Die Probleme der Kettenenden

„Wir waren relativ oft alleine hinten und haben Mann auf Mann gespielt.“ (Niklas Hoheneder nach dem Sieg von RB Leipzig in Auerbach im Red Bull Audioplayer [broken Link] vom 30.09.2012)

Da hat der Innenverteidiger Niklas Hoheneder recht und spricht damit ein Problem in Folge des noch nicht funktionierenden Arbeitens gegen den Ball nach dessen Verlust an. Denn in diesen Fällen fliegen die Bälle der Viererabwehrkette und vor allem den Innenverteidigern, die oft auch noch für die Außenverteidger einspringen müssen, nur so um die Ohren.

Klar, man kann sagen, dass die Aufgabe der Abwehrspieler das Verteidigen und Lösen von 1-gegen-1-Situationen ist. Nur ist das ganze ja eine Art statistisches Problem. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine 1-gegen-1-Situation in Strafraumnähe verloren geht und daraus eventuell gar ein Tor resultiert, ist sehr viel höher als bei verlorenen Duellen im Mittelfeld. Oder anders gesagt, wenn man fiktiv davon ausgeht, dass 10% aller 1-gegen-1-Situationen am oder im Strafraum unter Beteiligung der letzten Feldspieler vor dem Keeper mit einem Gegentor enden, wird es zum Problem, wenn man wegen schlechter defensiver Gesamtorganisation doppelt so viele Situationen dieser Art wie im Normalfall hat. Denn daraus resultieren dann auch doppelt so viele Gegentore. Und das ist auf keinen Fall die (alleinige) Schuld der Verteidiger, die in der Masse der Spielsituationen wie in Auerbach gar keine andere Chance haben, als gelegentlich auch mal schlecht auszusehen, denn bereits rein statistisch ist Fehlerlosigkeit und eine 100%ige Zweikampfsiegquote nicht möglich.

Deswegen muss man aufpassen, dass man nicht einen falschen Zungenschlag in die Debatte kriegt, denn die hohe Anzahl der Gegentore wird genausowenig durch nur einen Mannschaftsteil (die Abwehr) verschuldet, wie nur ein Mannschaftsteil (der Angriff) für die Tore verantwortlich ist. Die Verteidigung beginnt ganz vorne bei den Stürmern bzw. beim Ballverlierenden und in dessen Umgebung. Die Verteidiger sind quasi die letzte Sicherung in der Kette und deswegen ähnlich wie die Keeper die ärmsten Schweine, wenn sie denn mal einen Fehler machen. (Genauso wie Stürmer zum Deppen werden, wenn sie mal zwei, drei Chancen am Stück auslassen.) Das ist nun mal die Krux an letzten Gliedern in einer Kette, dass man ihnen gern die Verantwortung für die ganze Kette auflädt.

Heißt nichts anderes als das, was der Salzburger Coach Roger Schmidt in einem in Bezug auf die Spielphilosophie interessanten Interview mit 90minuten [broken Link] mit seinem „Man kann eine Mannschaft nicht mehr in defensive und offensive Spieler unterteilen, sondern komplett in offensives und defensives Verhalten“ meinte. Sprich, selbst wenn man wie in Auerbach sehen kann, dass Paul Schinke links hinten suboptimal besetzt ist, liegt es am Defensivverhalten der ganzen Mannschaft, dass er da immer wieder in 1-gegen-1-Situationen landet, bei denen er als nicht gelernter Verteidiger naturgemäß in einer höheren Anzahl der Fälle schlecht aussieht, als dies auf der gegenüberliegenden Seite Christian Müller tun würde. Wenn man dies also von vornherein weiß, dann muss man diese spezielle Situation auch besser absichern. Punkt. Und das ist Aufgabe aller Spieler an allen Orten auf dem Platz.

Und noch was gibt uns Niklas Hoheneder via oben erwähntem Audioplayer mit auf dem Weg:

Unsere Fans waren heute bei weitem lauter und emotionaler als die Auerbach-Fans. Das hab ich mir anders vorgestellt. Aber wir sind halt der größte Club in der Liga und das haben wir heute wieder von den Fans her bewiesen.

Man muss natürlich den Kontext sehen und der besteht in einer Frage nach der Stimmung in Auerbach. Und da war das RB-Anhang sicherlich deutlich lauter (aber hey, wir reden hier von einem Besuch – bei allem Respekt – in einer 20.000-Leute-Gemeinde). Und vermutlich – wenn es sportlich so weitergeht – wird RB Leipzig am Ende der Saison in der Zuschauertabelle wieder – wie schon im letzten Jahr – ganz oben stehen. Nur, mit Blick auf den 1.FC Magdeburg, der gerade in Bezug auf seine Zuschauerunterstützung (gerade auch in Auswärtsspielen) mindestens auf Augenhöhe mit RB Leipzig agiert und eine erhebliche (lokale) Relevanz und vor allem Zugkraft besitzt, wirkt die Aussage dann doch etwas überzogen bis überheblich.

Die Magdeburger mit ihrer nicht wenig imposanten Fanwand jedenfalls dürften in den direkten Aufeinandertreffen mit RB egal in welchem Stadion derzeit hinsichtlich Lautstärke noch ordentlich die Nase vorn haben. Und wenn die sportliche Situation in Magdeburg so bleibt wie sie ist, wird man auch in Sachen Zuschauerzahlen dem Leipziger Rivalen um nichts (oder wenn dann nicht viel) nachstehen. Aber vermutlich ist es sowieso wenig zielführend den Wettstreit um den größten Club auszurufen, wenn der Status Quo in Leipzig unabhängig von allen Vergleichen ziemlich zufriedenstellend ist..

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5 Gedanken zu „Die Probleme der Kettenenden“

  1. Jaja, Spieler erzählen nach dem Spiel so einiges… Drum fragt man sie ja auch so gerne 😉 Aber â propos Magdeburg. Speziell defensiv sehr guter Start. Hatte sie ja gleich mit auf dem Zettel. Was ist deine Meinung / Prognose?

  2. Hatte sie vor der Saison in das obere Tabellendrittel getippt (also Top 6), aber ihnen noch die Qualität für den Sprung nach ganz oben bzw. den Kampf um die Spitze abgesprochen. Von daher stehen sie oberhalb meiner Erwartungen. Aber man muss mal abwarten, wie das in Magdeburg weitergeht. Rückschläge sind auf ihrem Weg des Neuanfangs durchaus nicht ausgeschlossen. Wie gesagt, nach den nächsten vier Spielen und vor dem Spiel gegen RB wird man schon mehr wissen, wie konstant gut Magdeburg spielen kann. Bisher scheint die Mischung zu stimmen. Prognosen finde ich aber schwierig. Wenn dann würde ich eher dazu tendieren, dass sie das in diesem Jahr noch nicht durchgehend sehr gut runterspielen können.

  3. um nochmal kurz Hoheneders Statement mit den Fans aufzunemen…ein bischne muß ich dir auch wiedersprechen sicherleich kann das aus sicht eines Magdeburgers überheblich klingen – oder – und das empfinde ich als wichtiger: Hoheneder hat das sicherlich nicht aus Überheblichkeit sondern eher aus Stolz auf die Manschaft die Fans und den Verein gesagt 🙂 und das finde ich, ist ein viel wichtigerer Punkt als der, wo du sicherlich Recht hast, das ein Magdeburger das als Überheblich sehen könnte/wird 🙂

  4. @cytack: Ich bin mir bewusst, dass es zwei Wahrnehmungsebenen gibt und ich kann mich mit Teilen davon durchaus anfreunden. Nur klingt da nach außen manchmal so ein bisschen fehlender Respekt durch (er hätte ja auch „Wow, haben wir geile Fans“ sagen können statt „Wir sind der größte Club der Liga“), der sich dem Stolz auf das eigene zur Seite stellt. Aber man muss die Aussage sicher auch nicht überinterpretieren..

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