Attraktive Argumente

In einem aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen zur Verweildauer von Filmbeiträgen in öffentlich-rechtlichen Internetarchiven nicht mehr online verfügbaren MDR-SpiO-Filmbeitrag hatte Ralf Rangnick kürzlich auf der Basis der Zuschauerstatistiken nach der Hinrunde sinngemäß davon gesprochen, dass bei RB Leipzig gegenüber der Vorsaison, auch aufgrund der attraktiveren Spielweise, ein Zuschaueranstieg von reichlich 7.000 auf fasst 8.000 zu verzeichnen sei. Kurz darauf, sprich am letzten Wochenende verzeichnete RB Leipzig den niedrigsten Besuch bei einem Heimspiel in dieser Saison. 4.561 Zuschauer wollten sich bei vergleichsweise angenehmen Temperaturen das zweite Rückrundenspiel des Tabellenführers angucken.

Vergleicht man dies mit der vergangenen Saison, stellt man fest, dass damals immerhin vier Spiele schlechter besucht waren. Drei davon lagen in der Hinrunde 2011/2012. Als das die Spiele gegen Havelse, Halberstadt und Meppen waren. Das könnte man zumindest als Beleg der These Rangnicks nehmen, dass die Zuschauerzahlen steigen würden.

Nimmt man allerdings nur die beiden Rückrundenheimspiele und vergleicht sie mit den beiden letztjährigen Rückrundeneröffnungen, dann fällt aber auf, dass in diesem Jahr weniger Zuschauer die Drehkreuze passierten. 9.910 waren es gegen Neustrelitz und Rathenow. Letztes Jahr waren es gegen den Tabellenletzten Wilhelmshaven und gegen den 14. VfB Lübeck insgesamt 10.648. Zu einem vergleichbaren Zeitpunkt kamen gegen vergleichbare Gegner insgesamt ein paar Zuschauer mehr. Was wiederum gegen Rangnick sprechen würde.

Vergleicht man mal nur Heimspiele aus den beiden Jahren miteinander, die auch gegen die gleichen Gegner gespielt wurden, dann spricht die Statistik wiederum für Rangnick. Allerdings muss man hier hinzufügen, dass die Vergleichsbasis aufgrund der vielen Aufsteiger in diesem Jahr gering ist und man nur die Spiele gegen Halberstadt, Meuselwitz, Hertha II und Cottbus II miteinander vergleichen kann. Kamen im letzten Jahr zu diesen vier Heimpartien insgesamt 23.147 Zuschauer, waren es in diesem Jahr immerhin 28.211. Wobei man einschränken muss, dass sich die Differenz auch zu guten Teilen dadurch erklärt, dass Hertha II in diesem Jahr ein ordentlich freikartenbestücktes Spiel war und RB gegen Halberstadt vor Jahresfrist bei kalten Außentemperaturen nur reichlich 4.000 Besucher begrüßte, während in diesem Jahr zum selben Spiel bei bestem Fußballwetter fast 7.000 Zuschauer in die Red Bull Arena strömten. Nimmt man diese qualitativen Fakten hinzu, ist die Differenz zwischen den Jahren gar nicht mehr so groß.

Bliebe noch ein weiterer unfairer Vergleich, der wiederum gegen Rangnick spräche. Hierzu seien nur alle Hinrundenheimspiele plus die zwei Rückrundenheimspiele miteinander verglichen. Vor Jahresfrist hatte man zu diesem Zeitpunkt bereits 12 Heimspiele absolviert, in diesem Jahr steht der Counter erst bei 8. In den 12 Heimspielen bis Anfang März 2012 unter Pacult verzeichnete RB Leipzig im Schnitt 8024,2 Zuschauer. In den acht Partien bisher unter  Zorniger in der Red Bull Arena waren es dagegen lediglich. 7177,4.

Unfair wird dieser Vergleich dadurch, dass in der Hinrunde 2011/2012 mit den Partien gegen Halle und Kiel zwei absolute Spitzenspiele stattfanden, wie es sie in diesem Jahr aufgrund der deutlichen Tabellensituation noch nicht gab. In diesen beiden Spielen kamen alleine schon fast 35.000 Zuschauer. Nimmt man noch das durch Freikarten extrem gepimpte Spiel gegen Hannover II dazu, zu dem auch über 14.000 Zuschauer kamen, verbuchte man für diese drei Spiele bereits fast 50.000 Zuschauer und somit so viele, wie in dieser Saison bisher fast insgesamt kamen (57.419). Rechnet man diese drei außergewöhnlichen Spiele heraus, bleiben für die vergangene Saison bis kurz nach der Winterpause nur noch 5.235 Besucher im Schnitt. Rechnet man für die aktuelle Spielzeit fairerweise noch das Spitzenspiel gegen Jena heraus, dann käme man hingegen immer noch auf durschnittlich 6461 Besucher.

Man kann die Zahlen sicherlich noch ewig hin und her rechnen und so je nach Bedarf Argumente pro oder contra Rangnick finden. Fakt scheint zu sein, dass die Topzuschauerzahlen aus der vergangenen Spielzeit in diesem Jahr (noch) nicht erreichbar sind (auch, weil man das Heimrecht gegen Lok tauschte), während man in Bezug auf die am schwächsten besuchten Spiele noch deutlich über den Werten der Vorsaison liegt. Allerdings zeigt der Eingangsvergleich der beiden Rückrundenpartien mit dem Vorjahr, dass der Trend auch aufgrund der klaren Tabellensituation, in die sich aktuell schwerlich Spannung hineininterpretieren ließe, derzeit ein negativer ist. Nichtsdestotrotz hat Ralf Rangnick wohl in der Tendenz recht, dass die Zuschauerbasis noch einmal größer geworden ist, was sich darin zeigt, dass über die ganze Saison gesehen, die ganz normalen Spiele besser besucht sind, als im Vorjahr.

Auf der anderen Seite tue ich mir ein bisschen schwer damit, dies auf den attraktiveren Fußball, den man spiele, zurückzuführen. Der größte Schub im Zuschauerinteresse wurde im letzten Jahr von Pacult und natürlich auch dem DFB-Pokal ausgelöst. Während in der Oberliga-Saison und RB-Premierensaison 2009/2010 im Schnitt reichlich 2.000 Besucher kamen, waren es unter Oral schon mehr als 4.000, während dann unter Pacult über das gesamte Jahr hinweg mehr als 7.000 Leute zu jedem Spiel dabei waren. Und bei dieser Zahl liegt man in diesem Jahr wieder (auch wenn die Zahl in diesem Jahr aufgrund der geringeren Spannung höher zu bewerten ist). Der große Sprung in den Zuschauerzahlen basierte also nicht auf der neuen Philosophie Zornigers, sondern auf halbwegs erfolgreichem Fußball (erfolgreich in dem Sinne, dass immer direkter Kontakt zur Tabellenspitze bestand) unter Pacult. Oder anders gesagt: Die Konsolidierung auf hohem Niveau in den Zuschauerzahlen fand bei RB Leipzig in der Regionalliga überwiegend vor Rangnick und Zorniger statt.

Insgesamt würde ich das Attraktivitätsargument auch für überbewertet halten. Mag sein, dass Fußball mit vielen Toren und Spektakel noch mal ein paar zusätzliche Zuschauer zieht, aber letztlich resultieren Zuschauerzahlen viel stärker aus puren Erfolgsaussichten, aus der Möglichkeit der Identifikation mit einem Verein und vor allem deren Protagonisten (Storys und Personality) und aus der Konstitution der Fanszene als identitätsstiftende soziale Gruppe selbst. Ob dabei das hohe Angreifen und Pressen der attraktivere Fußball ist, ist immer noch eine höchst subjektive Frage, die den meisten Zuschauern egal sein dürfte, solange das Runde ins Eckige geht.

Wie nämlich auch unter der Prämisse des Gegenpressings und des Zugs zum Tor unattraktive Spiele entstehen können, haben kürzlich erst Freiburg und Frankfurt in einer fußballtaktisch hochinteressanten Partie vorgemacht, als sie sich mit hohem Pressing fast durchgänigig neutralisierten. Denn in diesem Spiel sah man insbesondere bei den Frankfurtern, dass sie mit dem Ball eigentlich gar nichts mehr anfangen können und dass sie ihn deswegen in der Angriffseröffnung Hauptsache irgendwo ins vordere Spielfelddrittel spielen, um dort dann dem Gegner und dem Ball hinterherjagen und auf Ballgewinne und den schnellen Weg zum Tor hoffen zu können. Das haben sie in Freiburg mindestens 45 Minuten lang auch ziemlich prima gemacht, war aber nun trotzdem nicht das, was man spontan aus Zuschauersicht als attraktives Spiel bezeichnen würde.

Das ja auch von Zorniger zentral propagierte Prinzip des hohen Angreifens und des Gegenpressings nach Ballverlust wirkt unheimlich attraktiv, wenn denn der Gegner mitspielt. Letztlich ist diese Art des Spiels aber auch nur eine, die auf Zerstören aus ist, sprich deren oberste Priorität in der Kreativität durch Zerstören liegt. Eine Methode, die man als erfolgsversprechender als andere empfinden kann (zumindest gibt es dafür gute Argumente), aber ob sie nun attraktiver ist als andere, würde ich mir nicht anmaßen zu behaupten. Durch die Fehleranfälligkeit im schnellen Spiel nach vorne und durch das Zerstören des gegnerischen Spielaufbaus kann das alles auch schnell sehr zerfahren wirken.

Pep Guardiola sagte mal irgendwo, dass es wichtiger sei, den Ball im vorderen Drittel zu verlieren, um ihn dann wieder erjagen zu können und den Gegner dann in einem kurzen Moment der Unordnung zu erwischen, als ihn im vorderen Drittel zu behaupten. Diese Philosophie scheinen mir die Frankfurter und viele andere inzwischen ganz gut verinnerlicht zu haben. Und je mehr Mannschaften, dieses Spiel gegen den Ball beherrschen, aber im Spiel mit dem Ball limitiert bleiben, desto mehr werden sie sich darin neutralisieren. Als Gegenmittel gegen den Druck auf den Ball dürfte dabei der lange Diagonalball aus der Verteidigungskette irgendwo auf den pressingfernen Flügel sehr in Mode kommen. Und ob diese Art des monothematischen Spielaufbaus nun der Attraktivität letzter Schluss ist, darf jeder selbst beurteilen.

Letztlich soll das nur heißen, dass Attraktivität ein eher schlechtes Argument ist für irgendwas. Erstens legt die Spielweise von RB Leipzig nicht zwangsläufig nahe, dass diese attraktiv wirken muss. Und zweitens ist Attraktivität unter Umständen nicht das nachhaltigste Argument, um Menschen dauerhaft in ein Fußballstadion zu locken. Man kann gerne das Spiel gegen den Ball als seine Fußballphilosophie begreifen, weil man sie als am erfolgsversprechendsten empfindet und meinetwegen auch, weil man denkt, dass das gut zur jugendlichen Zielgruppe des Geldgebers passt, einen dynamischen Fußball zu spielen. Man sollte aber nicht darauf beharren, dass diese Art ‚attraktiver‘ Fußball das Interesse um den Verein begründet oder man nur noch attraktiver spielen müsse, um noch mehr Zuschauer ins Stadion zu locken.

Manchmal sind die Wege von Euphorie und Zuspruch nämlich unergründlich und die Identifikation mit einem Team basiert nicht unbedingt darauf, dass auch der Innenverteidiger per Hackentrick den Ball im Tor unterbringen kann (im gegnerischen wohlgemerkt). Zumindest werden jene, die nur das Spektakel wollen, nicht da sein, wenn RB mal im Tabellenniemandsland der zweiten oder dritten Liga landen sollte. Was auch völlig in Ordnung ist, aber sich daraus trotzdem die Frage ergibt, ob man als Fußballverein interessant sein will, weil man als Ziel attraktiven Fußball ausgibt oder ob man als Fußballverein nicht interessant sein will, weil man eine angenehme Fankultur hat, weil man kommunikativ ist, weil man gute Fußballer und gute Typen/ Identifikationsfiguren versammelt und weil man dazu noch in der Lage ist, aus den gegebenen Möglichkeiten und der jeweiligen Spielstrategie möglichst viel herauszuholen. Mir jedenfalls ist der Verweis auf fußballästhetische Argumente bei der Zuschauerbindung zu kurz gegriffen und die von Jahr zu Jahr steigende Zuschauerbasis erklärt sich damit – glücklicherweise – nur sehr, sehr bedingt.

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2 Gedanken zu „Attraktive Argumente“

  1. leider hat mein post übers handy nicht funktioniert… also nochmal
    Spannend wäre doch auch wie die Nutzer der Websites und Fanradio gestiegen sind. Dann hätte man ein besseres Bild und nicht nur eine Messung anhand der Stadionbesucher.

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