Alexander Zorniger: „Im Moment fühle ich mich extrem wohl“

Vor reichlich vier Monaten wurde Alexander Zorniger Cheftrainer von RB Leipzig und hat recht schnell alle Zweifel an diesem erneuten Personalwechsel zerstreut. Er kam, sah und gewann mit seiner kommunikativ-herzlichen Art und seinem Sachverstand so ziemlich alle Fußballherzen. Zumindest von denen, die nur halbwegs mit den RasenBallsportlern mitfiebern. Schon längere Zeit auf meinem persönlichen Interview-Wunschzettel ganz oben platziert, stand Alexander Zorniger kürzlich Rede und Antwort zu seiner bisherigen Karriere, taktischen Präferenzen, Trainervorbildern, dem Wechsel aus der schwäbischen Heimat nach Sachsen und vielem mehr, was sonst im Alltagsgeschäft rund um die Regionalliga nur wenig beleuchtet wird.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie bei Wikipedia einen Eintrag hatten, der wegen Irrelevanz gelöscht wurde? Begründung: Sie sind schließlich nur Trainer im „Amateurbereich“..

Nein, das habe ich noch nicht gewusst. Aber wenn ich mit Leuten über Fußball spreche, werde ich meine fachlichen Qualitäten nicht daran festmachen, ob ich bei Wikipedia bin oder nicht, egal ob ich in der ersten oder fünften Liga Trainer wäre.

Sie sind ja ein recht kommunikativer Typ und geben viele Interviews bzw. sind in den Medien häufig präsent. Gibt es eigentlich Fragen, die sie ständig erwarten, die aber nie gestellt werden?

Nein, eigentlich nicht. Das ist ja auch euer Job, dass ihr euch die Fragen raussucht, die für euch interessant sind. Ich frage mich eigentlich schon immer, was für mich der perfekte Fußball ist. Das ist nicht unbedingt für jemanden interessant, der vielleicht auch etwas mehr über den Menschen Alex Zorniger wissen will.

 

„Die Qualität im Spiel mit dem Ball ergibt sich aus dem Spiel gegen den Ball.“

 

Und, was wäre für Sie der perfekte Fußball?

Für mich ist die Phase zwischen dem eigenen Ballbesitz und der Kontrolle des Spiels nach Ballverlust spielentscheidend. In den 10 Jahren, die ich Trainer bin, habe ich für mich festgelegt, wie das Spiel in diesem Moment funktionieren muss. Die spannende Frage bleibt, ob das mit zunehmender Spielstärke und zunehmender Leistungsklasse alles umsetzbar ist.

In Leipzig wird gelegentlich die These aufgestellt, dass es mit höheren Ligen einfacher wird, weil es mehr Raum gibt und die Gegner mehr Wert auf das technisch gepflegte Spiel legen. Ich vermute ja andersherum, dass die steigende technische Stärke der Mannschaften es einfacher macht, ein Gegenpressing auch mal zu umspielen oder auszuspielen. Druck und Gegenpressing müssten ja in der Regionalliga noch relativ gut funktionieren.

Das muss man differenzieren, da sich ersteres auf das Spiel mit Ball bezieht, nämlich die These, dass es eventuell einfacher wird, wenn die Gegner nicht mehr ganz so defensiv stehen. Meine These ist aber immer, dass sich die Qualität, die du im Spiel mit dem Ball brauchst, oftmals aus dem Spiel gegen den Ball ergibt. Das ist ein bisschen das ‚Problem‘ mit meiner Mannschaft, weil sie natürlich sehr stark auf das Spiel mit Ball ausgerichtet ist.

Das halbe Jahr, das ich als Co-Trainer beim VfB Stuttgart gearbeitet habe, hat mir gezeigt, dass beim hochstehenden, dominanten Verteidigen gegen den Ball jeder halbe Meter ineinandergreifen muss, weil ansonsten die individuelle Qualität der Gegner so hoch ist, dass du bei Fehlern sofort bestraft wirst. In den höheren Ligen verändert ein Tor sofort ein komplettes Spiel. Das können wir mit unserem tollen Offensivpotenzial in der Regionalliga oft noch korrigieren. Aber in einer höheren Liga ist das schwieriger. Deswegen muss man da auch eine gute Balance finden.

Slaven Bilić, damals Kroatiens Nationalcoach war es glaube ich, der bei der Europameisterschaft 2012 vor dem Spiel gegen Spanien meinte, dass es eigentlich ganz einfach wäre und man nur die ersten zwei Sekunden des Gegenpressings überstehen müsse und dann laufe alles von selbst.Warum klappt das denn in der Praxis dann doch nicht so gut?

Weil das Gegenpressing eine Überfalltaktik ist, die immer auch einen gewissen Schockzustand auslöst. Nur weil ich weiß, dass etwas auf mich zukommt, heißt es noch lange nicht, dass ich geeignete Mittel dagegen finden kann. Was ist denn das geeignete Mittel dagegen? Wenn du das Gegenpressing von Barcelona auflösen willst, musst du eigentlich mit diagonalen Bällen oder mit vertikalem Spiel spielen. Und nicht nur eine Reihe, sondern zwei oder drei Reihen auslassen. Dann hast du aber das Problem, dass du auf individuell extrem starke Manndecker triffst, wo du trotzdem sofort wieder den Ball verlierst.

Das Gegenpressing, das Dortmund spielt, ist bspw. nicht mit dem Spielermaterial ausgelöst worden, das Klopp vorgefunden hat, als er dort angefangen hat zu arbeiten. Es ist ein Prozess gewesen, in dem er Spieler, die das Gegenpressing quasi im Blut haben, ausgewählt hat. Wenn du eine Vielzahl von Spielern hast, die intuitiv gegenpressen, dann kannst du damit auch spielen wie Dortmund oder Barcelona. Entscheidend ist, wie sich ein Spieler nach Ballverlust verhält, ob das automatisiert und bei ihm im Blut ist oder ob er erst wieder in die Ordnung zurück kommt und dann aus der Ordnung aggressiv wird. Ein guter Scout oder auch ein guter Trainer erkennt das und holt sich diese Spieler zusammen.

Beobachten... | Alexander Zorniger | GEPA-Pictures – Roger Petzsche

Jenseits der langen Bälle gäbe es ja die Möglichkeit sich durch Training auf das Gegenpressing einzustellen und bspw. gedankenschnelle, technisch gut ausgebildete Akteure vor allem in der hinteren Viererkette zu implementieren. Spieler, die in der Lage sind, unter Druck schnell den Ball zirkulieren zu lassen..

Das reicht ja aber nicht. Selbst wenn die Viererkette hinten einen technisch guten Ball spielt, dann muss das Mittelfeld mit dem Ball etwas anfangen können. Es ist ja nicht so, dass nur die erste Reihe gut presst bei Barcelona, sondern ihre Raumaufteilung ist so perfekt, dass sie sofort in der Lage sind, auch das Mittelfeld mit einer Überzahlsituation zu konfrontieren. Und dann brauchst du schon 11 gut ausgebildete Spieler im Umschaltverhalten, die mit dem Ball umgehen können. Das ist nicht ganz so einfach.

 

„Ich habe schon immer strategisch gedacht.“

 

Jetzt sind wir doch schon etwas tiefer vorgedrungen in die Thematik. Eigentlich wollte ich ein Stück weiter vorne anfangen, nämlich am Anfang ihrer Fußballkarriere. Wie waren Sie als Spieler?

Ich war ein sehr physischer Spieler.

Auf welcher Position?

Auf der Sechs. Ich habe schon immer strategisch gedacht. Angefangen habe ich allerdings als rechter oder linker Verteidiger. Ich war in der Jugend nie einer von den Topleuten, aber ich habe ein hohes Maß an Konsequenz an den Tag gelegt. Dabei konnte ich mich immer auf meinen Körper verlassen. Ich war nicht langsam, sehr ausdauernd und athletisch. Und das konnte ich dann auch einsetzen. Mit zunehmender Dauer habe ich dann einfach auch das Spiel ganz gut verstanden.

Sehr jung bin ich durch das Studium nach Tübingen gegangen und habe da Landesliga gespielt. Dort war ich mit 22 oder 23 schon Spielführer auf der zentralen Position. Sehr spät, erst 1995, also mit 27, weil ich durch den Fußball auch mein Studium finanzieren konnte, bin ich in die Oberliga gewechselt. Peter Starzmann – der war auch mal Co-Trainer und Jugendtrainer beim VfB Stuttgart – hatte beim SV Bonlanden nach dem Aufstieg einen Sechser gesucht.

Eins war für mich immer klar. Ich mag es nicht, wenn Leute irgendwo stehen und sagen, das könnte ich auch, haben es aber selber nie gemacht. Dann habe ich halt gesagt, dass ich in die Oberliga möchte. Das war damals noch die vierte und nicht wie heute die fünfte Liga. Ich wollte einfach gucken, wie gut ich tatsächlich bin. Das ist auch etwas, was ich von meinen Spielern erwarte, an das Maximum ranzugehen. Ob das jetzt bei mir das Maximum war oder ob ich vielleicht auch die dritte Liga hätte spielen können, das weiß ich nicht, weil ich es nie gespielt habe. Deswegen sage ich auch nicht, dass ich höherklassig hätte spielen können. Wenn sich jahrelang nicht die Möglichkeit ergibt, dann musst du dich einfach damit abfinden, dass die Qualität nicht so gut ist.

Als 11jähriger aber stand ich noch in meinem Verein und habe mich gefragt, was ich eigentlich mache, wenn ich irgendwann kein Fußballprofi werde. Das war für mich total undenkbar. Ich wollte immer Fußballprofi werden..

...analysieren und aufschreiben... | Alexander Zorniger | GEPA-Pictures – Roger Petzsche

War das tatsächlich Ihr jugendlicher Traum?

Ja, klar. Ich bin Jahrgang 67. 11 Jahre alt war ich etwa 1977/78. Da gab es nichts anderes als Fußball. Da hast du auch keinen DFB-gesponsorten Bolzplatz gebraucht, der in der Stadt aufgebaut wird. Da hast du zwei Haselnussstöcker in den Rasen gesteckt und hast mit den Kumpels gekickt. Deswegen war es für mich unvorstellbar, mal nicht Fußballspieler zu werden.

Mit 34 habe ich dann aufgehört mit Fußballspielen. Wir sind damals abgestiegen aus der Oberliga. So wollte ich aber nicht aufhören. Fast die ganze Gruppe ist dann noch zusammengeblieben. Das war eine Supermannschaft. Im Jahr darauf, in meinem letzten Spiel sind wir 2002 wieder aufgestiegen. Und dann habe ich gesagt, jetzt passt es.

Dann war eigentlich geplant, dass ich Co-Trainer bleibe in Bonlanden, wurde aber in meiner alten Heimatstadt in Schwäbisch Gmünd angesprochen, die gerade in die Verbandsliga aufgestiegen waren. Ich dachte immer, dass ich Vollblutfußballer bin und nicht wissen würde, was ich mit mir anstellen soll, wenn ich nicht mehr kicke. Als ich dann in meiner ersten Trainingseinheit auf dem Platz stand, konnte mir nicht mehr vorstellen selber zu spielen. Fußballer sind immer für sich selber verantwortlich, das war eine geile Zeit. Aber als Trainer hast du 20, 22 oder 24 Spieler und als Einziger die Möglichkeit, wirklich etwas zusammen zu bauen. Das ist das befriedigendste, was ich in dem Sport erlebt habe. Weil du auch ganz genau weißt, dass wenn etwas auf Dauer nicht funktioniert, dann musst du dich selbst hinterfragen.

Im ersten Jahr mit dem1. FC Normannia Gmünd haben wir als Neuling klar die Klasse gehalten. Und im zweiten Jahr sind wir aufgestiegen mit einer ganz jungen Mannschaft. Fünf Jahre haben wir anschließend in der Oberliga gespielt. Wir haben den Verbandspokal gewonnen und haben DFB-Pokal gespielt.

Dann habe ich beim Erwerb der A-Lizenz Markus Babbel kennengelernt, der meine Streitsüchtigkeit mit den Dozenten gut leiden konnte. Er hat mich 2009 zum VfB Stuttgart geholt, als er da Cheftrainer geworden ist. Das war extrem intensiv und interessant. Ich hab mich dort hauptsächlich um die individuelle Arbeit mit Spielern gekümmert. Dadurch habe ich auch die Seite des Co-Trainers kennengelernt, was ich bis dahin nie war. Ich hatte vorher nie jemanden, dem ich mal hätte über die Schulter schauen können und sagen können „Ach ok, in der Situation so oder so machen“. Nach der Zeit beim VfB Stuttgart habe ich ein halbes Jahr nichts gemacht bzw. war ich mal kurz bei den Bayern und habe da vier Tage lang zugeguckt und in Hoffenheim bei Trainingseinheiten.

Und dann habe ich 2010 die Möglichkeit in Großaspach bekommen. Es war zu der Zeit kein Thema mit Markus Babbel als dreiköpfiges Trainerteam zu Hertha BSC zu gehen. Unterm Strich war ich wahrscheinlich auch einfach zu dominant, um meine Qualitäten in einem Team als Nummer 3 einzubringen.

Wie war denn das, nach Stuttgart zu kommen. Sie waren ja vorher im regionalen Fußball aktiv. Geht da eine neue Welt auf oder was passiert da?

Klar, die Aufmerksamkeit ist eine ganz andere. Bei mir war der Vorteil oder der Nachteil, was auch immer, dass ich in einem Umfeld und Freundeskreis steckte, für die das auch etwas ganz neues war, weil ich nie Profi war. Die saugen alles auf. Das freut natürlich, aber es kostet auch Kraft.

Frühzeitig ist dann klar geworden, dass du einfach unglaublich intensiv und akribisch arbeiten musst in den Trainingseinheiten, auch in der Vorbereitung. Wenn ein Profi ein Spiel verliert, dann ist der Spaß vorbei. Dann liegt es natürlich auch nicht immer daran, dass wir vielleicht schlecht gespielt haben, sondern daran dass die Regeln nicht klar, Schiedsrichterentscheidungen falsch waren. Und das musste ich erst einmal in der Intensität lernen. Da musst du bei jeder Spielform, jeder Übungsform genau überlegen, ob die Regeln klar sind. Ich hatte aber gute Lehrmeister, mit einem Ludovic Magnin zum Beispiel oder einem Jens Lehmann, mit dem ich mich super verstanden habe. Mit dem einen oder anderen aus der VfB-Zeit hat man auch heute noch Kontakt, aber der Großteil geht relativ schnell vorbei.

In Stuttgart habe ich aber auch gemerkt, dass es egal ist, ob du Verbandsliga oder Bundesliga trainierst. Wenn du ehrlich mit deinen Jungs umgehst, respektieren sie dich. Sie sind nicht immer einer Meinung mit dir, aber sie respektieren sich. Denn das ist, was jeder will, dass er auch mal hört „Junge, das langt gerade nicht, du musst dich in dem und dem Bereich verbessern. Ansonsten brauchst du mir nicht die ganze Zeit was von deinem Berater vorheulen lassen.“ Das ist auch ein großes Problem, dass die Kritikfähigkeit des Umfelds von Fußballprofis gen Null tendiert.

...und erklären... | Alexander Zorniger mit Dominik Kaiser | GEPA-Pictures – Sven Sonntag

Ist das tatsächlich so, dass der Spieler, wenn es nicht läuft oder es Probleme mit dem Trainer gibt, dann zu seinem Berater rennt und hintenrum die Kommunikation anschiebt?

Es ist ganz unterschiedlich. Ein Sami Khedira kommt mit 22 direkt zu dir und sagt, „hey Alex, das und das läuft gerade schief, da müssen wir aufpassen“. Manch andere Spieler schieben es auf andere Faktoren. Das kriegst du auch nicht immer direkt mit. Aber, das sage ich meinen Jungs auch immer, dir hilft auch kein Kollege, der auf der Bank sitzt, wenn du nicht spielst. Komm zu mir und ich sage dir, was gerade nicht passt. Die Fußballkarriere geht mit einem Fingerschnippen vorbei. Unterm Strich interessiert es niemanden, ob man der Meinung ist, der Trainer hätte irgendwo falsch aufgestellt. Wenn du das Maximale aus deiner Karriere herausholen willst, musst du versuchen, jeden Tag zu nutzen.

 

„Fußballprofitrainer zu sein, das ist für mich ein wirklich absoluter Traum.“

 

Wovon haben sie denn geträumt, bevor sie gemerkt haben, dass es nicht für den Profifußball reicht?

Ich war eigentlich nie so richtig ein Vereinsfan und ich hatte mich dann ja auch irgendwann damit abgefunden, dass es nicht mehr zum Profi reicht. Als Schwabe ist natürlich der VfB Stuttgart ganz weit oben angesiedelt. Ich finde die Arbeit, die bei Bayern München über die Jahre gemacht wurde – unabhängig davon, ob ich das toll fand, was die jeweiligen handelnden Personen da gemacht haben – richtig gut. Ich finde den Fußball von Borussia Dortmund überragend. Und ich fand meine Mannschaften, die ich trainiert habe, unübertrefflich.

Wann kam denn die Erkenntnis, dass es nicht zum Profi reicht?

Noch nicht in der Jugend, da habe ich noch auf relativ ordentlichem Niveau gespielt. Da war die Verbandsstaffel die höchste Liga, da gab es noch keine Bundesliga. Und später habe ich mir da nicht mehr so viele Gedanken darum gemacht. Ich genieße das Jetzt und muss mir nicht überlegen, wo ich vielleicht in fünf Jahren sein will.

Es gibt immer diese Zieldefinition, die wir auch in der Psychologie hatten. Vielleicht musst du Ziele haben, vielleicht gibt es wirklich Leute, die Ziele haben. Vielleicht heißt es bei mir auch nur anders. Aber was bedeutet es, ein Ziel zu haben, zum Beispiel mit 35 verheiratet sein, mit 40 ein Haus zu besitzen? Wenn du mit 35 noch nicht die richtige Frau getroffen hast, was machst du? Suchst du dir eine andere, nur damit du an die Ziele herankommst? Oder schiebst du es dann auf 38 hinaus? Und ist es dann noch ein Ziel? Du brauchst sicher was, woran du dich orientierst, aber das ist bei mir, dass ich das, was ich mache, versuche maximal gut zu machen.

Ich habe immer überlegt, was ich beruflich machen soll. Mein Vater hat gesagt, mach das, wozu du Lust hast. Ich wollte eigentlich Lehrer werden, wäre sehr gern Sportlehrer geworden. Aber ich hab gemerkt, dass das nichts für mich ist, weil es zu wenig leistungsorientiert ist. Und ich habe mich dann gefragt, was ich eigentlich am Besten kann. Das was ich am besten kann und was ich am längsten mache, ist Fußball spielen. Und dass ich seit vier Jahren die Möglichkeit habe, Fußballprofitrainer zu sein, das ist für mich ein wirklich absoluter Traum. Ich komme fast jeden Tag ins Trainingsgelände und sehe, wo ich zum Arbeiten hinfahre und sage mir, etwas besseres kann dir gar nicht passieren.

Ich bin allerdings auch so unkritisch meinem Job gegenüber, dass ich sage, wenn es mal nicht mehr passt, dann mache ich was anderes. Ich habe 10 Jahre woanders gearbeitet (im württembergischen Tennis-Bund/ Anmerkung rotebrauseblogger), ich habe ein Studium, ich habe jetzt ganz gute Kontakte durch meine Arbeit. Ich bin nicht so leichtsinnig und sage, du kriegst immer irgendwas. Ich unterschätze auch den Arbeitsmarkt in Deutschland sicher nicht, aber ich denke schon, dass ich in der Lage bin, nicht ab jetzt nur auf Fußballprofis geeicht zu sein.

...und erklären... | Alexander Zorniger mit Sebastian Heidinger | GEPA-Pictures – Kerstin Kummer

Vielleicht muss es ja nicht mal Ziel heißen, aber steckt nicht als Fußballtrainer trotzdem ein Traum in Ihrem Hinterkopf, noch mal durch die großen Stadien des Landes reisen zu wollen?

Das hat nichts mit einem Traum zu tun. Vielleicht ist das ja ein Ziel. Ich weiß in der Zwischenzeit, wie gut ich bin. Ich weiß das durch die Zeit mit Markus Babbel, ich weiß das durch die Zeit beim VfB, ich weiß das durch die Zeit in der Oberliga, den Aufstieg und den Lehrgangsbesten zuletzt (in der Ausbildung zum Fußballlehrer beim DFB/ rotebrauseblogger). Ohne dass ich sage, als Lehrgangsbester beim DFB muss man irgendwann mal Bundesligatrainer werden, das bestimmt nicht. Aber ich weiß einfach, was für Qualitäten ich hab.

Das weiß ich auch im kritischen Austausch mit anderen. Leute, mit denen ich gar nicht ausgekommen bin, aber ich wo gesehen habe, dass ich ganz genau weiß, was ich will. Das werde ich versuchen umzusetzen. Wenn das reicht, irgendwann einmal die erste, zweite oder auch dritte Liga zu trainieren, dann ist das so. Und wenn es aus irgendeinem Grund nicht reicht, dann langt es eben nicht. Aber bis jetzt habe ich wenig Gründe gesehen, warum ich nicht mal weitere Schritte machen sollte.

Es spielen aber auch nicht alle Spieler in der erste Liga, die da auch hingehören. Es gibt in der zweiten und dritten Liga sicher Spieler, die das Zeug dazu hätten, aber nicht dahin kommen, weil im entscheidenden Moment die richtige Position nicht offen ist. Vielleicht findet der Zorniger-Trainer im entscheidenden Moment nicht die richtige Mannschaft, um den nächsten Schritt zu machen. Vielleicht gibt es aber auch irgendeinen Grund, warum Ralf Rangnick aufgrund seiner Situation im letzten Jahr (Burnout/ Anmerkung rotebrauseblogger) in der Lage war, viele Spiele von uns in Großaspach anzuschauen. Das hat vermutlich den Ausschlag gegeben, dass ich jetzt hier bin. Und so denke ich schon, dass jedes Mosaiksteinchen zueinander passen muss, damit du dort hin kommst, wo du vielleicht aufgrund deiner Fähigkeiten sein kannst.

 

„Mir ist es eigentlich relativ egal, was jemand über mich schreibt.“

 

Nervt es Sie eigentlich, dass praktisch jedes Mal bei Ihrer Namensnennung auch der Titel Jahrgangsbester fällt? Da steckt ja die Story vom Lehrgangsbesten, der es nie geschafft hat, auch schon ein bisschen drin.

Ich habe überhaupt kein Problem, wenn das irgendwo mit auftaucht, weil ich bin es nun mal gewesen. Da mache ich mir keine Gedanken, dass daraus mal eine Story wird, wenn ich es nicht packe. Wer will denn auch wissen, wann ich es nicht packe? Ist es in zwei oder in drei Jahren, wenn ich dann noch nicht in der Bundesliga bin? Oder schreibt man es erst mit 60? Dann wäre es mir eh egal. Mir ist es eigentlich relativ egal, was jemand über mich schreibt. Mir ist es ganz wichtig, was ein paar Leute denken und die haben nichts mit der Presse zu tun.

Funktioniert das tatsächlich, Presse so zu ignorieren? Manchmal haben sie ja auch einen ganz realen Einfluss auf die sportlichen Abläufe. So wie letztes Jahr in Havelse, als die Leipziger BILD vorher titelnd fragt, ob RB dort zweistellig gewinnen wird und die Gastgeber dann rennen als ginge es um die Weltmeisterschaft. Nehmen sie das wirklich als etwas, von dem sie sagen, dass sie das nicht wirklich interessiert? Oder können sie sich vorstellen, dass es zukünftig Situationen gibt, in denen Ihnen das nicht egal ist, weil es ihre tägliche Arbeit effektiv beeinflusst?

Gar nicht. Weil es jetzt schon zwei Zeitungen gibt, dazu die LVZ-Online, du schreibst auch was. Wenn ich alle Meinungen einbaue, dann verliere ich total meinen Stil. Es ist ja auch so, bei allem Respekt vor eurer Arbeit, ihr seht nicht jede Einheit, ihr kriegt nicht jedes Gespräch mit, ihr wisst nicht, wie intensiv einer tatsächlich an sich arbeitet. Das ist nichts, was ich euch negativ auslege, sondern das ist das, wo ich meinen Vorteil sehe. Und aufgrund von diesem Wissen und von diesem Arbeiten, mache ich meinen Job. Und ihr macht aufgrund von eurem Wissen oder auch aufgrund von Nichtwissen, das ihr habt, aus meiner Sicht auch Fehler. Am Montagmorgen hätte ich beispielsweise auch gewusst, wie ich aufstelle. Aber versucht doch einfach mal den Job vorher zu machen, versucht doch einfach mal vorher was festzulegen für euch, auch mal was riskantes in der Zeitung zu bringen und dann am Montag zu sagen, das war falsch. Da interessiert es dann eben keinen mehr. Was danach ist, wird immer nur dem Trainer vorgeworfen.

Leicht einzuschätzen bin ich allerdings dahingehend, dass ich sehr wenig vergesse. Und wenn irgendeiner mal meint, dass er mir ans Bein pinkeln müsse, dann hat er es ganz, ganz schwer bei mir. Damit meine ich nicht, dass sich einer nicht kritisch mit mir auseinandersetzen darf, sondern dass er zum Beispiel Klischees bedient oder er nur etwas wegen Verkaufszahlen nach außen bringt. Dann soll er das in Zukunft auch machen, aber ohne mich.

Dass ich sehr kommunikativ bin gegenüber Medien, ist natürlich auch der Situation geschuldet, dass ich erst seit vier Jahren im Profibereich arbeite. Und dass ich schon immer ein sehr gutes Verhältnis zu fast allen Journalisten gehabt habe. Bis auf jene, die es sich mit mir verscheißen, ist es glaube ich auch angenehm mit mir zu arbeiten. Weil man schnell Storys kriegt, weil ich offen bin, weil ich auf der anderen Seite aber auch die Fähigkeit habe, noch im Satz zu reflektieren, ob das etwas ist, was jemanden anderen etwas angeht oder nicht.

Als es um den Schritt nach Leipzig ging, haben sie gesagt, dass das für sie auch ein Experiment ist, weil sie noch nie außerhalb ihres schwäbischen Bezugskreises gearbeitet hätten. Dass der Schritt nach Leipzig für Sie also etwas ist, das auch schief gehen kann. Wie ist das denn gerade so? Wenn Sie als Trainer die Karriereleiter noch einen Schritt nach oben steigen wollen, würde die Welt eher größer als kleiner werden..

Mein soziales Umfeld war immer circa eine Stunde um Stuttgart herum. Und das konnte ich nicht so richtig einschätzen, was ein Schritt da heraus bedeutet. Es war eine interessant Erfahrung, aus Stuttgart herauszukommen und mich extrem wohl zu fühlen. Vielleicht hatte ich auch nur Glück und Leipzig passt sehr zu mir und meiner Art. Vielleicht bin ich da aber auch einfach unkompliziert.

Es ist auch nicht so, dass ich einen Bekanntenkreis von 25 Leuten habe, die ich ständig um mich herum haben muss. Ich habe zwei, drei sehr gute Freunde, von denen mich einer jetzt auch medientechnisch berät, weil er aus der Branche kommt. Der andere ist in der Zwischenzeit auch bei RB, allerdings in Salzburg. Und der dritte ist noch in Stuttgart. Für mich war es auch dadurch leichter, dass ich keine Familie hatte, also keine Familie im Sinne von Frau und Kinder. Ich bin zwar ein Familienmensch in Bezug auf meine Familie daheim (Mutter, Geschwister, Neffen), aber nicht so, dass ich sie jede Woche sehen muss. Deswegen ist der nächste Schritt, falls es mal irgendwann woanders hingeht, nicht mehr ganz so tragisch. Aber es kann natürlich auch sein, dass ich beim nächsten Schritt feststelle, dass Leipzig extrem gut gepasst hat und es mir woanders nicht so gefällt. Im Moment fühle ich mich jedenfalls extrem wohl.

...und erklären... | Alexander Zorniger mit Jeremy Karikari | GEPA-Pictures – Roger Petzsche

Wenn Sie jetzt jemanden haben, der Sie medientechnisch berät, muss ja auch das Bewusstsein für das Umfeld, die Öffentlichkeit und das, was man in der Öffentlichkeit erzählt, gewachsen sein?

Ja, sicherlich auch durch die Ausbildung zum Fußballlehrer. Dort haben wir unter anderem mit Jürgen Bergener gearbeitet. Da wurden z.B. Gespräche nachgestellt. Man wurde darauf vorbereitet, wie vielfältig das ist, was da auf einen zukommt und welche Bedeutung die Medien haben. Das heißt, das Bild, das von dir gezeichnet wird, ist natürlich extrem von dem abhängig, was die Medien über dich schreiben. Weil du auch nur sehr selten in der Lage bist, mal ein Live-Interview zu geben. Und selbst dort solltest du genau wissen, was du tust. Grad eben in Leipzig läuft es und alle finden dich ganz toll, weil du kommunikativ bist. In dem Zusammenhang ist es ganz gut, wenn ich mit meinem Berater und Freund, der mich seit 23 oder 24 Jahren kennt, jemanden habe, der mich erdet.

Die Kommunikativität ist ja was, was gut funktioniert, solange Erfolg da ist, aber umgekehrt ist es ja auch so, dass einem bei Misserfolg die Aussagen, die man mal gemacht hat, auf die Füße fallen können..

Ich hatte es schon, dass man sich mir kritisch genähert hat, auf Facebook zum Beispiel. Und dann habe ich mich gefragt, was denn eigentlich die Alternative zur kommunikativen Art wäre? Soll ich mich ändern? Das geht nicht. Ich bin ein kommunikativer Typ, ich rede gerne mit Leuten, ich streite mich gern mit Leuten. Wenn ich mich zurückhalte, dann verliere ich Qualität. Es sagen mir immer wieder Leute, dass ich so bleiben soll, wie ich bin. Und da gehört das mit dazu.

Wenn ich denke, dass ich Ihnen heute Informationen geben muss, die für das Gesamtverständnis ‚Wie tickt Zorniger‘ wichtig sind, dann gebe ich Ihnen die. Und wenn Sie in einem halben Jahr sagen, damals hat er das und das gesagt, dann ist das halt so. Dann war es vielleicht mein Fehler. Mir ist es aber zu stressig, jedes Mal zu überlegen, ob in einem Vierteljahr etwas gegen mich gewendet wird. Dann sollen sie halt schreiben. Es ist z.B. auch nichts neues für mich, dass ich nach außen teilweise einen arroganten Eindruck mache. Dann ist es halt so. Wenn jemand etwas sehen will in einem Menschen, dann sieht er das.

Wie ist denn so der Umgang mit den Spielern. Bis auf Daniel Frahn, Niklas Hoheneder und Sebastian Heidinger sind ja keine Spieler außerhalb der privaten Nutzung in sozialen Netzwerken aktiv. Gibt es da trotzdem Vereinsrichtlinien? Bei Frahn schlugen die Wellen nach dem Lok-Spiel bspw. ziemlich hoch, nach dem was er da auf seiner öffentlichen Fanseite bei Facebook gepostet hatte. Gibt es da Formen des Umgangs?

Das was ich von mir selber erwarte, nämlich die Klappe aufzumachen, muss ich natürlich auch meinem Kapitän und einem Spieler von mir zugestehen. Der Verein hat damals aber noch mal mit Daniel Frahn geredet. Bei so jungen Kerlen ist das natürlich auch wichtig, dass man ihnen hilft, dass man ihnen auch klarmacht, dass sie nicht alles über das Leben wissen. Aber ich glaube auch, dass man niemandem vorschreiben sollte, wie er sein Leben zu führen hat, nur weil er ein bisschen mehr in der Öffentlichkeit steht. Wenn ein Spieler dann sagt, dass es nicht geht, dass man sich nach einem Derby so oder so verhält, dann ist es so. Immer nur zurückziehen und Kopf einziehen ist kein guter Ratgeber.

 

„Taktik ist für mich die Hülle, die passen muss.“

 

Haben sie eigentlich ein Trainervorbild? Einen, den sie als Typen oder taktisch inspirierend finden?

Also Klopp, auch in der Entwicklung, finde ich schon gut. Ich denke, dass wir fußballerisch nicht so weit auseinanderliegen, ohne dass ich sagen will, dass ich seine Qualitäten habe. In meiner Zeit als Fußballspieler gab es immer ein paar Trainer bei denen ich gesagt habe, seine Menschenführung finde ich toll oder taktisch war es ein wegweisender Trainer. Aber komisch ist es, dass Spieler oft sagen, dass sie von jedem Trainer etwas mitgenommen haben. Das könnte ich nicht sagen. Es gab mal eine Aktion, wo ich ein Plakat aufgehangen hab, das hat mal ein Trainer bei mir auch gemacht. Aber ansonsten gibt es nichts, von dem ich sage, dass ich das und das von dem und dem Trainer habe. Alles was ich motivational, trainingstechnisch oder taktisch mache, habe ich eigentlich aus meinem Verständnis von Fußball, Motivation, Taktik und Trainingslehre.

...und nochmals erklären. | Alexander Zorniger mit Timo Röttger | GEPA-Pictures – Roger Petzsche

Hat sich das im Fußballlehrerlehrgang beim DFB im Zusammenarbeit mit der Gruppe nicht noch mal entwickelt?

Nicht entwickelt, aber spezifiziert. Du arbeitest einfach klarer und sauberer strukturiert. Aber ein Teil ist auch immer nur Bauchgefühl. Und oftmals warte ich bis sehr kurz vor dem Spiel, bis ich dann das Gefühl habe, dass das jetzt die richtige Entscheidung ist. Der ehemalige Co-Trainer von Ralf Rangnick, der Peter Zeidler, der jetzt den FC Liefering trainiert, der hat mal einen guten Satz zu mir gesagt: „Bei allem, was wir haben, CRP-Messungen, CK-Messungen, Laktatwert sowieso, Schnelligkeitswerte, vergiss nie den Kern des Spiels. Und der Kern des Spiels beschäftigt sich immer mit Personen und niemals mit Werten.“ Und so nehme ich natürlich immer wieder etwas von einem Trainer auf.

Eine gern vertretene These lautet, dass Taktik eine immer wichtigere Rolle spielt. Ist das tatsächlich so?

Taktik ist für mich neben dem athletischen Bereich die Hülle, die passen muss. Da darfst du dir heutzutage keine großartigen Fehler mehr erlauben. Mehr aber auch nicht. Die Hülle gibt dir aber auch die Möglichkeit, die Mannschaft entsprechend ihrer Fähigkeiten zu präsentieren. Und du musst natürlich, heute noch viel mehr als früher, in der Lage sein, die taktische Klaviatur zu spielen.

Ich bin zu Hause im 4-4-2 mit Doppelsechs, ich bin zu Hause im 4-2-3-1, da kenne ich ganz genau alle Laufwege und ich könnte theoretisch ein 4-3-3 und weiß, wie man da verschieben muss. Aber 4-3-3 war noch nie ein Spiel, das ich gern gespielt habe. Ich frage mich dann auch, warum spielt man ein 4-3-3? Warum willst du mit drei Spitzen spielen, wenn du das Mittelfeld dünn machst? Warum machst du hinter dem Forechecking, wo das 4-3-3 nur Sinn macht, einen Raum auf, der vom Gegner bespielt werden kann?

Aktuell habe ich noch die Möglichkeit eines 4-3-1-2, das ich unheimlich spannend finde, auch mit dieser Schwachstelle, die es auf den Außenpositionen nun mal hat. Ich bin also extrem fit in drei Systemen. Der Trainer muss dann auch in der Lage sein, seine Mannschaft dahin zu kriegen, nach zehn Minuten auf eine Schwachstelle des Gegners durch eine Systemumstellung reagieren zu können, um den Kontrahenten knacken zu können.

Das ist aber noch nicht der Punkt, wo das Team gerade ist?

Nein, dafür müssen wir erst noch stabil werden in dem, was ich eigentlich will, nämlich im Grundgedanken der aggressiven Balleroberung.

Im 4-3-1-2 haben die beiden Spieler rechts und links vom zentralen Sechser schon ein bisschen die, salopp gesagt, Arschkarte. Die haben die komplexeste und flexibelste Rolle, die man sich denken kann?

Nein, ich sehe die Schwierigkeit eigentlich in der Viererkette ganz außen. Die haben die gefährlichste Aufgabe, weil sie extrem hoch stehen müssen im Aufbau und bei Ballverlust der Raute im Mittelfeld das meiste Risiko haben aufgrund ihrer hohen Position. Für die Sechser ist es meiner Meinung nach relativ einfach, wenn sie den Grundgedanken des Spiels verstehen, nämlich den Gegner zu einer Denksportaufgabe aufzufordern. Zu sagen, bleiben wir vier hier im Zentrum, kann selbst ein 4-2-3-1, wenn die Dreierkette weit außen steht, das Kurzpassspiel in Zentrum nicht unterbinden. Also müssen sie eventuell mit fünf Spielern einrücken und dann habe ich meine Außenbahnen so hoch, dass sie eigentlich nur noch auf die Viererkette laufen. Das gibt dem Gegner schon eine extreme Aufgabe, wie er damit umgehen soll.

Aber klar, die äußeren Sechser müssen schnell sein, weil sie die Pressingsituationen immer wieder anlaufen müssen, sie müssen ausdauernd sein, weil sie auch diesen Weg seitlich von ihrer Position anlaufen müssen und auch gleichzeitig im offensiven Umschalten aktiv sein müssen. Und sie müssen natürlich auch technisch extrem gut sein. Insofern ist es schon sehr anspruchsvoll. Aber da können wir bei den Spitzen weitergehen. Die stehen nicht eng, sondern breit, um die Lücken zuzumachen, müssen den Gegner bis mindestens an die Mittellinie unter Druck setzen und aus ihrer breiten Position wieder ins Zentrum rein und. Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie sich ein Spieler damit auseinandersetzt.

Alexander Zorniger an einem typischen Arbeitstag. | GEPA-Pictures – Roger Petzsche

Ihr Lieblingssystem ist das 4-4-2 haben sie mal gesagt. Ihr Argument dabei ist die Kompaktheit zwischen den Ketten. Andere behaupten, dass bei nur drei Ketten zu viel Platz dazwischen entsteht, in den man spielen kann. Nun ist das 4-4-2 in den letzten Jahren ja ein wenig aus der Mode gekommen. Was macht denn den Reiz des 4-4-2 aus?

Da du nur drei Reihen hast, hast du auch weniger Zwischenräume. Je mehr Reihen du hast, die nicht die ganze Breite und Tiefe des Spiels abdecken, desto mehr Räume hast du natürlich. Im 4-2-3-1 zum Beispiel, wenn die Dreiermittelfeldreihe nicht ganz eng an den zwei Sechsern dran ist, dann entsteht auf der seitlichen Position zwangsweise ein Raum zwischen Viererkette hinten und den Dreien vorne. Im 4-4-2 stehst du auf maximal 30 Metern beieinander. Du hast dadurch in der Defensive eigentlich keinen Raum mehr frei. Du hast eine Ableitposition vor den Spitzen und dahinter zwei Ketten. Deswegen ist es für die Defensive für mich nach wie vor das effektivste System. Du kannst dieses System auch beliebig in ein Abwehrpressing, ein Mittelfeldpressing oder ein Forechecking/ Angriffspressing einbeziehen. Je nachdem wie du die Positionen verschiebst. Insofern finde ich es ein fantastisches System im Spiel gegen den Ball, um der Mannschaft auch klar zu machen, wie die Ordnung auf dem Platz aussehen sollte.

Wo ich Probleme sehe, ist in der spielgestaltenden Funktion des 4-4-2. Das Spielsystem kann aufgrund von Pressing/ Gegenpressing sehr schnell Fehler vom Gegner ausnutzen. Dafür braucht es allerdings eine entsprechende athletische Voraussetzung. Das heißt, ich brauche eigentlich pfeilschnelle Spieler auf den Außenpositionen und auf den zentralen Spitzenpositionen, sodass man nach einem Pressing oder Gegenpressing schneller in eine offensive Position kommst als irgendein System wieder zustellen kann.

Das wäre dann aber eher ein System, in dem einige Spieler, die da sind, vermutlich nicht so richtig viel Platz haben? Rockenbach beispielsweise. Oder Röttger, der ja letztes Jahr die Außenbahn umgepflügt hat, aber jetzt nicht unbedingt die Marke extrem schneller Flügelflitzer ist.

Richtig, deswegen habe ich ja auch gesagt, dass das 4-4-2 mit zwei Sechsern für uns jetzt nicht ideal ist. In der Vorbereitungsphase hat es funktioniert, ich habe aber von Anfang an gesagt, wir müssen schauen, wie dieses System gegen bessere Gegner funktioniert. Auch ich habe natürlich mit der Euphorie der Vorbereitungsspiele arbeiten wollen. Man hat es aber schnell und schon im Spiel gegen Großaspach (7. von 10 Vorbereitungsspielen in der Sommerpause/ Anmerkung rotebrauseblogger) gemerkt, dass es alles nicht sauber funktioniert und wir diese Spieler eben dann doch nicht haben.

Wir haben sie, wenn wir beispielsweise 1:0 oder 2:0 vorne liegen. Dann stellen wir immer mal wieder auf ein 4-4-2 um und dann kriegen wir auch die Räume und die Spieler sind schnell genug, um gegen einen dann mehr Risiko fahrenden Gegner ihre Schnelligkeit auch auf den Platz zu bringen. Aber wir haben jetzt nicht die Spieler, die in einem Bereich sind, die über das normale Schnelligkeitsniveau hinausgehen. Wenn ich von Pfeilen spreche, dann sind das Spieler, die mit ihrer Geschwindigkeit Sprintduelle zu 80% gewinnen können.

 

„Fußball erfindet sicherlich keiner mehr neu.“

 

Gibt es denn taktisch überhaupt noch Sachen, die neu sind? Man hat das Gefühl, dass taktisch gesehen alles Aufgüsse dessen sind, was es in den letzten 40 Jahren schon so gab und entwickelt wurde.

Fußball erfindet sicherlich keiner mehr neu. Definitiv. Andererseits hat mich mein Co-Trainer gerade erst drauf gebracht, was z.b. der Kloppo wieder probiert hat, nämlich das Verrücken des ballentfernten Außenverteidigers aus der Kette auf die Sechserposition. Oft in Spielen gegen nur eine Spitze. Wenn der ballnahe Außenverteidiger mit angreift, schiebt normalerweise der ballnahe Innenverteidiger durch und der ballferne Innenverteidiger geht auf die ballnahe Innenverteidigerposition und der ballentfernte Außenverteidiger rückt mit ein. Dann hast du aber eine Absicherungsfunktion mit drei Spielern gegen eine Spitze, aber eigentlich nicht die Möglichkeit noch weiter vorne Druck aufzubauen. Also hat Kloppo dem Außenverteidiger gesagt, dass er nicht mit hinten rein schieben soll, sondern vorn auf die ballentfernte Sechserposition. Kommt ein langer Ball steht sofort wieder ein Balljäger drin, um den Gegner unter Druck zu setzen. Das sind dann Nuancen in der taktischen Entwicklung, aber man sieht, dass es schon noch Möglichkeiten gibt.

Wie gesagt, es wäre auch mal interessant, aber ich weiß nicht, ob ich dazu mit meinen Mannschaften mal irgendwann taktisch in der Lage sein werde, mit einem 3-4-3 ein aggressives, fast in die Selbstaufgabe gehendes Pressing zu gehen. Dazu brauchst du drei pfeilschnelle Tiere in der Offensive, dazu brauchst du 4 Topballeroberer mit unglaublichen technischen Möglichkeiten und du brauchst drei Vollathleten in der Defensive.

Heißt das aber nicht auch, dass der Fußball immer jünger werden wird, weil die Athletik immer wichtiger wird. Es ist ja jetzt schon die Tendenz, dass gerade die erfolgreichen Mannschaften immer jünger werden.

Das mit dem jung ist ok, weil sie dir als Trainer auch schneller nachgehen. Aber ich glaube auch, dass die älteren Spieler in Zukunft noch eine entscheidendere Bedeutung haben werden. Vielleicht wird es aber von der Anzahl der älteren Spieler her runtergehen. Wenn ein Spieler, der älter wird, seine Fähigkeiten nur noch aufgrund seiner Erfahrung sieht, dann wird er Probleme kriegen. Denn die Positionen, wo du nur mit Erfahrung was wettmachst, wird es immer weniger geben.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Sie persönlich und natürlich sportlich fest damit verbunden für Ihre Mannschaft.

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Anschlusslesetipp: Vieles von dem, was im Text zum Amtsantritt von Alexander Zorniger hier Im Blog vermerkt wurde, stimmt auch heute noch. Manchmal ganz interessant so ein Blick in ältere Artikel..

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Bilder: © GEPA pictures/ Roger Petzsche (5), Sven Sonntag (1), Kerstin Kummer (1)

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18 Gedanken zu „Alexander Zorniger: „Im Moment fühle ich mich extrem wohl““

  1. Super und vielen Dank.

    Meiner Meinung nach das bisher beste Interview das mit Alex geführt wurde seit dem er in Leipzig ist.

    Echt gut gemacht!

  2. Wahnsinn, saugeiles Interview. Endlich mal was neues… was das nicht in die Kategorie 0815 gehört. Super gemacht

  3. Dieses Interview wird wohl ein Standardwerk für viele RB-Fans während der Ära Zorniger werden. Grandios von euch beiden!!!

  4. Also wirklich tolles Interview – kann mich den Vorschreibern nur anschließen – insgesamt macht das Zorniger aber auch dich nur noch sympathischer und das neue Spiel-, Mannschaftsverständnis sowie auch die Taktik nur noch verständlicher 🙂 Ganz großes Lob!

  5. Auch quasi von der Konkurrenz ein dickes Lob für dieses Interview :-)! Klasse zu lesen und sehr informativ.
    Von RB kann man ja meinetwegen halten, was man will – aber der Zorniger fetzt ;-)!
    Grüße in den Westen.

  6. …hammer geiles Interview! Hatte beim Lesen das Gefühl, ich säße bei nem Kaffeeplausch mit euch. Megageil!

    Danke Rottebrauseblocker, danke Alex.

  7. Informativ und sehr persönlich – zwei Sympathieträger im Gespräch…
    Vielen Dank für dieses tolle Interview….

  8. Sehr lesenswertes Interview, gut gemacht von beiden Seiten vorallem die Taktikansichten sind sehr interessant. Da scheint RB nen guten Griff gemacht zu haben…symphatischer Eindruck.

  9. Tolles Interview, danke.Eigentlich viel zu lang für nur einen Beitrag. Aber es ist halt englische Woche… 🙂

  10. Huch, hier ist ja mal eine Lobhudelei. Nicht dass noch jemand auf die Idee kommt, ich schreibe mir die ganzen Kommentare selbst. 😉 Im Ernst, schön, dass das Interview so gut ankommt, da hat sich die nicht unerhebliche Arbeit doch gelohnt. Und Spaß gemacht hat es sowieso.

  11. A.Z. ist der erste Coach welcher vermittelt: Red Bull Leipzig ist die Chance meines Lebens, so etwas kommt nie wieder, das versuche ich zu nutzen, und ich bleibe ein sympathischer Mensch dabei. Solch einen Trainer habe ich ich mir immer gewünscht, auch bei Nichtaufstieg muß er weitermachen, nicht er hat eine nunmehr erforderliche Relegation zu verantworten.
    Und lieber Herr A.Z.: Bleiben sie unbedingt so wie sie sind, arrogant sieht anders aus, das hatten wir schon mal!
    Ansonsten klasse Interview, vielen Dank dafür.

  12. So, nachdem ich es nun geschafft habe alles zu lesen, muss auch ich sagen, dass es ein super Interview ist. Hast du fein gemacht 🙂 Der Mann hat klare Vorstellungen und Ansichten, und ist wohl so ziemlich der Beste für diesen Verein. Ich hoffe und wünsche, das es noch lange so bleibt. Sehr sympatisch.

  13. Erstmal: sehr schönes Interview. Dickes Lob

    An alle, die hier fleißig gelobt habt: Schaut euch mal den Rotebrauseblock an. So eine Arbeit muss einfach belohnt bzw. honoriert werden. Schließlich wollen wir alle hier noch viiiiiele viiiiiele Jahre gute Beiträge lesen.

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