Der freundschaftliche Carsten Kammlott

Nach den drei Treffern von Carsten Kammlott gegen die SG LVB kam in einem Kommentar hier im Blog zuletzt die Frage auf, inwiefern er in Testspielen eventuell häufiger treffe als in Pflichtspielen und wie das denn bei den anderen Stürmern aussehe. Etwas ähnliches hatte ich am Rande des LVB-Spiels auch im Kopf, als ich mir selbst unsicher war, ob Kammlott in Testspielen bedeutend treffsicherer agiert als sonst oder ob dieser Eindruck nicht täuscht. Ich hatte nämlich auch sofort Spiele vor Augen, in denen Carsten Kammlott auch in Testspielen eher unglücklich agierte. Andererseits fallen mir da bei Daniel Frahn aus der sommerlichen Testspielzeit auch so einige Szenen ein.

Sei es wie es sei. Das war der Ausgangsgedanke und zur Annäherung werfen wir erst einmal auf der Basis der entsprechenden Transfermarkt-Daten einen Blick auf die Tore und Vorlagen, die die drei Stürmer, die nun seit 2,5 Jahren bei RB Leipzig agieren und dementsprechend auch fairerweise nur verglichen werden, Daniel Frahn, Stefan Kutschke und Carsten Kammlott beigesteuert haben:

  • Daniel Frahn: 56 Tore, 23 Vorlagen – 6668 Minuten
  • Stefan Kutschke: 22 Tore, 15 Vorlagen – 3842 Minuten
  • Carsten Kammlott: 5 Tore, 8 Vorlagen – 3023 Minuten

Wenig überraschend ist Daniel Frahn der Top-Torjäger. Was auch dann so bleibt, wenn man sich anschaut, wieviel Zeit im Schnitt zwischen zwei Toren vergeht:

  • Daniel Frahn: 1 Tor in 119,1 Minuten, 1 Vorlage in 289,9 Minuten
  • Stefan Kutschke: 1 Tor in 174,6 Minuten, 1 Vorlage in 256,1 Minuten
  • Carsten Kammlott: 1 Tor in 604,6 Minuten, 1 Vorlage in 377,9 Minuten

Carsten Kammlott läuft auch hier unter ferner liefen. Fast sieben Spiele braucht er, um ein Tor zu erzielen. Und in den letzten 1,5 Spielzeiten schoss er gar keins mehr. Alle fünf Treffer resultieren noch aus der Oral-Saison. In Sachen Vorlagen, wo Stefan Kutschke (auch aufgrund seiner vielen Kopfballvorlagen) die Tabelle hinsichtlich der Minuten pro Vorlage anführt, kann Carsten Kammlott fast mithalten. Unter Pacult und Zorniger zusammen kommt Kammlott hier bei 6 Vorlagen in 1153 Minuten auf einen besseren Wert als seine Konkurrenz (192 Minuten pro Vorlage). Was auch daran liegen mag, dass er in dieser Zeit vornehmlich rechtsaußen oder im rechten Mittelfeld eingesetzt wurde. Also in Positionen, die von Natur aus etwas vorlagenlastiger sind.

Wirft man einen Blick auf die Freundschaftsspiele, dann wendet sich das Blatt (Daten selbst zusammen gesucht, Vorlagen werden hier nicht berücksichtigt, da es dazu keine Datenerfassung gibt):

 

  • Daniel Frahn: 28 Tore, 2823 Minuten, 1 Tor in 100,8 Minuten
  • Stefan Kutschke: 20 Tore, 2385 Minuten, 1 Tor in 119,3 Minuten
  • Carsten Kammlott: 28 Tore, 2745 Minuten, 1 Tor in 98,0 Minuten

Der Unterschied ist so auffällig, dass man ihn eigentlich gar nicht mehr beschreiben muss. In Freundschaftsspielen agiert Carsten Kammlott rein im Torabschluss auf Augenhöhe mit seinen Konkurrenten bzw. ist statistisch gesehen sogar knapp der Beste. Daniel Frahn und Stefan Kutschke treffen zwar auch etwas häufiger in Testspielen als in Pflichtspielen, was auch nicht verwunderlich ist, da die Gegner meist etwas schwächer sind, aber nur bei Carsten Kammlott ist der Unterschied zu Pflichtspielen extrem. (Auffällig auch, dass Kammlott in Freundschaftsspielen sehr viel Spielzeit bzw. erheblich mehr als Konkurrent Kutschke bekommt, sich aber trotzdem nie dauerhaft ins Team spielen konnte.)

Da könnte man nun mit Interpretieren anfangen. Man hat einen Spieler, der in Pflichtspielen extrem selten bis nie, aber in Freundschaftsspielen sehr häufig trifft. Ist es, weil es hier um nichts geht? Sind es die Nerven? Oder ist es, weil Kammlott in den Testspielen im Gegensatz zu Pflichtspielen regelmäßige Einsatzzeiten bekommt und deswegen eher eingespielt ist?

Leider ein viel zu gewohntes Bild - Carsten Kammlott auf der Bank von RB Leipzig | GEPA-Pictures – Kerstin Kummer

Interessanterweise hat Carsten Kammlott seine 28 Freunschaftsspieltore gegen 15 verschiedene Vereine erzielt. Interessant deswegen, weil es bei Kutschke und seinen 20 Treffern auch 15 Vereine waren, während es bei Frahns 28 Toren 22 Vereine waren. Sprich, Kammlott trifft, so wie auch am letzten Wochenende gegen die SB LVB, wenn er denn trifft gleich mehrfach, während seine Konkurrenten in den Pflichtspielen wesentlich konstanter von Spiel zu Spiel treffen. Woraus man ableiten könnte, dass Kammlott vor allem dann trifft, wenn es läuft. Beim Team und bei ihm selbst, sprich wenn er sich wohl fühlt. Und wenn es nicht läuft, dann läuft es eben auch nicht.

In der Tendenz lassen sich die Daten auch dahingehend interpretieren, dass Kammlott vor allem gegen die schwächeren Testspielgegner trifft und dann aber auch häufig, während Kutschke und Frahn gegen alle Testgegner gleichermaßen zuschlagen. Aber dies ist eher ein Eindruck beim Überfliegen der Namen und Ligen der Gegner, gegen die die Stürmer jeweils getroffen haben.

An dieser Stelle könnte man wieder mal die obligatorischen Bemerkungen zu Carsten Kammlotts sportlicher Zukunft bei RB Leipzig einfügen. Fragen, die sich seit zwei Jahren um den Stürmer, dessen Vertrag noch bis 2014 läuft drehen. Als junges, frisches Gesicht des Vereins wurde Kammlott 2010 für eine vermutlich mittlere sechsstellige Summe aus Erfurt verpflichtet und gleich mal als Aushängeschild auf der Homepage verpflichtet. Es mutet fast unglaublich an, dass ein Daniel Frahn in der Vorbereitung 2010 fast völlig im Schatten von Carsten Kammlott stand. Nun ist Frahn Kapitän und Homepagegesicht und Kammlott steht maximal im Schatten.

Angesichts dieser Situation stellt sich wie jedes Jahr im Winter die Frage, ob es Carsten Kammlott nicht gut täte bei einem anderen Club, wie beispielsweise in Erfurt, noch einmal Boden unter den Füßen zu bekommen und zu seinem Leistungsvermögen zurückzufinden, wie er es in den Testspielen und ja auch in dem einen oder anderen Pflichtspieleinsatz als Stürmer (Hertha II und Schlussphase Torgelow in diesem Jahr) andeutet. An guten Tagen spielt ein Kammlott die gegnerische Abwehr immer noch schwindlig, nur bekommt er kaum die Chance es zu zeigen und wenn er die Chance bekommt, nutzt er sie nicht immer.

Sportlich würde ein Wechsel durchaus Sinn machen, auch weil Zorniger sich mit Matthias Morys einen zusätzlichen Stürmer geangelt hat und mit Tom Nattermann noch eine Backup-Option hätte und es für einen Carsten Kammlott erheblich schwer wird, überhaupt auf Einsatzzeiten zu kommen. Bleiben die wirtschaftlichen Fragen, die ich bereits vor einem Jahr rund um Carsten Kammlott stellte (was wäre ein interessierter Verein bereit in eine Kammlott-Leihe zu investieren und reicht das RB Leipzig?), die aber vermutlich gar nicht mehr von oberster Wichtigkeit wären und vor allem die Frage nach der U23-Regel. RB Leipzig ist weiterhin mit U23-Spielern nicht üppig besetzt und muss jede Woche vier solcher Spieler in den Kader stellen. Überhaupt nur an ein Leihgeschäft zu denken, würde voraussetzen, dass noch ein U23-Spieler zu RB Leipzig wechseln würde. Und danach sieht es eigentlich gerade nicht wirklich aus.

Fazit: Carsten Kammlott ist als Thema rund um RB Leipzig ein Dauerbrenner. Was vor allem an den großen Erwartungen liegt, mit denen der inzwischen 22jährige vor zweieinhalb Jahren in Leipzig startete. Die statistischen Daten in Pflichtspielen sind gerade im Vergleich mit seinen beiden Konkurrenten ernüchternd. Seine Torerfolge in Testspielen werfen zudem mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefern. Eigentlich hat sich an der Situation wenig geändert. Carsten Kammlott sollte mal eine Halbserie am Stück Einsatzzeiten bekommen, was bei RB Leipzig in der Rückrunde wohl eher noch weniger der Fall sein wird als in der Hinrunde. Eine Leihe wäre deswegen wieder mal eine sinnvolle, aber aktuell unwahrscheinliche Möglichkeit. Es ist wie es ist, aber so richtig prima ist es mal abgesehen von einigen Freundschaftsspielen nicht. Und der Glaube, dass der Durchbruch bei RB Leipzig noch einmal nachhaltig klappt, wird von Halbserie zu Halbserie geringer.

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Bild: © GEPA pictures/ Kerstin Kummer

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6 Gedanken zu „Der freundschaftliche Carsten Kammlott“

  1. Wie in jedem Jahr um diese Zeit kann ich mein cetereum censeo nur erneuern: Back to the roots, also zum RWE. Wenn ich mir bei unseren derzeitigen Problemen in der Angriffszentrale einen Stürmer backen dürfte, käme so in etwa Carsten Kammlott heraus. Wäre ein Jammer wenn der Junge in der Landesliga enden würde, ein Szenario, was ja durch die RB-Zugänge in der Winterpause nicht vollends von der Hand zu weisen ist – wie Du ja auch geschrieben hast.

    Lasst den Carsten den Sahin machen.

  2. Schöne Analyse. Ich glaub immer noch an Cipy. Wenn er regelmäßig mehr Einsatzzeiten in den Pflichtspielen bekommen würde, platzt der Knoten bestimmt bald. Wäre sonst jammerschade um sein Talent.

  3. „Was auch daran liegen mag, dass er in dieser Zeit vornehmlich rechtsaußen oder im rechten Mittelfeld eingesetzt wurde. Also in Positionen, die von Natur aus etwas vorlagenlastiger sind.“
    Das liegt wohl eher nicht daran, denn die „Vorlagen“ resultieren ja vornehmlich den Foulspielen an ihm zum Elfern (3 von 5). Vorlage Nummer sechs kann man ferner deutlich in Frage stellen, denn der schwache Klärungsversuch der Zwickauer Abwehr war nicht wirklich Kammlotts Verdienst.

    Für eine adäquate Auswertung von Kammlotts Testspieltreffern wäre ferner eine grobe Einschätzung der Gegner interessant. Ich stelle einfach mal in den Raum, dass er gegen Gegner mit Regioqualität und höher kaum getroffen hat.

    2010/11: Cluj, Budapest, Salzburg Juniors, Schalke, Zwickau, Hertha, Bremen II, DFB U19, Kartalspor, Örebro, Rapid
    Stürmertore: Frommer 2 (insg. 7), Kammlott 1 (4), Frahn 1 (4), Lewerenz 1 (3), Kutschke 0 (1)

    2011/12: Swinemünde, (Bautzen), 1860 II, Auerbach, Teplice, Prag, Trier, Innsbruck, (Luxemburg), Linz, Jena
    Stürmertore: Frahn 8 (16), Kutschke 2 (13), Kammlott 1 (12)
    (Tor übrigens gegen den wohl schwächsten Gegner davon: Bautzen)

    2012/13: Goslar, Großaspach, SSV (die total desolate Fortuna aus Chemnitz kann man eigentlich nicht dazu zählen, siehe derzeitiges Auftreten)
    Stürmertore: Frahn 1 (9), Wallner 1 (3), Kutschke 1 (7), Kammlott 0 (12)

    Eine sehr deutliche Bilanz, wenn du mich fragst. Gegen eine Abwehr die wirklich auf Regioniveau spielt hat Kammlott (Bautzen außen vor) in Testspielen also zuletzt im Sommer 2010 unter Oral gegen die Hertha getroffen. Bezeichnenderweise eines der Testspiele die seinen frühen Ruhm begründeten.

    Jetzt kommen mit Liefering, Verl, Winterthur, St. Gallen (sofern es nicht wieder die U21 wird) und Buchbach ja wieder Vereine, die ein solches Niveau haben. Wir werden sehen, wo sich Kammlott dann einreiht.

    1. ps: Müsste man natürlich nochmal schauen, wie da die Einsatzzeiten waren. Denn in solchen Spielen läuft dann eher auch der erste Anzug auf.

  4. Stimmt erstens musst du noch die Einsatzzeiten mit ins Auswertungsboot holen, um die Tore pro Minute vergleichen zu können. Und zweitens gibt es lediglich in der Saison 2011/2012 mit Frahn einen Ausreißer in den von dir gesammelten Spielen. Ansonsten liegen die drei Stürmer ziemlich auf Augenhöhe. Und als Fakt bleibt dadurch, dass das wesentlich mehr ist, als man über Pflichtspiele sagen könnte. Im Übrigen versuche ich ja durch die Aussage, dass Kammlott in vergleichsweise wenigen Spielen relativ häufig trifft, auch anzudeuten, dass es hier irgendetwas gibt, was es zu interpretieren gilt. Nur fand ich es in einem ersten Drüberblicken nicht zu 100% plausibel, dass die Stärke des Gegners das entscheidend erklärende Kriterium ist..

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