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Sicherheitsfragen werden den Auftritt von RB Leipzig in Magdeburg zwar nicht zuvorderst bestimmen, aber sie werden zumindest ein Teil des Sonntags werden. Womit sich das Spiel nur unerheblich von so ziemlich allen anderen Spitzenspielen der Regionalliga Nordost ohne Beteiligung von U23-Mannschaften unterscheidet. Das Thema Sicherheit war es auch, welches in den letzten Wochen die Diskurse rund um den Fußball (mit-)bestimmte.

Schon seit ein paar Monaten stehen politische Drohkulissen wie bspw. Stehplatzverbote im Raum. Oftmals kaum mit Bezug zu realen Vorkommnissen geht der leicht populistische Gaul mit manchem gelegentlich durch. Verbände wie die DFL als Vereinigung der Proficlubs und der DFB ließen sich davon ein wenig vor sich hertreiben und präsentierten in jüngerer Vergangenheit jeweils eigene Papiere, mit denen auf eine offenbar reaktionswürdige Realität reagiert werden sollte. „Sicheres Stadionerlebnis“ heißt das eine Papier, das eher eine Arbeitsstandspräsentation ist, ein 10-Punkte-Plan (beides pdf’s) wartet auf der anderen Seite.

Die Papiere haben sich viel Kritik eingehandelt. Einiges zu Unrecht, vieles zu Recht. Ein ziemliches Novum dürfte es jedenfalls sein, dass selbst ein großer Teil der Proficlubs, die auf das DFL-Papier zum sicheren Stadionerlebnis reagieren sollten, dieses und seine Logik tatsächlich ablehnten. In einer Fußballwelt, in der selten argumentative Differenzen auch offen ausgetragen werden und in der gerade zwischen Proficlubs und DFL meist die Ruhe gepflegt wird, ist das fast schon eine Wohltat.

Die wohl umfangreichste und inhaltlich beeindruckendste Ablehnung des DFL-Papiers hat Union Berlin in Zusammenarbeit mit seinen Anhängern präsentiert. Das neun Seiten lange Papier (pdf) könnte als Vorzeigepapier dienen, wie man über ein Thema im besten Fall diskutieren kann. Mal abgesehen vom Detail (das wie bei Union erwartbar auch mal ideologisch aufgeladen sein kann) ist die grundsätzliche Logik der Antwort absolut sinnig und nachvollziehbar. Nämlich das Eintreten für lokale Lösungen statt zentralisierter Sanktionierungen, sowieso für Prävention, Dialog und Kommunikation statt vornehmlicher Sanktionierungsapparate, für ein rechtsstaatliches Vorgehen (und das Aussprechen von Stadionverboten ohne Gerichtsurteile, die Androhung von Containern in denen Besucher sich vor dem Stadionbesuch für Kontrollen ausziehen müssen und die Forderung an die Polizei, dass diese Ermittlungsdaten(!) an die Vereine weitergibt, sind in unterschiedlichen Graden allesamt juristisch nur schwerlich abzusichern) und gegen Kollektivstrafen (angedacht sind bspw. die Reduzierung von Auswärtskontingenten bei Fehlverhalten von Fans).

Das DFB-Papier hingegen hat (auch weil es im Windschatten des DFL-Wirbels publiziert wurde) weniger Resonanz geerntet. Auch in diesem stehen ein paar fragwürdige Sachen drin. Am meisten diskutiert sicherlich die Aufforderung an Stadionbesucher, Fehlverhalten anderer Besucher zu melden und so den Verein vor sonst (bei fehlender Täterermittlung bspw. bei Pyro) drohenden Strafen zu schützen. Ganz grundsätzlich würde ich es für schwierig halten, dies mit dem Begriff der Denunziation lächerlich zu machen, denn ganz grundsätzlich darf es gern zum gesellschaftlichen Miteinander gehören, auf nicht im Einklang mit der jeweiligen Vereinbarung in Form von Stadionordnungen und Gesetz stehende Aktionen mit Eingreifen zu reagieren (das Melden bei jenen, die die Sicherheit der Veranstaltung absichern sollen gehört durchaus zum möglichen Spektrum des Eingreifens).

Andererseits bietet die Drohung des DFB, für den Fall, dass dieses Melden nicht geschehe, auch dummerweise sehr viel Platz, dass der eine oder andere Stadionbesucher in überambitionierter Weise seinen Verein zu schützen sucht und irgend jemanden, den er meint gesehen zu haben, als Täter präsentiert. Sprich, auch wenn die selbstreinigenden Prozesse innerhalb von Fanszenen die einzige Möglichkeit zu sinnhaften Verbesserungen in Bezug auf die Einhaltung von Gesetzen und (Stadion-)Ordnungen sind, könnten Sanktionsandrohungen bei ausbleibender, nun anzeigepflichtiger Selbstreinigung ziemlich schwerwiegende Nebenwirkungen haben. Zumal wenn man weiß, dass Stadionverbote meist schon auf der Basis von Ermittlungen (die zwingende Folge einer ‚Denunziation‘ wären) und eben nicht erst auf der Basis von rechtskräftigen Urteilen verhängt werden.

Trotzdem geht die Logik des DFB-Papiers zur Sportgerichtsbarkeit in die richtige Richtung, erteilt es doch der bisherigen Praxis vor allem Kollektivstrafen auszusprechen (Teilausschlüsse, Geisterspiele, Vereinsgeldstrafen) eine Absage und betont, dass nicht die Bestrafung der Vereine, sondern die Ermittlung der Täter im Mittelpunkt stehen müsse. Erst wenn der Verein nicht alles tut, um die Verfolgung und Ermittlung von Tätern zu gewährleisten, trete er quasi als Sträfling in die Schuld der Gerichtsbarkeit. Nach dieser postulierten Logik wäre ein Geisterspiel wegen eines Bierbecherwurfs wie auf St. Pauli nicht mehr möglich, weil der Werfer leicht zu identifizieren wäre und der Verein den Wurf selbst nicht sinnvoll verhindern kann (außer er verkauft kein Bier mehr, aber dann wirft eben jemand irgendwann mal sein Handy). Wäre eine absolut sinnvolle Folge der DFB-Ideen.

Kritisch wurde beim lesenswerten magischenfc-Blog eingeworfen, dass hier der DFB Zugriff suche auf Menschen, die mit ihm gar nicht unter Vertrag stehen, also den Stadionbesuchern. Sprich, dass der DFB versuche, seine Sportgerichtsbarkeit auf diese auszudehnen, obwohl diese Gerichtsbarkeit sich eigentlich gar nicht auf die Besucher erstrecke. Allerdings muss man das DFB-Papier auch gar nicht so verstehen, dass sie selbst mit ihrer Gerichtsbarkeit Stadionbesucher bestrafen wollen, sondern man könnte es auch so verstehen, dass das Papier einzig und allein die Vereine in die Pflicht nimmt, die Verfolgung und Ermittlung von Tätern bestmöglich zu organisieren, damit wiederum die Bestrafung und Verhinderung zukünftiger Taten durch entsprechend legitimierte Organe (wie normale Gerichte) erfolgen kann. Und in dieser Idee – so sie denn tatsächlich auch so gemeint ist – ist im Gegensatz bspw. zum DFL-Ausziehkontrollenwunsch nicht wirklich ein anmaßendes Vorgehen zu erkennen. Es ist vielmehr absolut nachvollziehbar die Vereine – auch dies im Gegensatz zur DFL – lokal in die Verantwortung zu nehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich vor der Pauschalbestrafung durch die DFB-Sportsgerichtbarkeit zu schützen.

Ein paar Diskurse später war es wieder der 1.FC Union Berlin, der sich weiter in seiner Rolle als Anwalt ‚der‘ Fans profiliert und als Reaktion auf das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ Fußballfanvertreter aus ganz Deutschland zu einem sogenannten Fangipfel einlud. Eine Veranstaltung, die vom Spiegel mit der passend scheinenden Überschrift „Alle wollen reden, doch keiner weiß, mit wem“ versehen wurde. Eine Veranstaltung, die wenig überraschend eine Ablehnung der DFL-Ausarbeitungen brachte und den offenen Dialog einforderte. Letztlich entstand ein Papier, das eine argumentativ extrem eingekochte Version, der schon von Union formulierten Ablehnungsgründe war.

Dass man über die DFL (die sich die Mühe machten, sich erfolgreich um eine Teilnahme am Fangipfel zu bemühen und sich der Kritik kommunikativ zu stellen) manchmal nur den Kopf schütteln kann, bewies sich einen Tag nach dem Fangipfel. In einer gerade mal zwei Absätze umfassenden Presseerklärung, die mit Farce noch freundlich umschrieben ist, schafften sie es die Hälfte des Platzes dazu zu nutzen, den Fans zu erklären, dass man über Pyrotechnik nicht reden werde. (In der anderen Hälfte erklärten sie, dass sie auch weiterhin dem Dialog mit den Fans eine große Bedeutung beimessen werden. Angesichts der Tatsache, dass es eigentlich bis zuletzt keinen Dialog gab, eine ziemlich dreiste Anmerkung.)

Man kann zu Pyrotechnik stehen, wie man will und man kann sie sogar ablehnen und der Meinung sein, dass man dafür auch gute Argumente hat. Allerdings sollte man gerade als DFL (und auch als DFB) zur Kenntnis nehmen, dass dieses Thema ein (auch durch den einseitigen Verbandsabbruch früherer Gespräche, in denen den Fans anfangs Hoffnungen gemacht wurden) offenbar hochemotionales ist und jede öffentliche Hardliner-Äußerung (gerade nach einem ersten Kommunikationsversuch) in dieser Emotionssuppe rührt. Warum bricht man sich bei DFL und DFB eigentlich derart extrem einen ab, wenn es darum geht, sich (in einer Art Mediation) mit seinen jeweiligen Ansichten zusammen mit Fanvertretern an einen Tisch zu setzen und die Argumente nebeneinander zu legen und dann zu gucken, wo es einen hinführt?

Wenn die DFL wirklich die Rechtslage auf ihrer Seite wähnt (was nicht erklären würde, warum in Chemnitz früher Aktionen in Absprache mit Feuerwehr und städtischen Behörden möglich waren), dann sollte es ihr doch ein leichtes sein, ein öffentliches Mediationsverfahren durchzuführen und mit einem lockeren ‚Seht ihr, Recht gehabt‘ aus dem Ring zu gehen. Falls sie sich aber nicht sicher sind, sollte es noch sehr viel leichter sein, zu einer lokalen Lösung zu kommen, in der Vereine, Fans, Feuerwehr und städtische Behörden im Zusammenspiel jeweils vor Ort entscheiden, ob zum Beispiel am Anstoßpunkt eine Viertelstunde vor Spielbeginn jemand in einer hochemotionalen Aufwallung ein Bengalo in die Luft hält. Meine kleine Spitze auf die von mir nie verstandene Emotionalität des Einsatzes von Pyrotechnik (außer es geht um den Reiz des Verbotenen) macht vielleicht deutlich, dass ich damit nicht viel anfangen kann, noch viel weniger verstehe ich allerdings, dass es für dieses Thema keine dialogorientierten Lösungsmöglichkeiten gibt.

Den vorerst letzten Akt im Sicherheitsdiskurs gab eine Aktion, die sich „Ich fühl‘ mich sicher“ [broken Link] nennt und eine entsprechende Unterschriftensammelwebsite betreibt (auf der schon 36.000 Unterschriften gesammelt wurden). Der überhitzten Sicherheitsdebatte setzten sie die Behauptung entgegen, dass sich Fußballbesucher sicher fühlen würden. „Ihr fühlt Euch auch sicher in den deutschen Stadien? Dann tragt Euch in die Liste ein!“, so ihr Motto.

Vielleicht um dem Vorwurf zu entgehen, dass man hier nur ein subjektives Gefühl verobjektivieren wolle, gibt es auch noch ein paar Fakten, mit denen die tiefenentspannte Sicherheit belegt werden soll. Spätestens da wird es allerdings tendenziös, denn im Versuch, die Sicherheit im deutschen Fußball zu belegen, beruft man sich einerseits mit passenden Zahlen auf die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, zitiert aber wohlweislich nicht deren Zahl, dass 2010/2011 ein Zwöfjahreshoch in Bezug auf die Anzahl der rund um die Spiele der ersten zwei Ligen Verletzten ergab und man allgemein einen Aggressionszuwachs konstatiere.

Kann man das tendenziös nennen, wird der Vergleich mit den Verletzten bei Verkehrsunfällen schon beinahe mutwillig falsch. Denn während man für Fußballspiele einfach die 17,6 Millionen Besucher der Saisonspiele (ohne Freundschafts-, Pokal oder Eurospiel freilich) nimmt und sie in Beziehung setzt zu den offiziell 846 Verletzten, stehen auf der anderen Seite mal eben 82.000.000 Bundesbürger, die sich 400.000 Verletzte aus dem Straßenverkehr teilen müssen. Wollte man die Zahlen halbwegs objektiv miteinander vergleichen, müsste man entweder die Anzahl der Teilnahmen am Straßenverkehr im Jahr als Basis nehmen (man nehme mal vorsichtig an, dass am Tag 20.000.000 mal Menschen am Straßenverkehr teilnehmen und multipliziere dies mit 365) oder auf der Seite der Fußballbesucher herausfiltern, wieviele unterschiedliche Besucher es sind (in den 17.6 Millionen sind ja viele Leute drin, die mehrere bis hin zu 34 Fußballspiele besucht haben).

Macht man dies und macht die Zahlen ansatzweise vergleichbar, kommt man auf eine Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit, die je nach geschätzter Basis sich zwischen Straßenverkehr und Fußballspielen nicht wesentlich unterscheidet. Was an sich schon ein ziemlich depremierender Befund wäre, dafür dass wir hier darüber reden, beim Versuch verletzt zu werden, ein Sportereignis(!) beobachten(!) zu wollen, während auf der anderen Seite Leute unter anderem mit 200 km/h über die Autobahn fliegen. Es wird aber noch depremierender bedenkt man, dass im Straßenverkehr aus Versicherungsgründen die Quote der aufgenommenen Fälle ziemlich nah bei 100% liegen dürfte, während rund um Fußballspiele die Quote der aufgenommenen Verletzungen drastisch geringer ausfallen dürfte, wenn man an die gezockten Fanutensilien und damit verbundene Schläge und Tritte abseits der Szenerie oder kleinere, oft als harmlos gekennzeichnete Rangeleien mit kleinen Kratzern als Folge denkt.

Die Vergleiche der Sichsicherfühler sind leicht absurd (auch der Oktoberfestvergleich hinkt ziemlich, da in den dortigen Verletzten auch schlicht und einfach alle Verletzungen in Folge alkoholbedingter, körperlicher Ausfallerscheinungen mit eingerechnet werden dürften) (Warum vergleicht man eigentlich nicht die Anzahl der Verletzten rund um Fußball- mit denen rund um Handballspiele?) und zeigen ein verbreitetes Phänomen in der öffentlichen Debatte, ähnlich wie bei den Ereignissen rund um das Lok-RB-Spiel. Man hat eine Auseinandersetzung, die öffentlich wahrgenommen wird und man hat rund darum unzählige (mindestens genauso schlimme) Vorkommnisse, die öffentlich gar nicht mehr diskutiert werden. Die Ereignisse, die wahrgenommen werden, werden nun mit völlig übertriebenen Begrifflichkeiten und Szenarien beschrieben, bei denen man manchmal das Gefühl hat, die Situation wäre nah dran am Bürgerkrieg gewesen. Doch aus der Zurückweisung dieser anmaßenden Beschreibung resultiert nicht etwa eine Anerkennung, dass generell etwas im Argen liegt, sondern resultiert eine Zurückweisung der Gefahrensituationen an sich.

Was für eine absurde Reaktion, die sich in ihrem Populismus in fast nichts von denen unterscheidet, die in der Politik nach Stehplatzverboten (dabei passiert in den Stadien nun wirklich kaum noch etwas, das tatsächlich – abgesehen von manchen Musikeinlagen – Gefahr für Leib und Leben bedeutet) und Nacktscannern oder Nacktcontainern schreien. Nur eben mit einer anderen Zielgruppe, den Fans, die schon immer mal was gegen die da oben unterschreiben wollten. Wir fühlen uns sicher oder meinetwegen auch, wir behaupten sicher zu sein, ist die totale Ignoranz gegenüber jenen, die auf ihren Reisen durch die Republik eben überhaupt nicht sicher sind oder sich so fühlen.

Als Anhänger von St. Pauli bspw. nach Rostock oder nach Dresden zu fahren, ist eben keine Reise, die man ohne Sicherheitsvorkehrungen durchführen kann. Als RB-Anhänger mit Schal zum Spiel gegen Lok zu fahren, ist auch in vielerlei Fällen nicht ratsam. Der eher linke Teil Aachener Ultras dürfte in Bezug auf Karlsbande und Co auch kein großes Sicherheitsgefühl verspüren. Und zu einem Auswärtsspiel nach Halle zu reisen, erzeugt auch nicht zu 100% ein sicheres Gefühl. Man darf sich in vielen Situation jedenfalls gern fragen, ob ohne Polizeikette eine körperliche Unversehrtheit (nehmen wir das mal als Indiz für eine sichere Situation) garantiert wäre..

Aber vielleicht ist mein ganz subjektives Sicherheitsempfinden auch nicht auf der Höhe der Zeit oder nicht cool genug für den Diskurs, den gerade ‚aktive‘ Fußballfans mit ihrem permanenten Bezug auf Emotionalität, Jugendkultur und Ist-halt-so-weiß-man-doch-kennt-man-doch-kann -man-aus-dem-Weg-gehen setzen. Tatsächlich lässt mich so etwas, wie der Sprecher der Sichsicherfühler Jan-Henrik Gruszecki im 11Freunde-Interview äußert, aber ziemlich ratlos zurück:

Hatten Sie jemals Angst im Stadion?
Nein, obwohl ich fünf Jahre in Argentinien gelebt habe und dort fast jeden Tag im Stadion war, hatte ich keine Angst. Auch wenn es dort eher Gründe gibt, sich zu fürchten: In argentinischen Stadien hat es sowohl Schwerverletzte als auch Tote gegeben.

Ganz ehrlich, mich auf ein Sicherheitsempfinden herunterzureduzieren, das in ziemlich gruseligem Relativismus selbst Tote und Schwerverletzte ganz subjektiv nicht als bedrohlich empfindet, habe ich wirklich nicht vor. Und ganz ehrlich ist es ziemlich albern auf dieser Basis ein Ich-fühl-mich-sicher-Bündnis, das Hauptsache groß sein und viele vereinen will, zu schmieden.

Ich verstehe ein Stück weit den emotionalen Hintergrund der Aktion, dem aufgeregten, medial-politischen Diskurs Masse und widersprechende Stellungnahmen von Stadionbesuchern entgegensetzen zu wollen. Und ich verstehe auch, dass man mit einem populistischen ‚Ich fühl mich sicher‘ mehr Öffentlichkeit bekommt als mit einem sachlichen ‚Ich finde nicht, dass Nacktscanner davor schützen, auf dem Weg zum Stadion auf die Nase zu kriegen oder in sich aufschaukelnde Situationen zwischen Fangruppen und Polizei zu geraten‘. Trotzdem bleibt die Aktion der Sichsicherfühler eine populistische Anmaßung, die sich in erstaunlichem Maße dem Niveau derer anpasst, gegen die man etwas zu unternehmen gedenkt.

Das Thema Sicherheit und Gewalt ist ein extrem aufgeladenes, bei dem man manchmal ob der öffentlichen Debatten verzweifeln möchte. Weil alles durcheinander und in einen Sack geschmissen und dann ohne Gegenwehr durch DFL und DFB mit dem politischen Knüppel drauf eingeschlagen wird. Das Problem ist, dass man auf Fanseite fast ausschließlich auf den sicherlich betrachtungswürdigen Knüppel glotzt, aber überhaupt nicht mehr in den Blick bekommt, mit wem man eigentlich nicht gemeinsam im Sack stecken will. ‚Ich fühl‘ mich sicher‘ ist da der passende fanhomogenisierende, populistische Schlachtruf, der die Reihen dicht machen soll und auf die Anmaßung von der Öffentlichkeit zur Masse gemacht worden zu sein, auch noch eingeht, statt sie zurückzuweisen. Vor dem Hintergrund, dass die DFL nur rhetorisch auf Dialog zu setzen scheint und die mediale Öffentlichkeit immer gern die Dramatisierung nimmt, darf man sich für die Zukunft der Sicherheitsdiskurse wohl keine positiven Hoffnungen machen.

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4 Gedanken zu „ich-fuehl-mich-meist-sicher-aber-das-ist-noch-lange-kein-argument-fuer-irgendwas.de“

  1. Ein sehr ausführlicher und anregender Beitrag! Ich kann dir in vielen Punkten zustimmen. Bei zwei Punkten würd ich gern etwas anmerken.
    1. Der Umgang mit Pyrotechnik. Es scheint mir, als relativierst du das. Was spricht denn für Pyrotechnik?
    2. Der Vergleich mit dem Straßenverkehr. Die Teilnahme am Straßenverkehr an sich birgt meiner Meinung nach ein wesentlich höheres Unfallrisiko als der Stadionbesuch. Außer dem Ausrutschen auf ner Bananenschale oder sowas dürfte da nichts weiter passieren, denn man sieht sich ein Fußballspiel an. Aber trotzdem werden Zäune eingetreten, Flaschen im Stadion geworfen und dann auch noch auf dem Weg zu den öffentlichen Verkehrmitteln und in der Stadt, von Gepöbele und Handgreiflichkeiten mal ganz abgesehen (Fahrlässigkeit versus Vorsatz). Ich wohne selbst in Leipzig, bin Fußballenthusiast und kotze jedes Mal ab, wenn die „Fans“ die ganze Stadt in Kleinholz legen. Vielleicht sollen diese Zahlen einfach verdeutlichen, dass es 846 Mal zu Verletzungen rund um ein Fußballspiel kam.
    Was sagst du dazu?

  2. 1. Ich relativiere nicht, ich mag es noch nicht mal (das ist aber höchst subjektiv und damit irrelevant). Ich frage mich nur, warum zwei Parteien, die beide für sich in Anspruch nehmen, objektiv stichhaltige (juristische) Argumente zu haben, warum Pyrotechnik im Stadion möglich oder unmöglich sei, sich nicht an einen Tisch setzen und die Argumente nebeneinander legen können. (und bei möglich geht es um so etwas wie festgelegte Zonen ein Stück abseits der Zuschauer, in denen einer irgendwas zündet.)

    2. Ja, die 846 sind Menschen, die laut offizieller Statistik im Zusammenhang mit Fußballspielen (also im Normalfall durch körperliche Auseinandersetzungen) verletzt werden (also all jene Fälle, die von der Polizei auch aufgenommen wurden). Fahrlässigkeit vs. Vorsatz trifft es da schon recht gut als Unterschied zwischen Unfällen und Verletzungen am Rande von Fußballspielen.

    1. Ja, da hast du definitiv Recht. Hatte das fehlinterpretiert. Zumindest die Kompromissbereitschaft sollten beide Parteien zeigen. Interessanter wären wirklich realistische Lösungsansätze. Du hast dich so intensiv mit der Situation auseinandergesetzt. Hast du auch die eine oder andere Idee hinsichtlich eines Kompromisses oder einer Lösung? Übrigens, danke für den ausführlichen Artikel!!! Äußerst lesenswert!

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