Testspiel: RB Leipzig vs. TSV Buchbach 7:1

Das sechste und letzte Testspiel der Vorbereitung führte mit dem TSV Buchbach den Tabellenzweiten der Regionalliga Bayern und einen der Kandidaten auf den Relegationsplatz und damit auch einen potenziellen Relegationsgegner von RB nach Leipzig. Eigentlich ein interessanter Quervergleich zwischen zwei Topmannschaften zweier verschiedener Regionalligen. Nimmt man dies als Maßstab, dann kann man die Regionalliga Bayern schon mal als Aufstiegsaspiranten abschreiben. Aber ganz so einfach ist es trotz einer sehr guten Generalprobe für RB Leipzig vor dem Rückrundenstart und eines unglaublichen 7:1 dann doch nicht.

Denn die Gäste aus dem Süden haben nicht nur noch drei Wochen Vorbereitungszeit mehr vor sich als RB Leipzig und erst vor ein paar Tagen ihren Toptorjäger gen Fürth verloren, sie haben – man glaubt es kaum angesichts des Ergebnis – bis zur Halbzeitpause auch überwiegend sehr gut dagegen gehalten und phasenweise sehr modern Fußball gespielt. Zumindest gegen den Ball. Da konnte man gut beobachten, wie die gesamte Mannschaft in bestimmten pressingauslösenden Situationen, wenn sich die RB-Abwehr den Ball zuspielte, aufrückte und mit fünf, sechs Spielern in der RB-Hälfte den Ballführenden angriff und die direkten Passstationen zustellte. Schöner Anschauungsunterricht, der doch in einigen Situationen zur unkontrollierten Spieleröffnung auf Heimseite führte.

Aber insgesamt kamen die RasenBallsportler damit ganz gut zurecht und ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen, sondern versuchten mit viel Geduld und Bewegung den Ball in das vordere Spieldrittel zu bringen. Wobei diesen Versuchen bei misslichen äußeren Bedingungen zwischen Regen und Graupel lange die Präzision fehlte. Was aber beidseitig galt, weswegen es ein munterer Testkick wurde, der sich weitestgehend zwischen den Strafräumen abspielte. Erst Bastian Schulz‘ Treffer zum 1:0 nach einer knappen halben Stunde veränderte das Bild entscheidend und nachdem nach der Pause schnell die Tore 3 und 4 fielen, wurde aus dem vor der Pause halbwegs ausgeglichenen Match eine eindeutige und nicht mehr ganz ernst zu nehmende Veranstaltung, da sich die Gäste dann zu sehr aufgaben und die Tore teilweise mit auflegten.

Besonders positiv am  gestrigen Auftreten war der – auch  wenn es nur ein Test war – deutliche Schritt nach vorn in Sachen Umsetzung taktischer Maßgaben. Dabei wählte man bis zur 75. Minute als die Mannschaft fast komplett ausgetauscht wurde je nach Sichtweise ein 4-3-1-2 oder nach vereinsoffizieller Lesart eine 4-4-2-Raute. Wobei die Differenzen relativ marginal sind. Fakt ist, dass im Mittelfeld die drei Spieler hinter der Zehn nicht wie noch in der Hinrunde meist auf einer Höhe agierten, sondern die beiden äußeren ‚Sechser‘ ein Stück weiter nach vorne verschoben wurden. Allerdings auch nicht so, dass man nun gleich eine Raute interpretieren müsste, aber es geht zumindest eher in diese Richtung als noch in der Hinrunde.

In dieser Formation bleibt Thiago Rockenbach das Offensivradikal mit vielen Freiheiten hinter und neben dem gestern Röttger und Schulz immer wieder mit in die Lücken stießen. Jeremy Karikari hingegen spielte durchgehend einen sehr klassischen, zentralen und robusten Sechser, der vor allem Staubsaugerfunktionen vor der Viererabwehrkette übernahm und den gegnerischen Angriffen immer wieder ihren Schwung nahm. Und dadurch, dass das (Gegen-)Pressing generell mit sehr hoher Schlagzahl gefahren wurde, fiel es den Gästen sowieso schwer, einmal geordnet anzugreifen.

Interessant auch die Außenbahnen, die in der gewählten Formation, in der die klassischen Außenspieler fehlen, ja die Aufgabe haben, dem Spiel durch Vorstöße Breite zu geben. Was sie mit hohem Laufaufwand und nach meinem Empfinden in noch höherem Maße als in der Hinrunde hervorragend umsetzen. Es geht gar nicht immer darum, dann den Ball auch zu kriegen, aber alleine ihre Anwesenheit verschafft Optionen und den Spielern in der Mitte an mancher Stelle schlicht mehr Raum, weil der Gegner eben auch nach außen arbeiten muss.

Aufgrund  des sehr guten Spiels gegen den Ball wiederum hielt RB Leipzig den Gegner nicht nur vom Strafraum weg, sondern erkämpfte sich schon relativ weit vorne auf dem Spielfeld den Ball und versuchte sich immer wieder im schnellen Spiel in die Spitze. Das funktionierte insgesamt sehr gut, insbesondere  wenn man an den sehr schnellen Carsten Kammlott denkt, der die sich auftuenden Räume sehr genoß.

Ausdruck seines guten Spiels waren nicht nur zwei blitzsaubere Tore, sondern auch zwei Bilderbuchtorvorbereitungen als er mit Ball schneller war als sein Gegenspieler und über halblinks jeweils die Abwehr überlief, um dann blitzsauber die freien Spieler im Strafraum zu bedienen. Eine ganz feine Leistung, die ihn ziemlich nah an einen Platz in der Startelf beim Rückrundenauftakt in einer Woche in Berlin gebracht haben dürfte. Mit acht Toren und diversen Vorlagen war Kammlott der absolute Gewinner der Vorbereitung, zumindest was den Platz im Sturm neben Daniel Frahn angeht. Der traf wiederum bei gleicher Einsatzzeit viermal (2 Elfer), während Kutschke und Neuzugang Morys bei leicht geringeren Einsatzzeiten jeweils nur einmal trafen.

Überhaupt kulminierte das gestrige vorbereitungsabschließende Testspiel in einigen spannenden Personalentscheidungen. Das fing ganz hinten an, wo Alexander Zorniger die aufkommende Frage Hoheneder oder Sebastian mit einem prompten und unerwarteten ‚und‘ beantwortete. Dass Fabian Franke in diesem letzten Testspiel, das ziemlich sicher auch der Test einer möglichen Startelf für das Union-Spiel in einer Woche war, 75 Minuten lang auf der Bank sitzen musste, hätte vorher wohl kaum jemand getippt. Tat er aber. Zu vermuten ist, dass hier die größere Passsicherheit seitens Tim Sebastian den Ausschlag gegeben haben dürfte. Aber das Matchup auf dieser Position ist vermutlich sehr eng und Franke wird wohl im Laufe der nächsten Wochen auch wieder seine Chance kriegen.

Auf der zentralen Sechs wiederum erschienen weder der heiß gehandelte Henrik Ernst und auch nicht die mögliche Variante Bastian Schulz, sondern mit Jeremy Karikari einer, den man fast schon als Neuzugang empfinden darf, da er ja die Vorrunde vor allem wegen privater Sorgen vornehmlich in der zweiten Mannschaft und auf der Tribüne der Red Bull Arena verbrachte. Karikari ist ein in vielen Belangen völlig anderer Spielertyp als Dominik Kaiser. Torgefahr und die ganz feine technische Klinge sind seine Sache nicht, dafür ist er ein hocheffektiver Arbeiter gegen den Ball und Lückenstopfer und einer der aus der Balleroberung heraus auch – zumindest auf kurze Passentfernungen – relativ schnell und sicher den Ball für den Gegenangriff weiterleiten kann. Spielt man das 4-3-1-2 als leichte Raute, ist ein solcher Balljäger ziemlich perfekt, weswegen Karikari ja im letzten Jahr auch als alleiniger Sechser im 4-1-4-1 von Eintracht Trier sehr gut funktionierte. Ein Spielgestalter mit überragenden tiefen Pässen wie sie ein Dominik Kaiser spielen kann, wird Karikari aber nicht mehr. Trotzdem, mit seinen spezifischen Qualitäten hat er gestern absolut überzeugt und könnte auch völlig ohne Probleme nächste Woche gegen Union auflaufen.

Die letzte Personalentscheidung, die man als ein wenig überraschend empfinden kann, die es aber aufgrund der Vorbereitung eigentlich nicht ist, betraf Carsten Kammlott, der den schnellen und hoch gehandelten Matthias Morys und den für die Mannschaft bisher als Typ so wichtigen Stefan Kutschke ausstach. Spielt Kammlott halbwegs so konstant wie gestern vor allem in der zweiten Halbzeit, dann wird an ihm auch kaum ein Weg vorbei führen. Was angesichts der letzten zweieinhalb Jahre eine erstaunliche Entwicklung wäre. Zu gönnen wäre es ihm, auch wenn das die Abwanderungsgedanken bei Stefan Kutschke wohl eher beschleunigen würde.

Während Coltorti, Müller, Judt, Rockenbach und Frahn sowieso als gesetzt gelten konnten, entschied sich Zorniger auf den beiden Halbaußenpositionen im Mittelfeld nicht ganz überraschend für Timo Röttger und schon ein wenig überraschender für Bastian Schulz, den ich für eine etwas kreativere Interpretation der Sechs als in der Hinrunde nicht ganz oben auf dem Zettel gehabt hätte. Sebastian Heidinger wäre mir da schon eher eingefallen. Clemens Fandrich wird wohl noch etwas  brauchen. Und Paul Schinke scheint gerade erst einmal ein wenig durch des Trainers Rost gefallen zu sein.

Letzteres lässt sich vor allem daraus schließen, dass Schinke neben Hoffmann und Nattermann einer von drei Feldspielern war, die gar nicht mit zum letzten Test vor den Pflichtspielen kommen durfte, sondern in die U23 geschickt wurde. Was für alle drei kein gutes Zeichen, aber vor allem für den in der Hinrunde oft gesetzten Schinke ziemlich bitter ist.

Letztlich ist die gestrige Besetzung nur ein Fingerzeig, aber einer, den man in Richtung Startelf für den Beginn der Rückrunde durchaus Ernst nehmen kann. Franke, Ernst, Heidinger und Morys dürften je nach taktischer Formation nicht allzu weit weg sein von der Stammelf, aber scheinen erst einmal außen vor. Und bei all dem beachte man, dass von den 18 gestern eingesetzten Feldspielern beim nächsten Plichtspiel zwei nicht mal im Kader (der ja nur aus 16 Feldspielern besteht) stehen werden.

In Bezug auf die taktische Formation sollte man vielleicht noch erwähnen, dass ab der 75. Minute, als die Spieler des TSV Buchbach untätig beobachten mussten, dass ihr Gegner fast komplett den Platz verlässt und durch einen neuen ersetzt wird, bei RB Leipzig ein 4-4-2 mit flacher Doppelsechs gespielt wurde. Sozusagen die Formation von RB bei Führung. In dieser Formation bieten sich natürlich für die Besetzung vor allem der vier Mittelfeldpositionen noch einmal ganz andere Möglichkeiten als im 4-3-1-2, sodass hier z.B. auch ein Morys links außen denkbar ist. Aber ich würde behaupten, dass Zorniger in Berlin mit einem 4-3-1-2 starten wird.

Eine Schrecksekunde hatte die Partie auch noch, als Daniel Frahn kurz vor seiner Auswechslung 10 Meter vor dem gegnerischen Strafraum böse umgetreten wurde und mit einem selten zu vernehmenden Schmerzensschrei längere Zeit liegen blieb, um sich anschließend das Knie zu halten. Die letzten zwei, drei Minuten verbrachte er auf dem Feld leicht humpelnd und weitgehend ohne Einsatz, bis auf einen Foulversuch, bei dem ihm die Wut über das Foul an ihm ins Gesicht geschrieben stand. Aber insgesamt muss man auch sagen, dass dieses Testspiel ansonsten völlig fair ablief.

Nicht erschreckend, sondern skurril war der Start in die zweite Hälfte, als die RasenBallsportler den Anstoß mal eben als Standardvariante interpretierten, bei der sich Timo Röttger in die Innenverteidigung und die Innenverteidiger neben fast dem kompletten Team an den Anstoßpunkt begaben. Mit Spielbeginn rasten sieben, acht RasenBallsportler wie von der Tarantel gestochen gen gegnerischen Strafraum und Timo Röttger beförderte den Ball von der Mitte der eigenen Hälfte aus lang und hoch gen Gäste-Strafraum. Dass dort nach Kopfballverlängerung außer Verwirrung aller Orten nichts passierte, ist geschenkt. Eine witzige Idee war es trotzdem.

Fazit: Es war ein ziemlich perfekter Abschluss der Vorbereitung, auch wenn das Ergebnis ein wenig darüber hinwegtäuscht, dass das Spiel 45 Minuten lang bei weitem nicht mit dieser Deutlichkeit von den RasenBallsportlern bestimmt wurde. Behält man dies und die Tatsache, dass der TSV Buchbach aufgrund seines zeitlichen Rückstands in der Vorbereitung nicht so weit sein kann wie RB Leipzig, im Hinterkopf, dann kann man getrost feststellen, dass gestern noch einmal ein deutlicher Sprung in der Umsetzung der taktischen Vorgaben in Bezug auf Pressing und Angriffsdynamik zu erkennen war. Das hat mannschaftlich und auch individuell bereits sehr viel Spaß gemacht und macht Lust auf die beginnende Rückrunde und darauf, diese neu erworbenen Qualitäten im etwas robusteren Pflichtspielalltag der Regionalliga Nordost zu testen. Möge die Rückrunde in einer Woche tatsächlich beginnen und nicht noch der Winter (oder der Regen) mit einem hässlichen Strich zurückkommen.

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Tore: 1:0 Schulz (32.), 2:0 Röttger (44.), 3:0 Kammlott (49.), 4:0 Rockenbach (55.), 5:0 Frahn (60.), 6:0 Kammlott (62.), 7:0 Röttger (64.), 7:1 Breu (80.)

Aufstellung: Coltorti – Müller, Hoheneder, Sebastian, Judt – Röttger, Karikari, Schulz – Rockenbach – Kammlott, Frahn

Aufstellung ab der 75. Minute: Coltorti – Koronkiewicz, Hoheneder, Franke, Kocin – Fandrich, Ernst, Karikari, Heidinger – Morys, Kutschke

Zuschauer: 450 (im Trainingszentrum am Cottaweg)

Links: RBL-Bericht [broken Link], RB-Fans-Bericht, TSV-Bericht [broken Link]

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3 Gedanken zu „Testspiel: RB Leipzig vs. TSV Buchbach 7:1“

  1. Ich fand es irgendwie komisch, wie sehr Frahn – einem einem ansonsten sehr ansehlichen Spiel – in der Luft hing. Sein Tor war ja auch „nur“ ein Geschenk von Röttger(?), der nochmal querlegt anstatt selbst zu verwandeln. Irgendwie scheint mir seine Formkurve grade nicht nach oben zu zeigen. Eventuell liegt es auch an den taktischen und personellen Veränderungen, das bestimmte Muster, Laufwege etc. wie im Zusammenspiel mit Kutschke so noch nicht wieder funktionieren.
    Wie hast Du ihn gesehen?

  2. Kann ich gar nicht sagen. Klar, er hat unauffällig gespielt und wenig Torgefahr ausgestrahlt, aber dafür hat er auch viele Bälle festgemacht und dafür gesorgt, dass die Mannschaft nachrücken kann. Insgesamt ein typisches Vorbereitungsspiel von Frahn, der auch im Sommer sicher nicht der auffälligste Spieler war, aus dem ich nicht so viel schließen würde. Mal die ersten zwei, drei Pflichtspiele abwarten..

  3. zumal Frahn durch seine Anwesendheit Löcher reist und durch seine Kopfballstärke bei Flanken extrem wichtig ist, auch als Persönlichkeit ist er extrem wichtig.

    Einzige seine Verspieltheit mit seine Fifatricks sollte er ablegen, das passt nicht wirklich.

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