergab sich die Rückkehr zur alten Abwehrkette fast von selbst, denn durch die Rückkehr von Christian Müller war der Weg frei, Juri Judt wieder zurück nach links zu schieben und in der Innenverteidigung das Hinrundenpärchen Franke und Hoheneder aufzustellen. Coltorti, Rockenbach und Frahn dazu gesetzt und das sehr breite Gerüst steht.

Letztlich dürfte eine offene und vielleicht von Spiel zu Spiel zu entscheidende Frage die sein, ob der aktuell verletzte Tim Sebastian Fabian Franke aus dem Team oder auf den Linksverteidigerposten verdrängen kann, wer die dritte Position im Mittelfeld einnimmt (alternativ zu Clemens Fandrich bieten sich da mit Morys, Heidinger und auch Röttger noch einige andere Kandidaten an) und wer die zweite Sturmposition besetzt. Hier könnte es je nach Erfordernis der zuletzt sehr präsente und einsatzstarke Stefan Kutschke, der dribbelstarke Carsten Kammlott oder der schnelle Matthias Morys sein.

Heißt alles in allem nur, dass das Spiel bei Hertha BSC II ein wenig einen Fingerzeig gegeben hat, in welche Richtung es personell in der Restrunde (Verletzungsfreiheit vorausgesetzt) gehen soll. Denn es zeichnet sich wieder ein Kern von vielleicht 15, 16 Spielern ab, die man je nach Erfordernis in der Startelf erwarten kann. Und dazu noch zwei, drei Spieler, die auch jederzeit als Einwechsler je nach Spielstand für Impulse sorgen können.

Dass Carl Zeiss Jena das gute Ergebnis von Berlin durch das eigene Unentschieden noch veredelte und der Vorsprung von RB Leipzig auf den einzigen Relegationskonkurrenten nun selbst im ungünstigsten Nachholespielfall bei sieben ausstehenden Spielen neun Punkte beträgt, konnte man vor dem Spieltag nur träumen. Löst RB Leipzig die Pflichtaufgabe gegen Torgelow am kommenden Samstag in der Red Bull Arena, dann kann man den ungleichen Kampf um den Relegationsplatz wohl endgültig als entschieden abhaken. Ganz egal, wie Jena am Dienstag gegen Lok und am Samstag gegen Meuselwitz in zwei nicht uninteressanten Duellen abschneidet.

Ich hatte aus familiären Gründen leider nicht die Möglichkeit, mir das Auftreten von RB Leipzig in Berlin anzuschauen, aber man bekommt ja auch aus der Ferne meist zwischen den Zeilen der Verantwortlichen und Nichtverantwortlichen einen ganz guten Eindruck von den gezeigten Leistungen und nach dem 2:1 beim Hertha-Nachwuchs klingt aus allen Spieleinschätzungen ein positives Urteil durch. Nicht, weil man den Gegner an die Wand gespielt und völlig ungefährdet gewonnen hätte, sondern weil man sich in dieses schwere Spiel gegen einen individuell hochklassigen Gegner hineingekämpft und es auf diese Art und Weise in die eigene, also die richtige Richtung gekippt hat.

Stefan Kutschke meinte nach dem Spiel, dass man gemerkt habe, dass die Mannschaft wieder richtig „Bock auf Fußball“ hatte. Eigentlich erstaunlich, denn eigentlich müsste man jede Woche Bock auf Fußball haben. Andererseits war die Rückrunde bisher auch ein Schaulaufen, weil man fast immer spielen konnte, während Jena witterungsbedingt aussetzte und so auch das Gefühl einer Konkurrenz im Sinne eines Wettbewerbs verloren ging. Vielleicht hat es der eine oder andere in den letzten Wochen auch an sich selbst bemerkt, dass man manchmal so ein eigenartiges Freunschaftsspielgefühl hatte. Der Mannschaft wird das in diesen einsamen Winterwochen nicht anders gegangen sein.

Trotzdem war es natürlich gut, diese Spiele gehabt zu haben, denn einen gedrängten Spielplan wie Carl Zeiss Jena, die nun bis zum Saisonende in sechs Wochen englisch durchspielen dürften, braucht eigentlich kein Mensch. Und doch ist es zur Abwechslung ganz angenehm, wenn man Meisterschaftsspiele bestreiten kann, bei denen man die Konkurrenz als Bezugsobjekt im Hinterkopf haben kann, weil sie auch mitspielt. Denn in einem qualitativen Stadium wie die großen der Fußballwelt, die auch mit B-Team und ohne größere Ziele ihre Gegner beherrschen, ist man nicht und kann man auch an diesem Punkt der Entwicklung nicht sein.

Fazit: Der Sieg von RB Leipzig bei der U23 von Hertha BSC war ein ganz wichtiger Sieg für Tabelle und Ego und kam genau zur richtigen und nicht unbedingt erwartbaren Zeit. Man muss es als Qualität ansehen, dass die RasenBallsportler in dieser Saison bisher alle Weichen, wenn es denn drauf ankam (das Spiel in Neustrelitz war beispielsweise so ein Spiel), in ihrem Sinne gestellt haben. Und man muss großen Respekt haben, dass ihnen dies auch in diesem schweren Spiel bei der U23 von Hertha gelungen ist. Ganz gegen den Trend. Man kann nicht davon ausgehen, dass dadurch alle spielerischen Probleme über Nacht gelöst sind, aber man kann hoffen, dass (auch dank einiger interner Aussprachen) nun die Richtung wieder klar ist und die Sinne für die Restsaison geschärft sind, man mithin nun die nötigen Schritte nach vorn, hin zur Relegation macht.

Randbemerkung: Alexander Zorniger schimpfte nach dem 2:1 und nach Spiel ziemlich lautstark über seiner Meinung nach unpassende Kommentare einzelner RB-Fans. Salopp gesagt würde ich seine Unzfriedenheit darauf zurückführen, dass seine Trainerbank in Pflichtspielen wohl im Normalfall nicht direkt bei den eigenen Fans steht und ihm deswegen die Details der verbalen Bemühungen sonst entgehen. Und vermutlich muss man sich bei der einen oder anderen Geschichte auch ein dickes Fell zuziehen. Andererseits ist es positiv und bemerkenswert, dass Alexander Zorniger tatsächlich die Gelegenheiten ergreift, Dinge zu kritisieren, die ihn stören. Und wenn aus der eigenen Anhängerschaft (vereinzelt) das Niveau unter eine halbwegs akzeptable Schwelle fällt, darf man dies auch gern äußern (gerade in einem solchen Spiel, in dem es beim Stand von 1:1 um viel geht und einem dämliche Sprüche von den Tribünen vermutlich richtig auf den Nerv gehen). Zumal sich ja auch das Umfeld bei RB Leipzig aufgrund der relativen Jugend des Vereins noch permanent entwickelt. Und es da auch immer Sinn macht, den Blick zu schärfen und Entwicklungen frühzeitig durch Eingreifen eine andere Richtung zu geben. Aber letztlich ist das natürlich etwas, was die Fanszene selber lösen muss (und vermutlich auch löst, wenn sich das zu einem größeren Problem auswächst).

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Tore: 0:1 Frahn (29.), 1:1 Sahar (47.), 1:2 Schulz (77.)

Aufstellung: Coltorti – Müller, Hoheneder, Franke, Judt – Schulz (86. Schulz), Kaiser, Fandrich (67. Morys) – Rockenbach (75. Karikari) – Kutschke, Frahn

Zuschauer: 948 (davon 300 Leipziger)

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht, MDR-Bericht [broken Link], Hertha-Bericht

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