Regionalliga: VFC Plauen vs. RB Leipzig 1:1

Die zweite Halbzeit war noch keine fünf Minuten alt, da dachte ich kurz (nachdem ich in der Pause zuvor noch optimistisch gewesen war), dass man in manchen Spielen am Ende mit einem Punkt ganz zufrieden sein muss. Nicht weil der Gegner so stark ist, sondern weil man selbst nicht so recht in das Spiel hinein findet und dann eben ein Punkt besser ist als kein Punkt. Dem widerstrebend schob sich der Gedanke dazwischen, dass RB Leipzig ja vielleicht auch kurz vor Schluss glücklich gewinnen und man dann die „So wird man Meister“-Phrase auspacken könne. Aus letzterem wurde dann leider doch nichts..

Das Spiel hätte vermutlich ein einfaches werden können, wenn RB Leipzig aus den ersten 20 ziemlich überlegenen (wenn auch nicht übermäßig guten) Minuten gegen unsichere Gastgeber vor totenstillem Heimrund Kapital geschlagen hätte. Daniel Frahn hatte zweimal die große Möglichkeit dazu. Beim ersten Mal striff sein Kopfball knapp am langen Pfosten vorbei, beim zweiten Mal bekam er den Ball am Fünfmeterraum nicht mehr unter Kontrolle. Ich würde behaupten, dass sich bis dahin mutlose Plauener von diesem Gegentreffer nicht mehr erholt hätten.

Doch je länger es 0:0 stand und vor allem je ungenauer das RB-Spiel wurde, desto breiter wurde die VFC-Brust. Jeder Ballverlust der RasenBallsportler war eine kleine Einladung, an diesem Spiel teilzunehmen. Jede vom Schiedsrichter oft nicht adäquat geahndete Attacke auf des Gegners Beine war für die VFC-Spieler das Signal, dass sie ihren Gast eventuell doch beeindruckt kriegen. Das 1:0 für die Hausherren fiel deshalb in der Logik des Spiels ganz und gar nicht aus dem Nichts, war aber trotzdem völlig überflüssig, weil das Tor erstens ein Abpraller nach Standard war und zweitens der Gastgeber erst von RB Leipzig durch Ungenauigkeiten und Unzulänglichkeiten im Spielaufbau stark gemacht wurde.

Von der 30. Minute an nahmen sich beide Teams nicht mehr viel. RB Leipzig mit mehr spielerischer Klasse bzw. sollte man eher sagen, mit mehr Versuchen spielerische Klasse überhaupt zu entwickeln. Plauen mit viel Kampf und gelegentlich etwas zu brachialer Leidenschaft. Bis zur 30. Minute war das Unentschieden ein Witz, für die restlichen 60 Minuten spiegelt es das Geschehen ziemlich genau wieder.

Das beste nach dem Führungstreffer der Vogtländer war, dass Daniel Frahn postwendend den Ausgleich für RB Leipzig erzielte. Ich möchte nicht wissen, wie das Spiel gelaufen wäre, hätte man länger einem Rückstand hinterher laufen müssen. In letzter Konsequenz war der Ausgleich zumindest aus der Hintertorperspektive sogar noch glücklich, denn VFC-Keeper Person schien auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein. Der Ball von Frahn von der Strafraumkante war jedenfalls weder extrem scharf, noch extrem platziert und wäre nach normalem Ermessen eigentlich haltbar gewesen.

Wenn Fassungslosigkeit selbst in der Rückansicht greifbar wird - Sebastian Heidinger sieht eine absude rote Karte - Im Hintergrund der "Sternquell-Genießer-Block" | © GEPA pictures/ Roger Petzsche

Die zweite Halbzeit brachte entgegen der Pausenhoffnung dann keine Verbesserungen in Sachen Kreativspiel auf Seiten von RB Leipzig. Der VFC Plauen mit zunehmender Spielzeit mit zunehmender Verbissenheit. RB Leipzig immer wieder mit Versuchen, die aber weiterhin zu ungenau waren und nur sehr selten Torgefahr brachten. Läuft dieses Spiel schlecht, dann verliert RB sogar noch als Kai Zimmermann nach 80 Minuten nur um einige Zentimeter an einer Eingabe vorbeirauscht. Verdient wäre das aber allemal nicht gewesen.

Letztlich war diese Partie beim VFC Plauen ein Rückschritt in Sachen Kreativspiel. Ein Rückschritt, der sich ein wenig bereits in den vergangenen Partien angedeutet hatte (ja auch gegen Meuselwitz schon). Denn nachdem man beispielsweise in Rathenow, aber auch in Auerbach gezeigt hatte, wie man mit Flachpässen, permanenten Anspielstationen in Ballnähe und schnellem Kombinationsspiel gegnerische Abwehrreihen aushebeln kann, griff man zuletzt doch wieder viel, viel zu häufig darauf zurück, einfach den Ball auf die Köpfe von Frahn und Kutschke spielen zu wollen und dann zu hoffen, dass man durch Ablagen Chancen kreiert bzw. durch zweite Bälle in eine gute Feldposition kommt. Das mag in vielen Partien reichen, ist aber eigentlich nicht der Fußball mit dem man auf mittlere bis längere Sicht erfolgreich ist.

Das ganze mag auch mit einer Verschiebung in der taktischen Formation zu tun haben. Vereinfacht könnte man dies mit der Umorientierung von einem 4-1-3-2 auf ein 4-3-1-2 beschreiben. Doch es umfasst noch mehr in der Ausrichtung der beiden äußeren Mittelfeldspieler, die gestern Kaiser (links) und Schulz (rechts) hießen, denn während gerade in den ersten Spielen diese (vor allem wenn sie Röttger und Heidinger hießen) vor dem zentral defensiven Mittelfeldspieler (ursprünglich Kaiser, gestern Ernst) permanent kreuzten, anspielbar waren und die Abwehrreihe des Gegners durcheinanderbrachten, spielen die äußeren Mittelfeldspieler aktuell wesentlich positionstreuer auf ihren jeweiligen Seiten, was dazu führt, dass die offensive Variabilität und manchmal schlicht die zusätzliche Anspielstation fehlt. Der lange Ball, die Flanke aus dem Halbfeld und die Hoffnug auf zweite Bälle ist dann oft die einfachere Alternative, auf die vermehrt, aber gestern weitestgehend erfolglos zurückgegriffen wird.

Das Spiel in Plauen sah von seiner Anlage relativ deckungsgleich mit der Partie gegen Meuselwitz aus. Es fehlten im Vergleich sicherlich nur ein paar Prozentpunkte Feuer (auch wenn Daniel Frahns offensiver Jubel gen „Sternquell-Genießer-Block“, wo sich in der Nähe der RB-Fans ein paar meist schweigende VFC-Supporter versammelt hatten, die kurz zuvor erstmals die Stimme zu einem Irgendwas-gegen-Red-Bull erhoben, auch für viel Feuer spricht) und ein Standard, der mal durchrutscht und zum Erfolg führt, aber alles in allem war Plauen auch die Quittung für das, was in der Spielanlage schon gegen Meuselwitz nicht extrem gut war. Bisher war es in dieser Saison oft eine große Stärke von RB, auch in Stresssituationen einen guten Ball zu spielen und so Torchancen zu kreieren. Man muss aufpassen, dass man diese Qualität nicht ohne Not verliert.

Fazit: Der Punktverlust war völlig überflüssig, weil die RasenBallsportler die anfangs mutlosen Gastgeber überhaupt erst zum Mitmachen einluden. Trotz ganz leichtem Chancenplus kann sich RB Leipzig aber über das Unentschieden auch nicht beklagen, denn 60 Minuten lang nahmen sich beide Teams in ihren völlig unterschiedlichen Arten von Qualität nichts. Das Spiel war ergebnistechnisch und spielerisch ein Rückschlag für RB Leipzig. Man sollte daraus lernen, im Detail Anpassungen vornehmen und dann nächste Woche gegen Hertha II den besseren Teil des Fadens wieder aufnehmen. Kein Beinbruch dieses Unentschieden, aber ärgerlich ist das Zustandekommen gegen einen keinesfalls übermächtigen, insgesamt eher ziemlich limitierten Gegner allemal.

Randbemerkung 1: 250 bis 300 Leipziger hatten den Weg ins Vogtland geschafft. Eine ganze Reihe von Anhängern (geschätzt mindestens 50) musste wegen einer gesperrten Autobahn und verstopfter Ausweichrouten in Autobahnnähe passen. Trotzdem war die Stimmung im an einigen wenigen Stellen etwas zu bierseligen Gästeblock ziemlich passabel. Vor allem in der zweiten Halbzeit, als das Spiel lange im Kreativmorast versank, wählte man mit viel Lust und Laune die entgegengesetzte Richtung.

Randbemerkung 2: Die Schiedsrichter sind in letzter Zeit verstärkt Thema hier im Blog. Habe ich das Gefühl. Ob das an mir oder objektiven Gegebenheiten liegt, weiß ich nicht. Aber der vom Spiel in Plauen gestern hatte es wieder in sich. Die gesamte Spielzeit tat er sich nicht unbedingt darin hervor, die Angriffe auf die Beine der RasenBallsportler konsequent, geschweige denn mit Karten zu unterbinden. Doch seinen großen Auftritt hatte er sich in Zusammenarbeit mit seinem Linienrichter für die Nachspielzeit aufgehoben. Zuerst zeigte der Linienrichter fünf Meter vom Geschehen ein mehr als klares Foul an Juri Judt nicht an, nur um Sekunden später umso wilder zu winken, weil Sebastian Heidinger seinem Gegenspieler im Kampf um den Ball einen Check verpasst hatte. Folge des Winkens und des folgenden Einredens auf den Schiedsrichter war eine glatte rote und genauso glatt unberechtigte Karte, die man nur als Witz beschreiben kann. Slapstick dann zum Spielschluss als der Schiedsrichter den Abpfiff mitten in einen durchaus aussichtsreichen Schussversuch nach Eckball platzierte. Fast schon Glück, dass der Ball anschließend nicht ins Tor flog.. Insgesamt darf man aber festhalten, dass RB nicht wegen den Unparteiischen mit zwei Punkten zu wenig nach Haus gefahren ist.

Randbemerkung 3: Vor dem Spiel hatten sich ja BILD und LVZ den ersten inoffiziellen Judt-Schinke-Battle geliefert. Erstere behaupteten zu wissen, dass Juri Judt nach überstandener Verletzung wieder auflaufen werde. Letztere waren überzeugt, dass Schinke seinen Platz links hinten trotz Judt behalten dürfe. Recht behielt BILD und behielt damit zur Abwechslung im Lokalsport-Medienduell mal die Nase vorn. Juri Judt lief auf und machte seine Sache insgesamt passabel.

Randbemerkung 4: Zum ersten Mal beim Fußball erlebt: Ein Stadionsprecher, der mitten im Spiel und aus dem Nichts einen Rülpser durch die Lautsprecher schickt. Nicht schlecht gestaunt.

Randbemerkung 5: Plauen und diese leidigen 1:1. Meine persönliche Erinnerung beginnt bei einem Spiel FC Sachsen gegen Plauen (Jahr will ich jetzt nicht recherchieren) als die damals noch geeinten Chemiker gegen die Vogtländer viermal Pfosten oder Latte trafen und sich Gästecoach Andreev trotzdem vor die Kameras stellte und von einem verdienten Unentschieden sprach (haha). Nicht viel besser war es vor etwa einem Jahr, als die Plauener Gäste nach einem in 85 von 90 Minuten völlig talentfreien Auftritt einen Punkt mit aus der Red Bull Arena nahmen und Coach Hoßmang nach meiner Erinnerung auch von einem verdienten Punkt (Kampf und so) sprach. Auch diesmal zeigte man sich unter Coach Berger natürlich sehr zufrieden, aber diesmal war der Punktgewinn auch nicht gänzlich unverdient. Trotzdem finde ich, dass mit den 1:1 jetzt mal gut ist..

Lichtblicke:

  • Schwierig aus der Mannschaft jemanden positiv herauszuheben. Niklas Hoheneder wirkte insgesamt sehr sicher. Fabian Franke stand dem kaum nach, spielte aber diverse lange Bälle ins Nichts. Dominik Kaiser war zumindest in der ersten Halbzeit sehr präsent. Danach wird es aber auch schon schwierig..

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Tore: 1:0 Kousal (34.), 1:1 Frahn (36.)

Rot: Heidinger (90.)

Aufstellung: Coltorti – Müller, Hoheneder, Franke, Judt – Schulz (74. Heidinger), Ernst (59. Röttger), Kaiser – Rockenbach – Kutschke (81. Kammlott), Frahn

Zuschauer: 1.636 (davon 250 Leipziger)

Links: RBL-Bericht [broken Link], RBL-Liveticker [broken Link], RB-Fans-Bericht, MDR-Bericht [broken Link], VFC-Bericht [broken Link]

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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4 Gedanken zu „Regionalliga: VFC Plauen vs. RB Leipzig 1:1“

  1. Dein Kommentar trifft genau meine Meinung. Völlig unnötig Punkte verloren, weil man den angeschlagenen Gegner stark gemacht hat. Errinnert erschreckend an letzte Saison also man so oft nach gutem Beginn lange kaum was nachsetzte. Überhaupt ist auch mir aufgefallen, daß die Offensive seit der Reaktion auf das Abwehrdebakel von Auerbach praktisch tot ist. (seither 1 Standard, 1 Elfer, 2 Mal individuelle Klasse Frahn) Wo sind die spielerischen Mittel hin? Da läuft nur noch der angesprochene Plan B. Also so muss man echt um Platz 1 bangen. Von der Relegation ganz zu schweigen. Kann nur hoffen, daß dies ein Dämpfer zur rechten Zeit ist und nun wieder konsequenter am eigenen Spiel gearbeitet wird.

  2. Die Ähnlichkeiten zu dem Meuselwitz Spiel habe ich ebenso beobachtet. Das 4-3-1-2 System verengt nach meiner Meinung das Angriffsspiel auch in der Breite und ist damit leichter abzuwehren . Es werden fühlbar weniger echte Torchancen kreiert.
    Mit den beiden Einwechselungen von Heidinger und Röttger wäre eine Systemänderung zum 4-4-2 bzw. 4-1-3-2 durchaus möglich gewesen. Eine überraschende taktische Änderung hätte dem Spiel wahrscheinlich gut getan.
    Nur gut das es welche gibt die alles besser wissen !!!!

  3. Ein Dämpfer zur rechte Zeit, obwohl der Auftritt in Kamenz schon schwach war. Da liegt noch viel harte Arbeit vor den RasenBallsportlern. Ein Durchmarsch wäre vielleicht gar nicht so gut, wenn man an mögliche Religationsgegner aus den wesentlich stärkeren Staffeln denkt.

  4. @schaxel: Bloß gut gibt es die, ja. 😉

    @Udo: Ich hoffe nur, dass man nicht so oft darauf verweist, dass ein Durchmarsch nicht so gut ist, bis man plötzlich an der Relegation gar nicht teilnimmt…

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