Ralf Rangnick über Faneinfluss, Feuerzeuge und Gewalt

Ich behaupte ja an jeder möglichen Stelle, dass ich die neue Kommunikationsoffenheit bei RB Leipzig (und bei Red Bull Soccer generell) sehr angenehm finde (die entsprechenden Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter in Salzburg und Leipzig mögen das an manchen Stellen anders sehen), weil es Argumentaustausch und Meinungsbildung grundsätzlich befördert. Man sollte dies im Hinterkopf behalten – meine grundsätzliche Wertschätzung – auch wenn im konkreten Fall die Sichtweisen doch erheblich auseinander liegen..

Ralf Rangnick lässt tatsächlich wenige Chancen aus, in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Als recht namhafter deutscher Fußballverantwortlicher wird er aber auch gern genommen als Gesprächspartner. Diesmal war er bei „Sport im Dritten“ im Südwestrundfunk [broken Link] zu Gast. Inhaltlich ging es fast schon zwangsläufig (unter anderem) um den Fall Kevin Pezzoni. In dem Zusammenhang betonte Rangnick die Verantwortung der Fans für den Mobbingfall, aber auch die Verantwortung der Vereine für den konkreten Schutz der Spieler. Um dann anschließend und weitgehend ohne Punkt und Komma – aus Leipziger Sicht lokal – abzubiegen (alle folgenden Zitate aus der verlinkten Sendung):

Ich beobachte jetzt seit ein paar Jahren schon die Tendenz, dass die Fans versuchen immer mehr Einfluss zu nehmen. Wir hatten – ganz andere Ebene – jetzt auch schon in Leipzig den Fall, dass fest vereinbarte Freundschaftsspiele auf Druck der Fans wieder abgesagt wurden. Wenn ich mir als Vereinsvorstand vorschreiben lasse, gegen wen ich zu spielen habe oder nicht, dann ist auch ein Punkt erreicht, wo man sich fragen muss, ob das in die richtige Richtung geht. Gegen wen gespielt wird, müssen die Führungskräfte des Vereins entscheiden.

Man kann natürlich der Meinung sein, dass die Frage, gegen wen freundschaftsgespielt wird, nur von den Führungskräften des entsprechenden Vereins entschieden werden kann. Nur darf sich da ein Herr Rangnick gern einmal fragen, wie weit seine eigene Konsequenz reicht. Oder war es nicht sein ehemaliger Verein Schalke 04, der zur Wahrung des Vereinsfriedens und durchaus auch auf Druck eines nicht unwesentlichen Teils des Schalke-Anhangs Rangnicks Vorgänger Magath entließ und somit überhaupt erst Rangnicks Aufstieg in Champions League und DFB-Pokal ermöglichte? Hörte man damals ein Klagen über den Einfluss der Fans auf Vereinsentscheidungen oder nicht doch eher ein „Hallo und Glück auf“? Jaja, ist eben schon eine Weile her..

Und sowieso mutet es – genauso wie die Fälle Pezzoni und Freundschaftsspielabsagen in die gleiche Linie von Faneinfluß zu stellen – seltsam an, anderen Vereinen vorschreiben zu wollen, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Klar, wenn die Führungskräfte Entscheidungen getroffen haben, sollten sie auch dazu stehen. Das sinnlose Bekanntgeben, um dann zwei Tage später wieder abzusagen, ist einfach ganz weit unter jedem akzeptablen Niveau. Trotzdem dürfen Erzgebirge Aue oder Lok Leipzig völlig eigenständig und selbst und sogar in Interaktion mit ihren jeweiligen Fans entscheiden, gegen wen sie testen und mit wem sie kooperieren wollen. Das ist schlicht ihre Entscheidung, egal ob ich sie im konkreten Fall völlig absurd oder richtig finden mag. Ich kann also bestimmte Entscheidungen kritisieren, aber doch nicht, dass Vereine Entscheidungen unter Rückgriff auf ihre Anhänger treffen (selbst wenn Vereine in Mitgliederversammlungen beschließen würden, dass jeder Fanclub reihum die Aufstellung bestimmen darf, dann ist es schlicht ihre Entscheidung, die sie sich natürlich von ihren Mitgliedern bestimmen lassen können).

(Man darf da aber auch gern mal fragend einwenden, inwiefern das Gründen von Facebook-Gruppen ein basisdemokratischer Ausdruck ist, vor dem man als Vereinsvorstand einknicken muss. ‚Ui, die Facebookgruppe gegen das Testspiel hat schon 800 Mitglieder‘, hört man dann immer. Ja und? Was sagt das über die Mehrheiten im Verein oder über die Mehrheiten bei den Zuschauern aus? Hat die BILD-Zeitung recht oder repräsentiert unbedingt die Mehrheit, wenn sie massenhaft facebooklikes kriegt?)

Und wenn man schon bei Pezzoni und Faneinfluss ist, ist der Weg zur Gewalt natürlich nicht weit:

England hat es uns vorgemacht. Die haben das Problem richtig in den Griff bekommen durch klare Sanktionen, lebenslange Stadionverbote und ganz strenge Kontrollen bevor die Fans in das Stadion kommen. Da müssen wir nachdenken, ob bei uns alles getan wird. Beim Derby gegen Lok sind unsere Ersatzspieler mit Hunderten von Feuerzeugen beworfen worden. Da muss ich mich fragen, wie diese Feuerzeuge überhaupt reinkommen. Genauso ist es mit Böllern und Kanonenschlägen. Da gehören einfach strengere Kontrollen her.

Beim Derby gegen Lok sind nicht Hunderte von Feuerzeugen auf die Ersatzspieler geflogen. Es flogen Feuerzeuge (vier Werfer wurden ja identifiziert) und auch zwei Kanonenschläge und beides (aber letzteres noch viel stärker) ist hundsdusslig und im Extremfall gefährlich, aber sorry diese Übertreibung (Hunderte) tut dermaßen nicht Not und nichts zur Sache, dass eine solche Äußerung die Absicht (Skandalisierung) in ihr Gegenteil verkehrt, weil die Abwehr der Übertreibung die Skandalisierung überlagert. Vermutlich dient diese Übertreibung dem Ziel die Forderung nach stärkeren Kontrollen mit Vehemenz zu unterstreichen, aber das Ziel wird hier deutlich verfehlt.

(Im Übrigen kann ich die Frage, wie Feuerzeuge überhaupt ins Stadion kommen ganz einfach mit „in der Hosentasche“ beantworten. Das Stichwort heißt für >95% der Stadionbesucher mit Feuerzeug ‚rauchen‘. Im Übrigen könnte man auch Geldstücke, Handys oder Gürtelschnallen werfen. Wenn man wirklich will, dass alles, was man in gefährdender Absicht werfen kann, draußen bleibt, wird Fußball wohl zur FKK-Veranstaltung. Was zur alten Weisheit zurückführt, dass nicht die Waffen das Problem sind, sondern im Normalfall die, die sie benutzen.)

(Im Übrigen 2 wurde ich bei meinem Besuch der englischen Premier League nicht „ganz streng“ kontrolliert. Ganz im Gegenteil gab es dort de facto keine Kontrollen, schon gar nicht irgendeine Form von Leibesvisitation. Ich hätte Zeug mit zum Spiel nehmen können, sodass ich in jeder Hand hätte eine Fackel haben und mit dem Mund Böller werfen können und es hat trotzdem nicht geknallt und gepufft im Stadion. Verrückte Sache. Genauso verrückt wie die Tatsache, dass ein Böller wohl mit normalen Abtastmaßnahmen nur schwerlich ertastet werden könnte, wenn er halbwegs an intimen Orten versteckt ist..)

Bleibt noch die unvermeidliche Forderung nach Konsequenzen, die immer kommt, wenn man über Gewalt redet. Strenger, härter, weiter müsse es zugehen:

Und wenn doch jemand dagegen verstößt, muss es einfach strengere Strafen geben als bei uns. In Leipzig sind zum Beispiel, glaube ich, 10 oder 11 Fans, die alte Menschen, Kinder und völlig Wehrlose angegriffen haben, zwar festgenommen worden, abends aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Da müssen insgesamt strengere Sanktionen her.

Auch hier wird wieder ein Fall konstruiert, um dann mit verbaler Vehemenz fordern zu können. Zuerst einmal weiß Herr Rangnick ziemlich sicher nicht, was den konkreten 10 oder 11 Fans vorzuwerfen ist (schon gar nicht, wen sie nun genau angegriffen haben). Sie wurden von der Polizei eingesackt (und in solchen Massensituationen sackt die Polizei im Tumult nicht immer die Hauptverantwortlichen ein, sondern die, die sie zu fassen kriegen) und müssen sich nun, wenn man ihnen etwas nachweisen kann, dafür verantworten. Und falls sie hinterhältig einen Rentner zu Boden geworfen haben und dann auf ihn einprügelten (von einer solchen Tat habe ich persönlich nichts gehört), wird das sicher härter geahndet werden als wenn sie einen Security-Menschen angespuckt haben. Das Glück dieses Landes ist tatsächlich, dass die staatlichen Behörden über den Umweg der Gerichte Verdachtsmomente belegen und so auch Haftgründe darlegen müssen. Das schützt nämlich doch einigermaßen vor der Willkür, einfach 50 Leute einzusacken und drei Tage irgendwo auf Verdacht wegzusperren.

Mag sein, dass die juristische Welt manchmal anstrengend ist, weil sie nicht alle miesen Geschichten wie z.B. die eklige Fansachen-Zockerei als Straßenkriminalität (gemeinschaftlicher Raub!) mangels Beweisen zu ahnden vermag, aber ganz grundsätzlich bin ich sehr zufrieden, dass nicht Herr Rangnick vor der Red Bull Arena steht und festlegt, wer über den Abend hinaus im Knast zu sitzen hat und wer nicht. Denn Willkür ist noch viel schlimmer als ein System, bei dem vielleicht mal einer durchkommt, der nicht durchkommen sollte. Man kann das Strafsystem natürlich verdrehen und zu einem puren Bestrafungsinstrument machen und dann immer weiter an der Strafmaßschraube drehen, aber grundsätzlich finde ich das aktuelle System, das ja immer die Resozialisierungschancen von Menschen (die kommen nach dem Knast immer wieder zurück!) in den Mittelpunkt stellt, doch ziemlich plausibel. Und dieses System ermöglicht bei schweren Straftaten (und gemeinschaftlicher Raub mit Körperverletzung wäre eine) trotzdem auch schwere (angemessene) Strafen.

(Bei solchen Gewaltbeispielen müssen immer Kinder, Rentner, Frauen oder auch Behinderte als Opfer herhalten. Ich werde nie verstehen, warum man einen von fünf Leuten beklauten und geschlagenen 30jährigen Mann nicht mit derselben Vehemenz betrauern kann wie andere Gruppen. ‚Die machen sogar vor Frauen nicht halt.‘ Und alle so: Aaah, diese Feiglinge. Und ich frage mich jedes mal, warum man ihre Feigheit anprangert und nicht ihre Brutalität, die nicht wirklich brutaler wird, weil der gezockte Fanschal an einer Frau dran war..)

Nun ja, Ralf Rangnick wird das alles hier nicht interessieren, da er das Internet nach seinem Burn Out, wie er mal sagte, nur noch sehr eingeschränkt nutzt. So ist auch folgendes nicht verwunderlich:

Schauen Sie in die Foren, was da geschrieben wird?
Nein, da habe ich ehrlich gesagt keine Zeit. Mich interessiert das auch nicht so sehr.

Wenigstens in diesem Punkt darf man Ralf Rangnick einen glücklichen Mann nennen..

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13 Gedanken zu „Ralf Rangnick über Faneinfluss, Feuerzeuge und Gewalt“

  1. Also ich kann nur bestätitgen, dass die Kontrollen (zumindest im B-Sektor) absolut lächerlich waren, dort hätte man alles reinschleppen können. Gott sei Dank gibt es bei RB (noch) keine solche Idioten, die Böller zünden. Aber darauf darf man nicht vertrauen, schon gar nicht bei Lok.

    Ansonsten hatte Rangnick gestern eigentlich so weit recht, wie du es schon beschrieben hast, rotebrauseblogger.

  2. @ Bulle: Gerüchteweise wurde aus Block B auch ein Böller geworfen… Da ich nicht viel auf Gerüchte gebe, nur so als kleine Randbemerkung…
    Ansonsten wurden Menschen, die aus diversesten Gründen in der schönen Kategorie „Gewalttäter Sport“ geführt werden, sehr gründlich kontrolliert, das als Randbemerkung zu den Kontrollen…
    Aber wie der Rotebrauseblogger bereits aufgeführt hat, bekommst du zumindest Böller meist auch bei strengen Kontrollen ins Stadion.

    Ansonsten ein sehr guter Text, den leider wieder viel zu wenig Menschen lesen und sich jetzt weiterhin über die große Weltverschwörung echauffieren, da „Rangnick behauptet es wurden über 100 Feuerzeuge geworfen“.. Damit tut er sich und RB keinen gefallen, lieber an die Fakten halten, die sind „traurig“ genug..

  3. Rotebrauseblogger mach weiter so!
    Sehr interessant und informativ!
    Ich hoffe auf weiterhin gute Einträge.

    Ein Zugereister, mit Interesse am gewaltfreien Leipziger Fußball!

  4. Genau diese Übertreibung und Überspitzung ist es, welche dazu führt, dass es am Ende nicht mehr um die Sache geht. Der Hintergrund von Rangnicks Anprangerungen und Daniel Frahns FB-Einträge sind vollkommen richtig. Doch nun wird nur noch darüber lamentiert, dass es keine 100 Stück waren. Es waren gerade mal 4. – Nein, waren es eben nicht. Es sind nur 4 Personen identifiziert worden. Die anderen können nicht belegt werden. Aber im Anschluß wird eben nur darüber diskutiert, dass Rangnick übertreibt und/oder lügt. Dadurch wird die Person, welche die Mißstände anspricht, eben diskreditiert und damit unglaubwürdig. Genauso ist es mit Frahns Aussage. Es geht nur noch darum, das er gelogen hätte. Nein, hat er eben nicht (mMn). Ich vermute, er hat es zwar sicher nicht live erlebt, aber ihm wurde mehr oder minder aus erster Hand berichtet, was vorgefallen war. Doch am Ende steht eben nur zur Diskussion, dass er eben gelogen hat. Kein Mensch redet mehr über die Rentner, Frauen usw. . Frahn ist in diesem Punkt nun unglaubwürdig und das färbt auf alle Aussagen zum Vorfall auf dem Stadionvorplatz ab. Mir persönlich ist es völlig egal, ob da ein Behinderer nun aus seinem Rollstuhl gekickt oder ob nur angespuckt wurde. Weiterhingibt es da ein Video, welches die letzten Minuten des Abmarsches/Abtreiben auf dem Paltz vor dem Stadion belegt. Alle sagen nun: da war doch gar nichts. Das ist der Beweis. Es geht nur noch darum, das übertrieben wurde. Und genau das ist es, was mich auf die Palme bringt. In irgendeinem kleinen Nebensatz distanziert sich jeder von dem Vorfällen, doch dann wird absatzweise über die Übertreibungen berichtet. Und das dann am Ende es gar keinen Platz mehr um für solche einzelnen „harmlosen“ Schaal-Diebstähle und / oder Überfällen gibt oder diskutiert wird, ist dann auch erklärbar. Denn „Es wird ja nur gelogen oder übertrieben.“ Menschlich kann ich es von der anderen Seite verstehen. Doch leider lenkt es eben von den Tatsachen ab und hat somit keine Chance, dies zu verarbeiten.

    1. Da stimme ich voll überein mit „Smood“.
      Wenn Kriminelle mehr als die Opfer oder die Polizei geschützt werden, so wird mir übel, und ich wünsche mir mit Sicherheit nicht die DDR zurück…

  5. Ich finde auch, dass von Lok-Seite (den Fans) eigentlich nur in einer Tour von Übertreibung der Medien und Panikmache geschrieben wurde.
    Egal wo, egal wann, fast jeder Kommentar glich sich zumeist irgendwie.
    Ein oder zwei Sätze (vermeintliches) Bedauern und dann zig Ausführungen zum Thema „die Medien übertreiben“.

    Bei Lok wird immer darauf verwiesen, dass die letzte Zeit nie etwas passiert ist. Das könnte vielleicht auch an den Gegnern und der damit verbundenen Motivation mancher Fans gelegen haben. Wie würde es den aussehen, wenn regelmäßit gegen Dresden, Rostock und RB gespielt werden würde?

    Ich will bestimmt nicht alles Fans von Lok in einen Topf werfen, aber was unternimmt den der Verein und seine Offiziellen gegen gewalttätige Tendenzen?
    Warum können auch so viele Leute mit rechter Gesinnung in Szenekleidung einfach so ins Stadion gehen?

    Wenn ich solch Klientel gerne in meinem Verein sehe dann läuft was falsch im Verein. Denn die repräsentieren ja sozusagen meinen Verein und geben ihm eine Stimme und ein Gesicht.

    Das ist ja eine schöne Stimme und ein schönes Gesicht…

    1. Hm, soweit ich gehört habe, ist gewisse „Szenekleidung“ verpönt/auf dem Index/unzulässig… zugegeben, konkretes weiß ich nicht genau (bezog sich aber auf „Scenario“). Aber wie dem auch sei: Würde es denn etwas ändern, wenn lediglich ein bestimmtes Kleidungsverbot ausgesprochen würde und die Leute z.B. rechter Gesinnung stattdessen im „Schafspelz“ anrücken? Die hätten dann auch ein „schönes Gesicht“ .-/

  6. @pvdisse: An Fakten halten scheint aktuell in Fußballdeutschland nicht wirklich angesagt. Da steuert man allseits ziemlich direkt auf Konfrontation zu. (Ironie an) Fast schon beruhigend, dass Leipzig da zu Abwechslung eher zur Regel denn zur Ausnahme gehört. (Ironie aus)

    @Henne Es geht nicht darum Kriminelle zu schützen, aber es geht darum, dass jeder Mensch das Recht hat, als unschuldig zu gelten, bis ihr oder ihm das Gegenteil bewiesen wurde. Ja anstrengend, ich weiß, aber der einzig gangbare Weg.

    @Smood: Ich gehe eigentlich mit allem mit, was Du sagst. Gebe allerdings zu bedenken, dass das eben Wesen des Fußballs ist, dass Subjektivität und eigener Verein im Vordergrund stehen und sich das Selbstbild oft zu ziemlich nah dran an 100% von dem Bild unterscheidet, was die Medien oder andere Menschen/ Fans aus der Außenperspektive zeichnen. Dieser gordische Knoten ist gerade nicht zu zerschlagen und die Situation und die Sichten darauf derart festgefahren, dass man mit Fakten kaum rein kommt. Das Problem ist, dass diese Sichten – so falsch sie im konkreten sein mögen – auch die Sicht auf zukünftige Situationen prägen wird. Sprich die Selbstvergewisserung anhand der (Medien-)Übertreibungen, dass alle doch nur dem Verein Lok was Böses wollen und man nur umso fester zusammenhalten muss, wird auch für zukünftige Berichte und Ereignisse als Interpretationsgrundlage dienen. Ein Trauerspiel das alles. Nach zwei Jahren, in denen in Leipzig jede Farbe so ihren Weg ging, lädt sich alles grad ziemlich unangenehm auf und es führt offenbar rational kein Weg raus. Ein bisschen zum Verzweifeln..

    @all: Eigentlich geht es ja in diesem Text nicht wirklich um Lok, aber mich beschleicht gerade trotzdem die Frage, warum man aktuell den Eindruck gewinnt, dass viele Leute, die jetzt über Lok, Gewalt und Nazi-Problem Bescheid zu wissen scheinen, bis vor Kurzem noch nicht mal eine Frage zu Lok gehabt hätten. Sprich, es ist mit Lok – bei allem was da im Umfeld schief laufen mag – wie oft seit der Vereinsgründung, fast jeder hat in regelmäßigen Abständen eine Meinung zum Verein und weiß, was da los zu sein scheint, aber kaum einer der Meinenden interessiert sich für den Verein und stellt (sich) Fragen über den Vereinsalltag. Ich glaube, dass da letztlich der Punkt liegt, warum man sich bei Lok immer ein wenig verfolgt (im Sinne von in die Ecke gestellt) fühlt, weil die Selbstwahrnehmung als ganzheitlicher Sportverein und die Außenwahrnehmung (alles Krawallos mit Rechtsdrall oder wegschauende Akzeptierer) so fundamental differieren. (Stichwort gordischer Knoten again.) Und genau deswegen könnten Angebote viel wertvoller sein als die 100. Vorwurfsrunde..

    1. Du kritisierst die Lok-vereinfernen Leute, die sich sich derzeit in Kritik an Lok üben, obwohl sie diese keinen Überblick über Lok als Ganzes haben. Damit hast Du in einem gewissen Punkt recht. Denn, wer weiß schon was in all den Gremien und Ausschüssen des Bundestages so beschlossen wird, medial bekommt der Bürger nur die Gesetzesverabschiedung präsentiert bzw. die Gesetzesauswirkungen zu spüren.
      Fakt ist, das für Nicht-Fußballinteressierte und Nicht-Anhänger eines Fußballvereins fast ausschließlich die Außendarstellung, die Außenwirkung und deren Folgen interessant sind.

      Ein Problem der zuspruchreichsten Fußballvereine bzw. deren Fans in Leipzig, mit Ausnahme von RB Leipzig, ist die Verquickung zu politischen Ideologien. Glaubt man dem philosophischen Prinzip von Yin und Yang, bildet sich zu jedem Pol ein Gegenpol. Treffen politisch ideologisch links und rechts nicht aufeinander, so ist die Mitte für die Linken immer noch rechts genug und für die Rechten eben links genug, um als Gegenpol herzuhalten.

      Roter Stern Leipzig sieht sich selbst als integrativer multikultureller Verein, bietet aber gleichzeitig der Antifa ein Zuhause. Die BSG Chemie Leipzig lebt quasi durch die eher linksgeneigten Diabolos. SG Leipzig Leutzsch ist die Adresse für die schon sehr rechtslastigen Metastasen und Lok, wie schon bekannt, ist Anlaufstelle für Scenario Lok und diverser anderer rechtslastiger bzw. offen bekennenden rechten Gruppierungen. Diese 4 Leipziger Fußballvereine sind alle samt Sammelbecken für politisch ideologisch ins Extreme tendieren Leute und genau das ist das Problem.

      Auch bei RB Leipzig gibt es mit Sicherheit einige im Publikum, die extreme Ansichten haben und diese Gruppen werden auch wachsen und lassen sich nie hundertprozentig unterbinden. Aber, solche Gruppierungen dürfen niemals auf ein Maß anwachsen, dass sie das Image eines Vereins prägen. Mehrheiten, Meinungs- und Stimmungsmachen, sei es im Fanblock, im Stadion oder auf der Straße, muss die gemäßigte und friedliche Mitte sein.

      Fußball hat in Deutschland mittlerweile den Status einer Ersatzreligion, zersplittert in viel kleine Sekten (Vereine, Fangruppen usw.). Nun gibt es an den meisten Schulen Religionsunterricht, manche Schulen bieten als Alternative Schulfach ‚Ethik‘ an. Meiner Meinung nach solte letzteres alternativlos Pflicht sein von der 5. Klasse bis zum Abi und dem Berufsschulabschluss. Dort sollte man schon die Kinder in eine demokratische Mitte holen und auch den entspannten Umgang mit Fußball abseits des Spielfeldes diskutieren. Denn Fußball ist hier schon lange nicht mehr nur Sport, es ist gesellschaftprägend und nicht erst seit dem „Sommermärchen 2006“.

  7. Tatsache ist, dass ich zum Fußball in der Red Bull Arena fast immer mit meinem kleinen Sohn gehe. Es war bist jetzt immer alles ruhig und sicherheits-technisch problemlos. Zum Spiel gegen LOK habe ich ihn aber zuhause gelassen, da ich schon ahnte was passiert. Und… guck an… Wasserwerfer, Polizei, … volles Programm…
    Vielleicht ist aber besser so. Da weiß nun wirklich jeder RB Anhänger, wieso eben RB Leipzig sein Verein ist.

  8. Der Effekt, dass eine kleine Korrektur die 99 % an Wahrheit negiert, nervt mich tierisch. Nun gut, in der Regel tritt der Effekt v.a. bei begrenzt intelligenten Personen auf und bei Leuten, die händeringend nach einer Entschuldung suchen. Aber diese Diskussion inkl. „Frahn ist selbst schuld“ und „Warum hat er sich mit dem Post auch so weit aus dem Fenster gehangen“ habe ich auch auf Arbeit gehabt. Ich hoffe, Frahn lässt sich davon nicht beeindrucken und unterwirft sich bei facebook jetzt nicht auch noch der sonstigen Kommunikationspolitik von RB. „Wir werden ihm dabei helfen“ ist für mich eher eine Drohung.
    Dass Rangnick viel Blödsinn geredet hat, ohne Not und ohne akute Aufregung, ist aber klar und lässt mich erstmals ernsthaft an ihm zweifeln.

    1. Irish Star, so lange er in seinem Kerngeschäft Fußball überzeugt, zweifel ich nicht an ihm.

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