Die Torwartwoche: Domaschke, Schlieck, Bräutigam

Die letzte Woche bei RB Leipzig könnte ja auch – etwas abseits des ganz großen Interesses – auch als Torwartwoche durchgehen. Ein neuer Torwart, ein neuer Torwartausbildungskoordinator und ein verlängerter Torwarttrainer bei den Profis. Derartig viele Entscheidungen rund um die Nummer 1 gibt es sonst bei Fußballvereinen manchmal in einem Jahr nicht.

Fangen wir mal mit der Verlängerung des Vetrages von Torwarttrainer Perry Bräutigam an. Bräutigam ist neben Benjamin Bellot der Einzige rund um das Profiteam, der bereist seit 2009, also seit dem Startschuss für RB Leipzig, im Verein tätig ist. Bräutigam hat in diesen 3 Jahren eine beeindruckende Bandbreite an bekannten und weniger bekannten Fußballpersönlichkeiten auf und neben dem Platz überlebt. Ich vermute, dass er schon jetzt Geschichten für einen mehrteiligen, grotesken Abenteuerroman in petto hätte.

Bräutigam ist aufgrund seiner überdurchschnittlichen Verweildauer im Verein und seiner Beliebtheit bei den Anhängern eine nicht unwichtige Identifikationsperson. Quasi im Funktionsteam eine Art Gesicht des Vereins. Und von seiner Arbeit her (die man als Außenstehender nun wirklich nicht beurteilen kann) hat er bisher alle Trainer überlebt bzw. haben ihn die neuen Trainer immer behalten, er muss also mit seinen Fähigkeiten alle überzeugt haben. Das alles zusammen reicht eigentlich, um befinden zu können, dass die Vertragsverlängerung vorerst um ein weiteres Jahr bis 2014 absolut sinnig ist.

Mindestens genauso sinnig ist die zusätzliche Investition in die Personalinfrastruktur und die Schaffung des neuen Postens eines Koordinators für die Torwartausbildung und -entwicklung. Eine Position, die quasi auf höchstem Niveau die Grundlagen für eine einheitliche Torwartausbildung bei RB Leipzig schaffen soll. Eine Position, die mir so scheint, als seien ihr, bei allem Teamgedanken, alle anderen Torwarttrainer bis hoch zu den Profis unterstellt. Ob dies tatsächlich auch auf Perry Bräutigam zutrifft, wird sich im Alltag wohl erst noch zeigen müssen.

Für diese neue Positon also verpflichtete RB Leipzig bzw. Sportdirektor Ralf Rangnick den 42jährigen Thomas Schlieck. Dieser war bis zuletzt für ein reichliches Jahr bei Schalke 04 tätig und leitete dort die Torwartausbildung (und kam da auch mit Ralf Rangnick in Kontakt bzw. wechselte er auch damals auf Initiative von Rangnick). Zuvor brachte er es auf stolze 12 Jahre bei Arminia Bielefeld, auch dort in leitend-verantwortlicher Torwartausbildungsfunktion. Schlieck erarbeitete die DFB-Lizenz für Torwarttrainer mit, die zukünftig für alle Torwarttrainer von Profivereinen Pflicht werden soll und es für die Torwarttrainer in Nachwuchsleistungszentren offenbar schon ist. Nebenbei schrieb er diverse Fachartikel und entwickelte Konzepte zur Torwartschulung.

Thomas Schlieck ist somit gewissermaßen ein weiteres Puzzlestück im Aufbau nachhaltiger Strukturen in der Nachwuchsarbeit von RB Leipzig und dürfte zur weiteren Verbesserung der Bedingungen der Torwartausbildung führen. Schlieck ist, nach allem was man darüber weiß, in Leipzig von seiner Stellenbeschreibung her, für die selben konzeptionellen Projekte auf allen Nachwuchsstufen verantwortlich wie in seiner Zeit bei Schalke 04. Und über seine dortigen Pläne bei Amtsantritt berichtete er ausführlich in einem lesenswerten Interview mit torwart.de. Da steckte damals auf Schalke schon viel Rangnick in der Idee Schlieck zu verpflichten..

Die Verpflichtung von Thomas Schlieck ist insgesamt absolut vernünftig, weil sie eine Lücke schließt und weil sie absolute Fachkompetenz zu RB holt. Warum es nach gerade einmal einem reichlichen Jahr auf Schalke scheinbar so einfach (weil geräuschlos) war, ihn von dort wegzulotsen, ist nicht bekannt. Der Name Rangnick dürfte dabei eine wesentliche Rolle spielen und vielleicht brauchte man einen wie Schlieck nach Rangnicks Abgang vor etwa einem Jahr nicht mehr. Sieht man mal von ein paar leicht verschwörungstheoretisch anmutenden Behauptungen (in Bezug auf personelle Präferenzen, angebliche Beratertätigkeiten Schliecks und das schlechte Torwartspiel der Arminen-Keeper) von Fans aus Schliecks Endzeiten in Bielefeld ab (was Schlieck wohl auch meint, wenn er sagt, dass er im Nachhinein schon eher als erst nach 12 Jahren ein Angebot weg von der Arminia hätte annehmen sollen), dann ist Schliecks Fachkompetenz unumstritten. Gut, dass er sie nun vorerst bis 2015 bei RB einbringen wird.

Bleibt noch Erik Domaschke, der nach Probetraining dann in der letzten Woche offiziell als Torhüterneuzugang vorgestellt wurde. Womit er Torhüter Nummer 5 bei RB Leipzig ist. Wobei das natürlich ein bisschen polemisch ist, denn von den fünf Keepern sind gleich zwei verletzt, sodass man wieder auf die Normalanzahl von drei kommt. Die Verpflichtung von Domaschke kam nach der Verletzung der Nummer 2 Benjamin Bellot nicht völlig überraschend, stand man mit der unumstrittenen Nummer 1 Fabio Coltorti und dem Perspektivkeeper Matthias Hamrol (18 Jahre) doch etwas dünn im Torwartwind. Bedenkt man aber, dass man bei Lok beispielsweise in der selben Situation wohl eher den Greenkeeper auf die Bank gesetzt hätte, dann ist es natürlich ziemlicher (und ziemlich angenehmer) Luxus, dass man es sich leisten kann, Anfang Oktober mal schnell einen Mann von der Klasse Domaschkes ins Team zu holen.

Erik Domaschke ist inzwischen 26 Jahre alt (in einem Monat sogar 27), was deswegen bemerkenswert ist, weil er meinem Gefühl nach gerade erst als großes Talent vom FC Sachsen Leipzig zu Bayer Leverkusen gewechselt war. Doch dieser Schritt ist inzwischen auch schon sechs Jahre her. Und zeugt von einer Zeit, in der der spätere Untergang des FC Sachsen Leipzig begonnen wurde. Der Umgang mit Domaschke damals war jedenfalls ein wenig typisch für den finanziell nicht wirklich abgesicherten Größenwahn. Eduard Geyer war es damals, der dem großen Talent Domaschke, der mit Oldie Twardzik und Chemie-Liebling Lippmann sowieso schon zwei Gute vor der Nase hatte, auch noch die zu jenen Tagen recht große Nummer Steffen Süßner als neue Nummer 1 in den Kasten stellte setzte.

Auf irgendwas zwischen Nummer 3 und 4 bei einem viertklassigen Oberligisten wollte sich Domaschke dann doch nicht einlassen. Wenigstens ein bisschen sportliche Perspektive (sprich spielen) wollte er in dem Verein, in dem er angestellt war. Deswegen dann eben Bundesliga und Leverkusen, wo er erst mal in der zweiten Mannschaft (aus der just im selben Sommer Timo Röttger gen Paderborn wechselte) ran durfte und in der Regionalliga West 14 mal zum Einsatz kam. (Benjamin Kirsten, inzwischen Dynamo-Keeper brachte es in derselben Spielzeit 2006/2007 auf gerade mal zwei Einsätze.)

Nachdem Hans-Jörg Butt ein Jahr später in Leverkusen abserviert wurde, kämpfte Domaschke um die Nummer 2 hinter Rene Adler, saß immerhin 10mal auf der Bundesligabank und spielte 16 mal in der Ragionalliga. Von der Nummer 3 bis 4 in der vierten Liga zur Nummer 2 in der Bundesliga in reichlich einem Jahr. Keine schlechte Karriere für einen, der von Eduard Geyer als zu leicht befunden wurde.

2008/2009 pendelte er noch einmal zwischen Bundesliga-Bank und Regionalliga-Team, bevor er 2009 zum SV Wehen Wiesbaden in die dritte Liga wechselte. Und damit das Los derer teilte, die sich mit 23 noch nicht in der Bundesliga durchgesetzt haben und für die zweite Mannschaft aufgrund des Alters nicht mehr in Frage kommen. Bestritt er in Wiesbaden im ersten Jahr noch 28 Drittligaspiele, kamen im zweiten Jahr nur noch 3 dazu, sodass sein Abgang eigentlich folgerichtig war. Seine bislang letzte Station war dann Hessen Kassel, wo er in der vergangenen Saison insgesamt 30 Regionalliga-Spiele absolvierte und in der Südstaffel auch im Augenwinkel für Alexander Zorniger sichtbar wurde.

Warum nach nur einem Jahr in Kassel bereits wieder das Aus für Domaschke kam, ist schwer nachvollziehbar. Domaschke wäre gern geblieben, der (später kaltgestellte) Torwarttrainer wollte ihn behalten und der Trainer auch. Irgendwie hat man sich offenbar in den Vertragsverhandlungen in die Wolle gekriegt, die Vereinsführung und die sportliche Leitung waren sich auch nicht eins und irgendwo zwischen ‚der Spieler wollte zu viel‘ und ‚der Verein machte ein unterirdisches Angebot‘ liegt wohl die Wahrheit. Domaschke jedenfalls angesichts eines sehr dichten, deutschen Torwartmarkts in der schlechteren Position und später ersetzt durch Carsten Nulle, der zuvor nach seinem Aus in Jena ein ganzes Jahr lang vereinslos gewesen war..

Was nun auch Erik Domaschke gedroht hätte, wenn ihm nicht RB Leipzig ein Vertrag bis Jahresende, also bis zur Winterpause, angeboten hätte. Was Domaschke in der Situation, in der er aktuell steckte, nur schwerlich ablehnen konnte. Denn als Torwart ist man in Deutschland schneller vergessen als man hechten kann. Zorniger habe es gefallen, wie sich Domaschke im Probetraining in seine Aufgabe geworfen und gezeigt habe dass er unbedingt ins Team will. Dazu hätten ein paar Nachfragen bei Kollegen den Ausschlag für eine Verpflichtung gegeben.

Das Problem von Erik Domaschke in Leipzig ist natürlich, dass er eigentlich nicht (bzw. nur als Notnagel) gebraucht wird. Eine Verlängerung des Vertrags bis zum Saisonende kommt eigentlich nur für den Fall in Frage, dass Benjamin Bellot, dessen Status als Nummer 2 Alexander Zorniger in der letzten Woche auch für die Zukunft deutlich formuliert hat, auch weit in die Rückrunde hinein noch verletzt sein sollte. Aber auch dann hat Domaschke bei RB maximal eine Perspektive bis zum Jahresende, um sich in dieser Zeit einen neuen Verein zu suchen. Mir fällt aktuell kein Szenario ein, bei dem Domaschke auch 2013/2014 im Kader von RB Leipzig auftauchen wird.

Für die aktuelle Spielzeit bedeutet das, dass Erik Domaschke, solange Bellot verletzt ist, zwar die offizielle Nummer 2 hinter Coltorti ist, aber trotzdem bei den Spielen nicht mal im Kader steht. Was daran liegt, dass er mit 26 Jahren nicht mehr die U23-Regel erfüllt (mindestens vier Spieler müssen in der Regionalliga im Spieltagskader unter 23 sein) und bei RB Leipzig der Torwart zwingend gebraucht wird, um die Regel zu erfüllen. So sitzt Matthias Hamrol auf der Bank und wäre für den Fall einer Verletzung oder Roten Karte von Coltorti im Spiel die erste Alternative, würde aber im nächsten Spiel bei weiterem Coltorti-Ausfall dann hinter Domaschke zurück auf die Bank rutschen.

Die Verpflichtung des gebürtigen Leipzigers Erik Domaschke, der damit nach seinem etwas unwürdigen und unfreiwilligen Abschied beim FC Sachsen Leipzig (nicht alle Talente haben in den letzten 20 Jahren Leipzig wegen Geld oder höheren Ligen verlassen, manche wollten einfach nur spielen und ein bisschen Wertschätzung) wieder zurück in die Heimat kehrt, ist insgesamt tatsächlich Luxus, weil man sich einen sehr guten Regionalligatorwart holt, um die Alternativen auf der Bank zu erhöhen und bei einem eventuellen Coltorti-Ausfall nicht ganz blank zu stehen.

Schade, dass Domaschke unter diesen Umständen zurück nach Leipzig kommt und nicht weil ihn ein Verein als Nummer 1 will. Wünschen wir ihm, dass die Zeit bei RB Leipzig sein Sprungbrett in eine gute sportliche Zukunft wird. Vielleicht wirft man ja in Magdeburg oder Halle oder bei einer anderen lokalen Fußballkraft ein Auge auf ihn. Ich jedenfalls freue mich, dass Domaschke bei RB Leipzig untergekommen ist und dass er damit seinen Ausflug in die Arbeitslosigkeit schon beenden konnte, bin aber etwas traurig, dass die Rückkehr des verlorenen Sohns zumindest bei RB Leipzig nach Stand der Dinge kein Happy End haben wird.

Fazit: Drei Entscheidungen für den Torwartbereich. Zwei davon strategischer Natur, was das Training und die Ausbildung der Torhüter angeht, eine davon kurzfristiger Keepernatur. Alle drei Entscheidungen sind in ihrer jeweiligen Logik absolut vernünftig und nachvollziehbar. Allen Dreien sei ein Herzlich Willkommen bzw. ein Glückwunsch zum Bleiben gegönnt.

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3 Gedanken zu „Die Torwartwoche: Domaschke, Schlieck, Bräutigam“

  1. „Bräutigam ist neben Benjamin Bellot der Einzige rund um das Profiteam, der bereist seit 2009, also seit dem Startschuss für RB Leipzig, im Verein tätig ist.“
    Was ist mit der Physiotherapeutin Anja Strobel?

  2. Ja nun, meinetwegen. Mein persönlicher Blick endet meist auf der Ebene der Hauptverantwortlichen (also bis zur Trainerebene) und der Spieler. Selbst der Torwarttrainer fällt da bei mir meist hinten runter. Für den Artikel hier bot sich aber der Vergleich mit Benjamin Bellot an. Aber klar, wenn man den Vergleich wählt, kann man natürlich auch nach anderem Vergleichbaren fragen..

  3. Ja, dieser Bräutigam scheint wirklich ein angenehmer Bursche zu sein, so, wie er auch mir noch als Aktiver aus Jena und Rostock bekannt war
    Es ist gut vorstellbar, dass die RB-Vereinsführung bis in die entlegensten Personalstuben, wo Wechselabsichten von Nachwuchstrainern, ausrangierten ehemaligen Spitzensportlern der Leichtathletik, Fußballtalenten, die es bei höherklassigen Mannschaften nicht gleich schaffen oder evtl. irgendwo ein zu geringes Einkommen haben sowie bekannte Ärzte, die ihre bisherigen Operationsplätze in modernen Krankenhäusern lieber mit den Stadionpritschen eintauschen, ihre Fühler ausgestreckt hat, um bei Bedarf schnell zuschlagen zu können. Nur so ist es zu erklären, warum das Personalrad bei RB scheinbar nie zum Stillstand kommt. Das habe ich allerdings schon an anderer Stelle bemerkt.
    Die Verpflichtung von Torhüter Domaschke ist allerdings gut nachvollziehbar, weil sich die treue Seele des Vereins, Bellot, schlimm verletzte.

    Wie in der Vergangenheit geschehen, könnte aber das ständige „Willkommenheißen“ und „Verabschieden“, das logischerweise auch mit interner Unruhe verbunden ist, allerdings damit auch das längst angestrebte Ziel, endlich in einer höheren Klasse zu spielen, erneut gefährden!

    Auch , wenn es die dortigen Verantwortlichen nicht so richtig wahr haben wollen: In der allgemeinen Zuschauergunst wird der Leipziger Club durch die unnormal hohe „finanzielle Aufbettung“ gern mit den Bayern aus München verglichen, eben nur ein paar Klassen tiefer, weil es dadurch einfach kein fairer Wettbewerb mehr ist…….

    Was mich allerdings aber sehr traurig stimmt, sind die immer wieder feststellbaren hässlichen Beiträge bestimmter Typen in der Stadt, die auf eine völlig unsachliche und respektlose Art nicht nur ihren Verein schädigen, sondern nicht einmal nur ansatzweise ein leichtes fühlbares Miteinander zu den anderen Leipziger Mannschaften erkennen lassen.

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