Charmante Wege zum Erkenntnisgewinn

Wem zu Optik Rathenow ohne Online-Schummelei und ohne näheren persönlichen Kontakt ins Havelland in freier Assoziation fußballerisches Wissen einfällt, den könnte man guten Gewissens in irgendeine Fußball-Quizzshow schicken. Mich jedenfalls nicht, denn bei Rathenow macht bei mir spontan wenig klick.

Was offenbar auch anderen so geht, weswegen die Story um Rathenows Coach Ingo Kahlisch gern bemüht wird. Der ist seit 1989, also seit 23 Jahren Trainer in Rathenow. Nächstes Jahr läuft sein Vertrag aus. Auf eine Vertragsverlängerung zu setzen, würde wohl jedenfalls nicht viel Geld einbringen..

23 Jahre sind natürlich eine verdammt lange Zeit. Aber die Zeit relativiert sich auch ein wenig, wenn man bedenkt, dass Optik Rathenow ein Verein ist, der fast die komplette Zeit zwischen Verbandsliga, Landesliga und Oberliga Nordost verbracht hat. Und für den die Regionalliga schon ein absoluter Ausreißer nach oben ist. Ein Verein also in den weiten Breiten der Amateurwelten. Ohne große Ambitionen, höheres zu erreichen. Wenn man das Steuern eines Vereins durch die Zeiten nicht bereits als höhere Aufgabe empfindet.

Optik Rathenow ist, das sei nur mal der Relativierung wegen erwähnt, immerhin faktisch das drittstärkste Team Brandenburgs nach Energie Cottbus und Babelsberg 03. (Weit) vor der in früheren (Vorwende-)Jahren unerreichbar erscheinenden Konkurrenz aus Frankfurt (O.), Eisenhüttenstadt oder Brandenburg . Meinetwegen sogar Senftenberg (Brieske), Spremberg, Guben oder Fürstenwalde. In diesem Sinne ist die aktuelle sportliche Situation bei Optik Rathenow durchaus respektabel.

Durchaus respektabel war auch die Karriere von Jörg Heinrich, der beim Optik-Vorgänger Motor Rathenow das Fußballspielen erlernte und später bei Borussia Dortmund mit Meisterschaft, Champions League und Weltpokal alles gewann, was man als Vereinsfußaller so gewinnen kann. Eine ganze Nummer (oder ein ganzer Sack voll Nummern) kleiner ist Sascha Tröger, der aktuell bei Optik Rathenow seinen Dienst tut und zumindest dem einen oder anderen Freund von RB Leipzig ein Begriff sein könnte, denn der Abwehspieler kassierte 2009/2010 in der Oberliga mit dem VfB Pößneck in 180 Minuten glatte 10 Treffer gegen RB. Das gute Omen ist aber gleich wieder dahin, wenn man bedenkt, dass sich Tröger erst kürzlich das Kreuzband riss und im besten Fall zugucken kann.

Kahlisch, Heinrich, Tröger, das war es dann aber auch schon mit Namen, denn das Grundkonzept in Rathenow scheint ein wenig die Namenlosigkeit zu sein. Der aktuelle Kader fast völlig ohne Meriten, die Spieler fast allesamt rekrutiert aus Nachwuchsteams der Region. Hierbei spielt die Lage im Speckgürtel Berlins eine besondere Rolle. Keine 100 km, keine Zugstunde entfernt zum hauptstädtischen Zentrum stehen im Kader von Optik viele Spieler, die in Berlin ausgebildet wurden, aber dort ihr Glück nicht fanden. Frei nach dem Motto „Wenn es mit dem Träumen nicht geklappt hat, bleibt immer noch der Fußball.“

Sicherlich auch eine Rolle spielt die Lage im Speckgürtel Berlins für den multikulturellen Kader. Insgesamt neun Nationen haben sich im Optik-Team verewigt. Das ist nicht in allen Regionen Brandenburgs eine Selbstverständlichkeit.

Sei das alles, wie es sei. Optik Rathenow ist in dieser Saison sicherlich neben Union II, Cottbus II und Torgelow einer der heißen Abstiegskandidaten. Und irgendwie hat man das Gefühl, das wäre für den Verein auch ok. Man hat aber auch das Gefühl, dass es die Optiker mit ihrer seltsamen Mischung aus jugendlichem Drang und gestandener Führung schaffen könnten, sich ein weiteres Jahr Regionalliga zu sichern. Das 2:1 gegen Hertha BSC II am zweiten Spieltag jedenfalls war ein Ergebnis, das ich vor der Saison nicht auf dem Schirm gehabt hätte.

Das ganze ist für RB Leipzig noch etwas vertrackter als vor der Neustrelitz-Auswärtsfahrt. Denn bei dieser wusste man wenigstens, dass man auf einen starken Gegner treffen würde. Bei Rathenow schaut man sich vermutlich rein motivationstechnisch schulterzuckend an und denkt sich so ein ‚Ja gut, die haben Hertha geschlagen, da muss man auf der Hut sein. Aber eigentlich sollte nichts schief gehen.‘ Aber ‚eigentlich‘ ist auch bereits der Vorbote des Folgefehlers in Form einer Niederlage. Gerade gegen einen wie stets motivierten und sicherlich – wenn man den transfermarkt-Statistiken trauen darf im kompakten 4-2-3-1 – gut eingestellten Gegner.

Ich spekuliere jedenfalls nicht auf überbordendes Engagement seitens der RasenBallsportler. Nicht weil ich schlecht von ihnen denke, sondern weil das eigene Gefühl gegenüber Spielen vielleicht ja auch nicht trügt und die Spieler akutell ebensowenig das selbe Kribbeln empfinden wie bei einem Spiel vor 25.000 Zuschauern. Ich jedenfalls hoffe eher darauf, dass die zwei Wochen Training wieder einen kleinen Systemfortschritt gebracht haben und dies in der Mischung mit der sicher vorhandenen Basismotivation (Aufstieg!) reicht, um drei Punkte mitzunehmen.

Und sowieso ist das Schöne an diesen drei Jahren Regionalliga, darf man sich ja auch mal darüber freuen, weiße Flecken auf der persönlichen Fußballlandkarte löschen zu können. Neustrelitz war so ein weißer Fleck und Rathenow ist es auch. Beide dürften von der städtischen Umgebung und von den jeweiligen Zielstellungen her ähnlich sein. Beide eint, dass ihre Lust den RasenBallsportlern ein Bein stellen zu wollen, rein sportlicher Natur ist. Und beide eint auch, dass es in den jeweiligen kleinen, sich herausputzenden Stadien inmitten von Grün (also Natur nicht Staatsmacht) durchaus Spaß machen dürfte, Fußball zu gucken.

Rathenow dürfte also als Auswärtsfahrt eine charmante sein, zumal sich hoffentlich nicht so schnell wieder die Gelegenheit ergeben wird, dieser Premierenfahrt eine Wiederholung folgen zu lassen. Zwei Fanbusse sind jedenfalls komplett ausgebucht. Angesichts der überschaubaren Entfernung dürfte sich auch ein beachtlicher Autofahreranteil auf den Weg machen, so dass etwa 300-400 Gästeanhänger in den Genuss kommen dürften, die kleinstädtische Stadionwurst zu testen.

Bleibt zu hoffen, dass diese mit ähnlich guter Laune zurück kommen wie sie hinfahren. Sportlich gibt es für Alexander Zorniger wenig zu verändern. Einzige offene Frage wäre theoretisch, ob er gegen das 4-2-3-1 von Optik Rathenow wieder auf das etwas defensivere 4-4-2 mit Doppelsechs oder weiter auf das 4-1-3-2 zurückgreift. Hierbei geht es vor allem um die Entscheidung, wie man mit dem kompakteren Zentrum mit drei zentralen Mittelfeldspielern umgeht.

Letztlich würde es auf die Frage Heidinger UND Röttger oder Heidinger oder Röttger und Ernst (oder Schulz) hinauslaufen. Darüber hinaus dürften sich die Überraschungen aber in Grenzen halten. Ich persönlich tippe auf die offensive Variante, um vor allem Druck auf die beiden Rathenower Sechser ausüben zu können. Und ich glaube nicht, dass Hoheneder nach Tim Sebastians verheiltem Nasenbeinbruch in der Startformation stehen wird. Macht also: Coltorti – Müller, Sebastian, Franke, Judt – Kaiser – Röttger, Rockenbach, Heidinger – Kutschke, Frahn.

Fazit: Nach zwei Wochen, in denen viel zu sehr, aber leider auch zu Recht die Nichtfußballdiskurse über den Sport dominierten, geht es nun endlich weiter mit Pflichtspielfußball. Mit einem dieser Spiele, in denen man keine Punkte abgeben sollte, wenn man aufsteigen will. Weil man damit der Konkurrenz nur unnötig Auftrieb geben würde. Weswegen es auch eines dieser Spiel ist, bei denen ein Punktverlust als Drohkulisse immer über den Favoritenköpfen schwebt. The same procedre as almost every two weeks. Ein hochmotivierter und druckbefreiter Gastgeber versucht die favorisierten Gäste zu ärgern. In Neustrelitz ist man kämpferisch famos damit umgegangen, in Rathenow kommt nun hoffentlich eine Prise spielerische Linie dazu. Als Lohn würde möglicherweise am Ende des Spieltags auch die Tabellenführung winken. Wie auch immer es ausgehen mag, am Ende weiß man zumindest ein bisschen besser, wie Fußball in Rathenow aussieht. Erkenntnisgewinn ist also schon mal gesichert..

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5 Gedanken zu „Charmante Wege zum Erkenntnisgewinn“

  1. Du hast Shubitidze vergessen, dessen erste Station in Deutschland bei den Optikern war, hat ja zuletzt auch beim FCS gespielt und hier in der Gegend durch seine Spiele für Aue und Zwigge einen wohlbekannten Namen + sein SOhn spielt in der RB Jugend.

    Außerdem hat es ein Optikspieler sogar bis zum FC Bayern gebracht. Osterland, unser ehemaliger U17 Co-Trainer, hatte seine erste Station im Männerbereich in Rathenow. Jetzt ist er ja bekanntlich der Assistent von Mehmet Scholl.

    Dazu noch die makellose Leipziger Bilanz (des FCS) 94-96 – vier Spiele – vier zu Null Siege, Trainer damals Achim Steffens.

    Der Sieg gegen Hertha hatte ebenfalls Seltenheitswert, zuvor hatte man 13 Spiele nicht gewonnen (bei 12 Niederlagen). Immerhin gab es in den bisherigen Regionalligaaufeinandertreffen (94-96) im Gegensatz dazu nur Heimsiege für die Optik, passt also doch ins Bild.

  2. @nofreak: Mag sein, dass der Speckgürtel da meinerseits etwas großzügig bemessen wurde, aber für Städte wie Brandenburg und Rathenow gilt nun mal, dass sie in ihrer Ausrichtung eher gen Berlin neigen als gen Magdeburg bspw. Die Spielerauswahl bei Optik Rathenow zeigt das auch sehr schön. Andersherum gilt das natürlich ähnlich und ist das Havelland durchaus aus Berliner Perspektive bereisenswertes Umland. Sprich, zwischen Berlin und Rathenow dürfte es mehr Austausch und Synergien geben als zwischen Rathenow und Magdeburg. Weswegen ich Rathenow einfach mal dem Speckgürtel (der für mich heißt, dass man voneinander auch wirtschaftlich profitiert) zuschlug.

    @Rumpel: Och Shubitidze hielt ich eher für B-Prominenz. Konnte den Hype um ihn schon beim FC Sachsen nicht nachvollziehen. Osterland und Steffens ok, kann man aus Leipziger Sicht erwähnen. (Muss man aber auch nicht. ;-))

    1. Shubitidze hat damals immerhin mit Rathenow gegen die zwangsabgestiegenen Dynamos gewonnen – Siegtor Shubitidze. Quasi einer der größten Punktspielerfolge der Optiker. 😉

    2. Und wahrscheinlich eine jener deperemierenden Stunden, an die kein Dynamo-Anhänger gern zurück denkt. Deshalb psst. 😉

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