Mut in Quantitäten und Qualitäten

Statistisch gesehen war der Sieg mit mehr als einem Tor Differenz vorgestern gegen Lok dran. Zumindest, wenn man RB Leipzig als Meisterschaftskandidaten sieht. Circa 60% aller Siege waren bei den Regionalliga-Aufsteigern der letzten zwei Jahre Siege mit mindestens zwei Toren Differenz. Die restlichen 40% waren Siege mit einem Tor Differenz. Bei bisher einem knappen Sieg von RB Leipzig war der klare Sieg dran, um mit dem statistischen Aufstiegszug mitzufahren.

Und noch eine zu diesem frühen Saisonzeitpunkt genauso wenig aussagekräftige, aber aufgrund ihres positiven Gehalts zu benennende Statistik. Denn nach drei Spielen steht RB Leipzig mit der besten Regionalliga-Bilanz der Vereinsgeschichte da. Vor zwei Jahren unter Oral startete man mit drei Unentschieden (zwei davon zu Hause) in die Saison. Letztes Jahr unter Pacult waren es dann dank zweier Auswärtssiege bereits sechs Punkte. Und in diesem Jahr steht Alexander Zorniger mit seinen RasenBallsportlern bereits bei sieben Punkten. Man bedenke dabei, dass das Unentschieden gegen Union Berlin II unnötig war und die zwei verlorenen Punkte weiterhin leise schmerzen.

  • 2010/2011: 3 Spiele, 3 Punkte, 2:2 Tore
  • 2011/2012: 3 Spiele, 6 Punkte, 5:3 Tore
  • 2012/2013: 3 Spiele, 7 Punkte, 6:3 Tore

Es ist also so weit und zahlentechnisch alles im grünen Bereich. Zumal die Tatsache, dass RB, als sie das letzte Mal gegen Lok gewannen, schließlich die Saison mit dem Aufstieg beendeten, doch ein gutes Zeichen ist (oder so was ähnliches). Genauso wie die etwas belastbarere Tatsache, dass sich die Konkurrenz die Punkte klaut; am vergangenen Spieltag waren es Jena und der Berliner AK, die statt drei zu verteilender Punkte beim 2:2 nur zwei untereinander teilten. Sodass täterätä aktuell der letztjährige Tabellenletzte 1. FC Magdeburg vom Platz an der Sonne grüßt. Aber die Chancen, dass auch hier im nächsten Spiel beim BAK Punkte verloren gehen, stehen nicht allzu schlecht..

Mehr Mut noch als all diese mehr oder minder hohlen Zahlenspielereien macht aber das aktuelle Auftreten der RasenBallsportler. Beim 2:1 von RB Leipzig in Neustrelitz schon machten sie einige Systemunzulänglichkeiten mit viel Einsatz und Willen wett. Gegen Lok passte nun auch der Systemanzug wesentlich besser, sodass das Gesamtpaket durchaus schon ansehnlich wirkte. Mut macht vor allem, dass man dem Spiel von RB Leipzig eine Idee und den Willen zum Lernen und Verbessern der taktischen Grundlagen anmerkt. Und schon jetzt fast mehr taktische Flexibilität (4-4-2 vs. 4-1-3-2) zu beobachten ist als in drei Jahren und drei Trainern RB Leipzig zuvor. Alexander Zornigers Handschrift ist in vielen Spielpassagen gut zu beobachten und wer will, kann die Entwicklungen von Woche zu Woche verfolgen und die einzelnen Schritte und Veränderungen versuchen nachzuvollziehen. Spannender Prozess.

Der Vorteil von RB Leipzig ist, dass man das Arbeiten am System mit einer individuell sowieso talentierten Mannschaft aufpeppen kann. Hier hat Alexander Zorniger klare Vorstellungen und ist – wie er kürzlich betonte – kein Freund von Kaderrotationen. Feste Strukturen und Rollen scheint das Zauberwort zu sein. So etwas ähnliches funktionierte in der Hinserie der vergangenen Saison auch ziemlich gut, brach sich dann aber in der Rückrunde am von Pacult nochmals vergrößerten Kader. Zorniger lag mit seiner Kaderverkleinerung absolut richtig. Auch der Abgang von Roman Wallner macht (so traurig ich das persönlich finden mag) angesichts der Luxusprobleme im Sturm (mit ihm waren es vier sehr gute Stürmer für zwei Plätze) und der daraus resultierenden Tribünenrolle für Wallner Sinn. Im Moment steht das zu weiten Teilen erwartbare Gerüst der Stammelf, in die so ziemlich jeder Spieler relativ problemlos hineingeworfen werden kann. Trotzdem stellt sich natürlich angesichts der Kaderqualität bis runter zur 20 die Frage, inwiefern hier irgendwann Unzufriedenheit zum Faktor wird.

Fazit: Dank des Siegs gegen Lok war der Saisonstart ein guter. Mit einem Sieg gegen Union wäre es ein sehr guter gewesen. Aber man braucht ja auch noch Steigerungsmöglichkeiten. Schon beim nächsten Spiel in Rathenow am 15.09. darf man im Ligaalltag beweisen, dass auch ohne 25.000 Zuschauer Feuer unterm Spielerkessel lodert und dass der Systemanzug nach zwei weiteren Wochen vielleicht schon wieder ein klitzekleines Stück besser passt.

Randbemerkung: Dass es der NOFV geschafft hat, einen Spielplan zu basteln, der in einer Liga fast ohne Rasenheizungen den vierten Spieltag erst Mitte September austragen lässt, ist angesichts der notorischen Terminprobleme und Nachholespiele in den vergangenen Wintern ein Witz (aber ein schlechter). In der Regionalliga Bayern wird man an jenem Wochenende rund um den 15.09. den 12.(!) Spieltag ausspielen. Ein Hoch auf Ligen, die 20 Mannschaften haben dürfen. Der NOFV hat es hingegen mit der Amateurisierung der Regionalliga angesichts der Reduzierung auf 16 Mannschaften (Jena hat deswegen vier(!) Heimspiele und entsprechend Einnahmen weniger als letztes Jahr.) ziemlich übertrieben ernst gemeint..

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PS: Zwei Tage nach dem Derby werden weiterhin die Nachwehen diskutiert. Mich stört an der öffentlichen Aufarbeitung vor allem, dass eigentlich nur die Auseinandersetzungen auf dem Stadionvorplatz und dort vor allem die Angriffe auf die Polizei thematisiert werden (diese Vorfälle wären durch ein greifendes Fanabgangskonzept vermutlich vermeidbar gewesen).

Die im weiteren Stadionumfeld und im Stadtgebiet verübten, vermutlich kaum zur Anzeige gebrachten Körperverletzungen und Fälle gemeinschaftlichen Raubs, die mir tatsächlich als der größere Skandal erscheinen, weil sie auf individuelle Bewegungs- und Entscheidungsfreiheiten abzielen und nicht in spontanen Situationen (auch mit der Polizei) eskalieren, sondern vorsätzlich und gezielt wirken, fallen hingegen ziemlich unter den Tisch. Wenn man nur die größeren Medienprodukte verfolgt, könnte man denken, außerhalb des Stadionvorplatzes wäre es ruhig geblieben. Und diese Wahrnehmung dürften einige Menschen in dieser Stadt ziemlich schräg finden..

Einen merkwürdigen, aber bei solchen Geschichten immer wieder zu beobachtenden Zungenschlag brachte dazu Lok-Coach Marco Rose ins Spiel, der sich gestern und heute im Namen des Vereins auf verschiedenen Kanälen entschuldigte und unter anderem via MDR anmerkte, dass er nicht glaube, dass „diese Leute für den 1. FC Lok“ stünden. Das mag in Bezug auf das Selbstverständnis der Verantwortlichen absolut richtig sein, ist aber dahingehend falsch, dass „diese Leute“ sich selbst sehr wohl als Fans des 1. FC Lok verstehen. Das wird ja durch die Polizeieinschätzung, auf dem Stadionvorplatz habe es mit Lok-Gruppen gekracht, von denen man es nicht gedacht hätte, also offenbar mit Lok-Gruppen, die zum normalen Umfeld des Vereins gehören, nur bestätigt.

Vielleicht hätte man bei Lok bestimmte Personengruppen und Verhaltensweisen nicht so gerne, aber man sollte es sich nicht so einfach machen und nicht wahrhaben wollen, dass sich hier Menschen WEGEN und nicht TROTZ ihrer Verbindung zum Verein daneben benommen haben. Sie repräsentieren mit ihrem mangelnden Respekt vor anderen Menschen und dem Sport an sich sicherlich nicht die Mehrheit der Mitglieder von Lok und schon gar nicht die Verantwortlichen auf allen Ebenen des Vereins, aber sie stehen dem Verein eben doch nicht fern, so wie das manche (der Einfachheit halber) vielleicht gern hätten.

Aber letztlich ist dies vor allem das Problem von Lok. Für RB und die Anhänger kann man sich nur wünschen, dass die Ereignisse nicht zu einem „Auge um Auge“, sondern eher zu einem „Jetzt erst recht“ (nämlich erst recht ohne den Recht-des-Stärkeren-Proll-Kräftemessen-Quatsch abseits des Platzes) führen. Auf dass auch zukünftig (auch) Lok- neben RB-Fans im Sektor A sitzen können und man sich in gegenseitiger Frotzelei trotzdem zu 100% respektiert, solange die Grenzen des guten, weil aggressionsfreien Geschmacks nicht überschritten werden. Getrennt in den Farben, aber vereint in der Sache (wie es im altbekannten Fan-Slogan heißt) und die Sache ist die Liebe zum Spiel und nicht das Hassen des Anderen.

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2 Gedanken zu „Mut in Quantitäten und Qualitäten“

  1. Für den Spruch: „nämlich erst recht ohne den Recht-des-Stärkeren-Proll-Kräftemessen-Quatsch abseits des Platzes“ gibts die goldene Palme (oder vergleichbar) 😉 – > Daumen Hoch dem kann ich nur zustimmen!

  2. Bemerkenswert und erfreulich auch, wie engagiert sich Trainer Zorniger an der Seitenlinie zeigte. Positiv nach dem Pflegma eines p. Pacoult.

    Lok Trainer Rose stand während des Spiel öfter auf dem Spielfeld, ohne das der Schiri eingriff …

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