Geschwindelt oder unzurechnungsfähig?

Kommunikativ ist der Wechsel hin zu Führungsstrukturen mit Ralf Rangnick ein kompletter Paradigmenwechsel. Diverse und regelmäßige Interviews Rangnicks inklusivev (z.B. Welt, LVZ, Vereinsseite [broken Link]). Dass kann ich ziemlich gut leiden, macht es doch Ideen und Prozesse transparenter (auch wenn man langsam weiß, dass RB Leipzig schnell gen Bundesliga soll, der Nachwuchs gaaanz wichtig ist und sich Salzburg und Leipzig ergänzen sollen). Und in einer Welt, in der eh über alles und jeden Stein diskutiert wird, kann es nicht schaden, wenn man seine eigenen Ansichten als Input bereitstellt. Wobei natürlich auch immer die Möglichkeit besteht, dass mal eine Bemerkung durchrutscht, die aufhorchen lässt. Wie diese hier:

Ich habe Pacult nicht entlassen. Auch ohne meine Verpflichtung war geplant, dort Veränderungen vorzunehmen. (Ralf Rangnick im Interview mit Welt am Sonntag, 22.07.2012)

Um es mal ganz direkt und mit kutschkeesker Brechstange auszudrücken: Entweder Ralf Rangnick schwindelt oder bei Red Bull Soccer arbeitet man tatsächlich komplett unzurechnungsfähig. Denn nehmen wir mal an, Rangnicks Szenario würde stimmen und Red Bull habe wirklich völlig unabhängig von ihm an Pacults Kragen gewollt, dann würde dies bedeuten, dass die Red-Bull-Zentrale in der Zeit vom 12.05.2012 (der Tag als mit dem Unentschieden gegen Wolfsburg II der Nichtaufstieg klar war) bis zum 12.06.2012 (also dem Tag des Moniz-Rücktritts), also einen ganzen Monat lang, trotz Trainerwechselplans keinerlei Anstalten zu personellen Veränderungen machte, sondern Pacult sogar die neue Saison planen ließ. Erst mit dem überraschenden Moniz-Rücktritt begannen dann die personellen Mühlen zu mahlen, die laut Rangnick auch ohne Rangnick hätten mahlen sollen.

Sorry, aber dass Red Bull einen Trainer, den sie loswerden wollen, die neue Saison planen und Spieler einstellen lässt, ist vor dem Hintergrund der traditionell geringen Angst vor unpopulären Maßnahmen/ Entlassungen/ Personalwechseln im Haus Dose und selbst eingedenk merkwürdigster Entscheidungen bei Red Bull Soccer in der Vergangenheit dermaßen unwahrscheinlich, dass man diese Version absolut guten Gewissens als falsch abtun kann. Bei Red Bull, namentlich bei Mateschitz, mag man mit RB Leipzig und Peter Pacult unzufrieden gewesen sein, aber bis zum Moniz-Abgang hatte man keinen Plan B in der Tasche. Auch weil man keine fußballfachlich kompetente Entscheidungsebene hatte, die Plan B hätte ausarbeiten können. Von daher halte ich weiter Pacults Version, dass er ohne Moniz-Rücktritt immer noch Trainer von RB Leipzig wäre, für völlig zutreffend und die einzig realistische.

Meiner eigenen direkten Brechstangen-Logik oben zufolge müsste ich Ralf Rangnick nun als Schwindler enttarnt haben. Zumindest glaube ich, dass es nicht stimmt, dass ohne Rangnick Pacults Job in Leipzig noch vor Saisonbeginn gefährdet gewesen wäre. Eine vermittelnde, recht wahrscheinliche Story wäre aber die, dass Mateschitz in den Gesprächen mit Rangnick von vornherein Pacults Kopf geopfert hat und die Vollmacht über Red Bull Salzburg und RB Leipzig mit der Maßgabe angeboten hat, dass dort auf den entscheidenden Stühlen keine Altlasten vorzufinden sein werden. Denn dass Mateschitz unzufrieden mit der sportlichen Situation in Leipzig war, dürfte unstrittig sein. Aber erst mit Houllier und Rangnick sah er die Chance, etwas daran zu ändern. Und übernahm eventuell für Rangnick quasi die Wegbereinigung. In dieser Version würde zumindest Rangnicks Aussage stimmen, dass er Pacult nicht entlassen hat. Und vielleicht hat Rangnick es tatsächlich in den Gesprächen so wahrgenommen, dass die Begeisterung von Dietrich Mateschitz für Peter Pacut auch ohne Rangnick bereits ziemlich tief gesunken war. Von wo aus es zumindest nur noch ein kleiner Schritt ist hin zur obigen Aussage.

Nehmen wir deshalb aus Gründen der Versönlichkeit einfach an, dass dem so war und vergessen die Eingangsalternativen einfach wieder. Denn wer will schon ernsthaft irgendwen als Schwindler oder unzurechnungsfähig bezeichnen. Aber spannend sind sie schon die unterschiedlichen Geschichtsschreibungen der beteiligten Personen. Wozu Interviews und öffentliche Kommunikation so alles gut sein können.

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6 Gedanken zu „Geschwindelt oder unzurechnungsfähig?“

  1. Wenn man keine Ahnung hat einfach mal Fr**** halten!
    In diesem Sinne ist dieser Artikel völlig überflüssig, hat meine Zeit geraubt u sollte den Eintrag in dein Tagebuch finden, denn die Wahrheit findet ihr eh nicht raus. Man sollte eher an der Zurechnungsfähigkeit des Autors hier zweifeln.

  2. So, nun hast du erstmal Gedankengänge angerührt, die gleich wieder vergessen werden sollen… ist schwierig umsetzbar!
    Wie ist die Version: Die Demission von Peter Pacult war beschlossene Sache, dann ging in Salzburg Ricardo Moniz von sich aus und wenn Pacult fast parallel geschasst worden wäre, hätte es ja ausgesehen, als ob Mateschitz`europäische Spielzeuge völlig führungslos seien. Man hat ihn also noch etwas rumwursteln lassen, während im Hintergrund ein neuer starker Mann gesucht wurde, dem parallel versichert wurde, dass Pacult sowieso so gut wie weg sei und er völlige Freiheit für einen „neuen“ Weg habe. Pressetechnisch war es dann natürlich besser, wenn es nicht zu viele Schlagzeilen auf einen Tag gab.
    Gut, und die 2-Wochen-Verpflichtung, wie nennt man das gleich? Kollateralschäden?!

  3. @Sportsman: Danke für diesen inhaltlich erhellenden Beitrag. Und ich bin wirklich nur ich und nicht ihr. Und Wahrheiten hab ich auch nicht im Angebot, nur Meinung auf der Basis von Analyse.

    @Ballsalat: Das mit den angerührten Gedankengängen ist natürlich ein ziemlich unlauteres Mittel auf BILD-Niveau. Erst bestimmte Assoziationen in die Welt setzen und sich dann pseudomäßig davon distanzieren. Das ist alte, wenn auch nicht hohe Pseudo-Journalismus-Schule. 😉

    Ansonsten glaube ich aber nicht an Deine Version. Ich halte es für ausgeschlossen, dass Red Bull (also die, die Stevens fünf Minuten vor einem Abschlusstraining entlassen haben) Pacult die Kaderplanungen machen lässt und ihn einen Monat im Amt behält, obwohl sein Abgang beschlossen ist. Vor allem nicht vor dem Hintergrund, dass man vier Wochen lang keinerlei Nachfolger-Aktivitäten startete und erst hektisch aktiv wurde als Moniz ging. Von daher ist Deine Version abgelehnt..

  4. Uh,
    harter Tobak. Aber diesmal steh ich nicht wirklich hinter dir. Ich denke auch das PP hätte gehen müssen aber da man nicht total Führungslos dastehen wollte das ganze geschoben hat bis die Nachfolger feststanden.

    Aber der Kommentar von Sportsmann ist ….. und sowas nennt sich Sportsmann 😉

  5. Um in der Sommerpause, also im Urlaub der Spieler, nicht führungslos dazustehen (wozu?), sucht man vier Wochen lang keinen Nachfolger, sondern lässt Pacult Spieler verpflichten und geht dann auf Suche als schließlich in Salzburg der Trainer zurücktritt? Never ever, auch nicht bei Red Bull.

  6. Also ich glaube auch nicht, dass Red Bull von Anfang an vor hatte Pacult zu entlassen. Deshalb hat mich die obige aussage von Rangnick schon auch verwundert. Deine Version ist tatsächlich die für mich wahrscheinlichste. Aber wer kann schon sagen, dass alles der Wahrheit entspricht was in die Öffentlichkeit gelassen wird? Von daher werden wir die Wahrheit wohl nie erfahren, und das ist sicherlich nicht der einzige Fall wo uns nicht ganz die Wahrheit erzählt wird.

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